Alles wird individualisiert: Ist stinknormal das neue Ungewöhnliche?
Im Umgang mit unseren Kindern zeigt sich unsere Sehnsucht nach dem Aussergewöhnlichen. Doch unsere Autorin fragt sich: Hat das Gewöhnliche vielleicht zu Unrecht einen schlechten Ruf?
- Von: Barbara Loop
- Bild: Stocksy
Meine Fantasie ist meiner kleinen Tochter nicht dunkel genug. Sie mag es abgründig und böse. Für die Geschichten, die ich mir auf ihren Wunsch ausdenke, hat sie meist nur ein müdes Kopfschütteln übrig. «Überhaupt nicht gruselig», sagt sie dann, «versuch es noch mal!» So geht das über viele Runden. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte einen Knopf im Ohr, über den mir zuverlässig Splatter-Märchen mit Altersfreigabe 7 Jahre zugeflüstert werden.
Ein Start-up aus Zürich verspricht Abhilfe. Luna Tales sei eine Website für die «Kreation von exklusiv personalisierten Kindergeschichten», heisst es in der Pressemitteilung, die jüngst in meiner Mailbox landete. Man gibt den Namen des Kindes ein, lädt dessen Foto hoch, wählt einen Schauplatz wie Piratenschiff oder Zauberschule und eine Stimmung. Den Rest denkt sich die Künstliche Intelligenz aus.
Es war einmal
Es hat etwas Trauriges, den intimen Akt des Geschichtenerzählens an die KI auszulagern. Aber mich beschäftigt eine andere Frage: Warum erschliesst eine Plattform wie Luna Tales den Eltern nicht einfach die unendliche Zahl an Geschichten und Märchen dieser Welt? Die bekannten und weniger bekannten, die Gruseligen und die Erbaulichen.
"Und warum um Himmelswillen muss das eigene Kind in diesen Geschichten die Hauptrolle spielen?"
Warum ist es Eltern so wichtig, eine neue, massgeschneiderte Geschichte zu erfinden? So wichtig, dass sie dafür KI zur Hilfe holen? Und warum um Himmelswillen muss das eigene Kind in diesen Geschichten die Hauptrolle spielen? «Gute Nacht, NAME», «Willkommen auf der Welt, NAME», «NAME besucht den Bauernhof» … Im Netz wimmelt es von Büchern mit Platzhaltern im Titel, individuell gestaltet und auf Bestellung gedruckt.
Natürlich spielen Kinder im Leben ihrer Eltern die Hauptrolle. Und natürlich erwische auch ich mich immer wieder dabei, wie ich das theatralische Talent meiner Tochter für einzigartig halte oder ihre Liebe zu Grusel und Schauer für besonders exzentrisch. Und natürlich fehlt mir dafür jede Grundlage. Ich habe zwei Kinder und kenne noch ein paar andere. Noch keine kritische Masse, um stichhaltige Vergleiche zu ziehen.
Aber ich wundere mich oft über den Ehrgeiz, mit dem Eltern die Einzigartigkeit ihrer Kinder betonen. Der Name des Sprösslings soll selten sein. Der Stil schon im Kindergarten unverkennbar. Jede Eigenheit ein Hinweis auf eine Persönlichkeit, die sich von allen anderen unterscheiden soll. Dabei wollen doch Kinder nicht selten einfach so sein, wie alle anderen auch. Dieselben Frisuren, dieselben Pullis und Zahnspange, denselben Namen.
Niemand wie du
Sind es nicht eher wir Eltern, die dem Gewöhnlichen den Kampf angesagt haben? Als würden wir mit dem Erwachsenwerden auch unserem Umfeld entwachsen wollen, bis wir uns abheben von den anderen. Wir entdecken unsere Talente und den Wettbewerb, werden herausragend.
"Man muss nicht einzigartig sein, um sich erkannt zu fühlen"
Unsere Beziehungen sind kompliziert, aber dafür ganz besonders. Ferien machen wir dort, wo garantiert noch niemand war – oder wo inzwischen garantiert niemand mehr hingeht. Die Arbeit soll sinnstiftend sein, die Wohnung charaktervoll, das Leben eine Erzählung voller Pointen.
Auf die Gefahr hin, als typisch schweizerisch abgestempelt zu werden, frage ich mich: Hat das Gewöhnliche vielleicht zu Unrecht einen schlechten Ruf?
Was, wenn unsere grösste Blindheit darin besteht, das Gewöhnliche nicht mehr ertragen zu können?
Wer ständig nach dem Besonderen sucht, übersieht leicht das Verbindende. Dabei leben wir doch von den Dingen, die wir teilen. Von denselben Märchen. Von Figuren, die Generationen vor uns schon kannten. Von Sätzen, die wir nicht selbst erfunden haben. Darin liegt Nähe. Darin liegen Verständigung und Verbindlichkeit. Darin liegt die Möglichkeit, einander zu erkennen. Man muss nicht einzigartig sein, um sich erkannt zu fühlen.
Und ich meine damit nicht, dass das Besondere, das Einzigartige abgestraft gehört, dass sich anzupassen hat, wer sich abhebt, auf gar keinen Fall. Ich frage mich nur, ob es uns nicht guttun würde, auch dem Gewöhnlichen gegenüber toleranter zu sein.
Gesehen werden
Es wird vieles leichter, wenn wir andere und uns selbst öfter anerkennen, indem wir versuchen, einander zu verstehen. Und vielleicht besteht Anerkennung gar nicht nur darin, im anderen das Besondere zu entdecken. Vielleicht reicht es schon, einander wahrzunehmen. So, wie wir sind.
"Vielleicht ist die grösste Form der Anerkennung, das Kind als gewöhnlichen Menschen zu akzeptieren. Wäre das nicht die reinste Form von Liebe?"
Vielleicht besteht die grösste Form der Anerkennung des Kindes nicht darin, es für aussergewöhnlich zu halten. Sondern darin, es als gewöhnlichen Menschen zu akzeptieren – als neugierig, widersprüchlich, durchschnittlich, langweilig oder unfertig, als jemanden, der nicht ständig herausragen muss, um wertvoll zu sein. Wäre das nicht die reinste Form von Liebe?
Bestimmt erkennen Kinder sich auch in Figuren wieder, die nicht ihren Namen tragen. Vielleicht ist das sogar eine der grossen Leistungen von Geschichten: dass sie uns erlauben, jemand anderes zu sein. Eine fremde Perspektive einzunehmen, in die man eintauchen kann, aber die man nicht einmal teilen muss.
Denn die Hauptrolle spielen Kinder ohnehin schon. Jeden Tag. In ihrem eigenen Leben.