Warum Meditieren eine zivile Pflicht sein sollte
Zwischen Silent Breakfast, Monkey Mind und frischen Datteln lernt unsere Autorin: Meditation ist keine Flucht aus der Welt. Sie ist eine Übung darin, der Welt weniger inneren Lärm hinzuzufügen – und nebenbei die klügste Regel fürs Daten.
- Von: Susanne Kaloff
- Bild: Death to Stock
Der erste Satz, den ich auf dem Weg zur Erleuchtung sage, lautet: «Do you want a date?» Der Fahrer hat uns am Flughafen in Napoli abgeholt, nun brettern wir durch das Cilento in Kampanien. Die Region nennt man auch das weisse Gold Italiens, weil der Mozzarella di Bufala von hier kommt. Und das da, erklärt er weiter und zeigt strahlend auf die Amalfiküste, sei der romantischste Ort der Welt. Ich packe meine Datteln aus und biete unserem Fremdenführer eine an.
Zwei Stunden später trage ich einen weissen, zweiteiligen indischen Kurta-Pyjama aus Baumwolle, den ich die kommenden sieben Tage nicht mehr ausziehen werde. Schmuck lege ich ab, auch Make-up und Parfum sind hier unerwünscht. Ich bin zu Gast bei einem Ayurveda- und Yoga-Retreat von Datu Wellness, bei dem der tibetisch-buddhistische Meister Tulku Lobsang Rinpoche das Meditieren unterrichten wird.
"Es klingt banal und ist doch radikal: Wer äusseren Frieden will, muss bei der eigenen Unruhe anfangen"
Ich habe schon als junge Frau herausgefunden, dass ich etwas brauche, das grösser ist als ich, etwas, das mir hilft zu leben. Mit Mitte zwanzig fing ich an, Yoga und Meditation zu praktizieren. Das ist über dreissig Jahre her. Meine Sehnsucht nach Sinn und Halt ist keine neue. Aber in den letzten Jahren spüre ich immer stärker, dass geistiger Frieden inmitten all der Kriege und Unsicherheiten unbezahlbar ist.
Es klingt banal und ist doch radikal: Wer äusseren Frieden will, muss bei der eigenen Unruhe anfangen. Meditation ist für mich deshalb eine zivile Pflicht. Nicht, weil alle still auf Kissen sitzen sollten. Sondern weil alles, was wir nicht regulieren können, irgendwann in die Welt ausläuft: als Ungeduld, Projektion, Aggression, Konsum, Beziehungsmuster, Kommentarspalte. Die Frage ist nur: Wie und wo damit anfangen?
Kein Smalltalk, kein Handy, kein Ausweichen
Ich fange am ersten Morgen beim Frühstück an, das in Stille eingenommen wird. Zum Silent Breakfast gibt es Quinoa-Porridge mit Sesam und Granatapfelkernen. Mit Fremden in Leinen-Ponchos in einem Raum zu sitzen, zu kauen und kein Wort zu sprechen, ist der erste Schritt in Richtung Achtsamkeit – und Awkwardness. Kein Smalltalk, keine Selbstdarstellung via Jobbeschreibung, nicht einmal eine Statusuhr oder It-Bag zur Hand. Nein, auch kein Handy; das ist nur auf den Zimmern erlaubt.
"Keine Ablenkung. Alles, was bleibt, ist das nackte Selbst"
In meinem Zimmer mit Meerblick ist die Minibar ausgeräumt, der Fernseher mit einer Stoffhusse abgedeckt, in einer der Schubladen finde ich zwei Weingläser und ein Festnetztelefon. Keine Ablenkung. Alles, was bleibt, ist das nackte Selbst.
Kurz darauf versammeln wir uns in identischen Outfits in der Yoga Shala für die erste Lektion. Tulku Lobsang Rinpoche ist ein tibetisch-buddhistischer Meister und Lehrer. Er wurde im Nordosten Tibets geboren und gilt innerhalb seiner Tradition als achte Reinkarnation des Nyentse Lama.
Er lächelt und teilt eines der ersten Buddha-Teachings: Es gibt nur zwei Dinge, Vergänglichkeit und Leere. Leere bedeute in der buddhistischen Lehre nicht, dass nichts existiert, sondern dass alles vergeht, alles sich ständig verändert. Wir genauso wie die Natur um uns herum. Frieden im Geist sei die Erkenntnis dieser Leere. Ihre Akzeptanz. «Wir müssen ein gutes Verhältnis zu Veränderungen entwickeln. Unser Körper und unser Geist verändern sich, nichts bleibt, wie es ist. Die Ignoranz gegenüber dieser Tatsache macht uns unglücklich», sagt er.
"Anfangs springen Gedanken und Gefühle wie wild gewordene Äffchen von Ast zu Ast"
Am Abend schaue ich mich kritisch im Badspiegel an, entdecke einen neuen Altersfleck auf der linken Wange und erinnere mich an seine Worte: Du bist nicht dein Name, nicht deine Identität, du bist nicht dein Körper, nicht dein Geist, nicht dein Atem. Du beobachtest nur. Ich lege den Vergrösserungsspiegel beiseite, trinke die warme Golden Milk, die man mir auf den Nachttisch gestellt hat, und schlafe bis zum Morgengrauen wie ein Engel.
Der Geist ist wie Wasser
Meditation klingt mühsam, ist im Grunde aber schnell erzählt: Ihr Einstiegspunkt ist, alles um dich herum und in dir wahrzunehmen, ohne daran teilzunehmen. Du bist nicht involviert, du leistest keinen Widerstand und du willst es auch nicht anders haben. Weder gefällt dir etwas, noch widerstrebt dir etwas: neutral mind.
Dieser selige Zustand geschieht nicht über Nacht. Anfangs springen Gedanken und Gefühle wie wild gewordene Äffchen von Ast zu Ast, auch Monkey Mind genannt, kaum, dass man die Augen schliesst. Aber mit der Zeit beruhigen sie sich. Sie setzen sich. Werden leiser. Und der gegenwärtige Moment wird zum einzigen Moment. Das ist Freiheit, Minimalismus des Geistes.
Meditation geht weit darüber hinaus, sich aufrecht hinzusetzen und die Augen zu schliessen. Aber die Praxis beginnt exakt damit. Tulku Lobsang erklärt die drei Schritte anschaulich:
- Yoga of the turtle: Schultern nach unten, aufrechte Haltung, gerade Wirbelsäule, gleichzeitig eine entspannte Sitzposition einnehmen.
- Breath of a mammoth: gleichmässig, in derselben Länge und tonlos wie ein Mammut ein- und ausatmen.
- Awareness of a child: achtsam und bewusst sein, ohne nach etwas zu greifen oder an etwas festzuhalten.
Meditation ist eine der einfachsten Methoden, Ruhe und Ausgeglichenheit zu üben. Sie kostet nichts ausser Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen. Der tibetische Meister lehrt uns in dieser Woche auch Tummo- und Dzogchen-Meditation. Diese beiden Praktiken sind vielleicht nichts für Anfängerinnen, aber eins eint alle Meditationen: Der Geist ist wie Wasser. In der Stille wird er von Natur aus klar.
"Wenn ich wählen müsste zwischen einem gut regulierten Nervensystem und einer gut sitzenden Jeans, würde ich immer Ersteres wählen"
Wenn wir alles ruhen lassen, ohne zu urteilen oder zu reagieren, wenn wir einfach wahrnehmen, was da ist, beginnen wir, das Wesen des Geistes zu erkennen. Wir nutzen unseren Geist, um unseren Geist zu beobachten, und lernen uns selbst tiefgründig kennen. Das ist alles. Am Anfang reichen drei Minuten täglich, dann kann man langsam steigern: erst auf elf, vielleicht irgendwann auf 21 Minuten. In dem Moment, in dem wir ruhiger atmen, werden wir selbst ruhiger. Unsere innere Stimme wird deutlicher, das Grundrauschen um uns herum einsilbiger.
Warum ein ruhiger Geist politisch ist
Wenn ich wählen müsste zwischen einem gut regulierten Nervensystem und einer gut sitzenden Jeans, würde ich immer Ersteres wählen. Nichts ist gesünder und gleichzeitig magnetischer als die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren. Man kommuniziert seine Bedürfnisse präziser und checkt früher, wenn die Auffahrt von roten Flaggen gesäumt ist.
"Grenzen zieht man, wenn eine Linie bereits überschritten wurde. Standards hat man, damit das niemand mehr wagt"
Meditieren verändert das ganze Leben, auch das Daten. Unter Stress verschwimmen echte Anziehung und Alarmzeichen zu leicht. Wer meditiert, erkennt schneller, wen und was er wirklich vor sich hat, wählt ruhiger – und lässt sich weniger beeindrucken. Man findet heraus, was man will, was nicht mehr infrage kommt und welche Standards gelten, bevor überhaupt Grenzen überschritten werden.
"Wer sich selbst besser beobachtet, reagiert weniger blind. Wer weniger blind reagiert, richtet weniger Schaden an"
Denn Grenzen sind reaktiv, Standards proaktiv. Grenzen zieht man, wenn eine Linie bereits überschritten wurde. Standards hat man, damit das niemand mehr wagt.
Vielleicht ist genau das die politische Dimension von Meditation: Wer sich selbst besser beobachtet, reagiert weniger blind. Wer weniger blind reagiert, richtet weniger Schaden an. In Beziehungen, in Gesprächen, im Strassenverkehr, in Kommentarspalten, im eigenen Kopf. Meditation macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen. Aber sie schafft eine Pause zwischen Reiz und Reaktion. Und in dieser Pause liegt ziemlich viel Zivilisation.
Transparenzhinweis: Die Reise fand auf Einladung von DATU Wellness statt
Ja meditieren hat unbedingt eine politische Dimension. . Get the monky mind🐒
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Zum Glück mal keine Warnung vor «zu viel Achtsamkeit, da man davon unpolitisch wird». Oder «Meditation verschiebt die Ich- Wahrnehmung»…hier stimmt alles!
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Aus allem eine Ideologie machen und die WIRKLICHEN Zusammenhänge von Macht und Gewalt erfolgreich ignorieren.
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