Werbung
Leitner lamentiert: Seid ihr noch dünn oder schon skinny fat?

Leitner lamentiert: Seid ihr noch dünn oder schon skinny fat?

Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: Warum es nicht mehr reicht, einfach schlank zu sein.

Ich habe keine Hüftknochen. Also ich habe natürlich schon welche, aber die liegen tief in meinem gebärunfreudigen Becken unter irgendwelchen Schichten. Als ich sechzehn war, machte mich das traurig.

Die Haut meiner Freundinnen war meist tief gebräunt von stundenlangen Lagebesprechungen im Freibad, die Jeans sass tief und aus dem Glitzergürtel ragte oft ein Paar beneidenswerter, messerscharfer Hüftbeine, über die sich die jugendlich glühende Haut spannte – so straff, dass sie sofort aufzuplatzen drohte, stösse man sich an einem Türrahmen oder Ähnlichem. Das zumindest redete ich mir ein. Weil ich neidisch war. Viel zu gefährlich, sagte ich mir dann und schaute künstlich erleichtert an meinem nach innen gewandten Knochenbau herunter, an dem nix spannte bis auf die Hose vielleicht, wenn ich meinem frühen Dasein als Lebefrau zu sehr gefrönt hatte.

Etwa zwanzig Jahre hatte ich meine Ruhe vor der Knochensehnsucht und dem schmerzhaften Akzeptieren zu eng stehender Schenkel, bevor das Unheil jetzt wieder angeschlichen kam. Aber was damals schlimm war, ist nun tatsächlich schlimmer: Es reicht nicht mehr, schlank zu sein. Wer nur schlank ist, ist nämlich ziemlich sicher skinny fat.

The lean dream? Mean!

Man müsste meinen, ich hätte längst gelernt, mich in meinem Körper zuhause zu fühlen. Im Grunde ist dem auch so: Es ist in Ordnung, dass ich statt einer hotten Sanduhr-Figur immer eine stabile Standuhr-Figur haben werde. Ich war nie mehrgewichtig, immer schlank, vielleicht mal etwas unsportlicher. Aber eben auch nie skinny. Wobei unter dieser elenden Zuordnung vermutlich auch jede:r etwas anderes versteht. Dass man Körper gar nicht erst klassifizieren sollte, ist ein anderes Thema (guilty).

Die fulminante Rückkehr des Hüftknochens jedenfalls hat alte Wunden aufgerissen, ich kann mich nicht entziehen, so sehr ich auch will. Ich verspüre eine innere Ur-Unruhe, die meine Fettreserven anzapft und mich manisch auf Social-Media-Posts von Frauen klicken lässt, die mir anhand von Vorher-Nachher-Bildern und Reels beweisen, dass man es schafft, sein skinny fat zu verlieren, den Knochen freizulegen und «lean» zu werden.

Übersetzt heisst «lean» «mager», aber weil das vermutlich alarmierend ungesund klingt, bleibt man besser beim englischen Wort. Wer einen lean body hat, verfügt über einen definierten, nahezu fettfreien Körper. Was an den ersten, vermeintlich fetten Versionen der Vorher-Nachher-Bilder falsch sein soll, habe ich mich erst gefragt. Je länger ich sie mit den überarbeiteten Versionen vergleiche, umso lauter und öfter schrillen jetzt die Alarmglocken: Scheisse, da haben wir's, ich bin skinny fat!

Wer skinny fat ist, hat oft einen normalen BMI, weist aber einen vergleichsweise hohen Körperfettanteil und zu wenig Muskelmasse auf.  Und viszerales Fett – also Fett, das sich um Organe wie Leber oder Darm lagert – erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das mag sein. Das ist nicht gut. Was aber wohl noch schlimmer ist: Die Frauen in den sozialen Medien sind wirklich sehr, sehr dünn. Und neben Tipps für steinharte Bauchmuskeln bekommt man auch solche, die einen helfen sollen, lean zu bleiben, ganz ohne seine Periode zu verlieren. Die geht nämlich flöten, sobald der Körper in den Überlebensmodus schaltet. Man erkennt mit ein bisschen gesundem Menschenverstand schnell: Das ist doch gefährlich.

Skinny fat, weil faule Sau

Obwohl ich sehe, wie problematisch dieser Trend ist, macht er mich völlig irre. Ich bin eine, die sich beschwert, aber nicht handelt. Eine, die schlecht Nein sagen kann. Weder zu allem, was lecker ist, noch zu Refills und am allerwenigsten zu einem guten Bett. Die Leute im Internet (und leider auch die im echten Leben) stehen zum Beispiel auch in den Ferien oder bei Businesstrips im Morgengrauen auf und joggen durch die fremde Stadt, haben ihre Turnschuhe überall dabei. Ich würde niemals die kostbaren Stunden in einem riesigen Hotelbett zugunsten eines Laufbands opfern, habe aber trotzdem, kaum erwacht, ein schlechtes Gewissen.

Ich investiere mein Geld lieber in überteuerte Butterbrote statt in Supplements. Oft entscheide ich mich gegen ein enges Top, weil mir mein Bauch so rund erscheint, als sei ich im fünften Monat schwanger. Ich weigere mich aber vehement, mich auf Unverträglichkeiten testen zu lassen. Lieber ein bisschen laktoseintolerant als käselos! Ergo: Ich bin skinny fat, weil ich faul (und ein bisschen dumm) bin. Dieser Trend bodyshamed mich nicht nur, er kritisiert auch meinen Charakter.

Bin ich selber schuld? Wäre es gar nicht so schwer, sich sichtbare Muskeln und Knochen an den Körper zu leben? Am wichtigsten sei es, konsequent zu sein, heisst es. Ernährung sei wichtig, zu wenig essen nicht die Lösung. In einen definierten Körper hungere man sich nicht hinein. Das klingt vernünftig. Man solle Protein priorisieren, viel zu Fuss gehen, schwere Gewichte heben und vor allem: wenn möglich, immer schön und zur selben Zeit dasselbe essen, keinen Alkohol trinken, früh ins Bett gehen. Manche Influencerinnen kokettieren sogar damit, langweilig zu sein. Auch wichtig: Lieb zu sich sein. Wer zu viel Cardio macht, stresst den Körper, er entzündet sich, klammert sich am Fett fest. Generell soll man alles vermeiden, was den Körper stresst: schlechter Schlaf, ein hohes Cortisol-Level, zu wenig Essen. Und: Spass.

Gibt es noch einen guten Grund, einen weichen Körper zu haben?

Es erscheint mir paradox, dass ein Phänomen namens Healthmaxxing – das systematische und exzessive Optimieren der eigenen körperlichen und mentalen Gesundheit – tatsächlich darauf abzielt, ausgezehrt auszusehen. Laut Duden bedeutet das Wort «ausgezehrt» «körperlich stark geschwächt, völlig entkräftet oder abgemagert» zu sein – «lean» eben. Mir kann doch keine:r erzählen, dass ein Lifestyle achtsam ist, wenn er komplett unter Kontrollzwang steht.

Woher kommt diese neue noch extremere Welle der Selbstgeisselung unter dem Deckmantel des Wohlbefindens? Und was ist mit dem so juicy Phänomen der body positivity passiert? Restlos aufgefressen worden vermutlich – von all den Mid- und Plus-Size-Girls, die schmachvoll in ihrer Disziplinlosigkeit gefangen sind. War body acceptance nur eine traurige Rechtfertigung dafür, das mit dem eigentlichen Schönheitsideal nicht hinzukriegen? Eine Ausrede, die man jetzt nicht mehr braucht, weil es schliesslich die Abnehmspritze Ozempic gibt, die alles richtet?

Vermutlich reicht deshalb auch schnödes Dünnsein nicht mehr aus. Weil dank Ozempic und ähnlichen Wirkstoffen inzwischen sehr viele Menschen schlank sein können – und Schmalsein weder genetisches Privileg noch ein Zeichen von Disziplin und Härte mehr ist. Vermissen wir das? Dieses Bessersein? Das Andere-schlecht-fühlen-lassen? Wer richtig trainiert und isst, zeigt: Schaut her, ich mache immer noch mehr als ihr. Ich bin nicht nur künstlich skinny, sondern dank harter Arbeit straff bis in die Achselhöhle. Dabei soll man sich doch nicht stressen?

Es gibt also eigentlich keinen einzigen guten Grund mehr, einen weichen Leib mit sich herumzuführen. Oder? Eine Freundin trug letztens ein Kleid, das ganz kompromisslos keine Delle, keinen Hügel und keine Rolle kaschierte. Sie habe getanzt, alles an ihr habe gewackelt, sie habe sich selbst so gespürt, sich selbst so genossen, ihr Körper habe furchtbar Spass gemacht. Und weil ein Körper eben genau Spass machen soll und darf und muss, war sie diejenige, die ein paar Tage später die Nummer dieses einen Typen zugesteckt bekam, den alle anderen den ganzen Abend angehimmelt hatten. Wir sind also alle weder skinny fat, fat noch sonst irgendwas – wir sind schlicht am Leben. Und stehen im fucking Saft.

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
2 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt
Martina

Liebe Linda, wenn das eigene Gehirn anfällig ist für diese Reize, gibt es meiner Erfahrung nach nur eins: Kompletter Detox, raus aus social media. Auch die Reflexion darüber wirkt nur bedingt, weil im Kopf wieder die gleichen Schaltkreise aktiviert sind. Stattdessen: Mit der Empfindungsfähigkeit des Körpers in Kontakt kommen. Füsse in den Fluss, beim Spazieren dem Wind in den Blättern lauschen, eine Katze streicheln. Mir persönlich hat auch Körpertherapie geholfen, alte Prägungen abzustreifen. Aber auch das Bewusstsein: Mein Gehirn bleibt anfällig für gewisse Dinge und es braucht Achtsamkeit, um nicht immer wieder in den gleichen Sog zu geraten.

Wie gefällt dir dieser Artikel?

Loading spinner
Mrija

…und am Ende geht es doch nur darum, wer die Nummer von irgendeinem «Typen» zugesteckt bekommt. Was für ein trauriges Fazit!

Wie gefällt dir dieser Artikel?

Loading spinner