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Von Gast und Freundschaft: Das lehrt mich mein Gästezimmer

Von Gast und Freundschaft: Das lehrt mich mein Gästezimmer

Unsere Autorin hat ein Gästezimmer für Freund:innen aus dem Ausland. Deshalb weiss sie: Richtig kennenlernen tut man die Lieblingsmenschen erst im Pyjama.

A. zuckt es in den Fingern, wenn Gabeln und Messer in der Besteckschublade durcheinander liegen. Y. hat schlaflose Nächte, sobald ein Fenster offen bleibt. Und wer meiner Freunde überraschend winzige Unterhosen bevorzugt, weiss ich dank entsprechend offenherziger Spaziergänge durchs Wohnzimmer inzwischen auch.

Und das kam so: Als wir vor Jahren von Deutschland in die Schweiz zogen, war klar, dass wir uns – wenns irgend geht – ein Gästezimmer einrichten, um Freund:innen und Familie stets einen Schlafplatz anbieten zu können.

Wir wollten unseren Liebsten nah bleiben. Nicht die höfliche Variante mit gebuchtem Hotel, sondern die mit Zahnbürste am Waschbeckenrand. Was es aber bedeutet, nicht nur für einen Abend als Gastgeberin auf Grandezza zu machen, sondern temporär zur Schlummermutter zu mutieren, war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. Sagen wir so: Ich habe seither viel gelernt. Nicht nur über meine Freund:innen, sondern auch über mich selbst und die Kunst des Miteinanders.

Anfangsziel: Superhost-Status

Anfangs verhielt ich mich nämlich noch so, als gelte es, auf Airbnb den Superhost-Status zu erlangen. Ich räumte, putzte und kochte, verteilte frische Blumen auf dem Nachttisch, bügelte gar die Bettwäsche, sorgte morgens um sieben für selbst gebackene Bürli und merkte mir Laktoseintoleranzen und Lieblingsdesserts.

Hilfe beim Abwasch oder Einkauf? Nicht doch, aufmerksame Gastgeber:innen tun alles fürs Wohlbefinden ihrer Freund:innen, ein Zeichen meiner Liebe und Fürsorge – und, wie ich rückblickend zugeben muss, wohl auch meiner Sehnsucht nach Perfektion und Kontrolle.

Bei uns vergeht nun aber kaum ein Monat, in dem wir nicht jemanden zu Besuch haben. Befreundete Familien mit kleinen wie grossen Kindern. Ehemalige Kolleginnen. Meine Mutter. Beste Freunde. Die Schwiegermutter. Buddys meines Sohnes.

Unsere Besucher:innen verweilen im Schnitt zwei bis drei Nächte, manche auch mehrere Wochen. Da stiess ich mit meinem Miss-Perfect-Gebaren rasch an meine Grenzen – und lernte umzudenken.

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"Diese Pyjamapartys sind eine Zeitmaschine zurück zu unserem unkomplizierten Ich"

Je länger, desto mehr habe ich erkannt: Diese Pyjamapartys sind eine Zeitmaschine zurück zu unserem unkomplizierten Ich, als wir in WGs wohnten, ständig irgendjemand unvorhergesehen auftauchte, Essen Nebensache war und freimütig das Innerste nach Aussen gekehrt wurde.

In Spitzenzeiten sind wir nun mehrmals auf rund zwölf Schläfer:innen in unseren vier Wänden gekommen. Sie haben uns gezeigt, dass es sich auf Sofas, Kellermatratzen, in Kinderbetten und im Schrank- oder Arbeitszimmer prima nächtigen lässt – und dass in der Improvisation das pure Glück steckt.

Am nächsten Tag die Möbel zur Seite zu schieben, aus verteilten Tischen eine lange Tafel zu bauen und den Abend gemeinsam Revue passieren zu lassen, schweisst zusammen. Auch ohne frisch gebackene Bürli. Und wer eine Pause braucht, darf zwischendurch zurück ins Bett kriechen, um das Tennisfinale zu schauen.

Auch schön, wenn sich so neue Gesprächskonstellationen ergeben und man plötzlich mit der neuen Partner:in der Freund:in in der Küche steht und sich beim Gemüseschnippeln näher kennenlernt.

Eine Einladung zum Bleiben

Auch deshalb wollte ich dieses Gästezimmer. Es ist ein Angebot, eine Einladung zum Bleiben. Und zum Aushalten. Ein temporärer Ausnahmezustand, der mich zwingt, die Ränder meiner Komfortzone elastisch zu halten und mich schlicht mal wieder locker zu machen. Das nämlich muss ich.

Denn je länger jemand bleibt, desto ehrlicher wird das Zusammenleben und desto besser lernt man sich kennen. Oft ist das grandios. Dann etwa wenn – ähnlich wie intime Momente gern mal beim Autofahren entstehen, wenn kein Blickkontakt sich sezierend ins Innerste zu bohren droht – man gemeinsam vor einem warmen Feuer oder nur schon vor einer einzelnen Kerze sitzt.

Da lässt es sich am besten Gespräche führen und von Fehlgeburten, finanziellen Sorgen und verbotener Liebe erzählen. Ein Luxus, wenn man die Zeit einfach zerrinnen lassen kann und man nicht aus Vernunft abbrechen muss – schliesslich gilt es nur noch, die Treppe hoch ins Bett zu fallen.

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"Es gäbe durchaus Momente, in denen ich grosszügig Backpfeifen verteilen könnte"

Doch so vertraut verhält es sich selbstredend nicht immer. Wenn ich nicht die gesellschaftlich anerkannten Regeln des höflichen Miteinanders wie auch des coolen Scheins verinnerlicht hätte, gäbs auch durchaus Momente, in denen ich grosszügig Backpfeifen verteilen könnte.

Meinem Ästhetinnenherz drohen Rhythmusstörungen, wenn etwa die Schlafzimmervorhänge des Gästezimmers tagsüber geschlossen bleiben. Und sich auf meinem Badewannenrand verschiedenste Shampooflaschen tummeln, am besten noch in Reisegrössen. Da sag ich nichts, ich weiss um meine spiessigen Marotten.

Sprechen bitte erst nach 7.30 Uhr

Ich lerne meine eigenen Grenzen kennen. Dass es etwa, je älter ich werde, desto weniger Menschen gibt, mit denen ich mein Bett zu teilen bereit bin etwa. Schon als Kind fand ich es nervig, wenn meine Freundinnen pünktlich zum Erlöschen des Nachtlichts zu plappern begannen, als hätten sie eine Palette Energydrinks gestürzt.

Ich schlafe ein, noch während die Daunendecke sich herabsenkt. Mindestens genauso wichtig ist es mir, beim ersten Morgentee allein zu entknittern. Zu sprechen fange ich am liebsten nach 7.30 Uhr an. Auch werde ich einem frühen Frühstück nie etwas abgewinnen können.

"Sich sein zu lassen und einander zu umsorgen ist etwas Schönes"

Wenn ich mich hier so schreiben lese, merk ich es selbst: Vermutlich haben die Behörden bei meiner Geburtsurkunde geschludert und ich bin in Wahrheit hundert Jahre alt. Aber dank der regelmässigen Besuche und Gegenbesuche habe ich auch festgestellt, dass ich nicht allein bin: Mittlerweile gibt es in mehr als einem Freundeskreis die unausgesprochene Regel, dass die erste Person, die aufsteht, eine Runde Heissgetränke für alle kocht und an den Betten verteilt. Sich sein zu lassen und einander zu umsorgen ist etwas Schönes.

Und gleichzeitig lerne ich, wie ich diese Grenzen auch abstecke. Von spöttischem Grinsen hin zu erschrockenen Entschuldigungen war schon alles an Reaktionen dabei und auch das gehört nun mal zum Aushandeln einer Liebes-Gemeinschaft dazu.

Kleine Hänseleien halte ich dabei gut aus, vor allem wenn ich zuvor durchgesetzt habe, dass keine Jacken und Schuhe mehr verteilt im Wohnzimmer liegen, damit für die nächste Zigarettenpause alles schneller zur Hand ist. Was mich auch nervt, ist direkt neben der Spülmaschine abgestelltes schmutziges Geschirr.

Als ich den Tellerabsteller darauf ansprach und ihm sagte, dass ich mich bei dem Anblick zur Reinigungskraft degradiert fühle, entschuldigte er sich: Er selbst besitze eben keine Maschine und wollte später per Hand abwaschen. Abgehakt, wunderbar.

Übernachtungsbesuch entzaubert und verzaubert zugleich

Um keine falschen Vorstellungen zu schaffen: Ich selbst lagere Teebeutel in der Spüle zwischen, schaffe es innerhalb Minuten, Zimmer durch Klamottenabwurf zu verwüsten (was mir schon zu Studienzeiten den Beinamen «Atombombe» eingebracht hat) und wenn ich am Gartentisch in launiger Runde versacke, habe ich überhaupt kein Problem damit, erst am nächsten Tag aufzuräumen. Ausserhaus gebe ich mich natürlich vorbildlich ordentlich.

Übernachtungsbesuch entzaubert und verzaubert zugleich – beide Seiten. Und er ist der Lackmustest dafür, wie viel Nähe eine Freundschaft aushält.

Mit gewissen Übernachtungsgäst:innen verhält es sich schliesslich auch so wie mit manchen Babys – sie sind am süssesten, wenn sie schlafen. Übrigens in der Regel diejenigen, die selbst nie länger Besuch beherbergen, dafür aber Dinner geben, nach denen man viel über japanische Messer und Fleischthermometer weiss. Es sind diejenigen, die meinen, mit dem Flugticket Vollpension und ein ausgeklügeltes Animationsprogramm gebucht zu haben.

Ich gebe zu, das ist bislang nur einmal passiert und mein Versuch, souverän unterschiedliche Erwartungshaltungen anzusprechen, scheiterte an meinem zusammengepressten Kiefer, aus dem nur noch wutentbrannte Zischlaute strömten. Nach 48 Stunden Wutstau war es schlicht zu spät, konstruktiv zu sprechen und ich habe mir fest vorgenommen, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Manchmal darf man dann auch stehenlassen, dass einige Freundschaften oberflächliche One-Night-Stands bleiben.

Echte Nähe dagegen hinterlässt Spuren. Im Waschbecken. In meinem Nervenkostüm. Aber eben auch im Herzen. Und während ich tagsüber innerlich immer mal wieder Shit-Strichlisten führe – wer bitte stellt eine leere Teedose zurück ins Regal? – sitze ich abends plötzlich wie in früheren WG-Zeiten zwischen all diesen Menschen, mit denen ich seit Jahrzehnten das Leben teile, sehe uns zu beim Beisammensein und Gemeinsam-älter-Werden, in guten und weniger guten Phasen – und freue mich, von Besuch zu Gegenbesuch mehr über die kleinen Eigenarten von uns allen zu erfahren.

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2 Comments
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Rose

So schön! Glücklich kann sein, wer solche Erfahrungen machen und teilen kann!

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Astrid Urgatz

Oh ja! Ich bin schon 65 und es geht mir ganz ähnlich. Und es bestätigt mich darin, immer ein offenes Haus (Herz) mit Gästebetten zu haben. Es ist das pure Leben!

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