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Kolumne

Kolumne "Sandwich": "Mein Hals ist plötzlich achtzig!"

Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal beobachtet Michèle Roten, wie ihr Sohn plötzlich kein Kind mehr ist und das eigene Älterwerden unübersehbar wird.

Ich weiss nicht, ob ich mir jemals wirklich Gedanken zu den Übergängen zwischen Lebensphasen gemacht habe. Jedenfalls war es ein Schock, als ich neulich meinen Sohn beobachtete und feststellte, dass er kein Kind mehr ist. Das Narrativ von der Pubertät lässt uns glauben, dass das ein langsamer Prozess ist, ein stetiges Anwachsen von Mini-Veränderungen, und sobald diese Veränderungen überhandgenommen haben, sobald mehr von ihnen da sind als vom Nährboden, dem Kind, in diesem Fall meinem Sohn, ist er ein Jugendlicher.

Irgendwie so dachte ich mir das. Tatsächlich gab es natürlich schon Veränderungen, vor allem körperliche, und die Stimme klingt anders beim Lachen, aber er war immer noch das Kind, das ich seit 13 Jahren kenne. Doch neulich schaute ich ihm zu, wie er vom Sofa aufstand und wusste: Jetzt ist es passiert. Etwas an seiner Haltung, seinem Gesichtsausdruck, seiner Präsenz hatte sich verändert.

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Seither geht es wahnsinnig schnell. Ich entdecke täglich Veränderungen, an seinem Humor, seiner Mimik, seiner Gestik, ich sehe, dass das, was er wird, schon ganz fertig in ihm steckt. Momentan oszilliert er zwischen Kind und Jugendlichem, ist mal das eine, dann das andere, aber ich weiss, dass das Oszillieren in ein Flimmern und dieses wiederum in einen neuen Zustand übergehen wird, und das schneller, als ich verarbeiten konnte, dass mein Kind kein Kind mehr ist.

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"Ich war sehr lange einfach erwachsen und jetzt werde ich alt"

Gerade befinde ich mich in einer ähnlichen Situation. Ich war sehr lange einfach erwachsen und jetzt werde ich alt. Ich wollte schreiben «langsam alt», aber das stimmt nicht. Es geht rasend schnell. Während sich aber interessanterweise die körperlichen Veränderungen meines Sohnes nicht auf mein Erlebnis von ihm auswirkten – er fühlt sich auch mit Schuhgrösse 42 noch nach Kind an –, mache ich dieses Altwerden bei mir eigentlich nur an physischen Veränderungen fest. Mein Hals zum Beispiel war eines Morgens plötzlich achtzig. Ich verbrachte ein ganzes Leben, ohne auch nur einen Gedanken an meinen Hals zu verschwenden, und lebe jetzt den Rest im Versuch, nicht an meinen Hals zu denken.

Vor ein paar Monaten stellte ich fest, dass meine Beine nicht mehr so aussehen wie immer. Sie sind dellig und werden perverserweise noch delliger, wenn ich die Muskeln anspanne. Über meiner Kniescheibe staut sich die Haut in traurige Falten. Letzten Sommer trug ich noch kurze Hosen und Jupes, jetzt nicht mehr. (Für die Abhandlung darüber, wie meine Kleidungsentscheidungen mit dem patriarchal-sexistischen Frauenbild unserer Gesellschaft zusammenhängen, haben wir noch viel Zeit in dieser Kolumne.) Das mit den Shorts und Jupes ist kein grosser Verlust für mich, aber festzustellen, dass sich Dinge verändern, und zwar schnell, ist nicht einfach. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wär schön, man würde sich auch an Veränderung gewöhnen.

Die Kolumne «Sandwich» startete am 4. April 2025 im Heft. Claudia Senn und Michèle Roten wechseln sich dabei von Ausgabe zu Ausgabe ab; in der Sommerserie erscheint jeden Freitag eine Kolumne.

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3 Comments
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Joan

Ja genau, die Knie……….. so gut beschrieben! Nur Mut!

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Elly

Danke für die ehrlichen, gut geschrieben Zeilen. Bei mir: Auch die Knie, die Dellen, die Krampfadern, winzige Brüste, schlafferes Gesicht – aber dafür etwas mehr Weisheit, Verständnis, ein grosses Herz, tiefe Beziehungen, mehr Freiheit.

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Last edited 1 month ago by Elly
Carolin

Uff ich bin 59, trage Permudas , Shorts und übrigens auch Kleider ohne Ärmel….

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