Unsere besten Reisetipps für Bregenz – mit Linda Leitner
Wo müsst ihr essen, schlafen und Kultur aufsaugen – und wo solltet ihr in den See springen? In unserer Rubrik "Travel Notes" geben wir euch Tipps für eure nächste Reise. Heute: Das völlig unterschätzte Bregenz mit Lifestyle Editor Linda Leitner.
- Von: Linda Leitner
- Bild: TMRW Tours
Eine unbeliebte Meinung, aber …: Bregenz ist cool. «Warum denn Bregenz?» hat man mich mit einem berechtigten Schuss Skepsis gefragt, als ich von meinem bevorstehenden Kurztrip in die Vorarlberger Landeshauptstadt erzählte. «Euch zeig ich's!» dachte ich und reiste die knackigen eineinhalb Stunden mit dem Zug von Zürich aus rüber.
Das hat mich überrascht: Bregenz ist cooler als ich dachte. Man mag auf den ersten Blick übermässig viele Grauhaarige mit flottem Turnschuh und Rucksack zwischen bunten mittelalterlichen Türmchen sehen, aber schaut man genau hin, brodelts unter der schnuckeligen Oberfläche am Bodensee, denn die Kulturdichte ist auf die Einwohner:innen gerechnet extrem hoch. Viele Kreative sind irgendwann in diverse Metropolen ausgeschwärmt und inzwischen für lokale Projekte wieder in ihre österreichische Heimat zurückgekehrt.
Passender Soundtrack: «Erzähl deinen Mädels ich bin wieder in der Stadt» von der Neo-Austropop-Band Bilderbuch. Die Jungs kehren zwar nach Wien zurück, aber so genau muss man's ja nicht nehmen. Mit diesem Hit im Ohr tänzelt man ganz leichtfüssig durch flirrende Sommertage.
Mein erster Eindruck: Da steht ein gigantischer Fliegenpilz! Flaniert man die fünf Minuten an der Seepromenade vom Bahnhof in die Stadt vor, empfängt einen der Milchpilz, ein Kiosk aus den 1950er-Jahren, mit frisch geschüttelten Milkshakes, regionalen Milchprodukten und Sandwiches.
Der Vibe der Stadt: Herrlich entschleunigend. Bei knapp 30.000 Einwohner:innen kennt jede:r jede:n, man grüsst sich, setzt sich dazu. Wenn die Bregenzer:innen dienstags und freitags Markt auf dem Kornmarktplatz halten, hagelts das euphorische Servus. Ausserdem ist man überall in unter zehn Minuten. Wie soll man da hetzen?
Unbedingt einpacken: Bikini oder Badehose. Die schöne alte Dame, «die Mili», ist die historischste Badi am Bodensee. 1825 als Militärbadi erbaut, diente sie ursprünglich der Ausbildung von Rekruten. Heute schreien hier höchstens ein paar Kinder rum. An den Fenstern des charmanten Holzbaus hängen üppige Geranien, ältere Herrschaften spielen unter grossen Schirmen Karten, Entspannungshunrige aalen sich auf der Sonnenterrasse. Es lohnt sich, im benachbarten Supermarkt mit dem bezaubernden Namen Sutterlüty Ländlemarkt Snacks und Getränke zu besorgen und die im grossen Gemeinschaftskühlschrank kalt zu stellen.
Hot Tipp: Vormittags in der Mili vorbeischauen, wenn noch fast niemand da ist. Oder nach 17 Uhr in den Sonnenuntergang schwimmen. Während man sich auf einem Floss fläzend in goldenes Licht tauchen lässt, fällt der glutrote Feuerball hinter einem ins Wasser. Glaubt mir: Bodensee hits different.
Das bereue ich: Dass ich kein Schnitzel bekommen habe, weil ich mich erst von der Mili losreissen konnte, als der Bademeister mich zu Anfang der Dämmerung rauswarf. Mein ursprünglicher Dinner-Plan: Das denkmalgeschützte Restaurant Maurachbund in der idyllischen Altstadt. Neben dem besten Wiener Schnitzel solls hier auch traumhafte Spinatknödel mit Parmesanschaum und Nussbutter geben.
Da will ich schnellstmöglich wieder hin: Ins Kunsthaus Bregenz, kurz KUB. Mittendrin in der Disney-Kulisse steht mit dem Körper aus Glasplatten, Stahl und gegossenem Beton eines der ikonischsten Gebäude der Kunstgeschichte, gebaut vom Schweizer Architekten Peter Zumthor. Und so klein Bregenz auch sein mag: Das KUB holt sich keine regionalen Künstler:innen, sondern gibt den Superstars das ganze Haus, ja eine Carte Blanche. Hier fühlt sich die Kunstszene wohl, denn kaum jemand setzt Konzepte so vertrauensvoll und präzise um wie die Handwerker:innen des Umlands.
So flutete Ólafur Elíasson das KUB im Jahre 2001, 2011 zog der Chinese Ai Weiwei ein und diesen Juli lud die Österreicherin Florentina Holzinger in Kollaboration mit dem KUB zur Performance «Bodensee Étude», bei der sie selbst als menschlicher Klöppel in einer riesigen Glocke über dem Wasser schwang. Bis Oktober bewegt sich Cyprien Gaillard mit seinen Arbeiten durch Städte und deren Randgebiete. Im Erdgeschoss des KUB tanzt mit «Visitant» eine gewaltige, aufblasbare Skulptur vor einem Soundsystem aus dem Berliner Technotempel Berghain eine irritierend berührende Choreografie.
Mein liebster Ort: Am Kornmarktplatz zwischen Kunsthaus und Landestheater brüllt der Kleine Löwe so schön, dass man fast die Zeit vergisst. Die Fassade des Stadthotels mit den nur acht Zimmern ist im Jugendstil erbaut, das Dach als moderne Kuppel – entworfen von den Basler Architekten Herzog & de Meuron. Dieser Name verrät: Hier ist designtechnisch nichts dem Zufall überlassen. Lisa Rümmele und Johannes Glatz, die den Kleinen Löwen an der Leine halten, wohnen ganz oben und so trifft man das Paar, typisch Bregenz, immer wieder und plaudert sich fest. Ein Besuch ist so oder so ein Fest für alle Sinne: Die Augen leuchten beim Betreten der detailverliebten Zimmer, in denen sich die Bäder schwingen und gekachelt sind wie ein Retro-Pool. Shampoo und Seife aus einer Manufaktur im Bregenzer Wald bezirzen die Nase mit Hopfen, der an die Geschichte als ehemaliges Brauhaus erinnert.
Im wildromantischen Garten serviert der Kleine Löwe leckerstes Frühstück mit buttrigen Croissants und frischem Sauerteigbrot von der Copain Bakery in Hohenems (für die besten Croissants der Stadt unbedingt in der brandneuen Filiale Copain by the Girls in Bregenz vorbeischauen), Kaffee von der Rösterei Trevo Coffee, regionalem Bergkäse und hausgemachter Nusscreme – sodass man fast den gesamten Vormittag verplempert. Slow Mornings, wie sie im Hype-Buche stehen.
Hidden Gem: Wers etwas muckeliger mag, zieht an die Südseite der alten Stadtmauer aus dem Mittelalter. Über den pittoresken Stadtsteig schlendert man von der Innenstadt innerhalb von fünf Minuten ins hübscheste Airbnb der Oberstadt, das 1442 erbaut und 2022 renoviert wurde. Hier hat eine der zahlreichen Kreativen der Stadt ihr buntes Zuhause, das sie vermietet, wenn sie irgendwo sonst auf der Welt mit Farben experimentiert. Ein Leben im Candy Store.
Food, den ihr nicht auslassen dürft: Im rot-blauen Restaurant Ibon wird fermentiert, geröstet, gebeizt und wie wild kombiniert, um Aromen zu kreieren, die vertraut und überraschend zugleich sind. Der Boden Vorarlbergs liefert die Zutaten, die philippinische Küchenchefin asiatische Würze. In die hausgemachten Tantanmen-Tagliatelle mit Salsiccia vom Duroc-Schwein aus Wolfurt, spicy Sesam Soya Blend und konfiertem Eigelb hätte ich mich genüsslich einwickeln können.
Das Restaurant Küchentanz in der Ilge steppt kulinarisch zwischen zwischen verschiedenen Weltküchen. Dass man Läden, die zu viel auf der Karte haben, nicht trauen kann, stimmt hier ausnahmsweise nicht: Hier ist sowohl vietnamesische Phở als auch das Texmex-Schmankerl köstlich. Die Brasserie Petrus dagegen bringt belgisch-französisches Flair nach Bregenz: Moules Frites oder Coq au vin zum Dinner sind hier ebenso magnifique wie Frühstück und Mittagessen.
Schönste Spazierroute: Durch die Oberstadt, deren Gebäude alle unter Denkmalschutz stehen und grösstenteils im Original erhalten sind, zum Wahrzeichen von Bregenz: dem Martinsturm. Steigt man hoch, hat man einen wunderschönen Blick über die ganze Stadt. Im Schatten am Fusse des Turms steht der kleine Kaffeewagen Café Salut und wartet mit Heiss- und Kaltgetränken.
Abends empfehle ich: Im Kleinen Löwen wohnt in den Sommermonaten donnerstags und freitags der Naturwein-Kiosk La Buvette Lion. Der serviert neben Flüssigem seine berühmten Bohnen aus Paris, Gazpacho und feinste Fichtenbutter.
Das habe ich gelernt: Muss denn immer alles hip sein? Den besten Specialty Coffee und Matcha samt passender Crowd gibts unbestritten bei Misu Coffee. Die beste Sachertorte und original österreichische Kaffeehaus-Vibes dagegen im Café Götze. Samt passender Crowd, versteht sich.
Den Hype wert: Ja doch, die Bregenzer Festspiele. Ich kann mit Oper wenig anfangen, dafür umso mehr mit atemberaubenden Kulissen. Dieses Jahr schmetterte das Ensemble Giuseppe Verdis «La Traviata» auf einem kolossalen, im See treibenden, zersplitterten Spiegel, der zum Sinnbild eines implodierten Lebens wurde. Neugierig? Glück gehabt, am 22. Juli 2027 feiert «La Traviata» Wiederaufnahme auf der Seebühne. Der Vorverkauf der eindringlichen Inszenierung von Damiano Michieletto hat hier gerade begonnen. Wer mal hinter die glitzernde Fassade der riesigen Seebühne schauen möchte, bucht eine Bühnenführung. Abseits der Seebühne finden zudem jährlich Aufführungen im Festspielhaus, Orchesterkonzerte und noch mehr Theater statt.
Wer lieber wandert und rennt statt spaziert: Jogger:innen können am See entlang bis nach Deutschland laufen. Was die Locals raten: Den Hausberg Pfänder superfrüh innerhalb einer Stunde auf einer steilen Route erklimmen, mit der Seilbahn wieder runterfahren und dann vor dem Frühstück eine Runde schwimmen gehen. Von da oben hat man eine eine atemberaubende Aussicht über den Bodensee und die Alpen. Möchte man sich Zeit lassen, verpflegt man sich an einem der Kioske und Restaurants und kuschelt sich durch den Alpenzoo.
Bestes Souvenir: die Marillenknödel-Trüffel der Schokoladen-Manufaktur Xocolat. Alternativ die Whiskey-Zigarre aus 71% venezolanischer Ocumarebohne, immerhin gab es dafür Gold bei den World Chocolate Awards in London. Oder wie wärs mal wieder mit Post? Der Kiosk International an der Pfänderbahnstation verkauft neben Drinks, Glace, Kaffee und kleinen Absurditäten die bezaubernden Ländlepostkarten der Künstlerin Bianca Tschaikner.
Hallo Linda, es freut uns, das du einige Highlights in Bregenz entdeckt hast.
Aber leider hattest du wahrscheinlich keine Zeit für unser tolles Angebot an individuellen und inhabergeführten Geschäften und Stores. Für das nächste mal einfach auf @bregenzentdecken rein schnuppern. LG aus Bregenz – DER HOFRAT
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