Gillian Anderson: "Die eigene Sexualität kann ganz schön Angst machen"
In "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" spielt Gillian Anderson einen ehemaligen Slasher-Star und spricht über queere Sexszenen, die Angst vor Intimität und darüber, warum sie sich als Frau schon immer ein bisschen verfolgt gefühlt hat.
- Von: Annett Scheffel
- Bild: Action Press
Kaum eine Schauspielerin hat das Bild der intelligenten, unabhängigen Frau im Mainstream-Fernsehen so geprägt wie Gillian Anderson. Als FBI-Agentin Dana Scully in «Akte X» wurde sie in den Neunzigern nicht nur zum Star, sondern auch zur feministischen Ikone: Scully war eine der ersten weiblichen TV-Figuren, die als rationale Autorität ernst genommen wurde, ohne auf eine Liebesgeschichte reduziert zu werden.
Seitdem hat sie ihre Karriere konsequent in Richtung komplexer, oft unbequemer Frauenfiguren weiterentwickelt: als eiserne Margaret Thatcher in «The Crown» oder zuletzt als offenherzige Sexualtherapeutin Dr. Jean Milburn in der Netflix-Erfolgsserie «Sex Education».
Mit ihrer neuesten Rolle betritt sie nun noch einmal ungewohntes Terrain. In Jane Schoenbruns vieldiskutierter, autobiografischer Horror-Satire «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» spielt sie Billy Presley, den zurückgezogen lebenden Star eines in die Jahre gekommenen, fiktiven 80er-Jahre-Slasher-Franchises.
Als eine junge, queere Regisseurin, gespielt von Hannah Einbinder aus der vielfach preisgekrönten Comedyserie «Hacks», die gealterte Billy für ein Reboot gewinnen will, entspinnt sich daraus ein eindringlicher Verführungstanz, der die reisserische Genre-Oberfläche des Horrorfilms für grundsätzliche Fragen über sexuelles Begehren, Körper, Andersartigkeit sowie queere und trans Identitäten im Mainstream-Kino nutzt. In Cannes wurde der Film mit der Queer Palm ausgezeichnet.
Im Videointerview aus Los Angeles spricht Gillian Anderson, die selbst offen bisexuell ist und zwei Bücher mit gesammelten, anonymen weiblichen Sexfantasien herausgegeben hat, über die intensiven Dreharbeiten.
annabelle: Der Titel Ihres neuen Films «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» ist Persiflage und Liebeserklärung an den Horrorfilm zugleich. Warum gehören Sex und Tod in Coming-of-Age-Geschichten so oft zusammen?
Gillian Anderson: Nun, Sex und Tod gehören zu den wenigen Dingen, die für die Menschen seit jeher von zentraler Bedeutung sind. Eros und Thanatos! Jane Schoenbrun treibt das sehr schön auf die Spitze. Der Bösewicht heisst im Film «Little Death» – eine Anspielung auf den französischen Ausdruck la petite mort, «der kleine Tod», der den Zustand nach dem Orgasmus beschreibt. Was ich interessant finde, ist, dass sich als Teenager, auch wenn man noch so weit vom Ende seines Lebens entfernt ist, so viele Erfahrungen anfühlen, als würde man sterben. Ich erinnere mich, dass ich mich so gefühlt habe – weil einfach alles so gross und so bedeutend, so schwierig und so niederschmetternd war. Es ist eine Zeit grosser Veränderungen. Ich glaube, darum ging es Jane als Transperson vor allem. Diese Übergänge sind ein bisschen wie eine Wiedergeburt – mit all den Gefühlen von Angst, Beklommenheit, Freude und Befreiung, die das mit sich bringt.
Glauben Sie, das ist der Grund, warum der Film besonders in den sozialen Medien gerade so ein popkulturelles Beben auslöst?
Ja, es ist schon irgendwie verrückt, dass ausgerechnet ein queerer Slasher-Film gefühlt mehr Aufmerksamkeit bekommt als vieles andere, was ich gemacht habe (lacht). Ich bin schon eine Weile im Geschäft, aber so eine Resonanz hat man nicht oft. Ich glaube, die Leute reagieren so stark darauf, weil sie das Gefühl haben, in gewisser Weise Teil der Erzählung zu sein. Die eigene Sexualität kann ganz schön Angst machen. Und Intimität auch. Besonders, wenn ich mir die Gen Z anschaue. Für meine jüngeren Kinder, die Teenager sind, fühlt sich schon der Gedanke, mit jemandem, den sie mögen, zu telefonieren – und nicht nur zu texten – unglaublich intim an. Das ist es, worum es für mich im Film geht: Hinter all dem Blut und den Sexszenen verbergen sich sehr tiefgründige Gedanken zur Verfassung des Menschen.
Was hat Sie in der Zusammenarbeit mit Jane Schoenbrun am meisten überrascht?
Jane ist so bemerkenswert ehrlich, was ihre eigenen persönlichen Erfahrungen angeht, und bereit, mit jedem völlig offen darüber zu sprechen. Ich finde das unglaublich beeindruckend. Das ist wirklich nicht die Art von Erfahrung, die ich bisher mit Regisseur:innen gemacht habe. Normalerweise wollen die zwar immer auch noch den letzten Tropfen Verletzlichkeit aus dir herauskratzen, aber von sich selbst möglichst nichts preisgeben. Das war mit Jane ganz anders. Jane ist jederzeit bereit, mit dir in den Sandkasten zu springen und ganz offen und emotional in der eigenen Vergangenheit zu graben.
Im Film haben Sie einige queere Sexszenen mit Hannah Einbinder. Wie sind Sie beide an diese Szenen herangegangen?
Jane Schoenbrun hat immer wieder betont, dass sie noch nie zuvor eine Sexszene gedreht hatte. Jane war selbst nervös. Das hat am Set ein Gefühl der Unbehaglichkeit oder Unbeholfenheit mit sich gebracht. Aber es passte auch sehr gut. Und ganz ehrlich, meiner Erfahrung nach – der älteren und der jüngeren – sind solche Szenen immer beängstigend und ein bisschen unangenehm. Am Ende war es für mich eine tolle Erfahrung. Wir hatten eine fantastische Intimitätskoordinatorin am Set.
Ein anderes Wort im Filmtitel ist «Camp», was doppeldeutig gemeint ist – als Ferienlager und als ästhetisches Stilprinzip der bewussten Übertreibung und Künstlichkeit. Davon hat Ihre Rolle sehr viel. Haben Sie viel darüber nachgedacht, wie weit Sie dabei gehen dürfen?
Ich bin dankbar, dass Jane überhaupt kein Problem damit hatte, dass ich den Camp-Aspekt so stark herausgearbeitet habe: mit den glamourösen Old-Hollywood-Looks, den divenhaften Manierismen und dem dicken Südstaatenakzent. Ich durfte es so weit treiben, wie ich wollte. Es war eine Freude, in diese Rolle zu schlüpfen. Aber auch eine interessante Gratwanderung, weil es gleichzeitig wichtig war, ihr eine gewisse Bodenständigkeit zu geben. Ich wollte, dass das Publikum, das selbst mit Fragen von Identität und Sexualität kämpft, sich gesehen und gehört fühlt. Ich wollte also viel Camp und gleichzeitig nicht zu affektiert und unrealistisch herüberkommen.
Sie haben in Ihrer Karriere viele verschiedene Rollen in verschiedenen Genres gespielt – von der FBI-Agentin Scully über Margaret Thatcher bis zur sexpositiven Therapeutin in «Sex Education». Was würden Sie sagen, ist der kleinste gemeinsame Nenner zwischen diesen Frauen?
Nun, ich schätze, der rote Faden bin ich (lacht). Ich habe natürlich immer versucht, möglichst abwechslungsreiche Rollen zu spielen, um mich nicht zu wiederholen. Als Schauspielerin hat man es immer auf die anspruchsvolleren Rollen abgesehen. Komplizierte Figuren. In letzter Zeit habe ich aber eher versucht, mir lebensnahe, normalere Frauen auszusuchen. Frauen, die nicht unbedingt schon alles im Griff haben, die verletzlicher sind oder wirklich zu kämpfen haben. Ich fand das interessanter als die toughen Frauenrollen, mit denen ich oft assoziiert werde. Am schönsten ist es natürlich, wenn man beides zusammenbringen kann. Was das angeht, reiht sich meine Rolle in «Teenage Sex and Death» sehr gut neben einige andere Frauen ein, die ich gespielt habe. Billy weiss Bescheid und trägt gleichzeitig ihre Verletzlichkeit und Einsamkeit offen zur Schau. Ich finde das sehr mutig.
Billy hat eine Vergangenheit als «Final Girl» oder «Survivor Girl» – eine standardisierte weibliche Heldenfigur in Horrorfilmen, die meist als Einzige den Terror des Killers überlebt oder ihn am Ende sogar ausschaltet. Ist es nicht interessant, dass es oft eine Frau ist?
Ja, oder? Ich muss zugeben, dass Horrorfilme bisher nicht wirklich Teil meines Lebens waren. Ich hatte sehr früh als Teenager eine schreckliche, beunruhigende Erfahrung mit Horror. Als ich zum ersten Mal Gras geraucht habe, hat jemand «Texas Chainsaw Massacre» angeschaltet. Das war der schlimmste erste Trip meines ganzen Lebens. Und es hat meine Beziehung zum Genre ziemlich geprägt, weshalb ich mich danach immer davon ferngehalten habe. Wenn ich ganz ehrlich bin, war es eine wichtige Erfahrung, mich dieser alten Angst zu stellen. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass ich schon immer ein Final Girl war (lacht). In der Art, wie ich mein Leben angehe, mit meinen Überlebenstaktiken und Life-Hacks als Frau in dieser Welt. Ich habe immer ein bisschen das Gefühl gehabt, als würde ich verfolgt werden, und deshalb bin ich jederzeit bereit, zu kämpfen.
«Teenage Sex and Death at Camp Miasma» läuft jetzt im Kino