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Was passiert, wenn zwei Gen-Z-Frauen zum ersten Mal

Was passiert, wenn zwei Gen-Z-Frauen zum ersten Mal "Girls" schauen?

Vor 14 Jahren erschien die erste Folge "Girls". Den Hype haben unsere Gen-Z-Autorinnen verpasst. Nun holen sie den Serien-Marathon nach und finden: Diese quälend aufrichtige Twentysomething-Erzählung ist ziemlich gut gealtert. Vor allem, weil sie darin erstaunlich viel von ihrem eigenen Leben wiedererkennen: Situationships, Softboys, Oversharing und die ewige Angst, "zu viel" zu sein.

  • Bild: HBO

Vanessa: Noëmi, wir werden nächstes Jahr beide 30 und haben alle 94 Folgen «Sex and the City» gesehen. Warum ging «Girls» bis vor kurzem komplett an uns vorbei?

Noëmi: Zeitlich betrachtet, müsste es umgekehrt sein. Als «Girls» erschien, waren wir 15. Bei der Premiere von «Sex and the City» 1998 gerade mal eins. Aber zurück zur Frage: Ich glaube, es liegt am Inhalt. «Girls» behandelt Themen, die einen in seinen Zwanzigern beschäftigen. Also exakt in jener Lebensphase, in der sich damals die Millennials befanden. Mit 15 konnten wir uns gar nicht in die Charaktere von «Girls» hineinfühlen.

Vanessa: Und wir hätten das vermutlich auch nicht gewollt. Protagonistin Hannah Horvath ist kein Cool-Girl im klassischen Sinn, ihre Rolle ist unverschämt komplex. Sie lebt in einem selbstfindungsgetriebenen Wirrwarr.

Noëmi: Also fernab von Carrie Bradshaw, die in «Sex and the City» stilvolle Outfits trägt, eine gut bezahlte Kolumne schreibt und enge Freundschaften mit ebenso beneidenswerten Frauen führt.

Vanessa: Wir waren naiv und jung genug, um uns in diese geschliffene und mit Glamour überzogene Realität zu träumen.

Noëmi: Und bei «Girls» wird nicht geträumt. Man kriegt die ungeschönte Version des Erwachsenwerdens vorgehalten und erkennt sich darin wieder.

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"Ich habe mich in Hannahs permanentem Stress erkannt, eine erwachsene Version von sich zu kreieren, ohne zu wissen, wie die aussehen soll"

Noëmi Leonardt

Vanessa: Worin hast du dich wiedererkannt?

Noëmi: In Hannah. In ihrem permanenten Stress, eine erwachsene Version von sich zu kreieren, ohne so richtig zu wissen, wie die eigentlich aussehen soll. Du?

Vanessa: Ich sehe mich in diesem Cringe! Alles in mir zieht sich direkt wieder zusammen, weil mich Sequenzen aus Hannahs Leben in eigene Erinnerungen katapultieren, die ich längst in der Vergessenheit versenkt haben wollte. Wie sie sich einmal vor einem Typen richtig unbeholfen das Shirt über den Kopf streift. Oder in nerviger Stimmfrequenz mit Freundinnen an einer Party einen Song schreit, währenddessen der Körper sich verstockt zur Musik bewegt.

Noëmi: In solchen Situationen verkopfen wir ja ständig. Hannah macht das Gegenteil. Sie lässt einfach alle Seiten an sich zu und verkörpert damit jenen Anteil von uns, gegen den wir ständig ankämpfen. Wieso lassen wir nicht häufiger einfach los?

Vanessa:
Weil wir Weirdness unbewusst oft nur dann akzeptieren, wenn alle anderen Eigenschaften einer Person den gesellschaftlich antrainierten Normen entsprechen. Das ist so paradox. Schliesslich predigen wir einander, es sei okay, aus dem Raster zu fallen, weird zu sein. Vielleicht können wir eine Antwort aus dem «Red Sneakers Effect» ableiten.

Noëmi: «Red Sneakers Effect»?

Vanessa: Forschende der Harvard Business School kamen in einer Studie zum Schluss, dass wir Abweichungen anderer mit Selbstbewusstsein assoziieren, wenn sie gegen Aussen einen gewollten Entscheid signalisieren. Das passiert zum Beispiel, wenn Business-Menschen Anzüge mit roten Turnschuhen kombinieren. Wirkt die Abweichung hingegen ungewollt oder zufällig werten wir sie negativ.

Noëmi: Deshalb sehen wir in Hannahs Weirdness im ersten Moment nicht: cool. Sondern bloss: schräg.

Vanessa: Ich liebe die Idee, das Cringe-Girl zur Protagonistin einer Serie zu machen. Mir fällt keine andere Serie ein, die dieser Figur so viel Platz einräumt.

Noëmi:
Bei Hannah denke ich mir: Girl! Du bist einfach du und machst deinen Selbstwert nicht von Schönheitsidealen abhängig. Die Serie lässt den Körper einfach Körper sein und legt den Fokus damit auf das eigene Wohlbefinden statt auf das Aussehen. Ging es dir auch so?

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"Ich habe mich ständig dabei ertappt, wie ich dachte: Voll mutig, dass Hannah sich mit ihrem Körper so befreit zeigt. Aber warum sollte man das mutig finden? Es ist normal"

Vanessa Vodermayer

Vanessa: Ich habe mich ständig dabei ertappt, wie ich dachte: Voll mutig, dass Hannah sich mit ihrem Körper so befreit zeigt. Aber warum sollte man das mutig finden? Es ist normal. Punkt.

Noëmi: Wir haben nun mal eine gewisse Definition von Schönheit verinnerlicht. Wie egal kann einem der Körper in einer wertenden Welt tatsächlich sein? Wäre es für eine sonst so radikal ehrliche Serie nicht schöner und verbindender gewesen, wenn man die Unsicherheit, die so viele Frauen kennen, konkreter thematisiert hätte? Und man dann gezeigt hätte, wie Hannah die Unsicherheit überwunden hat?

Vanessa: Eine andere Unsicherheit wurde wiederum sehr konkret abgehandelt: Die Angst «zu viel» zu sein. Erinnerst du dich an die Szene, in der Hannah eine eintägige Romanze mit einem Arzt namens Joshua führt?

Noëmi: Sie haben ein abenteuerliches Verhältnis, es ist respektvoll und vertraut. Der Wendepunkt kommt, als Hannah sichtlich bedrückt wirkt und Joshua fragt, was los sei. Sie könne ihm alles ehrlich anvertrauen. Also tut sie genau das – und landet in einem ungefilterten Monolog über die Frage nach ihrem beruflichen Lebensinhalt. Das ist der Moment, in dem Joshua sein Interesse verliert. Er zeigt sich distanziert, als hätte Hannah ihm ihre ganze Sinneskrise vor die Füsse gekotzt.

Vanessa: Es gibt vor allem im Dating-Kontext diese unausgesprochene Grenze zwischen viel und zu viel. Zwischen emotionaler Offenheit und anstrengendem Oversharing. Joshua verlangt von Hannah im Grunde eine sehr bequeme Form von Verletzlichkeit: Zeig dich emotional, aber bitte nur so lange, wie ich mich damit wohlfühle.

Noëmi: Deshalb neigen Frauen auch stärker zu Überangepasstheit. Wenn Männer uns das Gefühl geben, «zu viel» zu sein, sprechen sie uns damit die Legitimation gewisser Eigenschaften ab. Das «Pick me Girl» ist ein Ergebnis dessen. Der Begriff kam vor ein paar Jahren auf und beschreibt das Phänomen, Männern gefallen zu wollen, indem man vermeintlich negative weibliche Eigenschaften ablehnt. Bist du ein Pick me Girl?

Vanessa: Ich war mal eines! Anfang Zwanzig redete ich mir diese Form von Lässigkeit ein, an der alles abprallt. Wenn ein Mann, den man mag, andere Frauen trifft. Oder die eigenen Gefühle nicht erwidert werden. Wie dumm. Ich hätte gerne früher erfahren, wie befreiend der Move ist, vor Männern für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.

Noëmi: Das Pick-me-Girl-Phänomen hat übrigens eine lange Geschichte. Soziologin Katja Sabisch erklärte in einem Beitrag der «Zeit»: «In den Fünfzigerjahren war es die backende Ehefrau. In den Neunzigerjahren dominierten die Girlies». Frauen hätten sich in sexistischen Strukturen immer wieder an männlichen Wertvorstellungen orientiert.

Vanessa: Wie viele versteckte Komplexe im Leben einer Frau unter dem Einfluss von Männern entstanden sind, macht mich so wütend. «Sex and the City» ist eine einzige Aneinanderreihung von Mr.-Big-Aktionen, die Carrie an ihrer Person zweifeln lassen.

Noëmi: Anders als in «Sex and the City» räumt «Girls» geschniegelten Karrieremännern generell eher wenig Raum ein. Der Fokus liegt auf Adam. Einem Mann mit leicht zerzaustem Erscheinungsbild. Er ist eine Abkehr vom klassischen Hollywood-Ideal des grossen, muskulösen, perfekt gestylten Mannes.

Vanessa: Ich sehe in Adam einen Vorreiter des modernen Softboys.

Noëmi: Total. Adam ist sensibel und irgendwie frei von Eitelkeit und Status-Denken. Genau diese Attribute machen Softboys attraktiv.

Vanessa: Heute würde man die Beziehungsform von Hannah und Adam in der ersten Staffel als Situationship bezeichnen. Wie stehst du eigentlich zu Situationships?

Noëmi: Grundsätzlich finde ich sie schön. Wir können uns mit einer Situationship den Raum und die Zeit nehmen, um herauszufinden, was wir wollen. Gleichzeitig kommt es mir aber vor, als liefe diese Beziehungsform unter dem Deckmantel, sich vor Verantwortung und Verbindlichkeit zu entziehen. Sich nicht festzulegen und sich gleichzeitig alle Optionen offen zu halten, endet in den meisten Fällen mindestens für eine Person im Drama.

Vanessa: In Fällen, in denen ich als Person mit dem Drama ende, verfolgt mich anschliessend belastend die Frage, wie unterschiedlich diese Männer und ich unsere Kurzzeitbeziehung wohl wahrgenommen haben.

NoëmiWarum fragst du dich das?

Vanessa: Ich glaube, mein Vorstellungsvermögen kollabiert bei der Tatsache, dass Menschen über mehrere Monate lang intensiv Tag und Nacht im Leben des anderen stattfinden können, ohne dabei Gefühle zu entwickeln.

"Ich kenne keine vergleichbare Serie, die die Mittzwanziger so ehrlich, klug und ironisch einfängt"

Vanessa Vodermayer

Noëmi: Findest du eigentlich, man muss «Girls» gesehen haben?

Vanessa: Ich kenne keine vergleichbare Serie, die die Mittzwanziger so ehrlich, klug und ironisch einfängt. Und auch so witzig. Der Stoff von «Girls» funktioniert immer noch erstaunlich gut. Auch wenn wir an dieser Stelle anmerken müssen, dass die Serie aus den Lebensrealitäten von vier weissen Frauen aus gutbürgerlichen Verhältnissen gedacht wurde.

Noëmi: Alleine, weil man Lena Dunham kennen muss, lohnt sich die Serie. Sie hat viele popkulturelle Phänomene der letzten Jahre in Text und Film übersetzt. Und wie krass ist es bitte, dass sie das Drehbuch für die Serie mit gerade mal 24 Jahren geschrieben hat?

Vanessa: Diese Frau ist so talentiert darin, jegliche Art von Emotionen treffsicher einzufangen und unverkitscht wiederzugeben. Nicht zuletzt, diese wohlwollende Selbstakzeptanz. Ich glaube, im Kern ist es das, was von der Serie bei mir hängen bleibt: Alle eigenen Facetten kennenzulernen, zu leben und sich nicht dafür zu schämen.

Noëmi: Und das ist eine zeitlose Message.

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