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John-Galliano-Ausstellung im Met abgesagt: Ist Anna Wintour eingeknickt?

John-Galliano-Ausstellung im Met abgesagt: Ist Anna Wintour eingeknickt?

Nur einen Monat nach der Ankündigung sagt das Metropolitan Museum seine grosse John-Galliano-Retrospektive wieder ab. Nach heftiger Kritik – und offenbar wachsendem finanziellen Druck. Unsere Autorin findet: Das Met ist eingeknickt. Und hat damit genau jene schwierige Auseinandersetzung verhindert, die ein Museum eigentlich führen sollte.

Natürlich kann man darüber streiten, ob John Galliano eine Retrospektive im Metropolitan Museum verdient, und das taten nach der Ankündigung am 31. Juli auch viele. 2027 sollte «John Galliano: Horizons» eröffnet werden; der Brite Galliano (65) wäre damit erst der dritte lebende Designer gewesen, dem das Costume Institute in New York eine Ausstellung widmet, nach Rei Kawakubo und Yves Saint Laurent. Eine solche Schau hätte ziemlich unmissverständlich gesagt: Dieser Mensch gehört in die Modegeschichte. Und meine Meinung dazu ist klar: Natürlich tut er das.

Am 31. August dann die Kehrtwende: Das Met und John Galliano gaben gemeinsam bekannt, dass «John Galliano: Horizons» nicht stattfinden wird. Galliano erklärte, er habe nach «langem Nachdenken und vielen Gesprächen» schweren Herzens entschieden, dass es besser sei, die Ausstellung vorerst nicht zu realisieren. Er übernehme weiterhin «die volle Verantwortung für den Schmerz», den seine früheren Worte verursacht hätten, insbesondere in der jüdischen und asiatischen Community. Wiedergutmachung, so Galliano, entstehe nicht durch eine Ausstellung oder institutionelle Anerkennung, sondern sei «eine fortwährende Verantwortung, die sich im Zuhören, Lernen und im eigenen Verhalten über die Zeit zeigt». Er wolle zudem nicht, dass die Debatte um seine Person das Met in eine schwierige Lage bringe oder von der Arbeit des Costume Institute ablenke. Und er erkenne an, «dass eine Ausstellung, die meine Arbeit würdigt, für manche Menschen schmerzhaft wäre». Kurator Andrew Bolton erklärte, er glaube weiterhin an die Verantwortung von Museen, «schwierige Geschichten mit Sorgfalt, Offenheit und Ernsthaftigkeit» zu untersuchen, unterstütze nach den Diskussionen aber die Absage.

Wenn ich noch einen Text darüber lesen muss, ob man das Werk von Autor, die Kunst von Künstler, die Kleidung von Designer trennen kann, kann ich für nichts mehr garantieren. Bei Galliano kommen wir trotzdem nicht darum herum. Vielleicht muss man hier aber auch gar nichts trennen. Vielleicht muss man einfach beides gleichzeitig aushalten.

Denn seine modische Relevanz ernsthaft zu bestreiten, wäre absurd. Gallianos Abschlusskollektion «Les Incroyables» wurde 1984 von der renommierten Londoner Boutique Browns komplett aufgekauft, John Galliano war damals 23 Jahre alt. Danach kamen sein eigenes Label, Givenchy, Dior und Maison Margiela. Er machte den Bias Cut wieder modern, verwandelte Lingerie in Oberbekleidung und historische Recherche in Popkultur. Seine Schauen waren Erzählungen, lange bevor jeder Brand von «Storytelling» sprach. Und unter all dem Theater lagen Konstruktion, Drapierung und eine obsessive Kenntnis von Modegeschichte. Schon Anfang der Nullerjahre beschrieben Kolleg:innen seinen Einfluss auf Silhouetten und die Art, wie Mode auf dem Laufsteg inszeniert wurde, als stilbildend für eine ganze Generation.

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"Galliano hatte es geschafft, nur mittels seiner Arbeit wieder zum Hype zu werden. Heute eine absolute Seltenheit"

Falls irgendjemand vergessen haben sollte, wie gut Galliano sein kann, erinnerte die Artisanal-Show für Maison Margiela im Januar 2024 daran. Unter dem Pont Alexandre III schritten Korsetts und deformierte Silhouetten durch ein nächtliches Paris; Pat McGrath verwandelte die Gesichter der Models in glänzende Porzellanpuppen. Das Make-up ging viral, die Show wurde zu einem jener seltenen Momente, in denen selbst eine Branche, die sich permanent selbst als «iconic» bezeichnet, kurz kollektiv verstummte, weil alle merkten: Diesem Genie kann niemand ernsthaft das Wasser reichen. Galliano hatte es geschafft, nur mittels seiner Arbeit wieder zum Hype zu werden. Heute eine absolute Seltenheit.

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"Die Sucht erklärt seinen Zustand. Sie entschuldigt aber kein einziges Wort"

Aber es gab eben auch das Jahr 2011. Nichts daran muss relativiert werden. Galliano wurde gefilmt, wie er in einer Pariser Bar antisemitische und rassistische Beschimpfungen ausstiess und unter anderem sagte, er liebe Hitler. Dior feuerte ihn, ein französisches Gericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe auf Bewährung. Galliano hatte damals ein schweres Alkohol- und Medikamentenproblem und ging anschliessend in eine Entzugsklinik. Das ist keine Entschuldigung, sondern ein Fakt. Die Sucht erklärt seinen Zustand. Sie entschuldigt aber kein einziges Wort.

Entscheidender ist, was danach geschah. Galliano entschuldigte sich nicht nur und verschwand dann wieder oder liess fadenscheinige PR-Statements veröffentlichen. Er beschäftigte sich über Jahre mit Antisemitismus und jüdischer Geschichte, arbeitete mit Vertreter:innen der Anti-Defamation League und mit Rabbi Barry Marcus. Bereits 2013 erklärte der damalige ADL-Chef Abraham Foxman, Galliano habe erhebliche Zeit in Lernen und Auseinandersetzung investiert. Marcus verteidigte ihn später öffentlich. Und heute sagt die ADL, sie habe Gallianos Entschuldigung längst akzeptiert; seine Bemühungen, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen und daraus zu lernen, sollten anerkannt werden.

"Aber irgendwann muss man die Frage stellen dürfen: Wie oft muss sich ein Mensch entschuldigen?"

Das bedeutet natürlich nicht, dass «die jüdische Community» ihm vergeben hat. Eine solche kollektive Instanz gibt es auch nicht. Niemand kann für alle Betroffenen die Absolution erteilen. Aber irgendwann muss man die Frage stellen dürfen: Wie oft muss sich ein Mensch entschuldigen? Wie lange bleibt man gecancelt? Und was verlangen wir eigentlich, wenn wir von «Verantwortung übernehmen» sprechen, wenn Entschuldigung, Therapie, jahrelange Auseinandersetzung und verändertes Verhalten am Urteil prinzipiell nichts ändern können?

Gallianos Rehabilitierung begann ohnehin lange vor dem Drama um das Met. Maison Margiela stellte ihn 2014 ein; er blieb zehn Jahre. 2024 kam Kevin Macdonalds Dokumentarfilm «High & Low – John Galliano», produziert in Zusammenarbeit mit Condé Nast Entertainment. Der Film beginnt – ja, muss natürlich beginnen – mit dem berüchtigten Video und ist keinesfalls als Heiligsprechung zu verstehen.

"Vielleicht liegt genau darin unser Problem mit Galliano: Wir hätten ihn gern eindeutiger"

Trotzdem funktioniert er auch als Rehabilitierung: Er erlaubt Galliano, mehr zu sein als dieses eine Handyvideo von 2011. Der Film stellt die Frage nach Läuterung in Zeiten der Cancel Culture, ohne so zu tun, als wäre damit automatisch alles vergeben. Vielleicht liegt genau darin unser Problem mit Galliano: Wir hätten ihn gern eindeutiger.

Bestes Beispiel: Gallianos neuer Deal mit Zara. Wenn der Mythos eines Designers auf Couture, Handarbeit und der fast perversen Langsamkeit perfekter Konstruktion beruht, dann Gallianos. Und nun arbeitet ausgerechnet er für einen der grössten Fast-Fashion-Konzerne der Welt. Zara nennt das «Re-Authoring»: Galliano soll Stücke aus dem Archiv neu bearbeiten. Er selbst sagt, ihn reizten die Neuheit des Prozesses, die enorme Plattform und die Ressourcen, die ihm Zara zur Verfügung stelle.

Man kann darin Upcycling, Demokratisierung oder ein interessantes Experiment sehen. Es fällt trotzdem schwer, darin keinen Verrat an der Liebe zur Handarbeit und der Philosophie der Couture zu erkennen, auf der sein gesamter Mythos basiert. Zara ist schliesslich der Antichrist der Couture. Es geht natürlich ums Geld. Um Reichweite und Relevanz im Mainstream. Aber darf es das nicht?

Selbst wenn: Warum muss das Galliano als Künstler entwerten? Schon Dior war keine Künstlerkommune, sondern ein gigantisches Luxusbusiness. Galliano war immer Fantast und Geschäftsmann, Couturier und Verkäufer, Künstler und jemand mit enormem Ego und Ehrgeiz.

"Vielleicht haben wir Galliano auf der einen Seite zum genialen, vom Kommerz unberührten Künstler romantisiert – und auf der anderen zum menschenhassenden Monster dämonisiert."

Und warum sollte ein rehabilitierter Mensch plötzlich in jeder Hinsicht ein besserer Mensch sein müssen? Galliano darf nach Geld greifen, eitel sein, schlechte Entscheidungen treffen und trotzdem seine furchtbaren Äusserungen bereuen. Er kann ein Genie im Atelier und gleichzeitig kommerziell gierig sein. Er kann Reue empfinden und noch immer wahnsinnig ehrgeizig sein. Vielleicht haben wir Galliano auf der einen Seite zum genialen, vom Kommerz unberührten Künstler romantisiert – und auf der anderen zum menschenhassenden Monster dämonisiert.

Dolce & Gabbana zum Beispiel wurden inzwischen so oft «gecancelt», dass man fast den Überblick verliert: 2015 wegen ihrer Aussagen gegen IVF und homosexuelle Familien, 2018 nach einer als rassistisch kritisierten China-Kampagne und den anschliessenden Social-Media-Eskalationen, Anfang 2026 wieder nach heftiger Kritik an einer nahezu ausschliesslich weissen Menswear-Show. Und trotzdem kuratierte Kim Kardashian wenig später eine ganze Show mit dem Haus, die alle feierten, später folgte eine Skims-Kollaboration. Das Label war irgendwann einfach wieder total okay.

Dolce & Gabbana blieben laut und überschrieben sich und ihre Skandale immer wieder mit Celebrity, Sex und Spektakel. Galliano handelte subtiler: Er produzierte irgendwann wieder so gute Mode, dass man einfach hinschauen musste. Was man von Dolce & Gabbana wirklich nicht im Geringsten behaupten kann.

"Und wo blieb eigentlich der grosse Aufschrei über Zara? Mit Galliano bei Zara dürften sehr viel mehr Menschen in Berührung kommen als mit seiner Retrospektive im Met"

Es stellte sich die seltsame Frage, ob Galliano jetzt «schon wieder» mit einer Met-Ausstellung geehrt werden dürfe – 15 Jahre nach jenem Tag, der sein Leben in ein Davor und ein Danach teilte. Dabei hat die Modebranche ihn doch schon längst wieder hereingelassen. Maison Margiela hat ihn beschäftigt. Die Presse hat seine Kollektionen gefeiert. Hollywood hat ihn getragen. Ein grosser Dokumentarfilm erzählte seine Geschichte.

Und wo blieb eigentlich der grosse Aufschrei über Zara? Mit Galliano bei Zara dürften sehr viel mehr Menschen in Berührung kommen als mit seiner Retrospektive im Met. Aber ausgerechnet das Museum hätte jetzt so tun sollen, als hätte Galliano keinen Platz in der Geschichte? Vermutlich wäre es erst posthum in Ordnung gewesen.

Das Met hatte übrigens geplant, seine problematische Vergangenheit ausdrücklich sichtbar zu machen: Der erste Teil von «Horizons» sollte Gallianos antisemitisches, rassistisches und anti-asiatisches Verhalten von 2010 und 2011, die Konsequenzen, seine Suchtbehandlung und seinen späteren Umgang damit behandeln. Kurator Andrew Bolton formulierte die Ausstellung gerade als Versuch, künstlerische Leistung neben ethischer Verantwortung zu betrachten. Das Museum hätte Galliano weder freisprechen noch canceln müssen. Sondern einfach nur vollständig erzählen. Genau so hätte diese Ausstellung funktioniert. Aber unsere Zeit funktioniert nicht so. Denn offenbar war selbst diese Ambivalenz zu viel.

"Für Anna Wintour ist die Absage eine Niederlage."

Natürlich spielt Anna Wintour eine Rolle. Sie war schon in den Neunzigerjahren eine seiner mächtigsten Förderinnen und half entscheidend dabei, ihn in Paris wieder ins Gespräch zu bringen. Sie blieb ihm auch nach 2011 verbunden. In der Ankündigung sagte sie, niemand verdiene eine Ausstellung dieser Grössenordnung mehr als John Galliano.

Im neusten Statement nannte Wintour Gallianos Entscheidung «sehr mutig» und erklärte, sie halte sie – schwer zu glauben – für richtig.

Für Anna Wintour ist diese Absage eine Niederlage. Schon im Rahmen des letzten Events musste sie heftige Kritik aushalten, nachdem Jeff Bezos und Lauren Sánchez Bezos als Geldgeber der Met Gala 2026 bekannt gegeben worden waren. Nun knickt das Met erneut dort ein, wo es besonders empfindlich wird: beim Geld. Berichten zufolge drohten Spender:innen damit, ihre Zuwendungen zurückzuziehen, sollte die Galliano-Ausstellung stattfinden.

All die grossen Worte über Kunst, Verantwortung, Aufarbeitung und zweite Chancen hielten offenbar genauso lange, bis die Finanzierung gefährdet war. Am Ende zählt wie immer: «follow the money».

"Warum wurde das nicht geklärt, bevor man die Ausstellung überhaupt ankündigte? Gallianos Vergangenheit war schliesslich kein plötzlich aufgetauchtes Detail"

Und dann stellt sich noch eine andere Frage: Warum wurde das nicht geklärt, bevor man die Ausstellung überhaupt ankündigte? Gallianos Vergangenheit war schliesslich kein plötzlich aufgetauchtes Detail. Auch dass eine Retrospektive über ihn Widerspruch auslösen würde, hätte niemanden überraschen dürfen.

Es ist anzunehmen, dass die 76-jährige Wintour nicht mehr allzu lange in ihrer heutigen Machtposition bleiben wird – wobei wir das auch schon seit 15 Jahren mutmassen. 2025 gab sie das operative «US-Vogue»-Tagesgeschäft an Chloe Malle ab, auch wenn sie weiterhin Global Editorial Director von «Vogue», Chief Content Officer von Condé Nast und die entscheidende Figur hinter der Met Gala ist.

Womöglich hatte Wintour sicherstellen wollen, dass Galliano jene institutionelle Anerkennung bekommt, die sie seinem Werk seit Jahrzehnten zuschreibt, solange sie diesen Einfluss noch hat. «Horizons» wäre deshalb auch ein Stück Wintour-Vermächtnis gewesen: die endgültige Würdigung ihres Landsmannes, für den sie ihre gesamte Karriere lang die Tür aufgehalten hat. Umso bemerkenswerter ist, dass sie dieses Projekt am Ende nicht durchsetzen konnte.

"Die Kleider verschwinden nicht, wenn wir ihren Schöpfer moralisch verurteilen. Und die Worte verschwinden nicht, wenn wir die Kleider bewundern"

Galliano ist kein Opfer der Cancel Culture. Seine unsäglichen Worte werden – wie er selbst sagt – für immer Teil seiner Geschichte bleiben. Wir müssen nichts vergessen und nichts beschönigen. Aber dürfen wir nicht Veränderung als Möglichkeit zulassen?

Die Kleider verschwinden nicht, wenn wir ihren Schöpfer moralisch verurteilen. Und die Worte verschwinden nicht, wenn wir die Kleider bewundern.

Ein Museum wie das Met hätte uns zutrauen sollen, zwei Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten.

 

 

Dieser Artikel erschien erstmals am 19.8.2026 und wurde am 1.9.2026 aktualisiert.

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