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Der Krimi um die Schweizer Traditionsmarke Bally

Der Krimi um die Schweizer Traditionsmarke Bally

Ade Bally! War's das? Bally stellt die Produktion in der Schweiz ein. Was von der Schweizer Traditionsmarke übrig bleibt und wer sich an ihrem Niedergang bereichert.

In den weissen Kugeln an der Fassade des ehemaligen Bally-Capitol leuchtet das französische Wort «Femme». Die Sonne scheint so grell an diesem heissen Sommertag, dass die rote Lichtschrift kaum zu lesen ist.

Früher, als ich als Kind manchmal mit meiner Mama und meinem Nani aus der Innerschweiz nach Zürich kam, waren diese Kugeln für mich der Inbegriff von Chic. Hier gingen die weltgewandten Grossstädter:innen einkaufen.

Damals kullerte noch der Schriftzug von Bally vertikal die Aussenwand der Boutique hinunter. Die runden Köpfchen führen, seit Zara hier zur Miete wohnt, ein Eigenleben. Jeden Tag ein anderes Wort.

Wie es aussieht, werden sie bald das Einzige sein, das von Bally in Zürich zurückbleibt. An der letzten Location, ein paar hundert Meter die Bahnhofstrasse hinauf, wurden die Türen vor kurzem geschlossen.

Erst im Juli hiess es noch, niemand wisse, wie lange das Geschäft noch geöffnet bleibe. Jetzt, Anfang August, versperren dicke Vorhänge den Blick durch die Schaufenster.

Viel zu entdecken gäbe es ohnehin nicht mehr. Durch einen schmalen Spalt sieht man, dass das Innere bereits geräumt wurde.

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"Niemand hat den Durchblick, was da gerade hinter verschlossenen Gardinen gewerkelt wird bei Bally"

Im Storelocator der Bally-Homepage ist der Standort Zürich schon erloschen. Lediglich die Ortsmarkierungen dreier Outlets und eine Bally-Boutique in St. Moritz ploppen auf der kleinen virtuellen Karte auf, wenn in der Suchfunktion die Schweiz eingegeben wird. Wie lange wohl noch?

«Wir sind die Letzten, die etwas erfahren», sagt eine Angestellte in St. Moritz am Telefon, «es gibt keine Kommunikation.» Ob sie noch bezahlt werde? «Ich kann nicht sprechen, eine Kundin will gerade bedient werden.» Sie wimmelt mich ab.

Fashion Fish Outlet, in Schönenwerd im Kanton Solothurn, wo Bally einst gegründet wurde: Seit dem 25. Juli gibt es hier keinen Bally-Laden mehr, wird mir mitgeteilt. Landquart Fashion Outlet: Ebenfalls geschlossen. Fox Town Outlet, Mendrisio: «Ich weiss nicht, bis wann wir noch offen sein werden, aber wir erwarten in diesen Tagen die Lieferung der letzten Teile aus Zürich.»

Weiter würde das Unternehmen nicht kommunizieren. «Es ist schrecklich, weil wir nichts erfahren – eine wirklich unangenehme Situation.» Ob sie noch Lohn erhalte? «Madame, das ist eine sehr persönliche Frage – ich bediene gerade eine Kundin.» Auch diese Verkäuferin beendet das Telefonat abrupt.

Alle tappen im Dunkeln. Wo man sich hinwendet – niemand hat den Durchblick, was da gerade hinter verschlossenen Gardinen gewerkelt wird bei Bally.

Während der US-amerikanische Inhaber Michael Reinstein mit seiner neuen berühmten Freundin Nicole Kidman den Sommer in Italien geniesst, bangen in der Schweiz die verbliebenen Angestellten um ihre Jobs – von den Löhnen, die laut der Tessiner Gewerkschaft OCST bei einigen Arbeiter:innen seit dem 15. Juni nicht mehr bezahlt werden, ganz zu schweigen.

Die Befürchtung: Bally, wie es die Firma seit 1851 gibt, wird zum reinen Lizenzgeschäft reduziert, ohne je wieder eigene Produkte herzustellen.

Ikonen und romantische Geste

Dabei besässe Bally Substanz wie kaum ein anderes Unternehmen: ein Archiv aus ikonischen Plakaten und Designs – wie dem «Scribe»-Herrenschuh von 1951.

Ikonische Bergbesteigungen wie Grenzüberschreitungen – die Füsse von Sherpa Tenzing Norgay betraten 1953 in Bally-Rentierstiefeln als erste den Mount Everest.

Und rot leuchtend, unübersehbar mit Schweizerkreuz, überschritt die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey 2003 als erste ausländische Regierungsvertreterin die Grenze zwischen Nord- und Südkorea in Bally-Schuhen.

Der ikonische Slogan «Bally für alli – alli für Bally» aus der Zeit, als der Konzern nach den Weltkriegen neben Edelboutiquen auch Detailhandel betrieb, ist noch heute ein Ohrwurm. Und ikonisch reicht das einstige Schuhimperium zurück auf eine Gründungsgeschichte, bei der alles auf einer romantischen Geste fusst.

Als Carl Franz Bally, Sohn eines Fabrikanten für Gummibänder und Hosenträger, mit seinem Bruder Fritz Mitte 19. Jahrhundert auf Geschäftsreise in Paris war, entdeckte er «entzückende Bottinen», wie er sie noch nie gesehen habe, so die Bally-Saga.

Er wollte seiner Frau ein Paar der hübschen Ankle Boots als Geschenk mit nach Hause bringen, kannte allerdings ihre Grösse nicht. Kurzum kaufte Bally zur Sicherheit gleich zwölf Paar in unterschiedlichen Grössen ein.

Auf die überschüssigen Schuhe stürzten sich zurück in der Schweiz die Schönenwerderinnen. Inspiriert durch das Begehren nach eleganten Schuhen gründete Bally 1851 ein eigenes Unternehmen und stieg ins Schuhgeschäft ein. 1901 war Bally bereits die grösste Schuhfabrik der Welt, wie das Unternehmen selbst von sich reden machte.

Zum 175-Jahre-Firmenjubiläum wird dieser reiche Schatz aber nicht mit einer werbewirksamen Kampagne gefeiert, keine Sonderedition lanciert, sondern man zerlegt das Unternehmen – und Bally verschwindet nach und nach aus der Schweiz.

Die Produktion, die seit 2000 in Caslano im Tessin stattfand, wurde eingestellt. Den verbliebenen 27 Produktionsarbeiter:innen, die hier an hochpreisigen Männerschuhen noch die letzten Handgriffe verübten, wurde per Ende August gekündigt.

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Die letzten Stores in Basel, Luzern, Lugano, Lausanne, Genf, Zürich und die Outlets in Landquart und Schönenwerd wurden seit Mai sukzessive geschlossen. Im Online-Shop steht, alles sei ausverkauft.

Was mit den noch rund 60 Mitarbeiter:innen der Verwaltung geschieht, ist ungewiss. Von Beständigkeit, Qualität und luxuriöser Swissness ist nicht mehr viel übrig: Die Marke «Bally» wurde im Juni unter Arrest des Konkursamtes in Lugano gestellt – und der Firma «Bally Schuhfabriken» gewährte man nach dem Wechsel des Firmensitzes nach Zug ebenfalls Mitte Juni die angeforderte Nachlassstundung.

Zwar vorerst provisorisch, aber immerhin kann gerade niemand mehr Schulden einklagen. Kurz: Bally drückt der Schuh – und zwar ordentlich. Wie konnte es so weit kommen?

Untergang in fünf Akten

Blickt man auf die lange Geschichte des traditionsreichen Unternehmens, muss der Abstieg Ballys wohl aus zwei Warten betrachtet werden. Aus jener der Entwicklungen seit 1976. Und aus jener seit 2024, als Regent LP, sprich Michael Reinstein, ins Spiel kam und Bally übernommen hat.

Die letzten 50 Jahre gestalten sich rückblickend als Untergang in fünf Akten: Bally geriet zunehmend ins Strudeln, nachdem die Familie die Kontrolle über ihr Unternehmen Ende der 70er-Jahre verloren hatte.

Fünf verschiedene Besitzer versuchten seitdem, die Schuhfabrik wieder auf Kurs zu bringen. Das Sortiment wurde auf hochpreisige Kleidung und Accessoires erweitert, mal positionierte man Bally als Sportlabel, dann wieder als Trend-Luxusmarke, dann wieder als exklusives Traditionshaus.

Im laufenden Wechsel der Strategien und Neuausrichtungen verlor Bally unter den 13 CEOs eine klare Richtung. Und unter den zunehmend rotierenden kreativen Köpfen – es waren elf insgesamt – ein wiedererkennbares Markenprofil.

Natürlich haucht jede:r Designer:in dem jeweiligen Modehaus eigene Visionen ein. Alles andere wäre wahllos und wenig spannend. Aber gerade die jüngste Design-Geschichte zeigt beispielhaft auf, dass der rote Faden, der Bally einst zusammenhielt, mehr und mehr zerfranste.

Kein roter Faden

Als 2022 Rhuigi Villaseñor bei Bally die kreative Leitung übernahm, war die Verwunderung gross: Ein junger kalifornischer Luxus-Streetwear-Designer bei Bally? Mutig! Ihm wurde viel Platz und Freiheit eingeräumt – Bally kehrte nach zwanzig Jahren Abwesenheit gar in Mailand auf den Laufsteg zurück.

Villaseñor setzte auf opulente Designs mit viel nackte Haut. Und auch wenn die Kollektionen Beachtung fanden, war der angestrebte Frischekick, den er Bally verpassen wollte, wohl eine Brise zu cool – oder zu trashig und zu sehr Fast Fashion, je nachdem, wen man fragt. Für Villaseñor ging es nicht gut aus. Nach nur zwei Kollektionen verliess er das Unternehmen wieder.

Nun holte man Simone Bellotti ins Boot und vollzog stilistisch eine 180-Grad-Wende: Swissness und Traditionsbewusstsein wurden auf den Moodboards besonders dick unterstrichen. Seine erste Kollektion für den Herbst 2024 zeigte Glöckchen an Taschen und Westen. Ein bisschen romantisch verspielt, gepaart mit klaren Schnitten. Die Fashionwelt atmete auf: Endlich besitze Bally wieder einen Stil, der zur Marke passt.

Vielleicht hofften da noch einige, dass sich das Unternehmen nun von Grund auf erholen könnte. Die vorletzte Besitzerin JAB Holding wohl aber nicht – sie verkaufte Bally im Sommer 2024 an das kalifornische Unternehmen Regent LP – wie in der Branche gemunkelt wird, zu einem symbolischen Franken, dafür mit allen angehäuften Schulden.

Kurz danach sprang Bellotti während der grossen Rochade aller Creative Directors vor zwei Jahren ab – und zog weiter zu Jil Sander. Seither wurde keine neue kreative Leitung eingestellt, ein internes Team übernahm. Man wolle sich erst neu sortieren, hiess es im Frühling vor einem Jahr.

Aussortiert

Mit der Neusortierung durch Regent LP fegte ein Orkan über Bally, der nach zwei Jahren nicht viel mehr übriglässt als ein paar leerstehende Fabrikhallen.

Als die kalifornische Investmentfirma Bally übernahm, betrieb das Unternehmen weltweit 300 Stores und beschäftigte 1500 Mitarbeiter:innen, davon rund 400 in der Schweiz.

Doch bereits Ende 2024, nach wenigen Monate unter Regent LP, wurden Extraposten gestrichen, die der kriselnden Firma auf der Tasche lagen: Die Kunststiftung «Bally Foundation» am Luganersee, das «Bally Studio» nähe Florenz. Der Showroom in der Viale Piave in Mailand wurde erst kürzlich, dieses Jahr im Mai, wegrationalisiert.

"Die Firma Bally schrumpfte bis zu diesem Sommer auf ein paar alte Anlagen, Restposten und rund 60 Arbeitnehmende zusammen"

Dazwischen und danach kam es erneut zu Entlassungswellen. Die Firma Bally schrumpfte bis zu diesem Sommer auf ein paar alte Anlagen, Restposten und rund 60 Arbeitnehmende zusammen. Die Produktion ist eingestellt – die Maschinen stehen still.

Berücksichtigt man, dass Bally mit mindestens 25 Millionen Franken hoch verschuldet ist, wären das legitime Schritte, um die Firma vor dem Konkurs zu retten.

Aber neben der Reduktion des operativen Unternehmens zeichnet sich in den Schweizer Handels- und Patentregistern ein Nebenschauplatz ab, der die Absicht hinter dem steten Abbau erahnen lässt: Hatte Regent LP allem Anschein nach gar nie im Sinn, Bally als Schweizer Traditionsmarke wieder auf Kurs zu bringen?

Komplexe Spurensuche

Beim Durchstöbern von Datenbanken wie Swissreg, dem Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum in der Schweiz (IGE) und dem Schweizer Handelsregister zeichnet sich ein Netz diffuser Ereignisse ab: Während die Entlassungen Ende Mai schweizweit für Schlagzeilen sorgten, wurden im Hintergrund bereits seit April Strukturen aufgebaut, um die Marke Bally, das Herzstück der Firma «Bally Schuhfabriken», aus der Firma herauszulösen.

Als Erstes wurde im April die «Bally Holdings» im Handelsregister eingetragen. Mit dem Gesellschaftszweck: «Leasing von immateriellen Vermögenswerten». Es handelt sich somit um ein Unternehmen, das sich rein um die immateriellen Werte, das geistige Eigentum und den Namen der 175-jährigen Traditionsmarke kümmern soll.

Daraufhin ist im IGE vermerkt, dass «Bally Schuhfabriken» die Markenrechte im Juni an die Aare LLC übertragen liess, eine erst im Mai dieses Jahres gegründete US-amerikanische Gesellschaft aus Sheridan, Wyoming. Der US-amerikanische Bundesstaat ist bekannt dafür, dass sich hier zahlreiche Briefkastenfirmen ansiedeln. Bezeichnenderweise ist über Aare LLC nichts weiter bekannt.

Die Alarmzeichen waren der Pretura, dem Luganer Amtsgericht, zu offensichtlich: Es blockierte am darauffolgenden Tag den Verkauf mit Verdacht auf unlautere Geschäftsmodelle und einen Bezug zwischen der neu gegründeten Aare LLC und dem jetzigen Besitzer Regent LP. Zudem stellte es die Bally-Marke unter Aufsicht des Konkursamtes Lugano unter Arrest.

Der Verdacht: Regent-LP-Inhaber Michael Reinstein wollte die Marke vor dem Konkurs des Unternehmens «Bally Schuhfabriken» herauslösen, um sie später zurückzukaufen, ohne den Schuldenberg aus ausstehenden Löhnen, Abfindungen, Lieferantenrechnungen und offenen Rechnungen bei der Gemeinde.

Möglicherweise wurde genau dafür die im April gegründete «Bally Holdings» eingetragen. Wäre es gelungen, den wertvollen Markenwert von der Schuhfabrik zu lösen, wäre der Wert von «Bally Schuhfabriken» absichtlich gemindert worden und die Gläubiger:innen stiessen bei Konkurs auf einen Bruchteil der Vermögenswerte.

Noch während in Lugano die Gerichte heissliefen, um den Markenwert von Bally erst zu schützen und dann unter Arrest zu stellen, wurde es Regent LP am Tessiner Standort wohl zu ungemütlich. Kurz bevor die Übertragung der Bally-Markenrechte an Aare LLC offiziell blockiert wurde, wechselte «Bally Schuhfabriken» am 11. Juni dieses Jahres ihren juristischen Firmensitz nach Zug.

Hier, am neuen Firmensitz, verschaffte man Bally nun provisorisch eine Pause und Luft zum Durchatmen vor all den ausstehenden Zahlungen – der Einzelrichter genehmigte am 15. Juni die provisorische Nachlassstundung.

Auch wenn die Schweizer Gesetze natürlich kantonsübergreifend gelten, ist das Tessin auf emotionaler Ebene viel enger mit Bally verknüpft. «Die Höhe der Schulden ist für die Region – und nicht nur für sie – problematisch. Sollten sie nicht beglichen werden, wäre der Schaden enorm», sagt Luca Robertini von der Gewerkschaft OCST.

Es ist daher fragwürdig, ob die von Bally beantragte Nachlassstundung hier gewährt worden wäre. Bis Mitte Oktober prüft die beauftragte externe Sachwalterin Transliq in Bern nun, ob «Bally Schuhfabriken» überhaupt noch saniert werden kann. Wobei der Arrest der Marke Bally durch das Luganer Konkursamt weiterhin zu bestehen scheint.

Setzt man all die Puzzlesteine zusammen, die Gründung der IP-Gesellschaft «Bally Holdings» im April, die gescheiterte Übertragung der Markenrechte an Aare LLC Mitte Juni, zeitgleich der Wegzug des juristischen Sitzes der «Bally Schuhfabriken» nach Zug und die dort gewährte Nachlassstundung, erhärtet sich der Verdacht, dass es Bally unter Regent LP so ergehen könnte wie bereits anderen Marken in deren Portfolio.

Schlachtross Bally

Eigentümer Michael Reinstein, dem ein Ruf als Heuschrecke und Geldgeier vorauseilt, plant zukünftig wohl abzuschöpfen, was sich Bally in 175 Jahren an Markenwert aufgebaut hat. Ohne selbst je wieder einen Schuh, einen Gürtel oder eine Tasche zu produzieren.

Wie Branchenmagazine und die NZZ am Sonntag das Geschäftsmodell von Reinstein kürzlich nachskizziert haben, wäre Bally nicht die erste Marke, der es unter Regent LP so ergeht: Von Escada blieb nach der Übernahme nicht viel mehr als deren Hülle übrig.

Gelingt die Trennung der Marke, wird der Firmenkörper eingestampft und Bally auf kleiner Flamme weiter am Leben erhalten, um allein vom Markenwert zu profitieren. Das Ausschlachten der immateriellen Werte beispielsweise durch Lizenzvergaben füllt dabei den Geldbeutel einiger weniger Profiteur:innen.

Der einstige Slogan «Bally für alli» würde so als Asset unter ganz neuen Voraussetzungen wiederbelebt: Bally für all jene, die über Verträge das Recht erwerben, den Markennamen auf ihre Produkte zu drucken.

Kein Interesse

Sich künftig lediglich um die Lizenzrechte kümmern zu müssen, wäre für Regent LP eine elegante Lösung. «Das ist einfach verdientes Geld», sagt Roberto Martullo. Der Schweizer Unternehmer, dem seit 2024 die Künzli-Schuhfabrik gehört, wollte Bally im Juni rettend zur Seite springen.

«Man hätte die Mitarbeiter:innen und die Produktion nahtlos übernehmen können», sagt Martullo, «das sind Spezialist:innen für handgenähte Schuhe.» Aber Bally wollte nicht und bot – über die Sachwalterin Transliq in Bern – lediglich zum Verkauf an, was noch physisch von Bally vorhanden ist.

«Ich war im Juni vor Ort und habe mir alles angeschaut. Das sind alte Maschinen – wer kauft die schon?» Er schätzt das Inventar auf ein paar hunderttausend Franken. Ein Tropfen auf den heissen Stein des millionenhohen Schuldenbergs. Und die Marke Bally? Damit habe man anderes vor. Die Firma könne Martullo kaufen, aber nicht die Essenz, den Esprit von Bally, der seit 175 Jahren im Namen steckt.

Martullo bleibe jedenfalls dran und wäre nach wie vor bereit, Bally wieder in Betrieb zu nehmen. Aber nur, wenn er das Doppelpack kriegt: Die Marke und die Firma.

Vorerst müsste aber geklärt werden, was von der Marke Bally wem gehört: Wer besitzt «Bally Schuhfabriken» in Zug und wer die vor vier Monaten gegründete «Bally Holdings» in Caslano? Bei Bally gibt man sich zugeknöpft. Alle Anfragen verlaufen im Sand.

Museum Bally

Während spekuliert wird, wie es weitergeht, wenn Mitte Oktober der Konkursschutz ausläuft, verkommt der Rest von Bally zum Museum.

"Vom einst grössten Schuhhersteller der Welt zum grössten Schuh-Archiv"

Aufgescheucht durch die jüngsten Ereignisse sprach der Kanton Solothurn Ende Juni ein Machtwort, just acht Tage nach Bekanntgabe der Nachlassstundung: Er setzte Zehntausende historische Modelle des firmeneigenen Bally-Archivs, das im solothurnischen Schönenwerd gelagert wird, unter Denkmalschutz.

Zu gross war die Angst, dass die schätzungsweise 35’000 Schuhe – die ältesten stammen aus den 1860er-Jahren – im Strudel der Ereignisse dieses Sommers fortgeschafft, verkauft oder schlicht zerstört würden. 

Vom einst grössten Schuhhersteller der Welt zum grössten Schuh-Archiv – vom Weltkonzern Bally bleibt dereinst wohl bloss eine Erinnerungsspur in der Schweiz zurück.

Sie verläuft neben dem Archiv in Schönenwerd auch durch Zürich. Hier schützte der Kanton die fünf ikonischen Kugeln aus den 60er-Jahren bereits 2013, kurz vor der Renovation des ehemaligen Bally-Capitols, ebenfalls durch den Kniff des Denkmalschutzes.

Die wechselnden Worte, die heute mit LED die Kugeln beschriften, sind zwar cute – eine seltene Spielerei in Zürich, die jeden Tag ein neues Tagesmotto in die Innenstadt ruft. Mal «Drama», mal «Smart», mal «Trost».

So zufällig die Worte sind, so beliebig sind sie aber auch – sie werden durch einen Generator anonym eingespeist. Vom grossen Bally-Glanz, für den die Kugeln einst an der Fassade angebracht wurden, ist nur noch das Gerüst übrig.

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