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Kolumne

Kolumne "Sandwich": "Ich bin jetzt eine Hinterbliebene"

Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal schreibt Claudia Senn darüber, wie sich der Tod ihres Mannes anfühlt – und warum sie lieber ein Erdhörnchen als eine Hinterbliebene ist.

Mein Mann ist gestorben. Er war sehr krank. Fast 25 Jahre lang hatte ich mich auf diesen Moment vorbereitet und über mein «Trauer-Training» sogar in annabelle geschrieben. Nun ist es also wirklich passiert: Ich bin eine «Hinterbliebene». Was für ein schreckliches Wort! Für mich klingt es nach Grabbeltisch und Resterampe.

Der Tod meines Liebsten fühlt sich völlig anders an als erwartet. Angenommen hatte ich, dass mich die Trauer grün und blau schlagen würde und ich den Verlust wie eine an meinen Fuss gekettete Stahlkugel mit mir herumschleppen muss. Anfangs war es tatsächlich schlimm. Ein plötzlicher Tod ist immer ein Schock.

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Doch ein Anruf genügte, und eine Leibgarde aus Freundinnen scharte sich um mich. Sie hielten mit mir Totenwache und begleiteten mich zum Zivilstandsamt. Es war immer jemand da, den ich vollheulen konnte. Auf meinem Herd köchelte stets ein Topf mit Hühnersuppe, weil ich nichts anderes runterkriegte. Während der Beerdigung hakte sich eine Freundin links bei mir unter, eine andere rechts, und zwei stärkten mir mit ihren warmen Händen von hinten den Rücken. Es ist mir ein Rätsel, wie man so etwas ohne Freundinnen überstehen kann.

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"Lebendig ist meine Beziehung definitiv nicht mehr. Aber ist sie tot?"

Nun, wo das Schlimmste vorbei ist, kehrt ein unerwarteter Friede ein. Natürlich ist da diese entsetzliche Lücke, und manchmal schnüffle ich verzweifelt an seinem Kopfkissen, um einige letzte flüchtige Duftmoleküle zu erhaschen. Doch gleichzeitig lebe ich einfach weiter. Ich gehe arbeiten. Ich habe eine neue Kolumne. Ich kann sogar wieder lachen.

Diese Gleichzeitigkeit kommt mir so surreal vor, als hätte ich mich in einen Film von David Lynch verirrt. Zehn Tage nach dem Tod meines Mannes ging ich in die Sauna, um meinem Körper etwas Gutes zu tun. «Überprüfen Sie, ob Ihre Beziehung noch lebendig ist», empfahl mir im Ruheraum das Horoskop einer Frauenzeitschrift. Haha, dachte ich, ihr Scherzkekse. Lebendig ist meine Beziehung definitiv nicht mehr. Aber ist sie tot?

Ich rede mit ihm. Ich denke an ihn. Ich wache morgens auf und will ihm unbedingt erzählen, dass ich im Traum gerade einen Französisch-Aufenthalt auf einer Bohrinsel absolviert habe und dort eine afrikanische Coiffeuse meine Haare in eine blassrosa Löwenmähne verwandelte. Dann fällt mir wieder ein, dass er ja tot ist. Das ist ein Schlag in die Magengrube, jedes Mal. Aber er wirft mich nicht um.

Erst dachte ich, es stimmt etwas nicht mit mir, weil ich so ruhig bin. Verdränge ich meine Trauer etwa? Doch dann stiess ich auf die Forschung von George Bonanno, Psychologie-Professor an der Columbia-Universität, der herausfand, dass zwei Drittel aller Menschen den Verlust eines nahen Angehörigen erstaunlich gut wegstecken. Wir Menschen seien wie Erdhörnchen, sagt Bonanno, unglaublich anpassungsfähig. Ich bin gerne ein Erdhörnchen. Viel lieber jedenfalls als eine Hinterbliebene.

Die Kolumne «Sandwich» startete am 4. April 2025 in der annabelle-Printausgabe. Claudia Senn und Michèle Roten wechseln sich dabei von Ausgabe zu Ausgabe ab; in der Sommerserie erscheint jeden Freitag eine Kolumne.

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Rebecca

Vor zwei Monaten ist mein Mann, ein «Langzeitüberlebender», mit 41 Jahren gestorben. Wir haben zwei kleine Kinder, es ist ein unglaublicher Verlust. Und doch hat es etwas Befremdliches, Trauerbriefe zu lesen, in denen steht «Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich es dir gehen muss». Es zeigt, was für ein Tabu das Thema Tod ist, für Menschen, die es hauptsächlich mit gesunden Leuten zu tun haben. Danke für den Artikel. Ich bin auch lieber ein Erdhörnchen.

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