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Ist das noch Tennis oder schon Met Gala? Naomi Osakas Looks im Pro und Kontra

Ist das noch Tennis oder schon Met Gala? Naomi Osakas Looks im Pro und Kontra

Naomi Osaka betritt den Court nicht einfach, sie inszeniert ihn. Mit Tüll, Schleifen und Symbolik bringt sie Farbe in einen Sport, der noch immer von Etikette und Zurückhaltung geprägt ist. Lenken ihre Looks vom Match ab – oder zeigen sie, dass Sportlerinnen mehr sein dürfen als trainierte Körper im Regelwerk?

Kontra: «Zu viel Tüll und zu wenig Ball. Ich will einfach wissen, wer besser spielt!»

Während Wimbledon ist mir dieses Jahr wieder aufgefallen, wie sehr mich Naomi Osakas Modeschau beim Betreten des Courts nervt. Natürlich darf sie tragen, was sie will. Sie ist erwachsen, erfolgreich, selbstbestimmt. Und gerade bei einer Sportlerin, die offen über ihre Depressionen gesprochen hat, verbietet sich jeder billige Spott. Wenn ihr diese Auftritte Kraft geben, wenn sie sich darin geschützt, gestärkt oder schlicht wiedererkannt fühlt: gut für sie.

Nur: Für den Sport ist es mir langsam zu viel Tüll und zu wenig Ball. Tennis ist ohnehin keine asketische Zone mehr. Jede Trinkpause hat einen Sponsor, jedes Handtuch eine Botschaft, jeder Seitenwechsel fühlt sich an wie eine kleine Werbeunterbrechung. Da muss nicht auch noch das Betreten des Courts aussehen, als hätte die Met Gala kurzfristig den Centre Court gebucht.

Bitte nicht falsch verstehen: Mode und Tennis gehören auch für mich zusammen. Mich stören auch nicht Osakas Matchoutfits. Die soll sie unbedingt beibehalten. Ihr diesjähriges Wimbledon-Kleid von Nike mit den Blumenverzierungen fand ich wunderschön und elegant. Genauso wie das goldene Outfit bei den diesjährigen French Open. So darf Naomi Osaka für mich sehr gerne auffallen.

Was mich stört, ist der Auftritt vor dem Match.

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"Manchmal ist ein Kleid auch einfach fehl am Platz"

Ja, es verstösst gegen keine Regel. Aber nicht alles, was erlaubt ist, ist deshalb automatisch eine gute Idee. Ein Outfit, das so laut auftritt, nimmt Raum ein. Es zieht Scheinwerferlicht weg vom Match, weg von der Gegnerin, weg von dieser leisen, brutalen Schönheit des Sports: zwei Menschen, ein Ball, ein Netz. Plötzlich steht nicht mehr nur die Spielerin im Mittelpunkt, sondern die Inszenierung der Spielerin. Und genau da kippt es.

Ich schaue Sport, weil mich interessiert, wer besser spielt – nicht, wer die bessere Symbolik trägt. Wenn Osaka beim Siegerfoto modisch völlig eskalieren würde, fände ich das grossartig. Für mich wäre das der perfekte Moment dafür. Nicht der Weg vom Spielertunnel bis zur Grundlinie.

Und doch: Ganz wegwünschen möchte ich solche Auftritte auch nicht. Osaka bringt Farbe in eine Welt, die oft erstaunlich einheitlich aussieht. Sie stört, und Störung kann produktiv sein. Vielleicht muss man das aushalten. Vielleicht sogar gelegentlich feiern. Nur bitte nicht so tun, als sei jede textile Extravaganz automatisch ein emanzipatorischer Akt. Manchmal ist ein Kleid eben auch einfach: fehl am Platz. - Sabrina Hediger

Pro: «Warum sollte eine Spitzensportlerin nicht gleichzeitig hochprofessionell und modebegeistert sein?»

Endlich lenkt mal jemand von den verstaubten, konservativen Dresscodes dieses altehrwürdigen und elitären Sports ab. Running Clubs sind doch längst eine Mischung aus Sport, Techno-Event, Dating-Plattform und Matcha-Treff: Orte, an denen das Outfit fast wichtiger scheint als das Lauftempo. Dort wird schliesslich auch niemand dafür kritisiert, sich extra herausgeputzt zu präsentieren. Warum sollte Naomi Osaka das auf dem Court also nicht auch dürfen?

Sie nutzt Kleidung nicht bloss dekorativ, sondern als eine Art Rüstung, mit der sie ins Gefecht der Tennisbälle zieht – und oft genug siegt. Die mehrfache Grand-Slam-Gewinnerin gilt abseits des Courts bekanntlich als eher introvertiert und zurückhaltend. Vielleicht sind es gerade diese Looks, die ihr das Selbstvertrauen geben, mit dem sie ihr bestes Tennis spielt. Denn was im Sport getragen wird, muss zwar in erster Linie funktional sein, transportiert aber immer auch Emotionen, Identität und Persönlichkeit.

«Wenn ich auf die Spielerinnen und Spieler vor mir zurückblicke, denke ich daran, wie diese Momente – diese Looks – zu Erinnerungen geworden sind, die für immer bleiben», sagte Osaka gegenüber Vogue. «Viel zu oft schreiben andere unsere Geschichten für uns. Das hier fühlte sich wie ein Moment an, in dem ich ein kleines Stück meiner eigenen Geschichte selbst schreiben konnte.»

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"Dass ihre Looks vom Sport ablenken sollen, sagt mehr über veraltete Vorstellungen von Athletinnen aus als über Osaka selbst"

Und seien wir ehrlich: Werbeträgerinnen sind sie doch sowieso alle. Ob Lacoste, Nike, On oder Uniqlo – wir sehen ja ohnehin, wer was trägt. Warum sollte Naomi Osaka ihre Reichweite also nicht nutzen, um ihre ganz persönliche Tennisgeschichte selbstbestimmt zu schreiben und dabei junge Designerinnen zu fördern? Nicht zuletzt arbeitet die modebegeisterte Frau wohl an ihrer eigenen Marke – und dafür muss sich niemand entschuldigen.

Dass ihre Looks angeblich vom Sport ablenken, verrät vor allem eines: ein überholtes Bild davon, wie Athletinnen (ja, vor allem Frauen!) auszusehen haben. Sport und Mode gehören längst zusammen – und das nicht erst seit gestern. Diese Entwicklung lässt sich weder leugnen noch aufhalten. Warum sollte eine Spitzensportlerin also nicht gleichzeitig hochprofessionell und modebegeistert sein dürfen?

Für mich bricht Naomi Osaka mit dem Klischee, dass Frauen im Spitzensport möglichst unauffällig sein müssen, um ernst genommen zu werden. Ihre Looks sind mutig, selbstbestimmt und charakterstark – genau wie ihr Tennis. Sie spielt nach ihren eigenen Regeln und bricht dabei mit Konventionen. Und wenn sich ein Sport, der seit Jahrzehnten Weiss, Etikette und Zurückhaltung predigt, daran stört, ist das vielleicht weniger ein Modeproblem als ein Tennisproblem. - Noëmi Leonhardt

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