Ur-Om: Ein Besuch bei der wohl ältesten Yogalehrerin der Welt
Unsere Autorin weiss nicht recht, wie sie sich eine 104-jährige Yogalehrerin vorgestellt hat. Irgendwie übernatürlich? Erleuchtet? Jedenfalls sicher nicht so wie Charlotte Chopin.
- Von: Elena Lynch
- Bild: Unsplash
Die älteste Person, die ich kenne, ist meine Grossmutter väterlicherseits – und die ist 86 und dement. Vielleicht reizt es mich deshalb, eine 104-Jährige zu treffen, die so vital ist, dass sie noch immer Yogalektionen gibt. Charlotte Chopin hat mit 99 Jahren in der französischen Talentshow «France a un incroyable talent» Asanas, Yogastellungen, vorgezeigt. Das war der Beginn ihrer Bekanntheit. Danach haben Zeitungen und Magazine aus der ganzen Welt über sie berichtet. Sie wurde von Premierminister Narendra Modi nach Indien eingeladen und mit einem Orden ausgezeichnet. Bei ihr muss etwas zu erfahren sein über das gute, lange Leben, denke ich und organisiere ein Interview.
Charlotte Chopins Sohn Claude holt mich vom Bahnhof ab. In den 15 Minuten Autofahrt nach Léré, ziemlich genau in der Mitte Frankreichs gelegen, versuche ich ihn – 69, Glatze, Zwirbelbart – über seine Mutter auszufragen. Doch statt in Erinnerungen zu schwelgen, ihre besonderen Gewohnheiten oder philosophischen Weisheiten zu verraten, sagt er, dass ich ja gleich die Gelegenheit haben werde, selbst mit ihr zu sprechen. Okay.
Ich finde Charlotte Chopin im Wohnzimmer. Sie sitzt in einem weissen Ledersessel, der sich wie ein Zahnarztstuhl an verschiedenen Stellen elektrisch verstellen lässt – und zu hoch für sie ist. Ihre Füsse, in weissen Turnschuhen, hängen in der Luft wie die eines Kindes. Ich spreche Deutsch mit Charlotte Chopin, die 1922 in Trier geboren ist. Aber schon auf meine erste Frage sagt sie: «Ich höre nicht gut, Sie müssen ein bisschen lauter sprechen.» Ihr gutes Hörgerät sei gerade in Reparatur, erfahre ich, und der alte Apparat scheint nicht sonderlich viel zu übertragen.
«Was wollen Sie wissen?», fragt sie.
«Was ist Ihre erste Erinnerung?», frage ich.
«Hm?», sagt sie und schaut hilfesuchend zum Sohn.
«Erste Erinnerung», ruft er. «Qu’est que tu te rappelles en premier? Comme enfant.»
«Was ich noch weiss: Ich habe meiner Grossmutter die Haare gekämmt», sagt sie.
«Und wie alt waren Sie da?», frage ich.
«Wie alt ich da war? Ungefähr zehn oder elf», sagt sie.
«Eine schöne Erinnerung», sage ich.
«Hm?», sagt sie.
«Eine schöne Erinnerung!», rufe ich.
«Hm?», sagt sie.
So geht das zwei Stunden lang.
Ich habe noch nie eine 104-Jährige getroffen
Habe ich zu viel erwartet? Ein Wunder statt eines Menschen? Keiner der Artikel, die ich über Charlotte Chopin im Vorfeld gelesen habe, hat angedeutet, dass es schwierig werden könnte, mit ihr ein Interview zu führen. Die «New York Times» schrieb, sie spüre nur morgens beim Aufstehen ihr Alter, und der «Spiegel», dass ihr Gehör zwar etwas nachlasse, ihr aber sonst nichts fehle.
"Zeitungen aus der ganzen Welt haben über sie berichtet. Bei ihr muss etwas zu erfahren sein über das gute Leben"
Irgendwann schreie ich ihr nur noch französische Bruchstücke ins Ohr und erfahre auf diese ineffiziente Interviewweise, dass ihre Familie von Trier nach Mainz und von Mainz nach Mülhausen zog und 1940 von der besetzten in die freie Zone nach Südfrankreich flüchtete. Ihre Familie hat deutsche Juden und Kommunisten beherbergt, während sie als Sekretärin beim Roten Kreuz arbeitete und ihren ersten Mann geheiratet hat.
Nach dem Krieg liess sie sich scheiden und zog zurück nach Mülhausen; später arbeitete sie in Baden-Baden bei der Generalkommission für deutsche und österreichische Angelegenheiten in der französischen Besatzungszone. Mit ihrem zweiten Mann, auch er Franzose, zog sie für sein Import-Export-Geschäft zuerst nach Kamerun, dann nach Togo. 1959 kehrte sie mit ihrer Familie nach Frankreich zurück. Ihre vier Kinder seien ihr das Liebste im Leben, sie hat acht Enkel und neun Urenkel.
Mitten im Schreiinterview holt Chopin das Fotoalbum
Das ist ihr lieber, als auf meine anstrengenden Fragen zu antworten. Sie hüpft aus ihrem Sessel, als würde sie von einer Schaukel auf den Boden springen. Schwarz-Weiss-Fotos zeigen sie als «Lotti» in Trier bei einem Kindergeburtstag und als junge Frau mit Cowboyhut und seitlich ausbeulenden Reiterhosen während des Weltkriegs in Agen, wo sie sonntags Reitunterricht genommen hat. Zeitungsausschnitte über sie mit 84 beim Bogenschiessen. Mit dem Bogenschiessen war es wie mit dem Yoga: Jemand motiviert sie, mitzukommen, und irgendwann ist sie wegen ihres hohen Alters in der Zeitung.
Zum Yoga kam sie mit fünfzig über eine Freundin. Selbst zu unterrichten begann sie mit sechzig, um sich nach ihrem Umzug nach Léré nicht zu langweilen. Sie habe in ihrem Leben viel Anpassungsvermögen an den Tag legen müssen, sagt ihr Sohn, aber anstatt sich über die ständig sich ändernden Umstände zu beschweren, habe sie versucht, sich einzufügen und einzurichten. «Glück bedeutet nicht, alles zu haben, was man sich wünscht, sondern das zu lieben, was man hat», steht auf einem Schildchen, das in ihrem Wohnzimmer an eine Tischlampe lehnt.
Die Sprichwörter, mit denen sie sich umgibt, scheinen mehr über Charlotte Chopin zu sagen als sie oder ihr Sohn.
Ich bitte Charlotte Chopin, mich durch das Haus zu führen, in der Hoffnung, auf diesem Weg etwas darüber zu erfahren, was diese Frau so unverwüstlich macht. Sie hat einen stabilen Schritt und steigt die steile Treppe zum Schlafzimmer hoch, ohne sich am Geländer festzuhalten.
Ihre Lebensgeschichte ist Weltgeschichte
Das wird beim Gang durch das Haus deutlich: Orden und Medaillen, die ihr Mann für seinen Beitrag in der Résistance erhalten hat; ein Dolch mit der Aufschrift «Alles für Deutschland», von dem weder sie noch ihr Sohn weiss, wie er in Familienbesitz gekommen ist; ein Buch über Heinrich Himmler neben einem über Konfuzius; eine Bronzemedaille, auf der in gotischer Schrift steht: «Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur». Fragt man sie, was sie im Leben gelernt hat, zitiert sie diesen Spruch.
Auf der Hinfahrt hat mir Claude erzählt, dass am Mittag eine Sendung von Télévision Française 1 (TF1) ausgestrahlt wurde, in der Charlotte Chopin zum Schluss sagt, dass sie bis 200 Yoga unterrichten will. Aussergewöhnlich alte Menschen wie Charlotte Chopin scheinen eine Anziehungskraft auf uns Normalsterbliche auszuüben. Wir fahren zu ihnen, fragen sie nach ihren Essgewohnheiten, Tagesabläufen, Beziehungen, Sportroutinen, Lebenseinstellungen. Ihr Am-Leben-Sein birgt die Hoffnung, dass auch wir mehr Zeit auf der Welt haben könnten als die Statistik für uns vorsieht: für Frauen in der Schweiz durchschnittlich 85.9 Jahre, für Männer 82.4.
Dabei suchen wir vor allem ein einfaches Rezept, das sich im Alltag anwenden lässt und uns nicht direkt in die Selbstoptimierungshölle schickt. Über die Französin Jeanne Calment, die mit 122 Jahren und 164 Tagen verifizierterweise ein so langes Leben gelebt hat wie niemand sonst, hiess es, dass sie Stress scheute, Schokolade liebte, regelmässig Portwein trank, rauchte, viel Olivenöl benutzte und mit hundert Jahren noch Fahrrad fuhr. Aha.
Und Charlotte Chopin? Die «New York Times» bringt ihr hohes Alter mit ihren vielen sozialen Kontakten in Verbindung, der «Spiegel» mit dem vielen Gemüse, dem wenigen Fleisch und dem abendlichen Glas Rotwein. Was ihr Geheimnis sei? Mit dieser Frage bringe ich sie und ihren Sohn zum Lachen. Immer dieselbe Frage! Dabei hatte sie doch einfach Glück, sagt Charlotte Chopin. Glück! Glück, in dieses und nicht in ein anderes Leben geboren zu sein; Glück, das Leben bis hierhin durchgestanden zu haben, trotz all der Widrigkeiten, die sich in 104 Jahren halt ergeben; Glück, gesund geblieben zu sein. Gott gegeben, eben.
Die Frage aller Fragen
Dass ich mit derselben Frage ankomme wie alle Journalist:innen vor mir, macht mich verlegen. Dabei habe ich sie doch nur gestellt, weil ich irgendwann ahne, dass ich auf die anspruchsvollen Fragen, die ich mir auf acht A6-Seiten notiert habe, keine Antwort bekommen dürfte: Was hat Yoga in Ihrem Innern verändert? Welche Charaktereigenschaft hat Ihnen in Ihrem langen Leben am meisten gedient? Wovor fürchten Sie sich? Was träumen Sie? Was bereuen Sie? Nervt es Sie, über das Altsein ausgefragt zu werden? Gibt es etwas, das Sie vor Ihrem Tod noch sagen oder machen wollen? Als ich eine von ihnen stelle, sagt ihr Sohn, dass das zu abstrakt sei für seine schwerhörige Mutter und ich besser beim Konkreten bleibe. Also gut.
«Haben Sie eine Lebensphilosophie?», frage ich sie.
«Ich bin gern mit Freund:innen, ich gehe gern spazieren. Was soll ich sagen? Ich lebe gern! Und: Ich lese gern. Jeden Abend gehe ich ins Bett, nicht um zu schlafen, sondern um zu lesen», sagt sie.
«Was lesen Sie?», frage ich.
«Agatha Christie», sagt sie und kichert ihr kindliches Kichern.
Und tatsächlich: Auf ihrem Nachttisch entdecke ich eine Kurzgeschichtensammlung von Agatha Christie. Und unten auf dem Küchentisch liegt «Die Kameliendame» von Alexandre Dumas. Ihr Sohn sagt, sie habe den Roman aus dem Regal herausgeholt, als die pinke Kamelie in ihrem Garten zu blühen begonnen habe. Die Kamelie ist langlebig, wie Charlotte Chopin.
Wenn sie eine Yogapose wäre, welche?
Jetzt stellt die schon wieder so eine bescheuerte Frage, dürfte Charlotte Chopin dabei denken, antwortet aber anständig: Den Kopfstand, doch den mache sie, seit sie hundert geworden ist, nicht mehr. Warum diese Yogapose? Uff, sagt sie, darauf könne sie keine Antwort geben. Und weil sie eher eine praktische als philosophische Person zu sein scheint, fragt sie mich dann, ob ich nachher mit in die Yogastunde käme. Ja.
Sie müsse sich noch kämmen, sagt sie und verschwindet im Bad. Eine Yogaschülerin wird sie gleich mit dem Auto abholen. Ihr weisses Haar wirbelt auch nach dem Kämmen noch wild. Auf ihre Lippen hat sie pinken Lippenstift aufgetragen, über die Schultern einen dünnen beigen Mantel geworfen und um den Hals ein helles Halstuch mit Rosen gebunden. Los gehts!
Bevor Charlotte Chopin ins Auto steigt, fragt sie mich nochmal nach meinem Namen und sagt dann zu ihrer Schülerin: «C’est Elena.» Die Frau erzählt, sie gehe seit acht Jahren zu Charlotte Chopin in die Yogastunde, habe bei ihr grosse Fortschritte gemacht, weil sie streng auf die Ausrichtung achte bei den Asanas. Sie möge den Kurs aber auch, weil die Klasse klein und die Lehrerin sehr liebenswert sei.
Seit ich Yoga mache, vergesse ich, dabei an die Atmung zu denken und den Kopf zu heben. Charlotte Chopin erkennt das in den ersten fünf Minuten. «Achte auf die Atmung!», sagt sie zu mir. Und: «Lève la tête!», «Kopf heben!». Als sie mich am Schluss ausserdem motiviert, den Kopfstand zu üben, die dritte Sache, mit der ich im Yoga ein Problem habe, fühle ich mich von der 104-Jährigen durchschaut.
"Das schaffe ich nicht mehr, sagt sie bei einer Position. Yoga habe sie Gelassenheit gelehrt"
Neben mir nehmen an diesem Mittwoch im März noch drei Frauen zwischen 35 und 65 Jahren und Claude an der Yogastunde teil. Für mehr Matten bieten die zwanzig Quadratmeter nicht Platz. Der Raum befindet sich in einer ehemaligen Polizeistation in Léré, hat einen schwarzen Teppichboden und apricotfarbene Wände.
Yoga für fünf Euro
Als Charlotte Chopin angefangen hat, hier Yoga zu unterrichten, schickte die britische Premierministerin Margaret Thatcher gerade Truppen auf die Falklandinseln, war der Kalte Krieg in vollem Gange, veröffentlichte Michael Jackson das Album Thriller und der Film «E.T.» kam in die Kinos. 1982. Seither scheint sich wenig verändert zu haben: Charlotte Chopin unterrichtet dienstags, mittwochs, donnerstags Yoga, verlangt für die Stunde fünf Euro pro Kopf, demonstriert die Asanas auf einer Weichschaummatte aus dem Baumarkt und trägt dunkelblaue Baumwoll-Leggins mit weissen Blumen darauf.
Charlotte Chopin leitet zum Drehsitz, zur Libelle, zur sitzenden Vorwärtsbeuge, zum Hund, zum Dreieck an. Beim Baum, einer Stellung, bei der man auf einem Bein steht, lehnt sie sich mit dem Rücken an die Wand, für bessere Balance. Und als sie sich im Boot, mit angehobenen Beinen in einem V sitzend, nicht stabilisieren kann, lässt sie die Übung einfach sein und sagt: «Das schaffe ich nicht mehr.» Yoga habe sie Gelassenheit gelehrt, sagt sie.
Nach der Yogastunde zieht Charlotte Chopin das Metallgitter vor die gläserne Eingangstür der Polizeistation. Es ist einer dieser ersten Frühlingsabende. Die Luft frisch, der Himmel hell. Charlotte Chopin stellt sich noch kurz zu ihren Schülerinnen, scherzt, strahlt. Dann läuft sie von der Polizeistation zum Auto – und fällt hin.
«Ah non!», ruft Claude, «Das Trottoir! Du hast nicht auf das Trottoir geachtet. Wo hast du dir wehgetan?» «An den Beinen», sagt sie, bäuchlings auf dem Boden liegend, «Oh, là, là!» Das Blut färbt die weissen Blumen auf ihrer Baumwoll-Leggins dunkelrot. «C’est pas grave», sagt sie während der Autofahrt. Nicht weiter schlimm. Beim Aussteigen stöhnt sie dann doch.
Es klingt seltsam, doch der Sturz verleiht unserem Treffen eine Tiefe. Bis hierhin war Charlotte Chopin diese 104-Jährige, die seit 44 Jahren Yoga unterrichtet, diese scheinbar Unsterbliche, die von allen über das Altern ausgefragt wird. Und dann stolpert sie einfach über eine Unebenheit in der Strasse. Charlotte Chopins stoische Ruhe, ihre scheinbare Unerschütterlichkeit ist weg, als sie bei sich im Bad auf einem Stuhl sitzt, ihre blutige Baumwoll-Leggins auf dem Boden, und sich von ihrem 69-jährigen Sohn ihre Schürfwunde verarzten lässt. Sie japst, als er ihr Wasserstoffperoxid auf das offene Knie tupft. Zum ersten Mal hat Charlotte Chopin etwas Endliches.
Sterben ist das Ende des Menschen
Die endgültige Niederlage, um die wir nicht herumkommen, egal, was wir noch erfinden. Das macht Angst. Wollen wir darum so dringend, dass es auf ewig weitergeht? Malen wir uns darum ein Weiterleben im Himmel, im Paradies, in der Wiedergeburt aus? Tun wir darum so, als würde Charlotte Chopin wieder und wieder auferstehen, indem wir uns erzählen, dass sie, nachdem sie sich mit hundert Jahren bei einem Autounfall das Brustbein brach, drei Monate später wieder Auto fuhr und wieder Yoga unterrichtete? Oder dass sie nach dem Sturz während meines Besuchs zwar die Yogastunde am Donnerstag hat ausfallen lassen, aber am Montag wieder Auto fuhr und am Dienstag Asanas anleitete?
Dabei ist doch klar: Auch Charlotte Chopin wird sterben.
«Haben Sie Angst vor dem Tod?», frage ich sie im Interview vor der Yogastunde.
«Nein», sagt sie.
«Warum nicht?»
«Ich habe Angst davor, krank zu sein, aber nicht davor, zu sterben.»
«Welchen Tod wünschen Sie sich?»
«Dass ich sanft gehen kann», sagt sie und schaut zu ihrem Sohn.
«Sind Sie religiös?», frage ich.
«Nein, ich gehe nicht in die Kirche, aber ich bete jeden Morgen.»
«Und wofür beten Sie?»
Sie lacht: «Das ist ein Geheimnis».