Warum Horrorfilme boomen – und weshalb sie uns gerade jetzt guttun könnten
Je schlimmer die Welt wird, desto lieber gruseln wir uns. Horrorfilme boomen wie selten zuvor – obwohl die Nachrichten oft erschreckender sind als jede Zombie-Apokalypse. Warum das so ist und weshalb Monster uns ausgerechnet in Krisenzeiten Trost spenden könnten.
- Von: Mariam Schaghaghi
- Bild: Robert Clark / AMC
Früher war Horror ein streng saisonales Vergnügen. Zu Halloween kam zuverlässig ein neuer «Scream»-Film ins Kino, so sicher wie ausgehöhlte Kürbisse vor amerikanischen Haustüren und verkleidete Menschen. Dazwischen wurde gelegentlich mal ein Monster zum Grossereignis, etwa Godzilla.
Heute hält sich das Grauen längst nicht mehr an den Kalender. Es läuft das ganze Jahr über – in Serien, Filmen, Gothic-Romanzen und Endzeitfantasien. Gefühlt geht es derzeit in jedem zweiten Film um Zombies, Vampire und Grusel.
Warum eigentlich? Ist diese Lust an Blut, Splatter und Weltuntergang der Weltschmerz 2.0? Ein Ventil für diffuse Ängste? Gegen Trump, Krieg, Klimakrise, explodierende Preise und einen Wohnungsmarkt wie ein sadistisches Gesellschaftsspiel?
Vielleicht setzt man sich freiwillig zwei Stunden erfundenem Horror aus, um danach erleichtert festzustellen: Uns geht es ja noch gut. Die Welt mag aus den Fugen geraten sein – aber immerhin steht kein Untoter vor der Wohnungstür. Sind Blutbäder die neue Wellness für die Seele?
Horrorboom
Die Zahlen sprechen für einen Horrorboom. Auf dem nordamerikanischen Kinomarkt liefen 2016 laut «The Numbers» 31 Horrorfilme, 2025 waren es bereits 65. Der Anteil des Genres an den Kinoeinnahmen stieg im gleichen Zeitraum von 4,5 auf 15,5 Prozent. Das Einspielergebnis wuchs von rund 513 Millionen auf über 1,35 Milliarden Dollar.
"Wo Blut fliesst, fliesst offenbar auch Geld"
Für die Studios ist das eine klare Einladung, noch mehr Dunkelheit zu produzieren. Wo Blut fliesst, fliesst offenbar auch Geld.
Neu ist unsere Lust am Grauen allerdings nicht. Schon Homers «Odyssee» erzählt von Zyklopen, Schiffskatastrophen, Hexen und Männern, die in Schweine verwandelt werden.
Auch die Gebrüder Grimm muteten Kindern Erstaunliches zu: Rotkäppchens Grossmutter wird vom Wolf verschlungen, Hänsel und Gretel sollen im Ofen landen. Vielleicht waren Jacob und Wilhelm Grimm die eigentlichen Godfathers des Horrors – nur ohne Kunstblut und Streamingvertrag.
Der jüngste Beweis für die ungebrochene Faszination ist «The Walking Dead». Seit 17 Jahren ist die Serie – pardon – nicht totzukriegen. Im Gegenteil: Sie produziert munter neue Spin-offs. Einer davon ist «The Walking Dead: Dead City», dessen dritte Staffel Ende Juli bei MagentaTV startet.
Gesellschaftsfähiges Grauen
Beim TV-Festival in Monte Carlo eröffneten die Hauptdarsteller:innen Lauren Cohan und Jeffrey Dean Morgan sogar das Festival unter dem Schirmherrn Fürst Albert. Horror versteckt sich längst nicht mehr in einer dunklen Nische. Er ist gesellschaftsfähig geworden. Royal sogar.
Auch künstlerisch hat sich das Genre emanzipiert. «The Substance» bescherte Demi Moore ein spektakuläres Comeback, «Titane» gewann die Goldene Palme, Luca Guadagnino interpretierte «Suspiria» neu und Ryan Cooglers Vampirfilm «Sinners» wurde dieses Jahr mit dem Oscar für die beste Kamera ausgezeichnet.
"Horror will heute längst nicht mehr nur erschrecken. Er erzählt von Familie, Verlust und gesellschaftlichen Ängsten"
Bald folgt mit «Ice Cream Man» zudem ein Horrorfilm, in dem Kinder im Zentrum stehen – ein weiteres Beispiel dafür, wie vielfältig das Genre inzwischen geworden ist. Horror will heute längst nicht mehr nur erschrecken. Er erzählt von Familie, Verlust und gesellschaftlichen Ängsten.
Apokalypse nach Drehschluss
Schauspielerin Lauren Cohan trägt diese Welt seit Jahren mit sich herum. Was ihre Figur Maggie erlebt, habe für sie, sagt sie im Interview, «das Ausmass einer griechischen Tragödie». Ihr Gegenspieler Jeffrey Dean Morgan sieht das anders. Er spielt Maggies Erzfeind Negan, den Mann, der ihren Ehemann einst mit einem Baseballschläger erschlug.
«Es hat zwei Jahre gedauert, bis Lauren mir ausserhalb der Szenen überhaupt mal in die Augen sah», erzählt Morgan. «Dabei kannten wir uns längst und hatten zuvor sogar einmal ein Ehepaar gespielt.»
Um Maggies Trauer glaubwürdig zu spielen, liess Lauren Cohan, wie sie sagt, «den Motor weiterlaufen». Die Apokalypse endete für sie nicht mit dem letzten Take.
«Ich glaube, ich bin fürs Leben gezeichnet», sagt sie heute. Nach drei Jahren Dreharbeiten bekam sie Gürtelrose. «Ich war damals erst Mitte zwanzig und fragte mich: Wer bekommt in diesem Alter Gürtelrose?»
Während Cohan ihre Rolle auch nach Drehschluss nicht ganz loslassen konnte, zog Jeffrey Dean Morgan eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben.
«Ich konnte diesen ganzen Stoff unmöglich mit nach Hause nehmen», sagt er. «Sonst hätte ich kein Vater sein können. Und auch kein Ehemann. Sobald ich den Mantel auszog und den Baseballschläger weglegte, war Negan erledigt. Dann war ich einfach wieder Jeff, der alberne Kerl.»
Nicht bloss Kulisse
Dennoch blieb Horror für seine Kinder nie bloss Kulisse, sondern wurde Teil ihres Alltags. Seine achtjährige Tochter Georgie sass bei der Premiere in Monaco neben ihm.
«Natürlich. Sie ist schliesslich auf den Sets aufgewachsen.» Barbies interessieren sie allerdings wenig. «Sie schläft mit einem Wendigo im Arm, einem kannibalischen Dämon mit Hirschschädel. Und sie besitzt ungefähr 900 Drachen.»
Die gruselten ihn manchmal selbst, sagt Morgan lachend. Zu Weihnachten liess er ihr sogar von einem Special-Effects-Künstler einen lebensgrossen Drachen bauen. Auch Sohn Gus stand bereits als Zombie vor der Kamera. Nach der Premiere erklärte Georgie dem Showrunner selbstbewusst: «Dieses Jahr bin ich endlich auch dran. Ich will endlich auch ein Zombie sein!»
Vielschichtige Wirkung
Horror lässt sich nicht auf eine einzige Wirkung festlegen. Die einen amüsieren sich darüber, die anderen träumen davon. Er kann aufwühlen oder entlasten, traumatisieren oder trösten. Vor allem gibt er diffusen Ängsten eine Gestalt.
"Die Angst vor Krieg, Tod oder Einsamkeit ist schwer zu greifen. Ein Zombie hingegen ist erfreulich eindeutig"
Die Angst vor Krieg, Tod, Einsamkeit oder einer Zukunft, die sich täglich weiter verdüstert, ist schwer zu greifen. Ein Zombie hingegen ist erfreulich eindeutig.
Lauren Cohan sieht in der Apokalypse noch einen anderen Reiz: als brutalste Form der Vermögensumverteilung. Plötzlich besitzt niemand mehr etwas, alles ist verloren, es herrschen egalitäre Verhältnisse – ohne Privilegien des Wohlstands. Es geht nur noch um Leben und Tod.
«Das kann sogar therapeutisch sein», sagt sie. Gerade in unserer kapitalistischen Realität, in der der schöne Schein oft wichtiger scheint als alles andere.
Orientierung in einer grautönigen Wirklichkeit
Maggie und Negan erleben in der neuen Staffel einen Wendepunkt. Nach Jahren des Hasses erkennen sie im anderen plötzlich den Einzigen, der ihr Leiden wirklich bezeugen kann, fragen sich: «Warum führen wir eigentlich Krieg miteinander?»
Diese überraschend zarte Frage steht im Zentrum einer der brutalsten Serien unserer Zeit. Vielleicht liegt genau darin die zeitgemässe Hoffnung des Horrors: dass man in der grössten Finsternis klarer erkennt, wer an der eigenen Seite steht.
Oder vielleicht lieben wir das Genre genau deshalb. In einer Wirklichkeit voller Grautöne bietet Horror für einen Moment Orientierung: Schwarz und Weiss, Opfer und Monster, Gefahr und Schutz. Das Böse trägt eine Maske, hinkt hörbar über den Flur, kreischt, knurrt und röchelt. Wie beruhigend.