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Der Alp-Traum: Drei Hirtinnen erzählen von ihren Alpsommern

Der Alp-Traum: Drei Hirtinnen erzählen von ihren Alpsommern

Einsamkeit, kein fliessendes Wasser und harte körperliche Arbeit: Warum junge, gut ausgebildete Europäerinnen ein komfortables Leben aufgeben, um monatelang in den Bergen Tiere zu hüten.

Menschen, die mit Tieren übers Land ziehen, gehören für die Fotografin Paroma Basu, aufgewachsen im indischen Kalkutta, zu den frühesten Kindheitserinnerungen. Doch ist diese Existenz selten frei gewählt und oft stark geprägt von Armut – es ist kein erstrebenswertes Leben in der indischen Kultur. Umso erstaunter war Paroma Basu also, als sie nach Barcelona zog und bei Ausflügen in die Natur immer wieder auf junge Frauen traf, die mit Schafen oder Ziegen durch die Berge zogen: Warum arbeiten junge, gut ausgebildete Europäerinnen als Hirtinnen, wenn sie in einem anderen Job mehr Geld für weit weniger strapaziöse Arbeit verdienen könnten?

Auch in der Schweizer Ausbildung zur Schafhirtin machen die Frauen in den letzten Jahren oft die Mehrzahl der Teilnehmenden aus. Paroma Basu beschloss, der Sache mit ihrer Kamera auf den Grund zu gehen – entstanden ist ihr Langzeitprojekt «The Good Shepherdess». Was finden diese Frauen oben in den Bergen, fern von Städten und gesellschaftlichen Zwängen? Wir haben zum Start der Alpsaison im Juni mit drei der Hirtinnen gesprochen, die Paroma Basu mit der Kamera begleitet hat.

Eine neue Gegenwärtigkeit

Eliane Haldimann ist im Jura aufgewachsen, auf einem kleinen Bauernhof. Während der Wintermonate sind hier Wanderherden unterwegs und weiden grosse Flächen ab. Eine der Herden zog jedes Jahr am Elternhaus von Eliane Haldimann vorbei, wo der Hirte für ein paar Nächte beherbergt wurde. Als er einmal auf der Suche nach einer Praktikantin für den Alpsommer war, sprang die gelernte Landschaftsgärtnerin ein. Das war vor sechs Jahren, seither verbrachte die heute Dreissigjährige jeden Sommer auf der Alp. Dort kümmert sie sich um achthundert bis tausend Schafe. Zusammen mit einem Praktikanten und zwei Hunden treibt sie die Tiere von Weide zu Weide und passt auf, dass sie nicht abstürzen. Haldimann schläft in einer Hütte ohne Strom und fliessendes Wasser, das Essen wird am Anfang der Alpsaison mit dem Helikopter hochgeflogen.

Frische Nahrungsmittel gibt es nur, wenn jemand zu Besuch kommt. Und ja, die Arbeit ist anstrengend. Eliane Haldimann erzählt: «Man ist den ganzen Tag und bei jedem Wetter draussen. Man kann die Tiere nie unbeaufsichtigt lassen, denn es gibt viele Gefahren, Wölfe, Steinschläge, Felsen.» Aber es sei auch ein bisschen eine Sucht, diese Art zu leben. «Mit der Zeit verändert sich die Wahrnehmung. Ich sehe und höre alles, achte auf das Wetter, die Tiere und die Umgebung.» Es ist ein Zustand der Wachheit und Gegenwärtigkeit, den auch die Spanierinnen Aina Lizarza Solana (28) und Mercè Sulé Palma (48) kennen.

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Mercè Sulé Palma, die erst mit 41 zu dieser Arbeit kam, erzählt: «Am Anfang sass ich da und dachte, was mache ich jetzt die nächsten sechs Stunden? Es fallen ja all die Reize weg, denen wir sonst ausgesetzt sind.» Erst mit der Zeit werde jede Regung in der Natur spannend, «ein Insekt, das über den Boden krabbelt, ein Baum, der sich im Wind bewegt, wie die Tiere sich verhalten».

Verantwortung übernehmen

Mercè Sulé Palma ist in der Nähe von Girona in Katalonien aufgewachsen und war fast ihr ganzes Erwachsenenleben mit einem Rucksack in der Welt unterwegs, arbeitete als Tauchlehrerin, manchmal für grosse Resorts in Südostasien. Irgendwann hatte sie das Bedürfnis, sich wieder mehr mit dem Land zu verbinden, und kehrte zurück nach Spanien zu ihrem Bruder, der in den Pyrenäen lebt. Aber wovon sollte sie hier leben?

Da hörte Mercè Sulé Palma von der Schäferausbildung in Katalonien. Sie absolvierte den Lehrgang und fand eine Stelle als Ziegenhirtin. Doch dann machte ihr Arbeitgeber Pleite. Zum Abschied schenkte er ihr vier Ziegen. Sie zog mit den Tieren weiter. Aus den vier Ziegen wurden bis heute sechs. Mercè Sulé Palma melkt die Tiere und verarbeitet die Milch zu Frischkäse, den sie gegen Eier, Brot und Heu tauscht.

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"Am Anfang sass ich da und dachte, was mache ich jetzt die nächsten sechs Stunden?"

Mercè Sulé Palma

Auch Aina Lizarza Solana besuchte die Hirtenschule in Katalonien. «Früher dachte ich, dass ich vielleicht einmal in einem Museum arbeiten werde», erzählt die studierte Anthropologin. Doch die Hirtinnen-Erfahrung hat ihr Leben auf den Kopf gestellt. Seit fünf Jahren verbringt Aina Lizarza Solana jeden Sommer auf der Alp – in Frankreich, Spanien und der Schweiz.

Im Winter findet sie Arbeit auf verschiedenen Bauernhöfen. Sie hat keinen festen Wohnsitz mehr. Hirtin zu sein bedeutet für sie, nicht länger abgespalten von der Natur zu leben, sondern im Austausch mit ihr. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen für die Umwelt und mit wenigen Ressourcen auszukommen. Es bedeutet, dem eigenen Instinkt zu folgen, statt Geld und Status.

Als Hirtin – egal ob in der Schweiz, in Spanien oder irgendwo sonst auf der Welt – verbringt man die meiste Zeit alleine. Umso wichtiger werden die Tiere. Sie werden zu geschätzten Begleitern, sowohl die Arbeitshunde als auch die Schafe oder Ziegen. Eliane Haldimann erzählt: «Jedes Schaf hat seinen eigenen Charakter, manche sind extrovertiert, andere sind schüchtern. Mit der Zeit lernt man sie alle kennen. Manchmal entdecke ich ein Tier und denke, dich hab ich ja noch gar nie gesehen!» Aina Lizarza Solana sagt: «Auf der Alp begegne ich Menschen viel wertschätzender und respektvoller. Ich bin immer dankbar, wenn ich wieder einmal menschliche Gesellschaft habe.»

Eliane Haldimann wird diesen Sommer pausieren. Seit sechs Jahren war sie kaum auf Partys oder mit Freund:innen unterwegs, weil sie auch im Winter viel Zeit in Ställen verbrachte, wo die Lämmer auf die Welt kommen und sie fast rund um die Uhr im Einsatz ist. Diesen Sommer will Eliane Haldimann herausfinden, wie es für sie weitergeht, ob sie eine Familie gründen will oder weiterhin als Hirtin arbeiten. Auch Aina Lizarza Solana sagt: «Ich hätte eigentlich gern irgendwann Kinder. Aber ich würde auch gern weiterhin diese Arbeit machen.» Diese Wünsche zu kombinieren sei jedoch alles andere als einfach. Sie erhielten den lokalen Mindestlohn, die Anstellungen seien temporär, die Hütten, in denen sie auf der Alp wohnen, oft in schlechtem Zustand.

Die Hirtinnen-Erfahrung hat die drei Frauen verändert. Eliane Haldimann sagt: «Ich habe nicht mehr so viel Geduld mit den Menschen und ihren Problemen, ich habe oft das Gefühl, dass vieles übertrieben ist. Auf dem Berg erlebe ich schwierige Situationen, etwa wenn ein Schaf von einem Wolf gerissen wurde, wenn es wochenlang regnet und die Kleider nicht mehr trocken werden. Dann verstehe ich nicht mehr, worüber sich die Menschen im Tal aufregen, es erscheint mir lächerlich.»

Aina Lizarza Solana erzählt von dem riesigen Freiraum, der sich auftut, wenn gesellschaftliche Erwartungen und Normen wegfallen. «Weiblichkeit wird oft mit Zartheit und Reinheit assoziiert. Aber bei meiner Arbeit bin ich die meiste Zeit dreckig, staubig oder schlammig, ich hantiere mit Axt und Vorschlaghammer. Dabei fühle ich mich stark und gut. Ich verbringe viele Monate ohne Spiegel, bin unrasiert, ungeschminkt und ungekämmt – und liebe es! Es gibt aber auch Tage, da ziehe ich mich schön an und mache mich hübsch, einfach für die Schafe», erzählt Aina Lizarza Solana lachend.

"Ich verbringe Monate ohne Spiegel. Aber manchmal mache ich mich hübsch, einfach für die Schafe"

Aina Lizarza Solana

Mercè Sulé Palma sagt, dass sie sich bei der Arbeit als Hirtin so stark und gesund fühle wie nie zuvor, körperlich und mental. Auch deswegen vermisse sie den Job. Sie ist auf der Suche nach einer neuen Stelle als Hirtin. Gerade jobbt sie in einem Berggasthaus in Katalonien, dort hat sie ihren sechs Ziegen einen kleinen Stall gebaut. Und Eliane Haldimann beschreibt, wie sie sich selbst und ihren Körper bei dieser Extremerfahrung neu kennenlernte, wie sie stark wurde und unempfindlich gegenüber Widrigkeiten.

Im Kreislauf

Besonders schwer ist es für alle drei Hirtinnen, wenn ein Tier krank wird, verunfallt oder getötet werden muss. Gleichzeitig ist die Nähe zum Tod ein wichtiger Teil der Arbeit. Aina Lizarza Solana sagt: «Tod und Geburt so nah mitzuerleben, hat mich gelehrt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Viele von uns nehmen sich oft als unabhängig von der Natur wahr, auch der Tod scheint uns nicht zu betreffen.» Wenn man mit Tieren lebe, fühle man sich irgendwann als Teil von allem. «Wenn ich als Hirtin in den Bergen bin, gehöre ich zu dieser Welt und hinterlasse meinen Abdruck in ihr.»

Nicht nur der Kreislauf von Leben und Tod ist im Alltag der Hirtinnen präsent, sondern auch die Jahreszeiten, der wiederkehrende Beginn der Alpsaison im Juni und der Abschied von ihr im September. Jedes Jahr verspürt Aina Lizarza Solana die gleiche Nervosität. Jedes Mal fragt sie sich aufs Neue, ob sie das schafft, ganz auf sich allein gestellt in einer Hütte, verantwortlich für vierhundert Tiere.

Und dann, wenn der Alpsommer beginnt, verwandelt sie sich wieder in die Hirtin, die den Vögeln lauscht, Spuren liest und sofort registriert, wenn ein Hund die Ohren spitzt. Es folgt die Zeit der Monotonie: Ein Tag gleicht dem anderen, sofern es keine Unfälle oder Wettereinbrüche gibt. Gegen Ende des Sommers macht sich die Müdigkeit bemerkbar und es beginnt die Zeit der letzten Male: das letzte Mal aus dieser Quelle trinken, das letzte Mal die Schafe von jener Weide holen, das letzte Mal Heidelbeeren pflücken, das letzte Mal auf diesem Felsen sitzen.

Und was ist es nun, was die Frauen finden in diesem entbehrungsreichen Beruf? Eliane Haldimann spricht von Freiheit. Zwar hat sie als Hirtin nie wirklich Feierabend. Gleichzeitig, sagt sie, sei man vollkommen frei, treffe jede Entscheidung selbst. Aina Lizarza Solana beschreibt ihre Entscheidung, als Hirtin zu leben, als einen Akt der Befreiung. Und Mercè Sulé Palma erzählt von einem Gefühl, das sie nur vom Tauchen kennt: Frieden.

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