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Wo ist nur mein Mitgefühl hin?

Wo ist nur mein Mitgefühl hin?

Unsere Autorin stellt erschrocken fest: Sie lässt die Nöte anderer nicht mehr an sich heran. Auf der Suche nach dem verlorenen Herz.

Es ist ein lauer Morgen, ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Vor mir auf dem Trottoir schlurft ein verwahrlost wirkender alter Mann. Unsicher stolpert er über eine aufgerissene Stelle im Asphalt. «Gib ihm deinen Arm, damit er sich festhalten kann», schiesst es mir durch den Kopf. Doch ich zögere, mache einen Bogen um ihn, ziehe vorbei.

Wenige Meter später frage ich mich: Warum habe ich nicht geholfen? Es hätte maximal eine Minute gedauert. Wie ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich auch schon länger keinem bettelnden Menschen mehr etwas gegeben habe. Natürlich, weil ich kaum mehr Bargeld auf mir trage. Aber das ist nicht der einzige Grund – ich spende generell kaum mehr.

Früher war ich Mitglied in diversen Non-Profit-Organisationen. Kaum war ich 18, liess ich mich von allen Vertreter:innen auf der Strasse ansprechen und unterschrieb zig Lastschriftverfahren. Heute bin ich nur noch dort Spenderin, wo mich ein kompliziertes Kündigungsverfahren vom Austritt abhält.

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"Lässt Mitgefühl über die Jahre nach wie die Festigkeit des Bindegewebes? "

Landen Bettelbriefe mit Bildern kriegsversehrter und abgemagerter Kinder in unserem Briefkasten, erkläre ich meiner sechsjährigen Tochter die Umstände der abgebildeten Probleme und Krisen. Und während sie angesichts des Elends bekümmert ist, bleibe ich selbst eigenartig emotionslos und lege die Broschüre ins Altpapier. Als mir eine Freundin erzählt, dass ihr Partner eine Depression hat, denke ich bloss: auch das noch.

Als mir das alles an diesem Morgen durch den Kopf zieht, wird mir plötzlich klar: Mir ist mein Mitgefühl abhanden gekommen. Wie konnte mir das bloss passieren? Mir, die von sich immer behauptet hätte, ausreichend mit Empathie ausgestattet zu sein!

Lässt Mitgefühl über die Jahre vielleicht ebenso nach wie die Festigkeit des Bindegewebes? Wird man nicht nur tendenziell starr in seinen Haltungen und Gelenken – sondern auch in seinen Emotionen? Habe ich mit 41 Jahren verlernt, mit dem Leid anderer Menschen umzugehen? Oder habe ich in den letzten Jahren schlicht mein Herz verloren? Und warum, zur Hölle?

Mitgefühl ist nicht gleich Empathie

Auf meiner Suche nach Antworten stosse ich auf das E-Book «Mitgefühl in Alltag und Forschung». Es entstand 2011 nach einer Tagung internationaler Fachleute aus Neurowissenschaft und Psychologie sowie buddhistischer Mönche. Als Gastgeber fungierte der Künstler Ólafur Elíasson, dessen Kunst sich oft mit sozialer Verbundenheit befasst. Als ich mich durch das 500-seitige Buch mit Beiträgen der versammelten Fachschaft klicke, wird mir schnell klar: Mitgefühl und Empathie, die ich stets so locker synonym verwendet habe, sind mitnichten dasselbe.

Der Begriff des Mitgefühls entwickelte sich im 18. Jahrhundert, als man Moral zunehmend in der menschlichen Natur statt in der Religion verankerte. Erstmals ausführlich beschrieben wurde es vom englischen Philosophen David Hume im «Traktat über die menschliche Natur».

1902 entwickelte der deutsche Psychologe und Philosoph Theodor Lipps das Wort «Einfühlung». In der englischen Übersetzung wurde daraus «empathy», das ab 1960 mit «Empathie» zurück ins Deutsche übersetzt wurde.»

Viele Jahre war der Begriff Empathie nur in der Wissenschaft geläufig, so heisst es in einer Folge des Podcasts «Zeitfragen» von Deutschlandfunk Kultur – bis er Ende des 20. Jahrhundert in den allgemeinen Wortschatz überging. Damals entdeckte man in der Forschung mit Makaken-Affen die Spiegelneuronen. Ihnen wird die Fähigkeit zugeschrieben, zu spüren, was andere fühlen. Sie erklären etwa, weshalb wir gähnen, wenn wir andere gähnen sehen, oder uns Tränen in die Augen steigen, wenn jemand anderes in unserer Gegenwart weint.

Der Wille, etwas Gutes zu tun

«Empathie bezeichnet das blosse Teilen der Emotionen und Zustände anderer Personen», sagt Grit Hein, Professorin für Translationale Soziale Neurowissenschaften an der deutschen Universität Würzburg.

Empathie alleine wirkt denn auch nicht zwingend konstruktiv, was die deutsche Journalistin und Politikwissenschafterin Gilda Sahebi etwa am hoch polarisierenden Thema Israel-Gaza beschreibt. «Wenn man glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen, hat man oft nur für diese Empathie. Daraus entwickelt sich mitunter eine grosse Empathielosigkeit gegenüber der anderen Seite.»

Mitgefühl hingegen sei an sich weniger ein Gefühl, als eine Motivation, ein Wille «zu helfen, zu kooperieren, den anderen etwas Gutes zu tun». Empathie ist also eine Basis, aus der Mitgefühl entspringen kann. Untersuchungen von Hirnscans belegen, dass der Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl nicht nur ein begrifflicher ist, sondern beim Fühlen der beiden Zustände sich zwar überlappende, aber nicht identische neuronale Netzwerke im Hirn aktivieren.

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"Mitgefühl war etwas für sentimentale Jugendliche, Pfarrer und Sozialarbeiter:innen"

Ich überlege: Bei jenem alten Mann spürte ich durchaus Empathie, ich fühlte seine Not, aber es erwuchs kein Mitgefühl daraus. Der ehemalige US- Präsident Barack Obama sagte einmal im Hinblick auf das Budgetdefizit den später oft zitierten Satz: «Das grösste Defizit, das wir in unserer Gesellschaft und in der Welt haben, ist ein Empathiedefizit.» Doch: Brauchen wir auf der Welt nicht eigentlich mehr Mitgefühl?

Ich erinnere mich, wie mir als Kind Mitgefühl als wichtige Tugend vermittelt wurde – von meinen Eltern, Lehrpersonen und den Geschichten, mit denen ich aufwuchs: Heidi, die ihre gelähmte Freundin Klara zum Gehen brachte. Schuster Martin, der den frierenden Mann in seine Stube zum Tee bittet. Später, in meinem Erwachsenenleben, fühlte ich hingegen kaum je die zwingende Erwartung einer grossen Anteilnahme an mich gestellt. Mitgefühl, das war etwas für sentimentale Jugendliche, Pfarrer und Sozialarbeiter:innen.

Soziale Verbundenheit

Wie es heute um die Empathie- und Mitgefühlsfähigkeit der Gesamtgesellschaft steht, ob sie in den letzten Jahrzehnten zu- oder abgenommen hat, ist wissenschaftlich erstaunlich schwierig festzustellen. Denn beides sind keine einzelnen Phänomene, sondern ein Bündel von Haltungen und Handlungen, die in Umfragen meist nur durch Selbstauskünfte erfasst werden können.

Solche Befragungen können stark von gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst werden, sagt Tania Singer, wissenschaftliche Leiterin der Forschungsgruppe Soziale Neurowissenschaften der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. So würden Frauen in solchen regelmässig empathischer abschneiden als Männer, obwohl Hirnstudien keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigten. Tatsächlich sprechen wissenschaftliche Erkenntnisse dafür, dass Mitgefühl weit mehr ist als eine nette Charaktereigenschaft.

Forschende der University of California gehen in einer evolutionsbiologischen Analyse davon aus, dass Mitgefühl sich primär deswegen entwickelte, damit Gruppen überhaupt funktionieren können. Gemeinschaften können nur bestehen und grösser werden, wenn sie Schwächere schützen und miteinander zusammenarbeiten. Mitgefühl hält schlicht mehr Gruppenmitglieder am Leben: Kinder wachsen auf, Kranke genesen.

Mitgefühl bringt uns also dazu, anderen helfen zu wollen und wahrgenommenes Leid zu lindern. Und wenn das nicht direkt möglich ist? Schliesslich kann man nicht nach jedem Medienbericht über sinkende Flüchtlingsboote im Mittelmeer oder über das Leiden im Sudan umgehend anreisen, um helfend anzupacken. Wie Grit Hein sagt, löst Mitgefühl als Reaktion auf solche Nachrichten aber Fragen aus: Wenn ich das Leid nicht lindern kann, was kann ich sonst tun? Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich, in meinem Alltag, in meinem Leben? «Mitgefühl kann zu einer Lebenshaltung werden.»

"Soziale Nähe reduziert das Sterblichkeitsrisiko massiv"

Zu einer, mit der wir uns geliebter, zugehöriger und sozial verbundener fühlen, wie die US-amerikanische Neurowissenschafterin Bethany E. Kok ausführt. Nachweislich führt der Zustand des Mitgefühls nämlich zu mehr neuronaler Aktivität in jenen Hirnarealen, in denen Liebe und weitere positive Emotionen angesiedelt sind.

Und das Gefühl der sozialen Verbundenheit, darauf deuten Forschungsergebnisse gemäss Kok hin, ist mit einer geringeren Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für einige Krebsarten und für zahlreiche Infektionen verbunden. Eine Metaanalyse kam zum Schluss, dass das Empfinden sozialer Nähe das Sterblichkeitsrisiko massiv reduzieren kann – der Effekt ist dreimal grösser als etwa jener durch sportliche Aktivität.

Ich brauche mein Mitgefühl also nicht nur aus rein moralischen Gründen zurück. Sondern auch für meine eigene Gesundheit und – um etwas pathetisch zu werden – für jene der ganzen Gesellschaft.

Mitgefühl vorleben

Ich befrage Grit Hein nach meiner These, wonach Empathie und Mitgefühl mit dem Alter abnehmen. «Aus wissenschaftlicher Perspektive lässt sich das so nicht belegen», meint sie. Doch gäbe es eindeutige Befunde dazu, dass man zumindest die Fähigkeit der Empathie lernen und verlernen könne – in jedem Alter.

Eine Studie, die Grit Hein an der Universität Zürich durchgeführt hat, belegt, dass wir Empathie verlernen, «wenn wir es oft mit Personen zu tun haben, die sich wenig empathisch zeigen». Man habe gesehen, dass sich dann die damit in Verbindung stehenden Hirnaktivierungen tatsächlich reduziert hätten.

Gleichzeitig verstärkt sich die Empathie bei jenen, die Menschen beobachten, die sich sehr mitfühlend verhielten. Tritt dieser Effekt auch auf, wenn wir regelmässig hasserfüllte Online-Kommentare und abschätzige Äusserungen auf Social Media verfolgen? «Man müsste die These testen. Aber ja, es kann sehr gut sein, dass sich das übertragen lässt», sagt Grit Hein. «Wenn es zunehmend so ist, dass antisoziale Verhaltensweisen geduldet und teilweise auch vorgelebt werden, dann ist das schon etwas, was Empathie unterbindet.»

Stressvermeidung

Ob die exzessive Nutzung des Internets unsere Empathie- und Mitgefühlsfähigkeit generell angegriffen hat, ist bisher nicht geklärt. Einerseits weiss man, dass es uns Türen öffnet zu anderen Menschen und damit Interesse für die Gefühle anderer, also durchaus auch Empathie und Mitgefühl, wecken kann.

Wird das Leid jedoch als zu belastend erlebt, so Grit Hein, reagieren Menschen häufig mit Rückzug. Vielleicht, weil es unser Hirn überfordert? «Empathie kann tatsächlich zwei Wege nehmen», erklärt Grit Hein. «Sie kann eben in Mitgefühl übergehen – oder aber in Stress münden.»

Hein bringt ein Beispiel, das bezeichnenderweise meinem Ausgangspunkt ähnelt: «Man sieht von Weitem einen Obdachlosen, der um Geld bittet. Bevor man die Person passiert, wechselt man die Strassenseite. Weil dieser Anblick eine Stressreaktion auslöst, mit der man in diesem Moment nicht umgehen kann.»

"Meine Gefühle lösten Stress aus, überforderten mich. Ich wollte mich schützen – und flüchtete"

Genau so war es bei mir. Meine Gefühle lösten Stress aus, überforderten mich. Ich wollte mich schützen – und flüchtete. Und so ist es wohl auch, wenn ich mit meiner Tochter über Krisen und Krieg spreche: Ich flüchte innerlich. Und ich flüchte vor dem Empfinden von zu viel Leid, wenn ich die Meldung über die psychische Erkrankung des Partners einer Freundin schnell wegwische.

Mein Mitgefühl ist also nicht weg, der Zugang dazu scheint bloss verschüttet. Die grosse Frage ist also: Wie schaffen wir es, dass Empathie öfter in Mitgefühl überfliesst? Grit Hein sagt: «Studien zeigen, dass sich Mitgefühl in Zeiten grosser Angespanntheit reduziert.»

Mitgefühl scheint also leichter zu keimen, wenn Menschen nicht permanent unter Druck stehen. Und weiter: «Ein guter Weg Empathie in Mitgefühl zu übertragen, ist Selbstfürsorge. Wenn ich in einer stabilen körperlichen und mentalen Verfassung bin, kann ich Empathie besser so kanalisieren, dass es in Richtung Mitgefühl geht.»

Gezieltes Training

Die belgische Philosophin Heidemarie Bennent-Vahle plädiert für «gezielte Bildungsmassnahmen» im Hinblick darauf, dass die «natürliche Reichweite unseres Mitgefühls klein ist». Ziemlich gut erforscht sind in diesem Zusammenhang Mitgefühlsmedita­tionen, also Übungen, bei denen man bewusst Gefühle von Wohlwollen, Fürsorge und Verbundenheit gegenüber sich selbst und anderen kultiviert. Sie helfen nachweislich, auf Leid weniger mit Stress und mehr mit Fürsorge zu reagieren.

Für meinen Alltag jedoch wirken die Übungen in der Häufigkeit und Länge, in der man sie praktizieren sollte, wenig praktikabel. Grit Hein sieht das ähnlich: «In unserem Kulturkreis ist das schwer umsetzbar, wir sitzen ja nicht Jahre im buddhistischen Kloster und geben uns der Kontemplation hin.»

"Mitgefühl zu empfinden, ist vielleicht zuallererst ein Entscheid"

Was jedoch klar wird: Mitgefühl ist wie ein Muskel, es lässt sich trainieren. Empathische Vorbilder sind wichtig. Ohne die Augen zu verschliessen vor der Welt, sollte man sich also bewusst fragen: Wem will ich meine Aufmerksamkeit schenken, auf Social Media, in den News, in meinem Umfeld?

Einige Wochen und Recherchen nach meinem Erlebnis mit dem alten Mann sitze ich im Tram, als ich plötzlich realisiere, dass die Frau vor mir weint. Mir wird unwohl, ich möchte eigentlich so tun, als hätte ich nichts gesehen. Dann gebe ich mir einen Ruck: «Alles in Ordnung?» Sie schaut mich an, sagt: «Es geht schon.» Dann lächelt sie kurz. «Aber danke.»

Ich habe mein Herz also vielleicht nicht verloren, ich muss es bloss wieder freiräumen. Mitgefühl zu empfinden, so erscheint es mir nach allem, ist vielleicht zuallererst ein Entscheid. Einer gegen den Rückzug. Und dafür, die Welt und die Menschen nicht an mir vorbeirauschen zu lassen.

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