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Zum Tod von Dolly Parton: Aber die Welt braucht dich doch, Dolly!

Zum Tod von Dolly Parton: Aber die Welt braucht dich doch, Dolly!

Dolly Parton war grösser als ihre Songs, grösser als ihre Perücken, grösser als die Kunstfigur, die sie aus sich gemacht hatte. Nun ist eine der ganz grossen Entertainerinnen gestorben. Zurück bleibt die Erinnerung an eine Frau, die ihren Ruhm immer auch dazu nutzte, anderen etwas zurückzugeben.

Am Wochenende habe ich meiner Tochter ein Kinderbuch von Dolly Parton vorgelesen. «Billy the Kid Makes It Big» handelt von einem kleinen Hund, der nach Nashville geht, weil er davon träumt, ein grosser Country-Star zu werden. Dort wird er ausgelacht und kleingemacht. Er zweifelt an sich, bis er andere Aussenseiter trifft, Freunde findet und schliesslich doch das tut, wofür er nach Nashville gekommen ist: Musik machen.

Es ist ein wirklich schönes Kinderbuch. Lustig, warmherzig und überhaupt nicht subtil in seiner Botschaft: Lass dir von niemandem einreden, dass du weniger wert bist. Und glaube schon gar nicht, dass du jemanden klein machen musst, um selbst gross zu sein. Dolly Parton schrieb das Buch über einen Hund, aber natürlich handelt es auch von ihr selbst. Und von ziemlich vielem, woran sie glaubte.

Zwei Tage später ist Dolly Parton tot.

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"Dolly Parton wirkte immer so, als würde sie ein kleines Stück gelassener über dem Leben schweben als wir anderen"

Und es fühlt sich merkwürdig persönlich an, diesen Satz zu schreiben. Ich schreibe ihn mit Tränen in den Augen, obwohl ich Parton nie begegnet bin. Und doch war sie irgendwie ständig da. «Was würde Dolly tun?» wurde irgendwann zu einem Insider-Witz zwischen einer Freundin und mir. Weil Dolly immer so wirkte, als würde sie ein kleines Stück gelassener über dem Leben schweben als wir anderen.

«Sie hat nie eine Tür gesehen, von der sie nicht glaubte, sie öffnen zu können», sagte ihr Neffe Bryan Seaver heute auf Partons Instagram-Account, als er ihren Tod im Alter von 80 Jahren bekannt gab. Seine Tante habe ihn bereits vor Jahren gebeten, diese Nachricht eines Tages zu überbringen. Nach einem Leben in all den schweren, mit Strasssteinen besetzten Bühnenoutfits habe sie es nun verdient, sich auszuruhen. Seine Botschaft endete, wie sie eigentlich nur enden konnte: mit einer Anspielung auf «I Will Always Love You».

Ausgerechnet diesen Song schrieb Parton ungefähr zur selben Zeit wie «Jolene». Die oft erzählte Legende behauptet: in derselben Nacht. Parton selbst relativierte das später ein wenig. Beide Songs hätten sich auf derselben alten Kassette befunden, vielleicht seien ein paar Tage dazwischengelegen. Als ob das die Sache weniger absurd machen würde. Zwei der besten Popsongs aller Zeiten innerhalb weniger Tage.

Alle konnten sich auf Dolly einigen

In den USA hiess sie irgendwann einfach nur noch Dolly.

Das reichte. So wie Madonna oder Cher, nur dass Dolly nie unnahbar wirkte. Eher wie eine Tante, die auf einer Familienfeier in einem absurd engen, mit Strass besetzten Kleid auftaucht, den schmutzigsten Witz des Abends erzählt, danach mit den Kindern spielt und dir beim Nachhausegehen noch heimlich einen Zehner in die Jackentasche steckt.

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"Sie sah exakt so aus, wie Dolly Parton fand, dass Dolly Parton aussehen sollte"

Sie hatte dieses riesige, laute Lachen. Big Hair, wie es im Buche steht («The higher the hair, the closer to God!»). Ein Dekolleté, das seine eigene Postleitzahl verdient hätte. Und eine Sammlung von Witzen über sich selbst, mit denen sie allen anderen zuvorkam. «It costs a lot of money to look this cheap» war einer ihrer berühmtesten Sätze.

Dolly wusste sehr früh, dass die Leute sowieso über ihr Aussehen reden würden. Also bestimmte sie einfach selbst, wie. Sie sah exakt so aus, wie Dolly Parton fand, dass Dolly Parton aussehen sollte.

Hinter all dem Strass steckte eine Frau, die aus bitterer Armut in den Smoky Mountains kam, als eines von zwölf Kindern zeitweise ohne fliessendes Wasser und Elektrizität aufwuchs und mit 18 nach Nashville zog, weil sie beschlossen hatte, Songs zu schreiben.

Zunächst wurde sie als «Girl Singer» neben dem Countrystar Porter Wagoner berühmt. Als sie bereit für eine eigene Karriere war, musste sie darum kämpfen, gehen zu dürfen. «I Will Always Love You» war ursprünglich keine romantische Liebeserklärung, sondern ihr Abschied von ihrem Mentor. Später verklagte Wagoner sie auf Millionen. Parton liess sich trotzdem nicht zurück in die ihr zugedachte Rolle drängen. Sie wollte ihre eigene Band, ihre eigenen Songs und vor allem die Rechte daran.

Für eine Frau im Nashville der Siebzigerjahre war das alles andere als selbstverständlich.

Freundlich, aber nicht harmlos

Und trotzdem gelang Dolly Parton etwas, das heute fast unmöglich erscheint: Alle konnten sich auf sie einigen.

Republikaner:innen und Demokrat:innen, konservative Christ:innen und queere Fans. Kinder und Grosis. In amerikanischen Supermärkten stehen ihre Kuchenbackmischungen und im Radio laufen täglich ihre Songs. Viel populärer kann man kaum werden.

Die Patentante von Miley Cyrus vermied es konsequent, zur Galionsfigur irgendeines politischen Lagers zu werden. Nicht, weil sie keine Haltung hatte. Sie unterstützte die LGBTQIA+-Community seit Jahrzehnten. 2020 äusserte sie sich zur Black-Lives-Matter-Bewegung mit einem Satz, der very Dolly war: «Natürlich zählen Schwarze Leben – warum sollten nur die weissen zählen?» Keine Selbstinszenierung. Einfach ein Satz, von dem man sicher sein kann, dass jede:r ihn versteht.

Ihre Freundlichkeit und Ausgelassenheit wurden manchmal mit Harmlosigkeit verwechselt. Dabei war sie eine brillante Geschäftsfrau. Sie baute Dollywood zu einem der bedeutendsten Freizeitparks im amerikanischen Süden aus, gründete ihre eigene Produktionsfirma und behielt die Kontrolle über ihre Musik. Selbst Elvis Presley sagte sie ab, als dessen Management für eine Aufnahme von «I Will Always Love You» einen Teil der Verlagsrechte verlangte. Jahre später sang Whitney Houston den Song, und er wurde zu einem der erfolgreichsten Popsongs aller Zeiten.

Parton gewann Grammys, wurde in die Country Music Hall of Fame, die Songwriters Hall of Fame und später sogar die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen. Sie spielte in «9 to 5» und «Steel Magnolias», schrieb für den Broadway und verkaufte weit mehr als hundert Millionen Tonträger. Zuletzt arbeitete sie an einem Musical über ihr Leben, es soll bereits im kommenden Januar Premiere feiern.

Die Book Lady

Dolly Partons Vater konnte weder richtig lesen noch schreiben. 1995 gründete sie deshalb in seiner Heimatregion die «Imagination Library». Die Idee war so einfach wie genial: Kinder sollten von ihrer Geburt an bis zum Kindergarten jeden Monat kostenlos ein Buch nach Hause geschickt bekommen.

Aus einem kleinen Programm in Tennessee wurde eine internationale Initiative. Hunderte Millionen Bücher wurden seither verschickt. Parton sagte einmal, sie sei auf die Bezeichnung «Book Lady» fast stolzer als auf ihren Ruhm als Sängerin.

Nach den verheerenden Waldbränden in Tennessee unterstützte sie betroffene Familien. Während der Pandemie spendete sie eine Million Dollar an die Vanderbilt University, Geld, das auch in die Forschung am Moderna-Impfstoff floss.

"Nach Dolly Partons Verständnis gab man Glück weiter"

Vielleicht liegt hier der Kern von Dolly Parton: Sie wusste, wie viel Glück sie gehabt hatte, aber schien daraus nie abzuleiten, dass sie dieses Glück mehr verdient hatte als andere.

Nach Dolly Partons Verständnis gab man Glück weiter.

Auch deshalb berührt mich dieses Kinderbuch heute noch einmal anders. Billy fährt nach Nashville und trifft dort auf Hunde, die ihm erklären wollen, dass er nicht gut genug sei. Dollys Antwort darauf lautet nicht: Dann werde erfolgreicher als sie. Reicher. Berühmter. Zeig es ihnen. Ihre Antwort lautet: Such dir Freunde. Und mach Musik. Wie traurig eigentlich, dass das so überraschend ist.

Carl und Dolly

Und dann war da Carl.

Carl Dean traf Dolly Parton 1964 vor einem Waschsalon in Nashville. Sie war 18 und gerade neu in der Stadt. Zwei Jahre später heirateten sie. Er betrieb ein Asphaltgeschäft und hatte für Showbusiness ungefähr so viel übrig wie Dolly für Minimalismus. In fast sechs Jahrzehnten Ehe erschien er angeblich gerade einmal bei einer grossen Veranstaltung der Musikindustrie an ihrer Seite.

Während seine Frau zu einer der bekanntesten Musikerinnen Amerikas wurde, blieb Carl Dean lieber zu Hause.

Dolly machte jahrzehntelang Witze über ihre Ehe, über Männer, Flirts und ihre berühmten Celebrity Crushes. Aber wenn sie über Carl sprach, lag unter den Pointen immer etwas sehr Wahrhaftiges. Fast alles an Dolly Parton durfte angeschaut, fotografiert und kommentiert werden. Ihr Carl nicht. Sie waren fast 60 Jahre verheiratet. Kinder hatten sie nie und Parton sagte einmal den berühmten Satz: «Gott hat mich keine Kinder bekommen lassen, damit alle Kinder meine sein konnten.»

Als Carl Dean im März 2025 mit 82 Jahren starb, schrieb sie, Worte könnten ihrer gemeinsamen Liebe nicht gerecht werden. Kurz darauf veröffentlichte sie für ihn den Song «If You Hadn’t Been There». In den Monaten danach zog sie sich häufiger aus der Öffentlichkeit zurück, sagte Auftritte ab und sprach über gesundheitliche Probleme.

Es ist vielleicht kitschig, bei einer grossen Liebesgeschichte zu hoffen, dass die beiden nun wieder zusammen sind. Aber ich bin mir ziemlich sicher, Dolly selbst hoffte es auch.

Aber die Welt braucht dich, Dolly

Es bleiben uns die Songs. «Here You Come Again». «Coat of Many Colors». «Jolene». «9 to 5». «Islands in the Stream». «I Will Always Love You».

Klare Botschaften und der Mut zur ganz grossen Melodie. Wie schreibt man so etwas?

"Sie musste niemanden kleiner machen, um sich selbst gross zu fühlen. Am liebsten machte sie alle um sich herum gleich auch ein bisschen grösser"

Dolly Parton war sicherlich ihr eigener grösster Fan. Sie mochte ihre Haare, ihre Brüste, ihre Kleider, ihren Erfolg. Sie wusste ziemlich genau, was sie konnte. Aber sie musste niemanden kleiner machen, um sich selbst gross zu fühlen. Im Gegenteil: Am liebsten machte sie alle um sich herum gleich auch ein bisschen grösser.

Vielleicht ist das der Trost: Dolly Parton hat uns eigentlich ziemlich genau erklärt, was zu tun ist.

Was also würde Dolly tun?

Mach dich nicht kleiner, damit andere sich wohler fühlen. Aber mach auch niemanden kleiner, damit du dich grösser fühlst. Freu dich über dein Glück und gib etwas davon weiter. Öffne die Tür, wenn eine vor dir steht. Und halt sie noch einen Moment für den Menschen hinter dir auf. Such dir Freunde. Verschwende nicht zu viel Zeit damit, dich über das Leben zu beschweren.

Und mach Musik.

Irgendwie haben wir alle geglaubt, dass die Überfrau Dolly Parton niemals sterben würde. Nun ist eine ganz Grosse gegangen. Eine, deren Herz noch viel grösser war als ihre Brüste. Parton war eine Menschenfreundin, die Liebe für sich selbst hatte und noch viel mehr für alle anderen.

Meine Güte, wie dringend die Welt das gerade braucht.

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3 Comments
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Brigitte

Genauso. Danke!

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Irene Hodel

Der Artikel beginnt sehr spannend mit dem Kinderbuch und darauf wird dann wieder Bezug genommen. Der Nachruf beschreibt die Etappen ihres Lebens auf wunderbare Weise und ist wie Dolly sehr lebens bejahend und emotional. BRAVO 👏

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Christine

Ein grossartiges Kompliment.wunderschöner Nachriuf, Ehrererweisung für eine wunderbare Frau ❤️

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