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Kolumne

Kolumne "Sandwich": "Hiess es nicht mal, man werde im Alter selbstbewusster?"

Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal geht Michèle Roten ins Fitnessstudio. Und fragt sich plötzlich: Stinke ich?

Ich mache jetzt Sport. Oder sagen wir es so: Ich habe jetzt ein Abo für ein Fitnesscenter. Weil: Sport soll ja für und bei und gegen alles helfen. Das mit den Maschinen hab ich bisher mal aussen vorgelassen, vor allem, weil ich Angst davor habe, dass es mich langweilt. Also mache ich Kurse. Mein Ziel ist es, alle mal auszuprobieren, um herauszufinden, was für mich funktioniert. Bis jetzt ist das Yoga. Yoga kann ich (ausser Übungen, wo es um Balance geht. Notiz: Thema für die Therapie?).

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Alles andere war bislang eine einzige, schmerzhafte Lektion in Demut. Ich habe im Zumba merken müssen, dass ich mir keine auch nur dreiteilige Choreographie merken kann. Ich habe viele, viele Jahre Ballett gemacht. Was ist passiert? Ausserdem: Haben Sie sich schon mal länger im Spiegel beobachtet? Meine Erkenntnis: Keine Bewegung sieht so aus, wie sie sich anfühlt. Ganz und gar nicht. (Notiz: Thema für die Therapie.) Ich bin im Tôsôx, einem Training auf Kampfsport-Basis, hundert Prozent zufällig rumgehampelt. Float like a turd, sting like a Wattebausch. Im Bodytoning, was täuschend nett und sanft klingt, war ich die Einzige, die die Übungen ohne Gewichte gemacht hat. Und selbst dann mit Pausen. Japsende Hände-auf-den-Knien-abgestützt-Pausen. Neben mir hat sich eine etwa siebzigjährige Frau irgendwann die schwereren Gewichte geholt.

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"Ich bin leider ein unkoordinierter Körperklaus ohne Kondition"

Sportbegeisterte Freund:innen fragen mit glänzenden Augen: Und? Tut gut, oder? Meine Antwort:

Ja. Dass ich meine wirklich kraftstrotzenden inneren Widerstände überwinde und relativ regelmässig dort hingehe, das fühlt sich gut an. Der Rest, also herauszufinden, dass ich ein unkoordinierter Körperklaus ohne Kondition bin: nicht wirklich! Ausserdem wird im Fitnesscenter eine Neurose von mir gegossen und gedüngt: die Angst, zu stinken. Auch etwas, das erst mit dem Alter kam, aber dafür mit Verve. Wenn nun also im Trainingsraum genau das Fenster, das in meiner Nähe ist, geöffnet wird; wenn sich eine Sitznachbarin im Tram wegsetzt; wenn eine Fruchtf liege mir nicht von der Seite weicht; wenn sich an der Stehparty das Grüppchen sofort auf löst, sobald ich dazustosse: Ist es, weil ich stinke? (Na ja, Letzteres kann auch sein, weil ich einfach ein unangenehmer Mensch bin.)

Ich bin reinlich und benutze Deo. Aber wir alle kennen den Geruch einiger älterer Menschen. Ist es bei mir schon so weit? Weder meine Ernährung noch meine Trinkgewohnheiten haben sich verändert. Was genau passiert da? Und warum, zum Teufel, auch noch das? Und: Hiess es nicht mal, man werde mit dem Alter selbstbewusster? Dass man sich also eben genau nicht mehr so schnell verunsichern lässt durch irgendwelche Hirnfürze? Müsste ich mich nicht vielmehr in Superheldinnen-Pose hinstellen und sagen: Jawoll, ich stinke, und das ist toll, denn ich bin toll und älter werden ist auch toll?

Notiz: Vielleicht ist ja Therapie mein Sport.

Die Kolumne «Sandwich» startete am 4. April 2025 in der annabelle-Printausgabe. Claudia Senn und Michèle Roten wechseln sich dabei von Ausgabe zu Ausgabe ab; in unserer Sommerserie erscheint jeden Freitag eine Kolumne.

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