Kolumne "Sandwich": "Es könnte interessant werden mit meinem WG-Kumpel"
Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal schreibt Claudia Senn darüber, wie es ist, frisch verwitwet eine WG zu gründen.
- Von: Claudia Senn
- Bild: Joël Hunn
Einer frisch verwitweten Frau wie mir, die die Miete plötzlich ganz alleine stemmen muss, bleiben im überteuerten Zürich genau zwei Optionen: Entweder sucht sie sich eine kleinere Wohnung – was sie ungefähr drei oder vier Lebensjahre sowie den Grossteil ihres Schneids kosten wird. Oder sie nimmt sich einen Untermieter.
Hene, mein WG-Kumpel, wohnt jetzt im Zimmer meines verstorbenen Mannes, mitsamt seiner Ukulele, einem Young-Boys-Poster und einem rätselhaften Fitnessgerät, das anscheinend gut für die tiefer liegende Muskulatur sein soll. Hene trägt Schuhgrösse 47 und auch alles andere an ihm ist riesig: sein Appetit, seine Donnerstimme, der ganze bärenhafte Kerl.
Hene dünstet so viel Testosteron aus, dass die Katze panisch die Flucht ergreift, sobald er sich nur leise räuspert. Kann man nichts machen, sagt der Tierarzt.
«Na, läuft da was zwischen euch?», fragt mein guter Freund Wolfi. Zwinker zwinker, feix feix. Ich muss dazu anmerken, dass Wolfi Psychiater ist. Psychiater neigen dazu, sich hemmungslos nach anderer Leute Libido zu erkundigen. Doch Hene und ich: never ever. Ich bin bloss die Schlummermutter.
"Ab und zu gellt infernalisches Gekreische aus seinem Zimmer. Inzwischen weiss ich: Das ist bloss ein Geist"
Vermutlich stammt er vom Mars und ich von der Venus. Wenn ich abends nach Hause komme, zünde ich als Erstes eine Batterie von Lämpchen und Kerzen an, um mein liebevoll kuratiertes Mobiliar in samtweichem Licht erstrahlen zu lassen. Hene knipst eine Funzel an, wo er gerade sitzt, und gut ist.
Während ich meine fünffarbigen Schlemmermenüs verzehre, ernährt er sich fast ausschliesslich von Bouillon mit Nüdeli, weil er sich «in Demut üben» will. Danach guckt er auf seinem Laptop Lars von Triers Horror-Serie «Geister». Ab und zu gellt infernalisches Gekreische aus seinem Zimmer. Inzwischen weiss ich: Das ist bloss ein Geist.
Anfangs fand ich es durchaus gewöhnungsbedürftig, meine Privatsphäre mit einem Wildfremden zu teilen. Hene ging es wohl genauso. Er hatte Angst, einen Teller falsch herum in die Geschirrspülmaschine zu räumen. Inzwischen hat sich das zum Glück gelegt, denn ich lasse meine Zwangsneurosen nicht von der Leine.
Hene ist sowieso nur an zwei Tagen pro Woche bei mir. Da darf es auch mal anders laufen als gewohnt. Vielleicht wird mich das am Ende davor bewahren, eine wunderliche Alte zu werden, der die Toleranz abhandenkommt wie ein abgenutzter Regenschirm.
Hene erklärt mir ChatGPT und Deepseek. Kürzlich hat er mir Baklava aus Istanbul mitgebracht. Erzähle ich vom Tod meines Mannes, bekommt er feuchte Augen. Ich mag das, wenn Männer nicht aus Stein sind. Damit ich mal wieder auf andere Gedanken komme, hat er mir das Gesamtwerk von Joachim Meyerhoff geliehen, der die ganze Scheisse, die ihm das Leben vor die Füsse spült, in herrliche, tragikomische Bücher verwandelt. Sollte ich das auch in Erwägung ziehen? Ich glaube, es könnte interessant werden mit Hene.