Kolumne "Sandwich": "Altersweisheit ist banal"
Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal schreibt Claudia Senn darüber, wieso sie knallhart selektioniert, wer oder was ihren Blutdruck in die Höhe treiben darf.
- Von: Claudia Senn
- Bild: Joël Hunn
Haus bauen, Kind zeugen, Baum pflanzen – nichts davon ist mir in meinen beinahe sechzig Lebensjahren gelungen. Doch immerhin habe ich mir kürzlich meinen ersten Strafbefehl eingehandelt. Wegen illegaler Abfallentsorgung. Das Corpus Delicti waren drei vorschriftsmässig verschnürte Kartons, die ich am falschen Wochentag vor die Tür gestellt hatte.
Die Stadtpolizei forderte mich auf, zu diesem «Sachverhalt» unverzüglich Stellung zu nehmen. Mein Mann war damals gerade für seine allerletzten Lebensmonate in ein Altersheim gezogen. Da hatte ich mich im Umzugsstress mit dem Datum vertan. Das schrieb ich so an die Beamten und dachte: Wenn am Ende der Befehlskette ein Mensch sitzt, dann wird er meine Akte dem Papierkorb übergeben.
Zwei Monate später erhielt ich eine Busse über 170 Franken, mitsamt der Drohung, bei Nichtbezahlen einen Tag im Gefängnis zu verbringen. Ich dachte: Wie werden wohl die Nachbar:innen bestraft, bei denen ständig versiffte Matratzen und ramponierte Sofas vor dem Haus liegen? Guillotine?
"Das Schicksal denkt überhaupt nichts, es passiert einfach, völlig willkürlich und ohne Anspruch auf Fairness"
Noch vor zehn Jahren hätte ich mich über das drakonische Zürcher Müll-Regime heftig echauffiert. Doch inzwischen bin ich altersweise. Das meine ich keineswegs ironisch. Altersweisheit existiert tatsächlich. Sie ist bloss viel banaler, als man sich das vielleicht vorstellt.
Im Grunde genommen geht es darum, zu unterscheiden, wann es sich lohnt, sich aufzuregen, und wann nicht. Dabei gilt die einfache Faustregel, dass man es mit dem Aufregen gleich sein lassen kann, wenn sich eine Situation sowieso nicht ändern lässt. Aufregen über das Wetter zum Beispiel: Lohnt sich nicht. Aufregen über Donald Trump: Lohnt sich nicht. Aufregen über die vertikalen Knitterfalten am Hals, die mich zunehmend an den Kehllappen eines Leguans erinnern: dito.
Auch Fragen wie «Warum passiert sowas immer mir?», sind sinnlos. Das Schicksal ist kein sadistischer Gefängniswärter, der sich ein Leben auf einem Überwachungsmonitor anschaut und denkt: Diese Claudia Senn sitzt mir jetzt aber ein bisschen zu saturiert in ihrer Komfortzone. Lasse ich doch mal ihren Mann sterben. Das Schicksal denkt überhaupt nichts, es passiert einfach, völlig willkürlich und ohne Anspruch auf Fairness. Wer das begreift, könnte theoretisch schon in jungen Jahren altersweise sein.
Profi-Weise sind übrigens die Anonymen Alkoholiker. «Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden», lautet ihr Mantra. Mal abgesehen davon, dass ich persönlich Gott aussen vor lassen würde, bringt das die Sache ziemlich auf den Punkt.
Ich nehme lieber den Knast, teilte ich den Zürcher Behörden mit. So einen Tag im Gefängnis stelle ich mir interessant vor. Man trifft spannende Leute und sieht den neuen Justizpalast mal von innen. Dazu müsste ich mich aber erst betreiben lassen, beschied mir das Amt. Lohnt sich nicht. Auch das.
Die Kolumne «Sandwich» startete am 4. April 2025 in der annabelle-Printausgabe. Claudia Senn und Michèle Roten wechseln sich dabei von Ausgabe zu Ausgabe ab; in der Sommerserie erscheint jeden Freitag eine Kolumne.