Mädchenfreundschaften: Ausgrenzungen, Sticheleien und Rivalität?
Warum sind Mädchenfreundschaften eigentlich oft so kompliziert – dafür aber auch tiefer? Und profitieren wir Frauen auf lange Sicht davon? Ein Gespräch mit Kommunikationswissenschafterin Katrin Döveling, die an der Hochschule Darmstadt Emotionen erforscht.
- Von: Kristina Reiss
- Credit: Death to Stock/Chris Abatzis
annabelle: Katrin Döveling, weshalb sind Freundschaften unter Jungs scheinbar einfacher?
Katrin Döveling: Wie meinen Sie das?
Es ist ein Phänomen, das ich schon seit jeher bei meinen eigenen Kindern beobachte – Tochter und Sohn, mittlerweile im Teenageralter –, ausserdem im Freundeskreis und auch aus meiner eigenen Kindheit und Jugend noch kenne: Während Mädchenfreundschaften oft bereits im Kindergartenalter sehr eng sind, gleichzeitig aber auch häufig kompliziert – mit Konkurrenz, Neid und Eifersucht und somit viel Konfliktpotential – scheinen Freundschaften unter Jungs oft viel einfacher: Heute gestritten, morgen vertragen. Was ist dran an diesem Klischee?
Das Ganze ist kein Klischee, sondern fusst auf wissenschaftlicher Evidenz. So zeigen viele Studien, dass Freundschaften unter Mädchen oft als besonders intensiv, unterstützend und eng empfunden werden – allerdings sind sie oft auch emotional herausfordernd, weil es hohe Erwartungen an Loyalität gibt und Konflikte häufig subtil ausgetragen werden. So kommen Ausgrenzungen unter Mädchen – in Form von Sticheleien oder Rivalität um Beliebtheit – sehr viel häufiger vor als in Freundschaften unter Jungen. Diese tragen Auseinandersetzung viel direkter aus.
Es gibt also nachweislich einen Geschlechterunterschied im Freundschaftenführen?
Auf jeden Fall. Frauenfreundschaften sind tief verwurzelt, sehr emotional und getragen von Vertrauen. Das Prinzip der Self-disclosure, also der Selbstenthüllung, spielt dabei eine grosse Rolle. Damit ist der bewusste Prozess gemeint, persönliche Gedanken, Gefühle oder Erfahrungen mit anderen zu teilen. Self-disclosure ist bei Frauen entscheidend für den Aufbau von Vertrauen, Nähe und einer vertieften Beziehung. Es ist ein wechselseitiger Prozess, der sich langsam entwickelt – indem Frauen von oberflächlichen zu intimeren Themen wechseln. Er beginnt schon im Kindesalter. So neigen bereits Mädchen eher zu problembezogenen Gesprächen, während Jungen Probleme oft eher auf einer humoristischen Ebene abhandeln. In der Kommunikationsforschung geht man davon aus, dass Frauen eher Face-to-face-Freundschaften führen und Männer Side-by-side-Freundschaften. Also: Frauen reden mit- und übereinander, Männer unternehmen gemeinsam etwas. Ihre Freundschaften sind eher klar und direkt, aber auch oberflächlich und aktivitätsbezogen.
"Frauen führen eher Face-to-face-Freundschaften, Männer Side-by-side-Freundschaften. Frauen reden mit- und übereinander, Männer unternehmen gemeinsam etwas"
Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?
Zum einen mit Genetik und Biologie: So wird die tiefere emotionale Bindung bei Frauen stark durch das Bindungshormon Oxytocin beeinflusst. Dieses fördert das Bedürfnis nach Vertrauen und Verbundenheit. Gleichzeitig spielt auch die Sozialisation eine grosse Rolle: Mädchen werden immer noch anders erzogen, Verhaltensweisen werden unterschiedlich gefördert. Sie lernen deshalb eher, über Gefühle zu sprechen, während Jungen oft vermittelt bekommen, Stärke zu zeigen und Probleme besser tatkräftig als emotional zu lösen.
Mhm. Ich würde allerdings behaupten, dass ich in dieser Hinsicht bei meiner Tochter und meinem Sohn keinen Unterschied mache.
Das glaube ich Ihnen gern. Allerdings sind Sie ja nicht allein für die Erziehung Ihrer Kinder verantwortlich. Auch die unterschiedlichen Sozialisationsinstanzen – wie Kindergarten, Schule, Lehrpersonen – vermitteln Normen und Werte. Kinder orientieren sich dabei an den Rollenvorbildern und schauen sich genau ab: Wie verhalten sich meine Eltern in bestimmten Situationen, wie die anderen Erwachsenen?
Sie meinen, Kinder registrieren ganz genau, wenn die Mutter den Vater damit aufzieht, dass dieser von einem Treffen mit einem Freund kommt und die beiden den ganzen Abend kein Wort darüber verloren haben, dass der Freund gerade in einer schwierigen Trennung steckt?
Genau das meine ich! Kinder beobachten, wie Erwachsene mit Situationen umgehen und übernehmen dieses Verhalten. Sie ahmen nach und lernen, sich durch aktives Rollenspiel in andere hineinzuversetzen. Dabei bekommen sie auch ein Gespür dafür, was die Gesellschaft von ihnen erwartet.
Gesellschaftliche Erwartungen können einengen.
Exakt. Dies zeigt sich zum Beispiel an der sogenannten Male Loneliness Epidemic, der Einsamkeitskrise unter Männern. Der Begriff beschreibt ein wachsendes Phänomen: Männer leben zunehmend isoliert. Ursachen dafür sind oft starre Rollenbilder, mangelnde emotionale Offenheit, weniger enge Freundschaften und Schwierigkeiten, sich an wandelnde Geschlechterrollen anzupassen. Dies alles kann zu psychischen Problemen und erhöhten Suizidraten führen.
"Weil in Frauenfreundschaften meist mehr Emotionen involviert sind, können diese zwar anstrengender sein, gleichzeitig werden wir durch sie aber auch widerstandsfähiger"
Könnte man also sagen: Mädchen und Frauen reiben sich in Freundschaften zuweilen zwar mehr auf als Männer, doch am Ende profitieren sie dank tieferer Bindungen davon?
Genau. Nichts kommt ohne Preis. Weil in Frauenfreundschaften meist mehr Emotionen involviert sind, können diese zwar anstrengender sein, gleichzeitig werden wir durch sie aber auch widerstandsfähiger. Hält mir meine beste Freundin den Spiegel vor, bin ich vielleicht mal kurz sauer. Gleichzeitig macht das aber auch erst die Tiefe einer Freundschaft aus. Generell zeigen Frauen mehr Emotionen – was auch an den sogenannten Feeling Rules liegt, den Gefühlsregeln. Dabei handelt es sich um gesellschaftliche Normen, die vorschreiben, welche Emotionen wann als angemessen empfunden und gezeigt werden sollen. Frauen wird oft nahegelegt, Gefühle wie Mitgefühl, Wärme, Traurigkeit und Verletzlichkeit offen zu zeigen. Männern hingegen wird eher beigebracht, Gefühle zu kontrollieren. Wie oft haben Sie beispielsweise schon gesehen, dass Männer sich schluchzend in den Armen liegen?
Ich habe das Gefühl, dass sich das langsam ändert.
Sehr langsam, ja.
Halten Frauenfreundschaften denn länger?
Ich habe fast befürchtet, dass Sie mich das fragen. Ich mag darauf keine pauschale Antwort geben – eben, weil sich die Rollen gerade wandeln, wenn auch langsam. Generell lässt sich sagen: Wir wechseln heute häufiger unseren Wohnort, unseren Berufsort, unser soziales Umfeld – was die Freundschaftspflege insgesamt schwieriger macht. Denn Soziale Medien können nur oberflächlich helfen, den Kontakt zu halten. Andererseits kristallisiert sich durch die vielen Neuanfänge oft auch heraus, was eine dauerhafte, richtig gute Freundschaft ist, in die es sich zu investieren lohnt.
Stammen die besten Freund:innen aus der Jugend?
Oft verklären wir das. Aber wenn es einer Jugendfreundschaft gelingt, die grossen Veränderungen des Erwachsenenalters mitzutragen – erster Job, feste Beziehung, Kinder – hat sie die beste Chance, sich zu einer langjährigen Freundschaft zu entwickeln.
Was macht denn eine gute, haltbare Freundschaft aus?
Ihr wesentlicher Grundpfeiler ist Vertrauen. Vertrauen und Zutrauen, dass man so sein darf, wie man ist. Und zwar wechselseitig. Kommen wir nachhause und haben den ganzen Tag über versucht, es jedem recht zu machen, brauchen wir einen Ort, an dem wir alle Hüllen fallen lassen können. Kennen Sie Goffmans Theorie von der Vorderbühne und Hinterbühne?
Nein.
Das Konzept soll veranschaulichen, wie Individuen ihre Identität gestalten. Die Vorderbühne repräsentiert dabei die öffentliche Persona, die Sie anderen zeigen, während die Hinterbühne der Ort ist, an dem man sich entspannen und die Inszenierung hinter sich lassen kann. Anders gesagt: Im Job und in der Gesellschaft präsentieren wir uns auf der Vorderbühne. Auf der Hinterbühne können wir weinen, wütend sein und all die Gefühle zeigen, die sonst als destruktiv gelten. Der besten Freundin zum Beispiel.
Sie meinen, Frauen haben mehr Gelegenheiten, auf der Hinterbühne zu agieren als Männer?
Ja, dazu gibt es auch Studien. Männer verfügen über weniger intime Netzwerke auf der Hinterbühne, haben dafür aber grössere auf der Vorderbühne, vor allem in beruflicher Hinsicht. Genau hier müssen wir Frauen unbedingt dazulernen und uns beruflich besser vernetzen. Schliesslich braucht es für den beruflichen Erfolg mehr als nur Leistung: Es braucht Beziehungen, Netzwerke und ein Sich-Präsentieren auf der Vorderbühne. Das ist das wichtige Learning für Frauen. Männer hingegen dürfen lernen, mehr auf der Hinterbühne zu agieren.
Hast du Suizidgedanken, machst dir Sorgen um deine psychische Gesundheit, willst mit jemandem reden oder kennst du Betroffene, die Hilfe benötigen? Hier findest du Hilfe:
Erwachsene können über die Telefonnummer 143 die Dargebotene Hand kontaktieren oder finden Hilfestellung auf der Website 143.ch. Die Angebote sind vertraulich und kostenlos.
Crisis support in English: heart2heart.143.ch
Für Kinder und Jugendliche: Telefon 147, auch per SMS, Chat, E-Mail oder im Internet unter 147.ch