Werbung
Aufklärung bei Kindern:

Aufklärung bei Kindern: "Das eine grosse Gespräch ist ein Mythos"

Viele Eltern warten auf den richtigen Moment, um mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen. Sexualpädagogin und fünffache Mutter Dianne Dela Cruz sagt: Wer mit der Aufklärung bis zur Pubertät wartet, kommt zu spät.

annabelle: Dianne Dela Cruz, ich habe kürzlich eine Serie geschaut, da lief plötzlich eine Sexszene. Meine siebenjährige Tochter kam ins Zimmer – und ich habe ihr reflexartig die Augen zugehalten. Danach sass ich da und dachte: Was habe ich da falsch gemacht?
Dianne Dela Cruz: Erstmal gar nichts. Sie haben einfach reagiert. Viele Eltern glauben, es gäbe in solchen Situationen die perfekte Reaktion. Aber wir erleben solche Momente meistens zum ersten Mal – genauso wie unsere Kinder. Viel wichtiger ist die Frage: Wie hat Ihre Tochter reagiert? War sie erschrocken? Neugierig? Hat sie überhaupt verstanden, was sie gesehen hat? Daran würde ich anknüpfen.

Man darf also auch mal falsch reagieren?
Natürlich. Wir sind Menschen. Entscheidend ist nicht, ob Sie perfekt reagieren, sondern ob Sie danach wieder ins Gespräch kommen. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die ansprechbar sind.

Ich halte mich eigentlich für ziemlich offen und sexpositiv. Trotzdem war da sofort Scham. Warum?
Weil da plötzlich etwas passiert ist, das Sie nicht kontrollieren konnten. Viele Eltern schämen sich in solchen Momenten nicht unbedingt der Sexualität wegen. Sondern weil sie das Gefühl haben, ihr Kind nicht geschützt zu haben. Oder weil sie die Situation vermeintlich nicht im Griff hatten.

Sie schreiben viel über Scham. Woher kommt sie bei Ihnen?
Ich bin sehr katholisch aufgewachsen. Meine Oma war streng gläubig, wir lebten in einem erzkatholischen Dorf und später ging ich auf eine katholische Mädchenschule. Da waren Angst, Schuld und Scham immer präsent. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, dass meine Oma mich dabei erwischt hat, wie ich meinen Körper erkundet habe. Ich war noch im Kindergarten.

Werbung

Was ist passiert?
Sie hat panisch reagiert und gesagt: «Wenn der Herrgott das sieht, fällt dir die Hand ab.» Dann ist sie mit Weihwasser durchs Zimmer gelaufen. Es wurde danach nichts erklärt. Keine Aufklärung, keine Einordnung. Nur Scham. Das ist so prägend, weil das Kind keine Antwort bekommt: Warum ist das schlimm? Warum ist meine Hand noch nicht abgefallen? Dadurch bleibt die Botschaft, dass Sexualität etwas Schlimmes ist.

Werbung

"Mir wird vorgeworfen, dass ich Kinder frühsexualisieren würde"

Wo haben Sie sich dann Antworten geholt?
Aus der «Bravo». Heimlich bei der Nachbarin gelesen. Der Klassiker.

Wie finden Ihre Kinder eigentlich Ihren Beruf?
Für die ist das normal. Wir waren letztens einkaufen, da gab es ein Hundespielzeug – weiches Silikon, genau die richtige Form. Ich habe gesagt: «Das würde im Sexshop 50 Franken kosten.» Mein 13-jähriger Sohn guckte mich an und sagte: «Oh Mensch, Mama, du musst auch alles sexualisieren.» Die sind nicht mehr überrascht. (lacht)

Für Ihre Arbeit bekommen Sie auch Hasskommentare. Was wird Ihnen vorgeworfen?
Dass ich Kinder frühsexualisieren und ihnen die Kindheit nehmen würde. «Lass unsere Kinder Kinder sein», wird mir oft gesagt. Manchmal wird es auch richtig persönlich – ich soll eine Pädophile sein, weil ich Kindern beibringe, dass der Penis Penis heisst. Ich glaube trotzdem, dass diese Menschen im Grunde dasselbe wollen wie ich: Kinder schützen. Wir unterscheiden uns nur darin, wie wir glauben, dass dieser Schutz gelingt.

"Die Diskrepanz zwischen dem, was Kinder sehen und hören, und dem, was sie wirklich verstehen, ist riesig"

Woher kommt eigentlich Ihr Buchtitel – «Hilfe, mein Kind hat ficken gesagt»?
Das ist direkt aus dem Alltag entstanden. Eines meiner Kinder hat im Streit «fick dich» gesagt und zwar vor der versammelten Eltern- und Lehrerschaft. Es war als Beleidigung gemeint, als Ausdruck von Wut. Und wie die meisten Kinder hatte es dabei keine Ahnung, was das Wort eigentlich bedeutet. Das war mir in dem Moment unendlich peinlich, hat mir aber einen wichtigen Denkanstoss gegeben: Das ist der Moment, den so viele Eltern kennen. Das Kind sagt etwas, und die Eltern stehen da und wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Genau für solche Momente ist das Buch.

Was sagt es über uns aus, dass Kinder «ficken» als Schimpfwort kennen, bevor sie wissen, was es bedeutet?
Dass die meisten Erwachsenen es selbst nicht wissen. (lacht) Das Wort bedeutete ursprünglich so etwas wie «hin und her reiben» – man hat früher das Schwert «gefickt» und damit polieren gemeint. Weil Penetrationssex ähnlich funktioniert, wurde der Begriff übertragen. Aber das wissen die meisten Menschen nicht. Für Kinder und Jugendliche ist es einfach ein Wort, das polarisiert, das cool klingt, das Macht verleiht. Und das zeigt genau das Problem: Sie kennen das Wort, aber nicht den Zusammenhang. Die Diskrepanz zwischen dem, was Kinder sehen und hören, und dem, was sie wirklich verstehen, ist riesig. In Zeiten von Social Media umso mehr.

"Die Scham sitzt bei den Erwachsenen, nicht bei den Kindern"

Warum benutzen Eltern immer noch so oft Verniedlichungen für Genitalien?
Weil Erwachsene mit «Penis» oder «Vulva» sofort etwas Sexuelles verknüpfen – und dann kommt die Scham. Kinder verbinden mit diesen Wörtern nichts Sexuelles. Für sie sind das einfach Körperteile, so wie Ohrmuschel oder Nasenflügel. Da verniedlichen wir ja auch nichts. Die Scham sitzt bei den Erwachsenen, nicht bei den Kindern. Und dann heisst es: «Lass das Kind Kind sein.» Dabei verliert kein Kind seine Kindheit dadurch, dass es weiss, wie seine Körperteile heissen.

Viele Eltern warten auf das eine grosse Aufklärungsgespräch.
Das halte ich für einen Mythos. Ich glaube, jeder, der sich daran erinnert, wie das bei ihm selbst war – falls die Eltern es so gemacht haben –, erinnert sich wahrscheinlich nicht gern daran. Dieses einmalige Gespräch ist meistens peinlich für alle Beteiligten, und es geht fast nur um ein Thema: nicht schwanger werden. Dabei ist Aufklärung so viel mehr. Es geht um Gefühle, Grenzen, Körperbewusstsein, Beziehungen. Gute Aufklärung besteht aus vielen kleinen, unaufgeregten Gesprächen im Alltag. Wenn man wartet, bis das Kind zwölf oder dreizehn ist, hat es sich längst anderswo Antworten geholt. Schon jedes vierte Kind zwischen 11 und 13 Jahren hat Pornografie gesehen. Was will man da noch erklären?

Was tun, wenn das Kind das Gespräch abblockt?
Einfach benennen, was man wahrnimmt: «Ich merke, das ist dir gerade unangenehm.» Und dann die Tür offen lassen: «Wenn du eine Frage hast, bin ich hier.» Es ist das gute Recht von Kindern, Grenzen zu setzen. Und genau das gehört ebenfalls zur Aufklärung. Wenn ein Kind sagt, es möchte nicht darüber reden, respektiere ich das. Aber ich sage klar: Ich bin da, wenn du mich brauchst.

"Vor der Primarschule sollten Kinder wissen, wie Babys entstehen"

Ab wann fängt Aufklärung an?
Ab Geburt. Die meisten denken bei Aufklärung sofort an Sex. Aber sie beginnt mit den richtigen Begriffen für Körperteile, mit Gefühlen, Grenzen und Freundschaften.

Kann man auch zu früh zu viel sagen?
Man muss Kindern keine Vorträge halten. Aber es gibt Dinge, die sie wissen sollten, bevor andere Kinder oder das Internet es ihnen erklären. Vor der Primarschule sollten Kinder wissen, wie Babys entstehen – also die grundlegende Biologie: Samenzelle trifft Eizelle. Sie müssen noch nicht wissen, was Verhütung ist. Aber dieses Basiswissen gehört dazu, einfach weil andere Kinder das vielleicht schon wissen oder Bilder gesehen haben und es weitererzählen. Ich finde auch, man sollte vorher über die Periode sprechen.

Und das ist mal wieder Sache der Mütter?
Definitiv nicht. Mein Traum wäre, wenn ein Vater mit seinem Kind einkaufen geht und im Vorbeigehen sagt: «Ich muss noch Tampons für die Mama mitbringen.» Ganz unaufgeregt. Das Kind stellt dann wahrscheinlich selbst eine Frage. Und wenn der Vater dann erklärt: «Die Mama bekommt einmal im Monat ihre Blutung, und manchmal geht es ihr dann nicht so gut, deshalb bringe ich ihr eine Wärmflasche» – dann ist das Aufklärung. Ohne grosses Gespräch, einfach in den Alltag eingebaut.

"Kinder, die ihren Körper kennen und gelernt haben, ihren Gefühlen zu vertrauen, merken eher, wenn eine Grenze überschritten wird"

Sie vertreten die These, dass gute Aufklärung Kinder auch vor sexuellen Übergriffen schützen kann.
Ja. Nicht als Garantie – aber als wichtigen Schutzfaktor. Kinder, die ihren Körper kennen und gelernt haben, ihren Gefühlen zu vertrauen, merken eher, wenn eine Grenze überschritten wird. Sie können sagen: «Das fühlt sich nicht gut an.» Und sie können benennen, was passiert ist. Das ist auch rechtlich relevant: Wenn ein Kind sagen kann: «Ich wurde an der Vulva angefasst», ist das etwas anderes, als wenn es sagt: «Da unten.» Das Kind muss möglichst genau benennen können, was passiert ist, damit eine Täterin oder ein Täter rechtlich verfolgt werden kann.

Welche Ihrer Videos kommen bei Jugendlichen eigentlich am besten an?
Die erfolgreichsten Videos drehen sich fast immer um dieselbe Frage: Bin ich normal? Jugendliche wollen wissen: Ist es normal, dass mein Penis krumm ist? Ist es normal, dass meine Brüste noch nicht wachsen? Ist es normal, dass das erste Mal weh tut? In der Pubertät vergleichen sie sich ständig mit anderen und suchen Orientierung.

Und bei Eltern?
Überraschenderweise genau das Gleiche. Auch Eltern fragen ständig: Ist es normal, dass mein Sohn meine Stöckelschuhe anzieht? Ist es normal, dass mein Kind dieses oder jenes Verhalten zeigt? Letztlich wollen wir alle wissen, ob wir normal sind. (lacht)

Wie sollte Aufklärung in der Schule aussehen?
Auf keinen Fall als Extrafach. Und nicht als Projekt, das eine Woche vor den Sommerferien in der sechsten Klasse stattfindet – das ist zu spät, zu kurz und viel zu aufgeregt. Aufklärung sollte sich durch viele Fächer ziehen: Konsens kann man wunderbar in Ethik, Religion oder Sozialkunde besprechen. Freundschaften, Grenzen, Körperbewusstsein – das hat alles seinen Platz. Es sollte unaufgeregt sein und immer mal wieder Thema werden. Ich finde auch bemerkenswert, dass Sexualaufklärung oft als etwas Besonderes behandelt wird. Teilweise werden Eltern die Materialien vorab gezeigt oder es gibt Informationsabende dazu. Das ist grundsätzlich nicht falsch. Aber bei kaum einem anderen Fach wird so intensiv darüber diskutiert, was Kinder lernen dürfen und was nicht. Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass Sexualität etwas Gefährliches oder Beschämendes sei. Dabei sollte Aufklärung etwas ganz Normales sein: altersgerecht, sachlich und eingebettet in den Schulalltag.

Sie widmen ein Kapitel den Vätern. Warum bleiben sie in der Aufklärung so oft aussen vor?
Aufklärung ist eine typische Care-Arbeit, und Care-Arbeit wird automatisch an Frauen abgegeben oder von ihnen übernommen. Das hat Konsequenzen. Väter, die in die Aufklärung eingebunden sind, tun das nicht nur für ihre Kinder – sie tun es auch für sich selbst. Ich bin überzeugt davon, dass Männer viel weniger Schwierigkeiten hätten, ihre Töchter loszulassen, wenn sie sie durch die Aufklärung begleitet hätten. Wenn ein Vater weiss: Meine Tochter kennt ihren Körper, kennt ihre Grenzen, kann sich selbst schützen – dann braucht er keine Regeln aufzustellen, wie ein potenzieller Freund zu funktionieren hat. Dann kann er loslassen.

Was würden Sie Eltern gerne mitgeben?
Weniger darüber nachdenken, wann der richtige Zeitpunkt ist oder was die perfekte Antwort wäre. Die entscheidende Frage lautet: Wie schaffe ich eine Beziehung, in der mein Kind mit jeder Frage zu mir kommen kann? Nicht die Antworten sind das Wichtigste. Sondern dass die Tür offen bleibt.

«Hilfe, mein Kind hat f*cken gesagt. Wie du offen und ehrlich aufklärst bevor es andere tun» von Dianne Dela Cruz ist jetzt im Handel erhältlich

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
0 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt
Inline Feedbacks
View all comments