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Claire Foy im Interview:

Claire Foy im Interview: "Kein Mensch sollte Trauer alleine tragen"

"The Crown"-Star Claire Foy spielt in "H Is for Hawk" eine Trauernde, die Halt bei einem Habicht sucht. Im Interview spricht sie über Verlust, Fürsorge – und darüber, warum sie den realen Menschen hinter ihren Rollen lieber nicht zu nahe kommt.

Als ihr Vater Alisdair Macdonald (Brendan Gleeson), ein angesehener Fotojournalist, plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt, verliert sich Helen (Claire Foy) in ihrer Trauer. Sie erinnert sich an die gemeinsame Zeit in der Natur, das Beobachten von Vögeln – und beschliesst, den Habicht Mabel aufzunehmen. Ein Jahr lang bringt sie dem Raubvogel das Jagen und das freie Fliegen bei und richtet den Fokus dermassen auf ihre Beziehung zum Habicht, dass sie ihre eigenen Gefühle und ihr Leben völlig vernachlässigt.

Der BAFTA-nominierte Spielfilm der britischen Regisseurin Philippa Lowthorpe, basierend auf dem autobiografischen Bestseller-Roman der nonbinären Autor Helen Macdonald, ergründet einfühlsam die Beziehung zwischen Mensch und Tier und den komplexen Umgang mit Trauer.

Wir trafen Claire Foy in Zürich zum Gespräch.

annabelle: Claire Foy, Sie spielten für «H Is for Hawk» an der Seite eines Raubvogels. Was war dabei die grösste Herausforderung für Sie?
Claire Foy: Davon gab es viele! Ich musste irgendwie einen Zugang zur Welt der Habichte finden und lernen, diese wunderschönen Vögel kennenzulernen. Das, obwohl ich zuvor noch nie einen Greifvogel aus der Nähe erlebt hatte. Da ich keinerlei Erfahrung hatte und nicht wusste, wie das sein würde, war das zunächst ziemlich beängstigend.

Inwiefern?
Das passiert einem als Schauspielerin oft: Man taucht in eine Welt ein, über die man eigentlich nichts weiss, und muss so tun, als wüsste man alles darüber. Die Erfahrung war definitiv einschüchternd – und gerade deshalb überraschend, weil ich es letztlich geliebt habe, Zeit mit den Vögeln zu verbringen, etwas über sie zu lernen und friedliche Momente mit ihnen zu erleben. Es war eines der grössten Geschenke überhaupt, Zeit mit diesen unglaublichen Tieren verbringen zu dürfen. Nicht viele Menschen bekommen jemals die Gelegenheit dazu.

Sie schlüpfen für diesen Film erneut in die Rolle einer realen Person. Im Gegensatz zu «The Crown», wo Sie die britische Königin Elizabeth II. verkörperten, hatten Sie nun die Möglichkeit, sich mit der echten Helen Macdonald über Ihre Darstellung auszutauschen. Wie war es für Sie?
Helen hat das Buch geschrieben und auch das Hörbuch selbst eingesprochen. Dadurch hatte ich während der Vorbereitung auf die Rolle die ganze Zeit ihre Stimme im Kopf. Der Roman ist so verständlich und klar geschrieben, dass ich nicht das Gefühl hatte, viele Fragen stellen oder mich auf andere Weise aufdrängen zu müssen. Helen hat sich darin auf eine so schöne, menschliche Weise ausgedrückt, dass ich meine Aufgabe als Schauspielerin vor allem darin sah, dies anhand des Drehbuchs zu interpretieren.

Dann wahren Sie lieber Ihre Distanz zu realen Figuren, deren Geschichte Sie erzählen?
Nun, wenn ich zuvor reale Menschen gespielt habe und mit ihnen in Kontakt war, hatte ich nie wirklich das Gefühl, das Recht zu haben, zu viele Fragen zu stellen. Ich habe eher das Gefühl, dass ich selbst so viel Recherche wie möglich betreiben sollte. Und wenn es Lücken gibt, kann ich die Regie fragen. Aber ich würde niemals direkt zur Quelle gehen.

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"Es sind reale Geschichten von realen Menschen – und ich empfinde es als meine Aufgabe, sie zu schützen"

Warum nicht?
Für mich ist das vor allem eine Frage des Respekts. In diesem Fall liegt die Situation etwas anders, weil Helen ein Buch geschrieben hat, in dem sie sehr offen über ihre Erfahrungen spricht. Das unterscheidet sie von jemandem, der entweder gar nicht porträtiert werden möchte oder dessen Geschichte zum ersten Mal erzählt wird. Menschen gehen schliesslich nicht durchs Leben mit dem Gedanken, sich anderen erklären zu müssen. Ebenso rechnen die wenigsten damit, dass ihr Leben eines Tages verfilmt wird. Es sind reale Geschichten von realen Menschen. Deshalb empfinde ich es als meine Aufgabe, sie bis zu einem gewissen Grad zu schützen.

Wovor möchten Sie diese Personen schützen?
Vor mir und dem Rest der Welt. So fühlt es sich für mich an. Ich möchte sicherstellen, dass den Menschen bewusst ist, dass es sich um eine fiktionalisierte Darstellung handelt und ich als Schauspielerin eine Rolle spiele. Es ist gewissermassen meine Interpretation dieser Person. Ich möchte nicht, dass meine Entscheidungen zu einer endgültigen Definition dessen werden, wer diese Menschen sind. Helen habe ich zum Beispiel zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben gespielt. Das bedeutet nicht, dass dies für immer die eine Version von Helen ist. Helen selbst sagt das auch: «Ich habe dieses Buch sieben Jahre nach dem Tod meines Vaters geschrieben. Ich war damals eine völlig andere Person, als ich es heute bin.»

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"Liebe bedeutet nicht unbedingt, die richtigen Worte zu finden, sondern einfach da zu sei"

Verständlich – Trauer verändert Menschen ja auch massgeblich. Was haben Sie durch den Film über das Thema Trauer gelernt?
Ich habe gelernt, dass es keinen richtigen oder falschen Weg gibt, zu trauern. Dafür gibt es kein Rezept. Man kann versuchen, die Trauer zu durchstehen, sie zu vermeiden oder einen guten Umgang mit ihr zu finden. Wenn so etwas passiert, bedeutet das einen tiefen Einschnitt im Leben eines Menschen. Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse war ein grosses Gefühl des Respekts für Helen. Und auch der Wunsch, Menschen gerade dann noch mehr Liebe entgegenzubringen, wenn sie sich in einer Krise befinden. Liebe bedeutet nicht unbedingt, die richtigen Worte zu finden, sondern einfach da zu sein. Ich glaube, dass wir so viel wie möglich gemeinsam trauern sollten, statt allein. Denn eigentlich ist es zu viel für einen Menschen, das alles allein zu tragen.

Inwiefern hat Ihnen die Arbeit an einem solchen Film geholfen, Trauer besser zu verstehen?
Ich halte Trauer nicht für ein abstraktes Konzept. Wir alle müssen sie durchleben. Wir selbst und die Menschen um uns herum werden irgendwann sterben. Wir wollen nicht, dass es so ist, aber es ist eine Tatsache. Die Frage ist also: Wie gehen wir damit um? Ignorieren wir es und tun so, als würde es nicht geschehen? Oder versuchen wir, es zu verstehen? Ich hoffe, dass Filme wie dieser uns dabei helfen, indem sie uns dazu bringen, uns mit etwas auseinanderzusetzen, vor dem wir uns sehr fürchten. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass Trauer für alle gleich ist. Sie ist eine zutiefst persönliche menschliche Erfahrung und für jeden Menschen anders. Ich finde es interessant, dass Helen in einer Zeit, in der sie das Geschehene eigentlich verarbeiten müsste, einen neuen Begleiter bei sich aufnimmt und sich um ihn kümmern muss, während der Rest ihres Lebens gewissermassen auseinanderfällt.

Man könnte sagen, dass ihr dieses Projekt – den Habicht zu zähmen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen – dabei hilft, in ihrer Trauer überhaupt weiterzufunktionieren. Wie sehen Sie das?
Ja, ich finde das sehr spannend. Ich glaube, Helen hat immer gesagt, dass die Beziehung zwischen ihr und dem Habicht von Liebe geprägt war. Dahinter stand aber auch der Wunsch, wie der Habicht zu sein: dem Tod so nahe und zugleich unberührt von ihm. Sie wollte alle menschlichen Instinkte und Emotionen ablegen, unantastbar sein und sich nicht mit dem auseinandersetzen müssen, was gerade mit ihr geschah. Seltsamerweise brachte der Habicht sie jedoch noch stärker mit dem Tod in Berührung – und dadurch auch intensiver mit dem Leben. Im Roman beschreibt Helen, dass sie sich an manchen Tagen unglaublich lebendig fühlte, etwa wenn sie mit dem Habicht jagen ging. Fast so sehr, dass es schmerzte, weil alles derart intensiv war. An anderen Tagen hingegen fühlte es sich an, als läge sie auf dem Grund des Ozeans, weil alles so schwer war.

Wie blickt Helen heute auf diesen Wechsel zwischen den extremen Zuständen zurück?
Helen sagt heute, dass es nicht die beste oder klügste Entscheidung war, sich einen Habicht zuzulegen. Meiner Meinung nach hat sie jedoch einfach das getan, was sie tun musste, um zu überleben. Und das hat sie eben zu den Habichten geführt. Ich finde ihren Umgang mit dem Erlebten nachvollziehbar. Alles andere als dieses völlige, radikale Hineinsinken in ein derart katastrophales Ereignis wäre für mich unverständlich. Ihr Vater ist gestorben – warum sollte sie da nicht «verrückt» sein, wie manche sagen? Warum sollte sie sich normal verhalten? Für mich ergibt das mehr Sinn als einfach weiterhin «gut zu funktionieren».

Was meinen Sie damit genau?
Warum sollte sie funktionieren und einfach normal weitermachen? In vielen Kulturen bringen Menschen nach einem Todesfall über Wochen oder sogar Monate hinweg Essen vorbei, weil sie verstehen, dass man in dieser Zeit nicht funktionieren soll, sondern sich mitten im Trauerprozess befindet. Es geht um eine Gemeinschaft, die für die Menschen da ist. In der westlichen Kultur ist das oft anders: Wir leben zunehmend in einer individualistischen Gesellschaft, und solche Formen der Unterstützung gibt es kaum noch. Ich glaube, genau darin könnte ein Teil des Problems liegen.

«H Is for Hawk» läuft ab 23. Juli im Kino

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1 Comment
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Monika Hirsbrunner

Ich sah den Film gestern im Kino habe zwischendurch gestaunt auch geweint und bin ganz euphorisch aus dem Kino rausgekommen. Ein ganz toller Film kann ich sehr empfehlen – und Claire Foy ist einfach genial.
Ich empfehle euch, den Film unbedingt in der Original-Version zu sehen. Foys Stimme ist so speziell – zwischendurch sehr präzise, andere Male brüchig und leise.

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