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Isabella Rossellini im Interview:

Isabella Rossellini im Interview: "Ich wäre lieber ein Hund, der im Bett liegt"

Isabella Rossellini weiss, wie es ist, auf ihr Aussehen reduziert zu werden. In Locarno spricht die Schauspielerin und Regisseurin darüber, was sie von ihrem Vater gelernt hat, warum Tiere erstaunlich moralisch sein können – und weshalb Schönheit für sie längst nicht mehr besonders interessant ist.

  • Von: Sanija Ameti
  • Bild: Paola Kudacki, Trunk Archive, ZVG Locarno Filmfestival

«Ich habe ein Dilemma», stellt Isabella Rossellini (74) gleich zu Beginn der Pressekonferenz klar, als sie nach ihrem Outfit gefragt wird. Die Grande Dame des Autorenkinos sitzt anlässlich ihrer Ehrung am 79. Locarno Film Festival vor uns: «Auf dem roten Teppich merkst du, dass die meisten den Film nicht gesehen haben, sondern da sind, um über dein Aussehen zu urteilen. Du steckst so viel Effort in einen Film, um ein feministisches Statement zu setzen, doch dann, wenn du den Film promotest, wirst du als Frau zum Objekt, obwohl du es dein ganzes Leben zu vermeiden versuchst, in diese Falle zu tappen.»

Über das Leben und seine Fallen erzählt Rossellini in ihrer Biografie «Some of Me» (1997). Darin schildert sie, wie sie im Alter von sieben oder acht Jahren der Falle zu entfliehen versucht, indem sie schwört, ein Mann zu werden: «Die Welt der Frauen erschien mir bei weitem nicht so reizvoll, frei und unterhaltsam wie die Welt der Männer.» Spürbar wird das Dilemma, wenn Rossellini über ihre Eltern und ganz besonders – dazu kommen wir später – über ihren Vater schreibt. Fast scheint es vorprogrammiert, dass Herkunft und Aussehen ihr Leben prägen werden: Ihre Eltern, der berühmte Regisseur Roberto Rossellini und die Schauspielikone Ingrid Bergman, die als «schönste Frau der Welt» bezeichnet wurde, bekommen ihre Kinder im Rom der Nachkriegszeit. Isabella Rossellini hat insgesamt sechs Geschwister, zwei leibliche Geschwister sowie vier Halbgeschwister.

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"Das Dilemma: Oberflächlichkeiten wie Aussehen und Herkunft können die Karriere einer Frau voranbringen, während die Öffentlichkeit sie zugleich danach beurteilt und das Wesentliche an ihr ignoriert"

Das anfangs erwähnte Dilemma besteht darin, dass Oberflächlichkeiten wie Aussehen und Herkunft gerade die Karriere einer Frau voranbringen können, während die Öffentlichkeit sie zugleich genau nach diesen Oberflächlichkeiten beurteilt und das Wesentliche an ihr ignoriert. Bei Rossellini wirkt diese Herkunft zunächst sogar hemmend: Es war erst der Fotograf Richard Avedon, der sie von ihrem Talent als Schauspielerin überzeugte. «Ich war eingeschüchtert, weil meine Mutter die grosse Schauspielerin Ingrid Bergman war. Avedon sagte zu mir: Du spielst bereits. Als Model zu arbeiten ist ein bisschen so, als wäre man ein Stummfilmstar. Du hast keine Worte, musst aber trotzdem Gefühle ausdrücken.»

Gleichzeitig öffnet ihr genau das, was sie einschüchtert, auch Türen. Während Rossellini noch als weitgehend anonymes Model arbeitet, lernt sie ihren späteren Ehemann David Lynch in einem Restaurant kennen: «Wir waren mit der Familie De Laurentiis dort und haben uns an denselben Tisch gesetzt. Er sagte: ‚Du siehst aus wie Ingrid Bergman.‘ Da schallte es: ‚Du Idiot, sie ist ihre Tochter!‘» Kurz darauf folgt Rossellinis Durchbruch als Schauspielerin in «Blue Velvet».

Sex, Schnecken und die Moral der Natur

Entsprechend irritiert ist die Öffentlichkeit, als Rossellini in Locarno nicht etwa «Blue Velvet», der sie auf die internationale Leinwand katapultierte, oder «Conclave», für den sie 2025 für einen Oscar nominiert wurde, zeigt, sondern ihre eigenen Kurzfilme «Green Porno», «Mammas» oder «Seduce Me». Darin führt Rossellini nicht nur Regie, sondern verkleidet sich gleich selbst und inszeniert die Paarungsrituale von Tieren und Insekten.

Hinreissend humorvoll spielt sie die unterschiedlichsten Sexualpraktiken – von jenen der Spinnen und Sardellen bis zum Sadomasochismus der Schnecken. Als Hamsterin, die selbst bestimmt, wie viele Kinder sie grossziehen kann, frisst sie die überzähligen Babys. Als Heckenspatz erklärt uns Rossellini die Polyandrie: «Meine Küken haben verschiedene Väter. In Zeiten, in denen das Futter knapp ist, nehme ich mir drei oder vier Ehemänner, um für die Familie zu sorgen.» Monogamie – eine Frau und ein Mann –, das sei nur etwas für die Reichen.

Sind Keuschheit und Selbstaufopferung wirklich so naturgegeben weiblich, wie es die göttliche Ordnung predigt? Die Verhaltensbiologie hat eine wissenschaftliche Antwort darauf: Nein. Und genau das zeigen Rossellinis Kurzfilme, in denen sie ihre wissenschaftlichen Kenntnisse aus ihrem Masterstudium einflechtet. Mit 66 Jahren schliesst Rossellini ihr Masterstudium in Verhaltensbiologie in New York ab, wo sie heute noch lebt. Das tierische Verhalten jenseits der Moral der Gesellschaft fesselt sie, seit ihr Vater Roberto ihr mit vierzehn Jahren ein Buch über Verhaltensbiologie schenkte.

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"Mein Vater blieb den ganzen Tag im Bett. Er hielt Besprechungen vom Bett aus. Sogar der Schneidetisch stand neben seinem Bett."

An Roberto Rossellini erinnert sich die Welt als einen der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte. Doch Isabella Rossellini erinnert sich in ihrer Biografie an ihren Vater mit dem dicken Bauch, der meistens im Bett lag: «Er blieb den ganzen Tag im Bett. Er hielt Besprechungen mit Mitarbeiter:innen, Studierenden und Produzent:innen vom Bett aus. Sogar der Schneidetisch stand neben seinem Bett. Man könnte es Faulheit nennen, ich allerdings verbinde körperliche Faulheit mit der Art von spiritueller und intellektueller Weisheit, die mein Vater besass.»

Die Beziehung zu ihrem Vater Roberto pflegt Rossellini nicht nur über die Erinnerung. In ihrer Biografie finden sich zahlreiche imaginäre Gespräche zwischen ihr und den Toten. Besonders oft konversiert sie darin mit ihrem Vater und erinnert sich etwa an ein Spiel, das er einen psychologischen Test nannte. Jedes Kind musste sagen, welches Tier es gerne wäre. Isabella Rossellini wäre damals gerne ein Schaf gewesen. «Ich bin ein Herdentier. [...] Auf Reisen habe ich schreckliches Heimweh und ich rede immer noch mit dir, obwohl du schon seit Jahrzehnten tot bist.»

Auf die Frage, mit welchem Toten sie zuletzt gesprochen habe, antwortet sie heute in Locarno: «Natürlich mit meinem Vater!» Roberto Rossellini wurde 1948 in Locarno mit demselben Preis für seinen Film aus der Kriegstrilogie «Germania anno zero» geehrt. «Und nun sitze ich hier und er sagt mir, dass er sehr stolz auf mich ist, aber weniger auf den Preis als auf meine Arbeit «Green Porno».»

Vom Vater lernt sie: Inhalt vor Stil

Für Roberto Rossellini, den Wegbereiter des Neorealismus, zählte nicht der Stil, sondern das, was der Mensch zu sagen hatte. «Damit bin ich aufgewachsen – mit Verachtung für das Wort ‚Stil‘.» Inhalt über Form stand bei Vater Roberto für den Aufbruch nach dem Faschismus, in dem gespielte Stärke und Ansehen mehr zählten als Fakten und Wahrheit.

"Ich erzähle, was die Wissenschaft zu sagen hat"

Isabella Rossellini

«Das hat mich geprägt. Und so erzähle ich in «Green Porno», was die Wissenschaft zu sagen hat.» Wie der Vater tut sie dies mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Die Kulissen und Kostüme sind alle selbst gebastelt. Auch hier gilt: Inhalt über Form. Es ist das, was den Neorealismus auszeichnet – und was ihn für autoritäre Ideologien so gefährlich macht.

Die nackten Beschreibungen der Realität durchbrechen die Konventionen der Form, lüften den Schleier der gespielten Stärke und entlarven die Widersprüche vermeintlicher Moralvorstellungen. So erzählt uns Isabella Rossellini in «Mammas» als Hamsterin verkleidet und in Form einer Verhaltensstudie die Wahrheit und frisst ihre Hamsterbabys, was sich als Analogie zur Abtreibung lesen lässt. In Roberto Rossellinis «Roma città aperta» wiederum schreit ausgerechnet ein SS-Mann seinem Kollegen betrunken die Wahrheit ins Gesicht. Beide Szenen konfrontieren moralische Gewissheiten mit einer Wirklichkeit, die sich ihnen nicht fügt. Gerade darin liegt ihre politische Sprengkraft.

Der Realist aber weiss: Moral ist nicht gleich Moral. Eine evidenzbasierte Moral stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und formuliert daraus Regeln für das menschliche Zusammenleben. Eine ideologische Moral hingegen leitet Regeln aus starren politischen Glaubenssätzen ab, ohne diese an der Realität zu messen. Sie ist deshalb nur vermeintlich. Die Rossellini-Kunst besteht darin, solche ideologischen Moralvorstellungen ausser Kraft zu setzen. Und so scheint es, wenn sich die Rossellini-Kamera auf die vorgefundene Realität richtet, keine schlechten Menschen zu geben, so wie es keine schlechten Tiere gibt. Kann es sein, dass die Realistin Rossellini daraus ihre Hoffnung zieht?

Nicht die Stärksten überleben

Der Titel ihres nächsten Tierfilms, für den es noch keinen Starttermin gibt, deutet zumindest darauf hin: «Survival of the Friendliest». «Wir sind festgelegt auf das Überleben der Stärksten» Aber dass im Tierreich Freundlichkeit ein wichtiges Überlebensprinzip ist, werde weitgehend ignoriert. Die Moralvorstellung des US-Präsidenten Trump besagt, dass die Stärkeren und Reicheren dominieren müssen. So atmet unsere Zeit und ganz besonders das Land, in dem Rossellini lebt, den Geist des archaischen Prinzips «Survival of the Fittest». Rossellini will keine Politik kommentieren und besteht darauf, nicht politisch zu sein. Doch ihre Arbeit spricht auch ohne politischen Kommentar in die Gegenwart hinein. Ihr nächster Film soll dem Prinzip der Stärke eine wissenschaftlich begründete Gegenidee entgegensetzen: Die Menschheit überlebt durch Freundlichkeit.

Und zum Thema Inhalt über Stil: Das Outfit, das zu Beginn das Dilemma aufwarf, ist ein selbst designter Männeranzug. Das Revers und die Hosenbeine sind mit lockiger Schafwolle besetzt. Auf die Frage, ob sie heute als Tier immer noch ein Schaf wäre, antwortet Rossellini: «Nein. Ich wäre lieber ein Hund, der im Bett liegt.» Plötzlich steht der Inhalt über dem Outfit und das Wesen Rossellinis über dem Aussehen der Bergman-Tochter. Das Dilemma ist gelöst – durch das Outfit selbst.

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