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Luna Wedler im Interview:

Luna Wedler im Interview: "Ich bin ein sehr unsicherer Mensch"

Die 26-jährige Zürcherin Luna Wedler gehört zu den besten Schauspieler:innen ihrer Generation. Bei der Begegnung mit ihr wird schnell klar: Diese Frau hat Energie und Herz für zwei.

Wir haben sie uns anders vorgestellt, sanfter irgendwie. Angepasster vielleicht. Aber die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler spricht schnell und mit einer Dringlichkeit, als wolle sie möglichst viel sagen, bevor die Regie «Cut» ruft. Sie beginnt Sätze, die sie nicht beendet, springt zwischen Gedanken hin und her, schweift ab. Und kommt doch immer wieder auf die Frage zurück. Sie fühle sich wohl, wenn sie «so viel labert».

Auch ihre Stimme ist tiefer, rauchiger, als ihre Erscheinung es vermuten lassen würde. Wer sie von ihren deutschen Filmen kennt, dürfte überrascht sein ob ihrer Züri-Schnurre. Wir treffen sie im Café Noir nahe der Zürcher Langstrasse. Das «Noir» sei ein Filmtreff, erklärt Wedler ihre Wahl, nachdem sie die Journalistin zur Begrüssung gedrückt und fast nicht mehr losgelassen hat.

In dem Punkt haben wir uns nicht geirrt: Sie strahlt eine Herzlichkeit und Neugier aus, wie sie einem selten begegnen, ist einem sofort sympathisch. Und betont nicht nur die Begrüssung mit dramatischen Gesten. Oder sollte man sagen: mit cineastischen? Ab September verkörpert sie in der Tragikomödie «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?», dem Spielfilmdebüt des Dokfilmers Nicolas Steiner, die Studentin Lena Jakobi. Eine Annäherung an Künstlerin und Kunstfigur.

annabelle: Luna Wedler, «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» zeigt eine surrealistische Welt, mit menschengrossen Ratten als innere Dämonen und fliegenden Autos. Was daran hat Sie interessiert?
Luna Wedler: Der Film ist kafkaesk und gleichzeitig ein Spiegel unserer Gesellschaft. Er thematisiert mentale Gesundheit, Traumata, Sucht. Vor allem aber geht es um Menschlichkeit. Vieles an der Geschichte hat mich tief berührt.

Wann war klar, dass Sie den Film machen wollen?
Sofort. Es passiert nicht oft, dass ich ein Buch oder Drehbuch lese und es plötzlich überall kribbelt. Ich wusste: Fuck, ich muss das machen!

Warum?
Ich habe mich in Lena verliebt. Sie ist so ein lebensfroher, energetischer Mensch mit so einem grossen Herz. Sie sucht und sieht das Gute im Menschen, vielleicht sogar zu fest. Sie will dem alten Säufer Drowak helfen.

Wie viel Lena steckt in Luna?
Auch ich gehe offen auf Menschen zu, versuche, sie nicht vorzuverurteilen.

Und Sie scheinen ähnlich zackig durchs Leben zu gehen.
Lena hat einen lauten Kopf, der überfordernd sein kann. Den habe ich auch, wenn auch nicht ganz so einen lauten. So: tötötötötö. (hämmert mit den Fingerspitzen an ihren Kopf) Nach den Drehtagen war ich jeweils fix und fertig, weil ich zwischen den Takes immer auf und ab gelaufen bin, um nichts von ihrer Energie einzubüssen.

Man könnte sagen, Lena hat ADHS?
Ich will sie nicht diagnostizieren, aber ihr Verhalten ist schon symptomatisch. Immerhin bekommt sie bei all den Gedanken keinen Knopf im Kopf. Sie spricht sie einfach aus. Das zu erleben, war sehr befreiend.

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"Mich überfordert es manchmal, so viele Gedanken zu denken. Dann fällt es mir schwer, mich richtig auszudrücken, ich finde nicht mehr die richtigen Worte."

Einen Knopf im Kopf?
Mich überfordert es manchmal, so viele Gedanken zu denken. Dann fällt es mir schwer, mich richtig auszudrücken, ich finde nicht mehr die richtigen Worte. Lena hingegen ist direkt, ungefiltert. Ich habe versucht, mir eine Scheibe von ihr abzuschneiden.

Verändert so eine Rolle die eigene Persönlichkeit?
Kurzfristig ja. Jedenfalls sprechen mich Menschen, die mir nahestehen, darauf an. Lenas Einfluss auf mich versuche ich derweil möglichst lange nachwirken zu lassen. Ihre Texte hängen noch immer überall in meiner Wohnung.

Zweieinhalb Jahre nach dem Dreh?
Ich fürchte, dass Lena mich verlässt, wenn ich die Texte abhänge. Ich bin damals auch noch einen weiteren Tag am Set geblieben, obwohl ich schon abgedreht war. Ich konnte einfach nicht gehen; bis ich irgendwo hinfliegen musste. Im Hotel habe ich Lena dann einen Brief geschrieben und ihr versprochen, dass ich mich ab und zu bei ihr melden werde. Das habe ich nie zuvor getan.

Melden, wie?
Wenn es mir nicht gut geht, denke ich an ihre positive Art und zägg, durchströmt mich Hoffnung. Alle brauchen eine Lena in ihrem Leben.

Wie bereiten Sie sich auf eine solche Rolle vor?
Ich habe ganze Tage als Lena verbracht. Habe herausgefunden, wie sie läuft – sie hüpft so ein bisschen. Und ich wollte wissen, wie die Leute auf einen Menschen reagieren, der so … blablablabla. (formt ihre Hände zu schnatternden Mündern) Am Kiosk zum Beispiel, beim Zigis-Kaufen, da habe ich einfach drauflosgelabert. Auch, damit der Knopf, den ich als Luna habe, aufgeht. (zündet sich eine Zigarette an) Lena und ich rauchen unterschiedlich.

Inwiefern?
Ich rauche so. (hält die Zigarette zwischen leicht gespreizten Fingern) Lena so. (schliesst die Finger)

Und das mit dem subtilen Schielen, mussten Sie das erst lernen?
Oh, ja. Ich habe einen Augenarzt gefunden, der den Leuten das Schielen abtrainiert. Der fand es ziemlich lustig, mir das Gegenteil beizubringen. Ich kann jetzt megagut schielen. (schielt) Und es bleibt imfall nicht!

Auch eine Puppenspielerin hat Sie unterrichtet.
Ja, und ich habe viel getanzt.

Getanzt?
Ich glaube, Lena hört viel Musik. Trap! (lacht) Ausserdem hatte ich ein Notizbuch, in das ich als sie reingeschrieben habe. Ich habe mich mit ihren Ängsten befasst, ihren Unsicherheiten.

Sie haben sich eine Vorgeschichte gebaut?
Immer. Früher war es schwierig für Lena, weil sie von der Norm abweicht, sehr viele Gedanken hat, sehr viel spricht. Das überfordert die Menschen. Soweit ich sie durch meine Vorbereitung kennenlernen durfte, ist sie jetzt an einem Punkt, an dem sie stolz auf sich ist. Ich liebe ihren Satz: «Nur weil ich mein Herz auf der Zunge trage, bin ich noch lange nicht bekloppt.»

Ging Ihnen der Dreh auch mal nahe? Sie sagten es: Traumata, Sucht …
Total. Der Film gibt jenen Menschen eine Bühne, an denen wir vorbeigehen, die wir ignorieren. Ich wünsche mir, dass die Leute nach dem Film anders durch die Langstrasse laufen, auch mal «Guten Abend» sagen. Film kann Empathie schaffen, Mitmenschlichkeit. Er öffnet Augen und Welten.

Apropos Langstrasse: Haben Sie Joel Basmans Theater «Sonja – ein Junkieleben» gesehen?
Natürlich! Mehrmals. Es ist fantastisch. Joel ist ein guter Freund von mir.

Glauben Sie an Engel, Frau Wedler?
An Schutzengel, ja. Ich habe einen. Aber nicht jedem wird dieses Glück zuteil. Karl Markovics, der Drowak spielt, sagte in einem Interview: «Wir Menschen müssen die Arbeit der Engel tun.» Schutzengel sein für die, die keinen haben.

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"Ich bin dankbar für die, die etwas in mir gesehen haben. Ich bin nämlich ein sehr unsicherer Mensch – also: sehr"

Wer war Engel für Sie? Wer hat an Sie geglaubt wie Lena an Drowak?
Bei meinem ersten Film «Amateur Teens» sagte Regisseur Niklaus Hilber zu mir: «Luna, du hast Talent. Du hast Potenzial.» Ich habe doch nicht gecheckt, was das heisst, mir hat das Schauspielern einfach Spass gemacht. Aber jetzt: Holy fuck. Ich bin dankbar für die, die etwas in mir gesehen haben. Ich bin nämlich ein sehr unsicherer Mensch – also: sehr.

Verliert sich die Unsicherheit mit dem Erfolg?
Im Gegenteil. Am Anfang meiner Karriere habe ich mich treiben lassen, nicht viel nachgedacht. Seit es lauter geworden ist um mich, setze ich mich unter Druck. Ich bin Perfektionistin, leide unter einem schlimmen Imposter-Syndrom. (wenn man sich trotz Erfolg unzulänglich fühlt, Anm. d. Red.) Selbst während eines Drehs kann ich in eine Abwärtsspirale trudeln. Ich bin dann überzeugt: Jetzt haben alle gecheckt, dass ich nichts kann, jetzt schmeissen sie mich vom Set. Damit habe ich wirklich zu kämpfen.

Wie holen Sie sich aus diesem Loch?
Ich mache drei, vier Minuten Atemübungen. Ich weiss, dass ich nicht zu tief fallen darf. Es warten uhuere viele Leute, Pausen kosten uhuere viel Geld.

Nicht einmal Awards heilen das Imposter-Syndrom?
Die sind tatsächlich gut fürs Ego. Ich liebe es, Preise zu gewinnen! (strahlt) Sie zeigen mir: Irgendwas machst du schon richtig, bewahren einen aber nicht davor, sich seinen Unsicherheiten zu stellen.

In einer Therapie?
Ja. Je früher, desto besser. Das ist anstrengend, überwältigend, ich habe auch nicht immer Bock darauf. Aber man darf nichts verdrängen. Blöderweise kann unsere Generation schlecht innehalten, schlecht entschleunigen, wir rennen nur rum. Wie Sonja (aus «Ein Junkieleben», Anm. d. Red.) lamentiert: «Log die ghetzte Affe aa!» (imitiert Sonjas Stimme)

Können Sie gut innehalten?
Nä-ä. Letztens bin ich für zwei Wochen allein weg. Aber es wurde mir schnell zu langweilig – und zu laut. Wir definieren uns ja auch viel zu stark über unseren Beruf, ich eingeschlossen. Ich drehe, schlafe, drehe, schlafe, drehe. Nach Drehschluss weiss ich nichts mehr mit mir anzufangen. Mir fehlt eine Tagesstruktur, eine Routine. Dabei ist es als Schauspielerin so wichtig, das eigene Leben weiterzuführen. Sonst leben wir nur die Leben der anderen.

Wer sind Sie, wenn nicht Schauspielerin?
Das finde ich gerade noch raus.

Wie ist es für Sie, berühmt zu sein?
Ich verstehe manchmal gar nicht richtig, dass ich jetzt so bekannt bin. Aber man entwickelt relativ rasch einen Sinn dafür, wer einen erkennt. Ich nicke dann jeweils kurz, so à la: «Hämmer klärt. Du chasch wiitermache, ich cha wiitermache.» (lacht) Krass ist, wenn Leute etwa erzählen, dass sie wegen «Biohackers» (eine Netflix-Serie, Anm. d. Red.) Medizin studieren. Da wird mir bewusst: Okay, meine Arbeit inspiriert. Das ist schön. Es setzt mich aber auch unter Druck.

Ein Vorbild zu sein?
Ja. Ich bin doch auch nur ein einziger Mensch. Ich habe mir früh versprochen: Wenn ich ein Vorbild bin, dann ein authentisches. Ich fange nicht an, mich zu verstellen oder Dinge zu verstecken. Ich gehe auch weiterhin in den Ausgang. Aber klar, im Ausgang ist es scheisse. (lacht)

Nehmen Sie sich zurück, trinken Sie weniger?
(lacht laut) Sollte ich vielleicht. Ich bin jedes Mal froh, wenn nach so einer Nacht kein Video von mir auf Social Media landet. Manchmal hilft ein Cap.

Tragen Sie das auch im Alltag?
Nein, da ist es mir egal.

Apropos: In unserem Modeshooting tragen Sie mal alltägliche, mal extravagante Looks. Was ist mehr Luna?
Im Alltag bin ich sportlich unterwegs. Aber ich takle mich auch gern auf. In den Familienferien führen meine Schwestern und ich jeden Abend ein neues Kleidli aus, selbst wenn wir nur nebenan was essen gehen. Und früher habe ich es geliebt, unserem Mami beim Schminken zuzusehen, bevor sie ausging. Dann bin ich mit ihren Stögelischuhen durch die Wohnung stolziert.

Inzwischen arbeiten Sie mit Stylistin Peninah Amanda, die Sie für die Filmfestspiele einkleidet.
(Flüstert andächtig) In Vivienne Westwood. Die schwarze Robe, die ich in Venedig tragen durfte, ist von Westwood. Venedig war eh ein Fiebertraum: Alles ist aus Gold, alles glitzert. Du fährst mit dem Motorboot, der Wind. (legt den Handrücken an die Stirn und den Kopf zurück) Wenn du dann noch einen Film im Wettbewerb hast («Silent Friend», Anm. d. Red.), mit Léa Seydoux, den Nachwuchspreis gewinnst … Mein Traum ist es, von Schiaparelli eingekleidet zu werden.

Auch bei den Modeschauen sitzen Sie heute.
Sogar in der Frontrow. (grinst) Aber ich bin zwiegespalten: Ich liebe die Mode, gleichzeitig gibt es viel zu viel davon. Kaufen tue ich nur noch Secondhand, Zara und H&M ekeln mich an.

Auf dem roten Teppich, bei Schauen: Schlüpfen Sie da in eine Rolle? Oder sind Sie das?
Das bin ich. Aber klar, ich lege einen Schalter um und – zägg – komme in diesen Modus rein. Ich trage auch immer recht hohe Schuhe, weil die mir eine Attitüde geben.

Und was macht eine Perücke mit Ihnen, wie Sie sie beim Shooting trugen?
New character unlocked, sofort. Ich distanziere mich ja gern von Rollen, die ich schon gespielt habe, auch optisch. Darum liebe ich es, meine Haare zu verändern. Ich würde sie sofort abrasieren. Vor laufender Kamera, wie Natalie Portman in «V wie Vendetta».

"Was ich nie spielen würde: Veraltete Rollenbilder, selbst in historischen Filmen. Come on, nä-ä"

Wen möchten Sie unbedingt mal spielen?
Jemanden, den ich nicht mag, den ich unsympathisch finde. Eine Narzisstin beispielsweise, etwas psychologisch Interessantes.

Welche Rolle würden Sie nie annehmen?
Veraltete Rollenbilder, selbst in historischen Filmen. Come on, nä-ä. Klar standen Frauen damals am Herd. Nichts gegen Hausfrauen, you do you. Aber plärr’ mir nicht in die Welt hinaus, dass das normal ist. Wir alle sind geprägt von Filmen, von der Werbung … Es ist unsere Verantwortung, das Narrativ zu ändern. Ich hatte ja Glück – ich hätte schnell in die Rolle der blonden Prinzessin rutschen können. Aber selbst Roxy in «Das schönste Mädchen der Welt» macht ihre Fresse auf.

Feminismus scheint Sie umzutreiben.
Ich gehe gleich noch Demo-Wägeli anmalen für den Frauenstreik! (grinst; das Interview fand in der Woche davor statt, Anm. d. Red.) Ich beschäftige mich viel mit internalisierter Misogynie. Damit, warum wir so wenig Platz einnehmen. Anderen aus dem Weg gehen. Uns für jeden Scheiss entschuldigen. Bullshit. Damit habe ich aufgehört. Jede einzelne Person kann mit ihrem Verhalten, mit den Gesprächen, die sie führt, etwas verändern. Vielleicht ist das übrigens der einzige Moment, in dem ich andere verurteile.

Wann?
Wenn jemand negiert, Feminist:in zu sein. Dann hat die Person nämlich einfach nicht verstanden, was Feminismus bedeutet. Es geht um Gerechtigkeit. Wer bitte will keine Gerechtigkeit? Da muss ich mich zusammenreissen. Aber man kann nicht alle retten.

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