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Rebecca Martin:

Rebecca Martin: "Es hat bestimmt 10 Jahre gedauert, bis ich nicht mehr mit 'Ah, die Sexautorin' angesprochen wurde"

Mit "Sommer und so" schliesst Rebecca Martin an ihr Debüt an. Ein Gespräch über Macht und Ohnmacht, den Büchermarkt und das Leben Ende 20.

annabelle: Rebecca Martin, in Ihrem neuen Roman geht es ums Erwachsenwerden. Was ist das Beste daran, eine erwachsene Frau zu sein?
Rebecca Martin: Für mich ist das Beste, dass dieser Blick von aussen weniger wichtig wird und dass ich der Person, die ich nun mal geworden bin, entspannter begegnen kann. Lena Dunham, die mit Anfang 20 die Erfolgsserie «Girls» geschrieben und produziert hat, sagte kürzlich, dass man sich in diesem Alter so wahnsinnig erwachsen fühlt, aber es eigentlich gar nicht ist. Sie hat wohl recht, mit 23 habe ich mich viel erwachsener gefühlt als heute mit 36. Wahrscheinlich bedeutet Erwachsensein, dass man sich gar nicht mehr so erwachsen fühlt.

«Sommer und so» erzählt die Geschichte einer Frau Ende 20, die in London lebt, sich das aber kaum leisten kann und deshalb als Nanny arbeitet, eigentlich aber als Drehbuchautorin Geld verdienen will. Zudem hat sie Liebeskummer und weiss eigentlich auch nicht so richtig, was sie von der Liebe will. Was macht diese Zeit Ende 20 so anstrengend?
Selbst wenn die ersten Türen ab Mitte 20 zugehen, steht einem in diesem Alter noch vieles offen. Das ist anstrengend, aber auch aufregend. Für mich hat das diese Zeit so aufreibend gemacht: Dass es keine Garantie dafür gibt, dass die Dinge sich so fügen werden, wie man sich das wünscht. Das kann sehr beängstigend sein.

Sie beleuchten in diesem Roman viele Facetten der Macht: Macht aufgrund von unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten, Ruhm und Alter, aber auch Ohnmacht, Entmächtigung und Selbstermächtigung. Wieso ist dieses Thema so wichtig?
Mich beschäftigt dieses Thema seit ich ein junges Mädchen bin. Ich erinnere mich daran, dass ich Kindsein – und ich hatte eine sehr positive Kindheit und ein unglaublich liebendes Elternhaus – so doof fand, weil ich mich ohnmächtig gefühlt habe. Ich wollte früh mein eigenes Geld verdienen und fand es ätzend, dass ich nicht selbstständig sein konnte. Und dann kam der grosse Einschnitt, als mein erster Roman «Frühling und so» erschienen ist und mir mit 18 Jahren die Deutungshoheit über mich selbst genommen wurde. Grosse Boulevardzeitungen haben über mich geschrieben, über Fotos von mir hatte ich keine Kontrolle. Diese Sichtbarkeit damals hat mich nicht mächtig, sondern ohnmächtig fühlen lassen und dieses Gefühl hat sich durch meine Zwanziger gezogen. Ich glaube, das ist tatsächlich etwas Strukturelles und damit wollte ich mich literarisch befassen.

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"Boulevardzeitungen haben über mich geschrieben. Das hat mich nicht mächtig, sondern ohnmächtig fühlen lassen"

Bevor wir über Ihren Debütroman sprechen, kommen wir noch zum zweiten grossen Thema: komplizierte Beziehungen. Die Protagonistin kommt aus einer toxischen Beziehung, schlittert in eine Affäre mit einem älteren Mann, enge Freundschaften werden plötzlich schwierig. Wieso werden in «Sommer und so» vor allem die komplizierten Seiten des Lebens beleuchtet?
Ich habe als Roman- und auch als Drehbuchautorin für mich irgendwann festgestellt, dass Geschichten primär von Beziehungen leben und von Charakteren, die sich echt anfühlen. Wenn Dinge sehr am Plot entlang erzählt, und die Charaktere und die Beziehungen nicht so richtig ausgeleuchtet werden, verliere ich meine Aufmerksamkeit. In diesem Roman hat mich die Komplexität von Beziehungen interessiert.

Die Protagonistin heisst Rebecca, hat an der Filmhochschule studiert, ist Drehbuchautorin und lebt in London, genau wie Sie. Wieso haben Sie die Hauptfigur so eng mit Ihrer eigenen Biografie verwoben?
Ich habe als Leserin in den letzten zehn Jahren viel Trost in autofiktionalen Texten gefunden, etwa von Tove Ditlevsen, Deborah Levy, Rachel Cusk und Sheila Heti. In vielen dieser Texte wird der Name der Autorin auch in den Geschichten verwendet und erzeugt so eine Nähe zu der Stimme und dem Namen, der auf dem Buchdeckel steht. Ich wollte mit «Sommer und so» einen Roman schreiben, der sich intim anfühlt. Und: In meinen drei letzten Romanen, die nicht autofiktional waren, wurde mir unterstellt, dass ich über mein eigenes Leben schreibe, egal wie oft ich auch gesagt habe, dass das nicht der Fall ist. Irgendwann habe ich entschieden, dass ich mir bei meinem ersten Roman nach 11 Jahren eine Art Hoheit zurückholen will und habe deshalb die Protagonistin Rebecca genannt. Damit ist es der Leserschaft überlassen, darüber nachzudenken, was jetzt autofiktional ist und was fiktional, ob das Erzählte sich  wirklich ereignet hat oder nicht.

Fühlt es sich ermächtigend an?
Ja, extrem. Ich bin natürlich nervös, wie es bei den Leser:innen ankommt. Aber dadurch, dass die Figur so nahe an meiner Person dran ist, kann ich einfach erzählen, worum es geht und muss gar nicht erst versuchen zu rechtfertigen und klarzustellen, dass es sich nicht um mein Leben handelt.

Ihr erstes Buch hiess «Frühling und so», Ihr neuestes jetzt «Sommer und so». Die beiden trennt 18 Jahren und es ist keine Fortsetzungsgeschichte – wie hängen sie trotzdem zusammen?
Einerseits, weil sie meinem Alter entlang geschrieben sind: «Frühling und so» erzählt von einer Teenagerin, «Sommer und so» von einer Frau Ende 20. In meinen Romanen habe ich immer auf Lebenserfahrungen in einer bestimmten Alters-Zeitkapsel zurückgeblickt. Andererseits ist das neueste Buch natürlich ein Verweis auf mein erstes. Lange wollte ich den Roman «Saturn Return» nennen, aber diese astrologische Referenz auf eine Umbruchphase war irgendwie zu nerdig. Irgendwann sagte meine Schwester, «Sommer» im Titel wäre doch gut. Und auf einmal merkte ich: Das ist die Klammer! Es muss natürlich «Sommer und so» heissen.

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Lassen Sie uns zum Anfang dieser Klammer kommen: Wie kam es, dass Sie mit 18 Jahren ein Buch veröffentlichten?
Ich habe schon als Teenager Kurzgeschichten und viel Tagebuch geschrieben. Als ich 17 war, meinte eine Freundin, dass die Mutter einer anderen Freundin bei einem Verlag arbeite, der ein neues Teenie-Buch suche, ob ich da nicht was hinschicken wolle. Ich schickte ein paar Seiten und der Verlag meldete sich tatsächlich. Aber sie wollten meine Geschichte nicht als Teenie-Buch, sondern in ihrem Programm mit erotischen Romanen veröffentlichen, weil es unter anderem um Liebe und Leidenschaft ging. Kurz nach meinem 18. Geburtstag habe ich dann den Buchvertrag unterschrieben. Ich war, wie gesagt, immer so gierig darauf, endlich erwachsen zu werden, endlich mehr Deutungshoheit über mein Leben zu bekommen. Meine Eltern waren wenig begeistert, aber konnten auch nichts tun, weil ich ja volljährig war. Gleichaltrige sagten: «Ich darf jetzt Wodka trinken». Bei mir war es eher so: «Naja, diese Chance werde ich mir nicht entgehen lassen.»

"Der Verlag wollten meine Geschichte nicht als Teenie-Buch, sondern in ihrem Programm mit erotischen Romanen veröffentlichen"

Der Roman wurde ein Bestseller und Sie wurden in den Medien als «Erotikautorin» betitelt, das Buch als «Sexbuch» beschrieben.
Ich hätte mir selber nicht ausgesucht, in einer erotischen Reihe zu erscheinen, aber mir war das schon bewusst. Als man mich beim Verlag bat, noch ein paar Sexszenen mehr zu schreiben, weil das Buch noch nicht erotisch genug war, habe ich mich nicht gewehrt, weil ich nicht schwierig sein wollte und ich die Konsequenzen nicht abschätzen konnte. Ich habe diesen Kompromiss akzeptiert, weil ich damals keinen anderen Weg in den Markt gesehen habe. Ich hatte keine Ahnung von Agenturen oder wie man an Verlage rankommt. Das war 2008, schnell googeln ging damals auch noch nicht.

Wie schauen Sie heute auf diese Zeit zurück?
Natürlich hatte ich gehofft, dass das Buch Aufmerksamkeit bekommt und wäre enttäuscht gewesen, wenn es nirgends vorgekommen wäre. Ich hatte Glück, dass es nach der Boulevard-Welle auch von seriöseren Medien aufgenommen und eingeordnet wurde. Ich wollte eine Buchveröffentlichung erleben und gleichzeitig war alles, was passierte, zu viel und auch anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es hat bestimmt 10 Jahre gedauert, bis mich Leute nicht mehr ständig mit «Ah, du bist die Sexautorin» angesprochen haben.

Heute arbeiten Sie nicht nur als Roman- und Drehbuchautorin, sondern sind auch Mitgründerin des Celebrity- und Buchclub-Gesprächsformats nopressure99bookclubs. Was ist das genau?
In diesem Podcast interviewen Celebrities Autor:innen. Wobei Celebrity nicht heisst, dass jemand extrem berühmt sein oder viele Follower:innen haben muss. Es handelt sich einfach um eine Person aus einer anderen Kultur- oder Kunstsparte. Als ich vor einiger Zeit Dua Lipas Gesprächsformat «Service95 Book Club» entdeckte, wusste ich, dass Literatur wieder eine neue, andere Rolle in der Popkultur spielen wird. Für deutschsprachige Bücher habe ich aber nichts Vergleichbares gefunden. Also habe ich mich mit der Produzentin Alina Schäfer und dem Kameramann Yunus Roy Imer, mit dem ich auch verheiratet bin, zusammengeschlossen und ein eigenes Format gegründet.

Ist dieses Projekt auch eine Art Full-Circle-Moment für Sie schreiben, lesen, darüber sprechen und das Ganze aufnehmen zusammenkommen?
Ja, es fühlt sich an, als hätten sich meine Welten verbunden. Egal ob Literatur- oder Film- und Fernseh-Bubble: Wir alle erzählen ja Geschichten. Und mich beschäftigt es sehr, wenn Leute gute Filme machen oder gute Bücher schreiben und das niemand mitbekommt. Es ist mir ein Anliegen, dass die guten Leute und ihre Arbeit gesehen werden. Und wenn wir mit dem Format nur einen ganz kleinen Teil dazu beitragen können, dann macht mich das sehr glücklich.

Rebecca Martin (36) wuchs in Berlin Kreuzberg auf. Ihr erster Roman «Frühling und so» erschien 2008, ihr zweiter «Und alle so yeah!» drei Jahre später, 2015 veröffentlichte sie «Nacktschnecken». Sie hat in den letzten Jahren als Drehbuchautorin an diversen Serien mitgeschrieben, unter anderem bei der deutschen Fernseh-Serie «Charité» sowie dem Instagram-Projekt «Ich bin Sophie Scholl». Martin lebt und arbeitet in London und Berlin. «Sommer und so» erscheint am 15. Juli im Zürcher Aki-Verlag

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