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Mounia Akl:

Mounia Akl: "Die Menschen im Libanon haben riesige Herzen"

In "A Sad and Beautiful World" spielt Regisseurin Mounia Akl eine Frau, die den Libanon verlassen will. Im echten Leben ist ihre Beziehung zur Heimat komplizierter: Es geht um Liebe, Krisen, Beirut und die Frage, wie man Hoffnung behält, wenn ein Land immer wieder zusammenbricht.

«A Sad and Beautiful World» von Cyril Aris ist ein wunderbarer Film: Zwei Kinder kommen in Beirut während des Bürgerkriegs gleichzeitig zur Welt, werden beste Freunde, verlieren sich und werden später ein Paar. In ihrer Liebesgeschichte spiegeln sich die Hoffnungen und das Leid mehrerer Generationen sowie die Frage, ob es möglich ist, inmitten der tragischen Ereignisse, die den Zederstaat heimsuchen, sein Glück zu finden. Die Hauptrolle spielt Mounia Akl, eigentlich keine Schauspielerin, sondern eine der erfolgreichsten libanesischen Regisseurinnen, die ganze Netflix-Serien stemmt. Dennoch leiht die 37-Jährige diesem eigenwilligen, zärtlichen Film ihr Gesicht.

annabelle: Mounia Akl, Sie sind eigentlich Regisseurin. Warum haben Sie sich für diesen Film als Schauspielerin vor die Kamera gewagt?
Mounia Akl: Ich habe es für den Regisseur Cyril Aris gemacht, meinen besten Freund. Aber auch professionell fand ich die Erfahrung interessant: Ja, ich bin Regisseurin, und vor der Kamera verlasse ich meine Komfortzone. Ich schreibe an meinem zweiten Film und habe zuletzt mehrere TV-Serien inszeniert, darunter «Boiling Point» und die Netflix-Serie «House of Guinness». Plötzlich den Hut als Regisseurin abzulegen und die Kontrolle abzugeben, war schwierig, aber dann auch erholsam: Ich musste mich mal um niemanden kümmern, nicht jede Frage beantworten, sondern mich nur mit meinen eigenen Emotionen beschäftigen. Das ist selten.

Wie lange dauerte es, bis Sie die Kontrolle tatsächlich abgeben konnten?
Ein paar Tage. Cyril bemerkte meine Anspannung. Ich hatte Angst, ihn zu enttäuschen. Bis er irgendwann sagte: «Mounia, ich vertraue dir. Du bist die Richtige für diese Rolle. Lass los.» Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit.

Wenn man betrachtet, was Sie erreicht haben, Spielfilm, internationale Serien, Netflix, wirkt Ihre Karriere fast geradlinig. War sie das?
Überhaupt nicht. Filme haben mich zwar seit meiner Kindheit fasziniert. Wenn meine Familie zusammenkam, hatte das meist mit Geschichten zu tun, mit einem Buch oder Film. Ein Onkel war Pianist, eine Tante Opernsängerin, ich war von Kunst und Kultur umgeben und wusste früh, dass ich selbst Geschichten erzählen wollte. Doch als ich studieren wollte, machte mir die Vorstellung, Film zu wählen, Angst.

Warum?
Im Libanon gab es dafür kaum Infrastruktur. Also wählte ich die vermeintlich sichere Alternative: Architektur. Mein Vater ist Architekt und sagte: «Finde erst heraus, ob du wirklich Filme machen willst oder ob du sie nur gern ansiehst. Wenn deine Leidenschaft nach dem Studium noch da ist, unterstütze ich dich.» Als Architekt in einem Land, das immer wieder auseinanderfällt, wusste er, wie schwierig es ist, dort einen kreativen Beruf auszuüben.

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"Man fragt sich immer: Wie lange wird dieser friedliche Moment dauern?"

Ganz vom Film fernzuhalten waren Sie offenbar nicht.
Nein. Um meinen Frust aufzufangen, meldete er mich bei einem Theaterkurs an. Dort lernte ich Cyril kennen. Er arbeitete als Unternehmensberater und war ebenfalls frustriert, weil er gerne Filme drehen wollte. Bis heute ist er mein kreativer Seelenverwandter. Zum Spass drehten wir einen Kurzfilm und teilten uns Regie und Rollen. Unser Glück: Ein grosser libanesischer TV-Sender griff ihn auf, sendete ihn und gab uns einen Folgeauftrag. Am Tag, an dem ich mein Uni-Diplom bekam, zogen Cyril und ich nach New York, um Film an der Columbia University zu studieren.

Wann merkten Sie, dass es trotz oder gerade wegen Ihrer Herkunft funktionieren könnte?
In New York, als ich eigene Geschichten schrieb. Mein Abschlussfilm «Submarine» lief in Cannes und Toronto und wurde zum Türöffner. Da hatte ich das Gefühl, die richtige Filmsprache gefunden zu haben: den magischen Realismus. Daraus entstand mein erster Spielfilm «Costa Brava, Lebanon». Darin ging es um mein Land, und er öffnete weitere Türen: Das Team von «Boiling Point» sah ihn auf einem Festival und bot mir die Regie der zweiten Serienhälfte an. Danach engagierte mich Netflix für «House of Guinness».

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Sie gehören zu einer weiteren Generation, deren Leben immer wieder von politischen Krisen geprägt wurde. Ist das auch der Pulsschlag von «A Sad and Beautiful World»?
Ich trage meine Heimat in mir. Die Menschen haben riesige Herzen. Ich liebe die Landschaft des Libanon, die Kultur, das Essen und diese ungeheure Lust am Leben. Egal, wohin ich gehe: Ich bekomme Heimweh. Gleichzeitig ist das Land von Krisen und Zusammenbrüchen geprägt. Es fällt immer wieder und steht wieder auf. Vielleicht ist gar nicht die Krise selbst das Schwierigste, sondern das Warten zwischen zwei Krisen. Man lebt ständig in diesem Zwischenzustand. Deshalb leben wir vermutlich so intensiv und manchmal auch so neurotisch. Man fragt sich immer: Wie lange wird dieser friedliche Moment dauern?

War Ihre Kindheit eher friedlich?
Ich wurde 1989 geboren, dem Jahr, in dem der Bürgerkrieg endete. Meine Kindheit war wunderschön. Viel davon spielte sich im Garten meines Grossvaters ab, sehr geschützt vor der politischen Realität. Heute würde ich sagen: Es war eine lange Phase zwischen zwei Krisen. Als Teenager wurde es schwieriger. Gegen Ende meiner Zwanziger kamen dann die Revolution, die Pandemie und die Explosion im Hafen von Beirut.

"Wir hätten alle sterben können"

War die Explosion vom 4. August 2020 der einschneidende Moment Ihres Lebens?
Ja. Ich war damals mit meinem Drehteam in einem Büro nicht weit vom Hafen entfernt. Wir hätten alle sterben können. Und in diesem Moment passierte etwas: Plötzlich verstand ich alles, was ich von meinen Eltern über den Krieg gehört und geerbt hatte, ohne es zuvor nachvollziehen zu können. Mein Körper sagte plötzlich: «Jetzt verstehe ich.» Cyril hat die Doku «Dancing on the Edge of a Volcano» gedreht, einen Film über Filmemacher:innen, die versuchen, nach dieser Katastrophe einen Film zu machen.

Was macht ein solches Leben mit einem Menschen?
Humor wird zu einem Werkzeug, um die Angst zu überleben. Es ist sehr schwer, Zukunftspläne zu machen. Man fragt sich sogar, was Liebe bedeutet: Kann Liebe gerade in einer Umgebung, die sich nicht sicher anfühlt, ein Gefühl von Sicherheit schaffen? Der Libanon ist ein Ort mit grösstem Potenzial, aber er ist innen und aussen von viel Dunkelheit umgeben. Die Frage ist, wie man sich dagegen wehrt, durch Kunst oder durch Kampf.

Sie leben heute in Beirut und London. Was vermissen Sie, sobald Sie im Ausland sind?
Vor allem die Spontaneität. Menschen, die wissen, wie kostbar der gegenwärtige Moment sein kann, besitzen eine Fähigkeit, aus dem Nichts magische Momente entstehen zu lassen. Ich möchte das Land nicht aus der Perspektive eines Expats romantisieren. Der Libanon hat enorm unter dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der Pandemie, der Explosion, jahrzehntelanger Korruption und den politischen Verwerfungen seiner Nachbarschaft gelitten, darunter die langjährige Herrschaft Bashar al-Assads in Syrien. Für mich gibt es dort ein schlagendes Herz, das dringend eine Wiederbelebung braucht. Das Land könnte so vieles sein. Dafür müssen wir kämpfen, gegen Korruption angehen und laut aussprechen, was sich verändern muss, ohne sein Potenzial nur romantisch zu verklären.

Welche Rolle spielt Religion für Ihre Generation?
Der Libanon besteht aus sehr vielen Glaubensgemeinschaften: Christ:innen, darunter Maronit:innen, griechisch-orthodoxe Christ:innen und Katholik:innen, sunnitische und schiitische Muslim:innen sowie Drus:innen. Aber viele von uns verstehen sich heute als säkular. Wir haben so viele Traumata aus religiös aufgeladenen Konflikten geerbt, dass wir Religion und Politik voneinander trennen wollen. Das ist mir sehr wichtig.

Der Film erzählt die schicksalhafte Liebe eines Paares, das konträre Haltungen zur Zukunft hat. Ist das exemplarisch dafür, wie eng das Private mit dem Politischen verknüpft ist?
Die meisten Libanes:innen haben ein beinahe toxisches, obsessives Verhältnis, eine Art Hassliebe zum Land. Man möchte dafür kämpfen, obwohl man gleichzeitig denkt, vielleicht sei man verrückt, sich überhaupt noch dafür zu engagieren. Nino ist ein hoffnungsloser Optimist, der im Land bleiben will. Yasmina, meine Figur, ist eine knallharte Pragmatikerin, die das Land verlassen will, um eine Zukunft zu haben. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich im Libanon jede:r.

Leben deswegen so viele Ihrer Landsleute in der Diaspora? Woran liegt es, dass sie sich scheinbar leicht in sehr unterschiedlichen Ländern zurechtfinden?
Wenn man ständig und sehr schnell Lösungen finden muss, entwickelt man die Fähigkeit, sich auf alles Neue einzustellen. Leider haben Libanes:innen sehr viel Erfahrung darin: Ein Problem taucht auf, okay, welche Optionen gibt es? Man lernt zu improvisieren.

Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung?
Ich bin mit unglaublich sturen Frauen aufgewachsen. Mit Frauen, die in einem Land, das ständig kollabiert, immer weitergebaut haben. Meine Grossmutter verlor ihren Mann sehr früh und hatte drei Töchter. Unsere Frauen hatten es mit Kriegen, gesellschaftlichen Hindernissen und einem patriarchalen System zu tun. Trotzdem sagten sie immer: «Ich werde lachen, ich werde sarkastisch sein und mich nicht kleinkriegen lassen.»

«A Sad and Beautiful World» läuft ab sofort im Kino

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