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Bye Handventilator: Eine Ode an den Fächer

Bye Handventilator: Eine Ode an den Fächer

Mit den katastrophalen Folgen des Klimawandels geht eine optische Plage einher: der Handventilator. Warum nur? Es gibt doch Fächer.

Meine Oma wollte früher immer, dass ich eine feine Dame werde. Gott habe sie selig! Beim Verkleiden habe ich das unermüdlich geübt (manifestiert würde man heute sagen). Was meinem Look damals immer sofort einen Eleganz-Kick gab: das affektierte Wedeln eines Fächers. Feine Damen haben nämlich einen Fächer. Ich besass einen federbesetzten. Todschick!

Das ist auch der Grund, warum an Sommerhochzeiten stets weisse Papierschirme und Fächer verteilt werden. Damit alle gut aussehen, obwohl es heiss ist. Damit die Gäst:innen feine Damen und Herren bleiben – zumindest bis die Sonne untergeht.

Nun sind wir aber inzwischen gewohnt, dass uns die Technik alles abnimmt. Die KI formuliert die unangenehme E-Mail, die Smartwatch sagt Bescheid, wann man ins Bett gehen soll. Und jetzt, wo es fast 40 Grad heiss ist, da übernimmt natürlich ein kleines Gadget: Der Handventilator. Er passt in jede Tasche, lässt sich dadurch bequem überallhin mitnehmen und sorgt mit nur einem Knopfdruck für schnelle Erfrischung. So weit, so gut. Aber optisch?

Bleiben wir bei der Braut: Eine, die auf ihren hochromantischen Hochzeitsbildern einen Ventilator zum Strauss trägt – das ist doch nix. Das enthebt sie ihres Status als temporäres Zauberwesen. Und auch abseits von Hochzeiten vermitteln Menschen mit Ventilator immer den Eindruck, als hätten sie am Kiosk ums Eck spontan aufgegeben. Sich der Technik ergeben. Denn die elenden Ventilatoren gibt es inzwischen leider überall zu kaufen.

Fächer sind flirty

Der Fächer hingegen schreibt seit Jahrhunderten Modegeschichte. Er war Accessoire, Statussymbol, Instrument für nonverbale Kommunikation und Werkzeug für den subtilen Flirt, lange bevor der Akku erfunden wurde. Wollen nicht sämtliche Singles weg von Dating-Apps? Sich der Technik entledigen? Dann ran an die Arbeit! Wedelt!

Es stimmt, ein Fächer bedeutet mehr Arbeit als ein Handventilator, den man sich nur müde an die schwitzende Körperstelle halten muss. Ein Fächer wird aber fast meditativ betätigt. Wedeln entschleunigt. Und ich möchte behaupten, das macht bei Affenhitze auch weniger panisch. Man hat sein Schicksal selbst in der Hand. Wann kann man das schon noch behaupten?

Zurück zum Flirt: Statt per Chat passiert der Flirt mit dem Fächer in persona. Halb verdeckt traut man sich wieder an den Augenkontakt ran – so wie vor sechs Jahren, als man sich über den Rand der FFP2-Maske heisse Blicke zuwarf. Nicht erst heute dient der Fächer als wirkungsvolles Mittel der Selbstdarstellung und Koketterie. Mit seiner Hilfe unterstrich man im 18. und 19. Jahrhundert die Körpersprache gezielt oder bettelte subtil um Aufmerksamkeit – etwa indem der Fächer scheinbar zufällig zu Boden glitt. Huch!

Im Gegensatz zum stumpfen Gebläse eines Mini-Ventilators birgt so ein Fächertanz zudem hohes Verwirrungspotenzial: Zum Beispiel, wenn übermotivierte Wedeleien von einem Verehrer als Avance missverstanden wurden. Dabei soll es sogar eine Fächersprache gegeben haben. Den Fächer über die Wange gleiten zu lassen bedeutet «Ich liebe Dich», ihn ans linke Ohr zu halten «Lass mich in Ruhe», ihn geschlossen zu halten «Liebst Du mich?» und ihn smooth durch die Hand zu ziehen «Ich hasse Dich». Wir lernen: Ein Fächer ist vielschichtig.

Fächer sind dirty

«Women are armed with Fans as Men with Swords, and sometimes do more Execution with them», schrieb der englische Dichter und Politiker Joseph Addison im Jahre 1711. Frauen seien mit Fächern bewaffnet wie Männer mit Schwertern und führten damit manchmal mehr Hinrichtungen durch. So viel zu den Waffen einer Frau.

Während die ersten uns bekannten Fächer – riesige Wedel aus Palmblättern und Gebilde aus Stroh oder Federn – in schwülen Ländern von Diener:innen geschwungen wurden, um Herrschende vor Überhitzung und lästigen Insekten zu schützen, galt der Handfächer spätestens im 16. Jahrhundert auf repräsentativen Damenporträts als weibliches Statussymbol, ja als feminines Hoheitszepter. Der Fächer symbolisierte Eleganz und einen exklusiven Lifestyle.

Er ist nun mal das Accessoire der feinen Dame – aber auch selbstbestimmt, frech und provokant. Also das, was wir heute «cunty» oder «fotzig» nennen. Begriffe der sprachlichen Selbstermächtigung: Indem Frauen und andere Adressat:innen sie sich wieder aneignen, verlieren sie ihre verletzende Wirkung. Sie stammen aus der englischen Ballroom-Szene (wo auch viel mit Fächern getanzt wurde) und werden in der Popkultur der Gegenwart von deutschsprachigen Künstlerinnen wie Shirin David und Ikkimel genutzt, um Weiblichkeit und Stärke zu überzeichnen.

So büsst der Faltfächer auch durch einen frechen Spruch seinen Zauber nicht ein. Mir wurde kürzlich ein Souvenir von der Côte d’Azur mitgebracht: ein sonnengelber Fächer mit der Aufschrift «Putain de chaleur», was soviel heisst wie «Scheisshitze» inklusive des Schimpfworts «Hure». Passend dazu sind auch Modelle mit «Huere Heiss», «Hot Mess», oder «Fuck Off» erhältlich. Was für ein Eisbrecher im Alltag! Apropos Eis. Der einzige Vorteil, den ich im Mitführen eines Handventilators sehe: Der Iced Coffee oder Matcha Latte schwappt vor lauter emsigem Gewedel nicht über.

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