Kolumne "Sandwich": "Scheisse sagt man nicht!"
Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal bemerkt Michèle Roten mit Schrecken, dass ihr manchmal etwas pointiertes Wording nicht mehr ganz altersgerecht ist. Verdammt!
- Von: Michèle Roten
Neulich sagte ich in einem Gespräch einen Satz, in dem drei Variationen des Worts Scheisse vorkamen. Das ist nichts Aussergewöhnliches, ich fühlte mich schon immer wohl mit einem Register, das die Vehemenz einer Meinung deutlich ausdrückt.
«Nicht so gut» ist nun mal nicht dasselbe wie Scheisse. Ebenso wenig Quark, Käse, Kabis oder andere Lebensmittel, die vor allem Eltern kleiner Kinder gern bemühen, um nicht Scheisse zu sagen. Was ich nie verstanden habe. Ihr studiert herzlich lachend ein Buch, in dem einem Maulwurf auf den Kopf geschissen wird, woraufhin er eine Expedition in das aufregende Land der Exkremente verschiedener Tiere unternimmt, aber Gott behüte, jemand sagt Scheisse?
Was ja leider zwingend zu Kindern führt, die einen mit absolut beschissener Lehrmeisterhaftigkeit darauf hinweisen, dass man Scheisse imfall nicht sagt. Während ich darauf lange mit Entschuldigungen und gequälten Korrekturen reagiert habe, hat vielleicht das Selbstbewusstsein des Alters, vielleicht auch einfach eine in die Knie gezwungene Toleranz betreffend Nervigkeiten seit ein paar Jahren dazu geführt, den Kindern zu antworten: «Erstens: Man gibt es nicht. Zweitens: Vielleicht darfst du das nicht sagen – ich aber imfall schon.» Was immer zu geil bedröppelten Wonneproppen führt.
Ich habe mit meinem Sohn stets so gesprochen, wie ich halt spreche, ihn nie zensiert und erfreulicherweise hat er ganz von selbst ein sehr gutes Gefühl dafür entwickelt, wann welche Wörter fehl am Platz sind. (Übrigens: Die Jugend hat eine sehr tolle eigene Formulierung entwickelt, um zu beschreiben, dass sie etwas nicht gut gemacht hat: «Driigschisse». As in: «Und, wie lief der Vortrag?» – «Ich han driigschisse.» Grandios.)
"Bin ich jetzt eine von denen, die ich mein Leben lang immer so peinlich fand – die, die krampfhaft festhalten an einer längst vergangenen Jugendlichkeit?"
Jedenfalls waren die anderen Teilnehmerinnen des Eingangs erwähnten Gesprächs alle einiges jünger als ich – und nachdem mir dieser eine Satz, den ich gesagt hatte, aufgefallen war, überlief es mich eiskalt: Denken die, ich rede so, um cool zu wirken? Um mich anzubiedern? Bin ich jetzt eine von denen, die ich mein Leben lang immer so peinlich fand – die, die krampfhaft festhalten an einer längst vergangenen Jugendlichkeit? Wie die Frauen, die immer noch mit einem glitzernden «Juicy» auf dem faltigen Hintern rumlaufen, wie die Männer mit Bierranzen, die im Winter bei jeder Gelegenheit fallen lassen, dass sie am Wochenende «shredden» gehen?
Während sich einiges verändert hat im Laufe der Jahre – mein Kleidungsstil, mein Umgang mit Menschen, gewisse Einstellungen, und das alles durchaus in gewisser Weise hin zu einer erwachseneren, «altersgerechten» Version – ist die Sprache gleich geblieben. Die Art, wie ich rede, ist halt einfach die Art, wie ich rede. Ich bin da sozusagen hängengeblieben. Was irgendwie armselig klingt. Vielleicht kann ichs ja umformulieren, in ein empowerndes Instagram-Kalendersprüchlein: Ich rede so, weil ich bin, wie ich bin, unapologetically. Scheisse, das mit dem ganzen Englisch wirkt wohl auch anbiedernd.
Die Kolumne «Sandwich» startete am 4. April 2025 im Heft. Claudia Senn und Michèle Roten wechseln sich dabei von Ausgabe zu Ausgabe ab; in unserer Sommerserie erscheint jeden Freitag eine Kolumne.