Şeyda Kurt: "Das grösste Monster ist das Vergessen"
Şeyda Kurt hat die politische Dimension von Gefühlen analysiert. In ihrem Romandebüt "Zeit der Monster" schreibt sie gegen das Vergessen an.
- Von: Barbara Loop
- Bild: Harriet Meyer
Dieser Roman flirrt wie die Hitze dieses Sommers. Irgendwo zwischen Science-Fiction, Fantasy, Dystopie und Gesellschaftsroman erzählt «Zeit der Monster» von unwirklichen, fast gestaltlosen Wesen, von Revoluzzerbanden, von den Spuren des assyrischen Reichs und von einem heruntergekommenen Stadtviertel. Drogensumpf, Krawallsumpf, Elendssumpf. Die Menschen, die hier leben, sehnen sich nach einem Umsturz und greifen zu unorthodoxen Mitteln. Die Prophezeiung vom Ende der Welt macht die Runde und sorgt für Chaos – aber auch für Klarheit.
Şeyda Kurt hat mit ihren erfolgreichen Sachbüchern «Radikale Zärtlichkeit» (2021) und «Hass» (2023) ein feines Gespür für die Themen der Gegenwart bewiesen. Ihr Debütroman aber weist über seine Zeit hinaus: Ein Buch voller Schichten, Schutt und Schönheit.
annabelle: Şeyda Kurt, der Titel Ihres Romans ist angelehnt an ein berühmtes Zitat des italienischen Philosophen Antonio Gramsci. Er schrieb die Zeile in den 1930er Jahren im Gefängnis der italienischen Faschisten. Wer aber sind die Monster von heute?
Şeyda Kurt: Um genau zu sein, schrieb Gramsci: «Die alte Welt ging zu Ende, die neue konnte noch nicht geboren werden. Das ist die Zeit der morbiden Erscheinungen.» Erst später wurden diese Verfallserscheinungen zu Monstern.
Was knackiger klingt und sich besser eignet als Titel eines Romans.
Genau, was aber auch die Bedeutung verändert. Monster stammt vom lateinischen «monstrare» und bedeutet «aufzeigen». Die vermeintlichen Monster in meinem Roman legen Strukturen offen und zeigen Zusammenhänge auf: Die Menschen dieses dicht besiedelten Viertels werden als Monster wahrgenommen, kriminalisiert und stigmatisiert. Doch für sie, die in diesem Wimmelbild eines Viertel unterwegs sind und auf unterschiedliche, teils schurkenhaft kreative Weise versuchen, füreinander zu sorgen und über die Runden zu kommen, für sie ist das unheimliche Aussen, das sie umgibt, das eigentliche Monster. Die Stadt und ihre Behörden, die ihnen Hilfe verwehren und die Infrastruktur verrotten lassen, die Staatsmacht, die jederzeit auf sie zugreifen kann. Aber die grösste Monstrosität dieses Romans liegt für mich im Vergessen.
Im Vergessen? Inwiefern?
Viele Menschen, mich eingeschlossen, beobachten fast ungläubig die Rückkehr von Dingen, die wir eigentlich längst überwunden glaubten. Die Kriegsbegeisterung, autoritäre Regime, faschistische Ideologien. Ich glaube, es ist eine Erfahrung unserer Gegenwart, zu beobachten, wie Errungenschaften in Vergessenheit geraten. Dieses Vergessen habe ich im Roman mit Figuren eingelöst, die einer unheimlichen Fieberkrankheit zum Opfer fallen, ihr Gedächtnis verlieren und als Vergessene und Selbstvergessene zurückbleiben.
"Es gibt reaktionäre Kräfte, die wollen, dass die Menschen vergessen"
Der Gedächtnisverlust greift in «Zeit der Monster» wie eine Krankheit um sich. Ist das Vergessen ansteckend?
Hm, eine gute Frage, sie zielt auf den Kern des Problems. Im Viertel stand früher eine Chemiefabrik. Ist diese Krankheit also vielleicht gar keine Krankheit, sondern eine Folge dieser Fabrik, die dort über Jahrzehnte das Wasser verseuchte? Ist die Krankheit wirklich mysteriös oder einfach die Folge der materiellen Verhältnisse, die in diesem Viertel gewirkt haben? So ist es doch auch beim Vergessen. Es gibt reaktionäre Kräfte, die wollen, dass die Menschen vergessen. Zum Beispiel wird in den USA gerade die koloniale Geschichte ausradiert. Es gibt eine politische Verwaltung von Wissen und Vergessen. Es handelt sich nicht um eine Naturgewalt.
Sie haben in Ihren Sachbüchern über die politische Dimension von Gefühlen geschrieben. Sie haben analysiert, wie sich gesellschaftliche Strukturen auf Gefühle wie Liebe oder Hass auswirken und umgekehrt, wie Gefühle das gesellschaftliche Leben und die Institutionen beeinflussen. In Ihrem Romandebüt spielt Angst eine grosse Rolle. Welche Auswirkungen hat Angst auf die Menschen?
Mira ist so etwas wie der Mastermind des Viertels. Sie ist die Besitzerin des Muskelpalasts McBurn und die Wahlmutter der rothaarigen Sanya, eine Heldin der Geschichte. Mira ist verzweifelt, weil sich trotz der zahlreichen Briefe, die sie an die Regierung schreibt, nichts zum Guten verändert. Also setzt sie das Gerücht vom Untergang in die Welt, damit ein Ruck durch das Viertel gehe. Damit die Leute erwachen. Aber Angst lässt sich nicht kontrollieren. Denn Angst wirkt sich auf alle unterschiedlich aus, sie ist an die Traumata der Menschen gebunden.
Wie meinen Sie das?
Ich weiss es aus eigener Erfahrung. Ich selbst werde nie ein angstfreies Leben führen, denn ich bin in einer Familie aufgewachsen, die stark von Angst geprägt war. Mit einer depressiven Mutter, die sich vor allem fürchtete. Man kann nicht voraussehen, was mit Menschen passiert, die retraumatisiert werden. Angst bringt selten heilsame, gute Entscheidungen hervor.
Angst macht auch ohnmächtig. Die eingangs beschriebenen Figuren, die das Fieber des Vergessens ereilt, liegen ohnmächtig wie Zombies im Bett, sprechen kein Wort, sind unfähig zu handeln.
Der Roman kreist im Kern um die Frage: Wie schafft man es, wieder Teil der Welt zu werden, sie mitzugestalten? Das Gefühl der Ohnmacht teilen derzeit viele Menschen. Es herrscht eine fast krankhafte Unfähigkeit, sich die Zukunft auszumalen. Die Idee vom Weltende – etwa durch die Klimakatastrophe – erscheint vielen realistischer als die Vorstellung, dass es weitergehe und sie die Macht hätten, die Welt zum Besseren zu verändern. Mir geht es immer darum, trotz der Angst nicht ohnmächtig zu werden und zu handeln. Ich will nicht so tun, als könnte es eine Welt ohne Angst geben. Mir geht es darum, der Angst Handlungsfähigkeit entgegenzusetzen.
Wie machen Sie das?
Das Schreiben dieses Buches hat geholfen. Im Schreiben kann ich mir eine Welt erschaffen, in der ich mich bewegen kann. Ich kann mir dadurch nicht nur reale Orte erschliessen, sondern auch Orte in meinem Kopf. Ich male mir Möglichkeiten aus. Und es hilft zu wissen, dass man im besten Fall gerettet wird. Vielleicht nicht durch eine übergeordnete Macht, sondern durch die Menschen, mit denen man sich umgibt.
"Mir geht es darum, trotz der Angst nicht ohnmächtig zu werden"
Mut ist also eine Frage des Willens?
Manche sagen ja, Mut sei ein Muskel, den man trainieren könne. Ich kann mich auf diesen Muskel nicht einfach verlassen, sondern muss mich immer wieder entscheiden, gewisse Dinge trotz der Angst zu tun. Die Welt gibt mir derzeit wenig Grund zum Optimismus: die Klimakatastrophe, der Raubbau an den natürlichen Ressourcen, das Wettrüsten. Das muss aber nicht bedeuten, dass ich vom Pessimismus geleitet werde. Es braucht vielmehr einen Willen zum Optimismus. Oder vielleicht ist es in meinem Fall auch eine Form von Trotz oder Liebe. Wie sie die Surrealisten hatten.
Die Surrealisten?
Sie haben in die Abgründe der Welt geschaut, sie anerkannt und die Welt nicht romantisiert. Und sie haben den Abgründen Schönes abgetrotzt. Auch in der Kunst. Trotz aller Trümmer, trotz aller Hoffnungslosigkeit.
«Wie herrlich» wird das Viertel im Roman wiederholt genannt, obwohl dort die Pflanzen verdorren, die Infrastruktur vor die Hunde geht und die Menschen krank werden.
Genau, das ist eine Form der Ermächtigung. Das Viertel ist an Köln-Kalk angelehnt, wo ich aufgewachsen bin und heute teilweise wieder lebe. Der Stadtteil hat einen schlechten Ruf, er ist von Armut geprägt. Hier leben viele Migrant:innen, Erwerbslose, Drogenkranke. Schon als Kind hatte der Ort für mich eine sogartige Wirkung. Es gibt viele Ruinen, Trümmer von Fabriken, weil hier einst eine wohlhabende Industriestadt bestand, die dann in den 1990er Jahren deindustrialisiert wurde. Ich hatte immer das Gefühl, dass diese Ruinen nach mir rufen. Und dass ich verschluckt werde, wenn ich mich ihnen nähere.
So war es auch: Die Ruinen und das Viertel haben Sie gefangen genommen. Sie haben schliesslich dieses Buch geschrieben.
Als ich als Erwachsene in das Viertel zurückkehrte, war mein Blick nüchterner. Da war ich nur noch Beobachtende, die den Ort neu entdeckte. Ich habe mich beim Schreiben in die Ruinen begeben, um zu schauen, was sie erzählen und was ich für meine Geschichte mitnehmen kann.
Eine Geschichte der Vergessenen und Selbstvergessenen.
Die Arbeitsmigration spielt im Roman eine grosse Rolle. Es gibt diese Menschen, die in der verlassenen Chemiefabrik zurückgeblieben sind, sie befinden sich noch immer im Streik gegen deren Schliessung. Man hat sie dort vergessen. Meine Grosseltern kamen wegen der Arbeit aus der Türkei nach Deutschland. Sie haben sich derart stark darüber definiert, dass sie sich ihr Leben lang kaputt gearbeitet haben. Das war in ihren Augen ihre Daseinsberechtigung, dass sie als Arbeitskräfte gerufen wurden. Als sie in Rente gingen, wussten sie nicht mehr, wer sie waren. Ein kompletter Identitätsverlust. Wenn sie keine Arbeiter mehr sind, was sind sie dann? Und wenn meine Grosseltern und meine Eltern vergessen haben, wer sie sind, wer bin ich dann eigentlich?
"Wenn meine Eltern vergessen haben, wer sie sind, wer bin ich dann eigentlich?"
Das offenbart Ihnen der Sumpf, in dem das Viertel des Romans gebaut wurde. Der Sumpf hat zwar die Geschichte und die Menschen verschluckt, er spuckt sie aber auch wieder aus.
Auch Köln-Kalk wurde an einem Sumpfloch angelegt. Der Sumpf ist eine Metapher für die Abwertung. Das Viertel wird als Drogen- und Kriminalitätssumpf bezeichnet. Ich wollte diese Metapher als eine Metapher der Aufwertung nutzen und zeigen, dass so ein Sumpf auch herrliche Eigenschaften hat. Er konserviert und bewahrt, gerade in Zeiten des Vergessens und der Zerstörung ist das doch etwas vom Allerschönsten und Herrlichsten. Und so habe ich mich beim Schreiben des Romans gefühlt, ich bin durch das Viertel gewandert und habe die Relikte der Vergangenheit betrachtet.
Inwiefern hilft der Blick in die Vergangenheit, um der Ohnmacht zu entkommen?
Als Schriftstellerin interessiere ich mich für die Frage, wie ich mir durch das Schreiben meine eigene Geschichte wieder aneignen kann. Wie ich meine Herkunft erzählen kann, ohne sie einfach nur linear zu beschreiben. Meine Geschichte ist vielräumig, vielrhythmisch, genauso wie die der Menschheit. Es passiert vieles gleichzeitig, es gibt Widersprüche. Das Schreiben ist ein Werkzeug, um mich in dieser Geschichte zu verorten. Beim Schreiben frage ich mich: Was nehme ich mir von der Welt? Aber auch: Wie verewige ich mich und: Wie verändert mein Schreiben den Lauf der Dinge?
"Die grösste Gewalt unserer Gegenwart ist, wenn man diese Beziehungen kappt"
Liegt in der Zuwendung zum Lokalen, zum eigenen Viertel auch eine Form von Handlungsmächtigkeit?
Absolut. Als feministische Autorin stelle ich mir die Welt immer als einen grossen Kosmos vor, als ein Gesamtbild von Beziehungen. Alle Dinge in der Welt stehen in Beziehung zueinander, alles ist geworden und kann in diesem Sinne auch anders werden. Die grösste Gewalt unserer Gegenwart ist, wenn man diese Beziehungen kappt. Viele fühlen sich heute entkoppelt von sich selbst, von den anderen, aber auch von der Natur und von den Orten, an denen sie leben. In so einer Situation kann Angst noch viel zerstörerischer sein, weil wir mit ihr allein sind. Das macht uns gefügig und ohnmächtig.
Der Roman zeigt aber auch, dass das Lokale und das grosse Globale zusammenhängen. Die Geschichte spannt den Bogen von der lokalen Chemiefabrik zur Ölkatastrophe beim Untergang der Exxon Valdez 1989, vom Viertel bis zum Untergang des Assyrischen Reichs in Mesopotamien 609 vor Christus.
Ich selbst bin viel unterwegs gewesen. Im Quartier, aber auch in Kuba und in Kurdistan, im Gebiet des früheren Mesopotamiens, und habe mir da die ältesten christlichen Gemeinden der Welt im Kalksteingebirge Tur Abdin angeschaut. Und mich mit der assyrischen Geschichte auseinandergesetzt. Ich war in Palästina. Und gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, wieder mehr in Beziehung zu meinen Nachbarn, zu einem Blumenbeet vor meiner Haustür und zu meinem Viertel zu treten. Das Schönste am Schreiben ist für mich, dass ich plötzlich wieder mit der Welt, in der ich lebe, in Beziehung stehe. Und ich will diese Welt verteidigen.
Was macht das Schreiben mit Ihnen?
Ich habe kürzlich in einem Gedicht von Novalis gelesen, dass die Philosophie eigentlich Heimweh sei, ein Trieb, überall zu Hause zu sein. Für mich ist das die Literatur. Ich habe ständig Heimweh, weil ich überall in der Welt zu Hause sein möchte. Und umgekehrt führt die Literatur vielleicht dahin, wo man sich zuhause fühlt.
"Es lohnt sich, gemeinsam zu imaginieren, zu erzählen und die Grenzen der Vorstellungskraft zu erproben"
Was kann der Roman, was die Sachbücher nicht konnten?
Es gibt heute eine Armut an Imagination. Viele verabschieden sich von der Idee einer Zukunft. Aber es lohnt sich zu jeder Zeit, gemeinsam zu imaginieren, zu schreiben, zu erzählen und die Grenzen der Vorstellungskraft zu erproben. Ich muss mich als Schriftstellerin selbst aus der Angststarre rausholen. Es ging mir beim Schreiben des Romans auch um die sinnliche Erfahrung von Schönheit. Im Wahrnehmen von Schönem kann man auch eine Form der Wahrheit entdecken.
Welche Wahrheit meinen Sie?
Zum Beispiel die Wahrheit, dass es die Welt am Ende des Tages trotz allem vielleicht doch zu bewahren gilt, weil sie doch noch viel zu viel Herrlichkeit und Pracht und Schönheit zwischen den Rissen und Narben hat. Die Ambivalenz des Sumpflochs, die Schönheit des Kaputten, die Zukunft, die schon immer in der Vergangenheit verborgen lag und durch die brüchige Gegenwart durchscheint.
Erzählen statt erklären?
Vielleicht war ich auch einfach müde zu erklären, wollte mehr gemeinsam erleben, sinnlich wahrnehmen. Ich habe das auch selbst beobachtet: Viele Menschen fühlen sich auf eine Art und Weise durch die Verhältnisse, in denen sie leben, so überwältigt, dass es sie körperlich stumpf macht. Die Erfahrung der Ohnmacht, über die wir gesprochen haben, sie versteinert und verhärtet uns.
Wie der Muskel des Mutes, den man trainieren muss.
Genau. Ich glaube, dass es nicht nur Argumente und Analysen braucht, sondern auch eine Erzählung, die Lebendigkeit erfahrbar macht und vielleicht eben darüber auch wieder bewirkt, dass man sich der Welt gegenüber öffnet.
«Zeit der Monster» von Şeyda Kurt erschien bei Hanser Berlin und ist ab sofort im Handel erhältlich
Erleben Sie Şeyda Kurt im Gespräch mit annabelle-Chefredaktorin Barbara Loop live an der BuchBasel. Das Literaturfestival findet vom 13. bis 15. November 2026 statt.