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Kinder stören? Dann haben wir ein Gesellschaftsproblem

Kinder stören? Dann haben wir ein Gesellschaftsproblem

Ob im Zug, Restaurant oder Park: Kinder gelten schnell als Zumutung. Doch wenn ihre blosse Anwesenheit schon als Störung empfunden wird, sagt das weniger über Kinder aus als über uns. Ein Kommentar.

Seit ich Mutter bin, trete ich keine Zugreise mehr an, ohne vorher mehrere Nächte schlecht zu schlafen. Vielleicht bin ich ein Kontrollfreak, ein sehr planungsorientierter Mensch, eventuell auch ein bisschen neurotisch. Seit ich Mutter bin, hat sich das jedenfalls ins Unermessliche gesteigert.

Der Grund: Ich bin – wie viele Frauen übrigens – qua Sozialisation eine People-Pleaserin. Und mit Kind ist es nahezu unmöglich, die Leute ausreichend zu pleasen. Ich störe nur sehr ungern mit meinem Kleinkind die Betriebsabläufe. Und doch sehe ich die Blicke schon, bevor wir überhaupt ein Zugabteil betreten haben.

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"Kinder sind ganz süss, wenn sie die Klappe halten"

Jetzt könnte man denken: Scheiss drauf, lass die anderen doch die Augen rollen, wenn das Kind quengelt. Daran arbeite ich tatsächlich. Trotzdem spreche ich aus, was viele denken: Kinder sind ganz süss, wenn sie die Klappe halten. Aber bitte nicht im Zug, um Gottes Willen nicht im Flugzeug, ungern im Hotel, auf keinen Fall im Restaurant – und bitte auch nicht im Park, wo sie unberechenbar jedem Käfer hinterhertaumeln und man mit dem Fahrrad einen Bogen um sie machen muss.

Man könnte dieses Gedankenspiel ewig weiterspielen und sich fragen: Wo sind Kinder überhaupt erwünscht?

Auch Erwachsene sind Rotzlöffel

Videos von laut schreienden, ausrastenden Kindern sind in den sozialen Medien ein Empörungs-Dauerbrenner. In der Kommentarspalte ist man sich einig: wie unerträglich, wie ätzend. Wie immer, wenn es um Erziehung geht, wissen fünf Leute es fünfmal besser. Angeboten zu helfen, damit die Situation für alle Beteiligten erträglicher wird, hätte vermutlich trotzdem niemand.

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"Es ist kein Flex, Kinder scheisse zu finden. Es ist menschen- und gesellschaftsfeindlich"

Auch ich kann mich nicht davon freisprechen, manchmal von fremden Kindern und ihren Eltern genervt zu sein. Auch ich habe lieber ein Abteil für mich allein. Trotzdem will ich es klar sagen: Es ist kein Flex, Kinder scheisse zu finden. Es ist menschen- und gesellschaftsfeindlich.

Wir waren alle einmal Kinder. Kinder können ihre Gefühle noch nicht allein regulieren. Das müssen sie erst lernen, und diese Fähigkeit ist unterschiedlich ausgeprägt. Manche Kinder sind neurodivergent, manche haben Einschränkungen, die man von aussen nicht erkennt und die nichts mit schlechter Erziehung zu tun haben.

Man vergisst gern, dass wir Erwachsenen uns selbst oft genug – auch vor den Augen von Kindern – wie rücksichtslose Rotzlöffel benehmen. Der Anspruch an Kinder erscheint mir da unverhältnismässig hoch.

Wer bleibt zurück, wenn alle nur an sich denken?

Vor Kurzem bin ich allein mit dem Zug gereist. Nur mit Rucksack, beide Hände frei, Augen offen. Auf dem Bahnsteig fiel mir auf, wie viel Kapazität ich plötzlich hatte, anderen zur Hand zu gehen. Ist da jemand mit körperlichen Einschränkungen, dem ich etwas abnehmen kann? Ein älterer Mensch, der das Gleis sucht? Eine Familie mit zu viel Gepäck?

Als der Zug einfuhr, zeigte sich die unbequeme Wahrheit: Der schnellste Mensch macht das Rennen. Da wird gedrängelt, geschubst, jede:r schaut auf den eigenen besten Platz. Wer da zurückbleibt, ist leider vorhersehbar.

"Für ein solidarisches Zusammenleben braucht es einen Blick über den eigenen Radius hinaus"

Damit meine ich nicht nur Kinder. Ich meine auch alte und schwache Menschen, die auf Begleitung angewiesen sind. Menschen, die sich nicht auskennen. Menschen, die die Sprache nicht sprechen. Für ein solidarisches Zusammenleben braucht es einen Blick über den eigenen Radius hinaus.

Mir ist klar, wer diese Sorgearbeit im Alltag längst übernimmt: mehrheitlich Frauen, oft neben Job und eigener Familie. Es geht mir auch nicht darum, kinderlose Menschen gegen Eltern auszuspielen. Es geht darum, sich von Gesellschaften, Städten und Strukturen inspirieren zu lassen, die das besser hinkriegen.

Kinder sind kein Privatvergnügen

Oft habe ich das Gefühl, Kinder würden als eine Art Privatvergnügen betrachtet. Nach dem Motto: Du wolltest doch Kinder, jetzt sieh zu, wie du klarkommst.

Diese Haltung individualisiert ein politisches Problem. Sie lässt unter den Tisch fallen, wie Kinder strukturell benachteiligt werden – und wie ihnen angesichts der Klimakrise buchstäblich ihre Zukunft verbrannt wird. Besonders deutlich wird das im Strassenverkehr: Ich bringe meinem Kind bei, am Fussgängerstreifen zu halten, über den andere ungebremst rasen, weil sichere Teilhabe am Verkehr für Kinder schlicht nicht priorisiert wird. Unsere Städte sind für Autos da, nicht für Kinder.

"Es gibt ein Recht darauf, keine Kinder zu haben. Es gibt aber kein Recht auf eine kinderfreie Öffentlichkeit"

Kein Wunder: Kinder haben politisch keine Lobby. Genauso wenig wie alte Menschen oder Menschen mit Behinderung. Sie haben wenig wirtschaftliche Macht, an ihren Bedürfnissen lässt sich also leicht sparen.

Vielleicht war es eine kapitalistische, patriarchale Lüge, uns einzureden, dass wir Erfüllung allein in der Kernfamilie finden. Dabei wird das Leben so viel leichter, wenn wir einander die Hand reichen.

Es gibt ein Recht darauf, keine Kinder zu haben. Es gibt aber kein Recht auf eine kinderfreie Öffentlichkeit.

Was passiert, wenn Familie Privatsache bleibt?

In der Schweiz gehört Kinderbetreuung für Eltern im internationalen Vergleich zu den teuersten Systemen; auch UNICEF kritisiert seit Jahren, dass bezahlbare, qualitativ gute Betreuung für viele Familien schwer zugänglich bleibt. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau zuletzt auf einem historisch tiefen Niveau geblieben. Das ist kein Zufall. Es ist auch die logische Folge davon, Familie als Privatsache zu behandeln, die sich jede:r gefälligst selbst leisten soll. Wer es nicht hinkriegt, ist selbst schuld und soll sich nicht beschweren.

Aber es geht auch anders. In vielen südeuropäischen Ländern gehören Kinder selbstverständlicher zum Alltag. Sie sind sichtbarer, sitzen abends mit im Restaurant, bewegen sich stärker in Familienstrukturen und in einem Leben, das sich mehr draussen als drinnen abspielt. In Wien wurde schon in den 90er-Jahren Stadtplanung aus der Perspektive von Kinderwagen, Alltagswegen und spielenden Kindern gedacht. In Japan fahren viele Kinder schon in der ersten Klasse selbständig mit der U-Bahn zur Schule oder erledigen kleine Wege allein, weil eine ganze Gesellschaft ein Auge auf Kinder hat, die nicht die eigenen sind.

Es gibt viele Möglichkeiten, Gesellschaft anders zu organisieren. Und oft braucht es dafür gar nicht die grosse Utopie, sondern konkrete Entscheidungen: breitere Trottoirs, sichere Übergänge, bezahlbare Betreuung, zugängliche Bahnhöfe, konsumfreie Orte, Menschen, die hinschauen.

Es braucht Orte, an denen Kinder mitgedacht werden

Für mich als Mutter ist es die Regel, dass Kinder eher nicht erwünscht sind. Sie gelten als Störfaktor. Das fühlt sich isolierend an, besonders für junge Eltern. Orte, die Kinder mitdenken, sind deshalb echte Lichtblicke.

Ich wünschte, es gäbe mehr davon: mehr sogenannte Third Places, also dritte Orte, die für alle da sind und an denen man nichts konsumieren muss. Mit ein bisschen Grün, ein bisschen Platz, ein bisschen Wasser. Für alle.

Wir haben in Europa in den letzten Jahren gemerkt, was es ausmacht, in einer Krise zusammenzustehen, statt Probleme allein zu meistern. Kinder sind, um zu meinem ersten Punkt zurückzukommen, eine der vulnerabelsten Gruppen angesichts der Krisen, die auf uns zukommen. Und ja, so kitschig das klingt: Sie sind auch die Zukunft.

Kinder bringen etwas mit an den Tisch, das es ohne sie nicht gäbe. Sie leben im Moment, sind fantasievoll und feinsinnig. Eine kindliche Perspektive kann durchaus bereichernd sein, wenn wir als Erwachsene unseren Geduldsfaden ein bisschen länger und dicker werden lassen.

Vielleicht ist niemand wirklich kinderlos, wenn wir eine solidarische Gesellschaft sein wollen. Wer also noch Platz im Rucksack hat und die Hände frei, darf gerne mit anpacken.

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Irina

Wie wahr! Der Artikel trifft auf so vielen Ebenen auf einen Nerv. Nur weil ein kinderloses Leben mittlerweile sozial akzeptiert ist (was auch absolut richtig ist), muss als Umkehrschluss nicht das Kinderhaben als Privatsache angesehen werden. Es ist nicht einfach ein intensives Hobby, es ist harte Arbeit und auch ein Dienst an der Gesellschaft, die nächste Generation heranzuziehen. Das wird leider weitestgehend überhaupt nicht mehr so gesehen – gerade heute, wo die meiste Care Arbeit auf die Kernfamilie zurückfällt. Und Kinder werden in unserer Gesellschaft so oft implizit oder explizit ausgeschlossen, das macht wütend und bricht mir das Herz.

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Jean-Luc Egger

Vielen Dank für diesen Artikel! Als Eltern fühlt man sich in der Schweiz zunehmend sozial isoliert. Viele kinderlose Freundinnen und Freunde fahren am Wochenende lieber Rennvelo, trainieren für den nächsten Lauf oder unternehmen ambitionierte Wanderungen, als sich mit uns zu einem kinderfreundlichen Programm zu treffen.
Das ist einerseits verständlich. Wer keine Kinder hat, möchte seine freie Zeit selbst gestalten und Dinge tun, die den eigenen Interessen entsprechen. Gleichzeitig entsteht aber manchmal der Eindruck, dass Selbstoptimierung, sportliche Ziele und die möglichst intensive Nutzung der Freizeit wichtiger geworden sind als die Bereitschaft, sich für die Kinder von Freundinnen und Freunden zu interessieren oder gelegentlich einen Kompromiss einzugehen.
Freundschaften mit Eltern brauchen eine gewisse Flexibilität. Nicht jedes Treffen kann im Lieblingsrestaurant, auf einer langen Bergtour oder während einer ausgedehnten Rennvelofahrt stattfinden. Manchmal bedeutet Freundschaft auch, sich auf einen Spielplatz, einen kurzen Spaziergang oder ein frühes gemeinsames Essen einzulassen. Kinder sind schliesslich kein vorübergehendes Hindernis im Leben der Eltern, sondern ein wichtiger Teil ihres Alltags und ihrer Beziehungen.

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Mona

Ich verstehe die Aufregung nicht. Meistens, wahrscheinlich immer, sind nicht die Kinder das Problem. Es ist wie bei den Hunden: das Problem liegt am anderen Ende der Leine…

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Lina

Wenn ich Ruhe brauche, brauche ich Ruhe. Da will ich keine fremden Kinder bespaßen.

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Juudie

Hello
Warum gibt es so viele entzückende Kinder und warum gibt es die lauten unsympathischen Kinder?
Es gibt Eltern die sind relaxed und hören zu und es gibt Eltern die haben immer die Klappe offen reden zu viel und zu laut und diese haben Kinder die noch asozialer und noch lauter schreien müssen um gehört zu werden. Die Benimmregeln sind es, an denen es scheitert und diese Eltern gehen sich früher oder später selbst in die «Wolle» und schreien, streiten. und scheitern. Momentan muss niemand harte Arbeit leisten um die nächste Generation heran zu ziehen….denn es hat genug Menschen auf dieser Erde und noch nie war das Leben so einfach wie jetzt…Zudem lieben Elterrn die Hilfe von Handy oder Pc oder Fernseher – die Mamis& Papis haben dann ihre Ruhe.

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Dartfish

Juudie, du wärst damit eine dieser fünf, die es wiedermal fünfmal besser weiss. Dabei lässt du ausser acht, dass es Kinder mit ganz unterschiedlichem Temprament gibt.

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Dane

Wenn man Kindern offen & interessiert begegnet, bereichern sie unseren Alltag. Sie machen ihn bunter & lustiger. Sie lernen noch dazu und brauchen Verständnis. Viele Menschen sind heute egoistisch & gestresst. Das ist nicht das Problem der Kinder. Wir sollten weniger verurteilen & uns etwas mehr entspannen in der Schweiz!

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