Leitner lamentiert: Booking Burnout versaut die Ferien-Vorfreude
Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: Sich für ein Ferienziel zu entscheiden, treibt sie neuerdings in den Wahnsinn. Warum sie plötzlich panische Angst davor hat, falsch Urlaub zu machen.
- Von: Linda Leitner
- ZVG, Unsplash; Collage: annabelle
Wenn mich noch einmal jemand fragt, ob ich diesen Sommer Ferien geplant habe, raste ich aus. Obwohl, das ist so nicht korrekt: Ich raste erneut aus, ich raste nämlich ständig aus. Was heisst schon geplant? Zu wissen, was ich in etwa machen will? Dann: ja. Habe ich etwas gebucht? Nein. Habe ich einen Plan? Auch nicht. Es ist ein sensibles Thema, denn obwohl ich nichts lieber tue und eigentlich auch wenig besser kann als urlauben, ist mir diesen Sommer die Lust vergangen. Wer daran Schuld ist? Im besten Fall die andern, würde ich sagen. Also: meine Begleitung, die hohen Preise, der knappe Zeitplan und Social Media. Will ich unter diesen horrenden Umständen überhaupt noch auf eine griechische Insel? Oder einfach ins Bett? Keine Ahnung, ich muss mich kurz beruhigen, ich habe Booking Burnout.
Ich wollte in türkis glitzerndes Wasser zwischen weich getünchten Türmchen springen, eiskaltes Mythos in versteckten Buchten trinken und dabei Podcasts über griechische Mythologie hören, mindestens vier Bücher lesen und ganz viel dabei fühlen. Ich wollte Tsatsiki, von dem man tagelang stinkt, in rauen Mengen essen und mich am Quietschen von Saganaki ergötzen. Ich wollte mit alten Herren Sirtaki tanzen, vielleicht eine Ziege streicheln und gemeinsam mit der Sonne und einer Ouzo-Schorle in die Nacht sinken. Aus Erfahrung kann ich sagen: das ist nicht unmöglich. Aber gerade ist der hellenische Wurm drin. Seit Wochen verbringe ich meine Abende auf Airbnb, google Hidden Gems, glotze Insta-Reels und man werfe mich den Höllenhunden des Hades zum Frass vor: meine Begleitung erstellt Excel-Tabellen. Es sind inzwischen drei. Vielleicht, weil sie denkt, mit Linien und Zahlen Struktur in mein Chaos an Klippen und Flügen bringen zu müssen – ausgelöst durch die panische Angst, mich für die falsche Insel zu entscheiden, suboptimal Urlaub zu machen.
They call me Reiseleitner
Meine Eltern zum Beispiel kennen sowas wie die den Horror des falschen Urlaubs nicht, weil die nach wie vor ins Reisebüro gehen. Da wird gebucht, was empfohlen wird. Da wird munter hingereist, das Ziel vielleicht auch mal für ungemütlich befunden, aber mei: danach lacht man drüber. Weil meine Eltern nicht in ihrem Hotelzimmer sitzen und in Echtzeit mitverfolgen, wie der Sepp und die Gundi parallel das tolle Wetter oder der Bernd und die Lisbeth das schöne Hotel haben. Sie haben kein Social Media.
Die Digitalisierung hat Reisen demokratisiert, erleichtert und individualisiert – aber auch in ein Mords-Projekt verwandelt. Wo anfangs Vorfreude herrscht, entsteht schnell ein Erwartungsdruck, der oft so hoch ist, dass das Abschliessen des Buchungsvorgangs zum ewig offenen und mahnenden Tab am Bildschirm wird – und das Herz vor Stress pumpt, sobald man nur an Beach und Erholung denkt. Decision Fatigue, zu Deutsch Entscheidungsmüdigkeit, nennt sich ein psychologisches Phänomen, das durch die schier unendliche Fülle an Wahlmöglichkeiten auftreten kann. Je immenser die Auswahl, desto schwieriger fällt die Entscheidung. Und die wird immer wieder vertagt, verglichen, neu kalkuliert – bis man plötzlich Last-Minute-Bucher:in ist.
So habe ich mich kürzlich für acht Tage auf der Insel Serifos entschieden, nachdem auf Milos die Sehnsucht nach einer süssen Bootsgarage am Wasser nicht gestillt werden konnte, der Food-Traum Sifnos mein Budget überstieg und auch auf dem Slow-Life-Paradies Folegandros nix Bezahlbares mit Meerblick zu finden war. Sind inzwischen ja auch Trend-Inseln, redete ich mir ein. Besser so. Das Haus auf Serifos schien perfekt, ich hatte mich beim Griechenland-Experten meines Vertrauens selbstredend längst abgesichert. Doch am nächsten Tag spülte mir Social Media Content in den Feed und den wackeligen Kopf, der Fragen aufwarf: Warum fotografieren die Leute immer den gleichen Dorfplatz? Gibts nur den einen schönen? Warum sehe ich von den Bars aus auf Autos? Warum erscheint Serifos nie auf den Listen mit den schönsten Inseln?
Dafür plötzlich überall eine Insel, die zuvor noch nirgends war: Tinos. Die Begleitung wurde alarmiert, das Airbnb auf Serifos storniert. Obwohl sich auf der Insel Symi für zwei Tage ein schneeweisses Haus mit Steg ins Wasser auftat, das bis Sommer 2027 ausgebucht ist, reservierte ich ein Haus auf Tinos. Am nächsten Tag: empfahl mir Instagram wieder ausschliesslich Serifos. Und sowieso Milos und Sifnos. Ich hatte also wieder alles falsch gemacht. Meine Begleitung trauert bis heute Serifos nach. Und ich habe seither latent schlechte Laune. Und noch immer keinen Flug gebucht.
Ich sehe was, was du nicht siehst
So wertvoll Instagram und TikTok als Recherchetool auch sind, sie gaukeln verlorenen Seelen wie mir ständig vor, sich zu irren. Man könne ein schöneres Haus (das mit dem Steg auf Symi), einen schöneren Ort finden, an dem man dringend gewesen sein muss. Und wer so lange abwägt, erwartet Perfektion. Werden unsere Ferien zur durchchoreografierten Show? Man arbeitet schliesslich hart an der perfekten Kombi aus günstigstem Flug und hübschestem Hotel, reserviert Wochen im Voraus, um in grossartigen Looks im coolsten oder authentischsten Restaurant zu sitzen. Wie dressierte Pferdchen traben wir in den Sonnenuntergang.
Geschniegelt und gestriegelt in einem Look an einem Sehnsuchtsort, um den einen andere beneiden. Inzwischen posten die Leute ja Slides, in denen sie zeigen, welche Outfits sie für die Ferien geplant hatten und welche sie vor Ort wirklich trugen. Es ist ein einziger Zirkus. Ein Wettbewerb. Als müsse man sich mit dem richtigen Urlaub den Respekt der anderen verdienen. Und das nicht etwa im Büro – im Urlaub! Wer hats geahnt: Wir performen mal wieder. Ausgerechnet da, wo wir eigentlich nur eins tun sollten: Loslassen.
Dabei gibt es die perfekten Ferien natürlich sowieso nicht. Was ist denn «richtig urlauben»? Das ist so individuell wie der Kleidungsstil. Drum darf ich auch nicht auf jede hundskommune Social-Media-Empfehlung reinfallen. Dein Lieblingsstrand ist vielleicht nicht meiner. Ausserdem: Im Internet sieht doch immer alles schöner aus. Meine Begleitung legte mir kürzlich noch die Insel Zakynthos ans leidende Herz. Es sei ihr empfohlen worden und auch auf meinem Profil hätte sie davon schöne Bilder gesehen. Da nochmal hin?
Nun, hinter dem Ort, an dem das Bild von der paradiesischen, verlassenen Bucht entstand, pilgerte ein Bus amerikanischer Jugendlicher über die Felsen. Ein asiatisches Paar in Brautkleid, Frack, Crocs und Plastiktüte fiel fürs Bild fast von der Klippe und diverse Kinder brüllten wie am Spiess. Aber naja, sind nicht grade die Urlaube, in denen man so busy vor Glück ist, dass man gar nichts fotografieren will, die besten? In denen das salzige Meerhaar lufttrocknet, man sich tagelang nicht schminkt und nur in Bikini und einem riesigen Band-Shirt lebt? Auf irgendwelchen Steinen Hauswein trinkt, von dem man blind wird? In denen was schiefgeht. Es ultrawindig oder das Airbnb ein charmantes Loch ist? Davon erzählt man sich auch Jahrzehnte noch. Und dann grölt man recht herzlich.
Was also ist die Lösung? Kein Social Media? Eine Pauschalreise? Wenn Diskussionen festfahren, hilft oft nur eines: Pause. Dann kann der sogenannte Inkubations-Effekt wirken – das psychologische Prinzip, dass eine Unterbrechung oft zu besseren Entscheidungen führt. Zudem Grenzen und Deadlines setzen und sich aufteilen. Einer sucht nach Flügen, die andere nach Unterkünften. Die Verantwortung abgeben? Ist super, mache ich persönlich aber ungern. Immerhin habe ich eingesehen: eine griechische Insel ist eine griechische Insel ist eine griechische Insel. Da kann man in der Regel wenig falsch machen. Es gibt überall schöne Ecken. Vielleicht buche ich heute. Wehe, mir schreibt jetzt jemand, Tinos sei furchtbar.
das kommt mir sooo bekannt vor. Nervt mich auch extrem, vor allem, weil mir durchaus bewusst ist, was für ein Luxusproblem das ist
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