Das neue Heft ist da: Barbara Loop über Gleichzeitigkeit
Ab heute liegt die neue Ausgabe der annabelle am Kiosk. Lest hier das Editorial von Chefredaktorin Barbara Loop.
- Von: Barbara Loop
- Cover: Albane Durand-Viel; Collage: annabelle
Manchmal ist die Gleichzeitigkeit der Ereignisse dieser Welt kaum auszuhalten: Hier von Krieg geplagte Kinder, dort tanzende Menschen auf Festivals; hier brennen die Wälder, da freut man sich über den heissen Badi-Sommer. Oder, passend zum Mode-Spezial in dieser annabelle-Ausgabe: Hier Fashion Week, dort Kummer, Krieg und Krise.
Doch lässt sich die Welt oft gerade nur deshalb ertragen, weil das Schreckliche und das Schöne nebeneinander existieren können. «Für einen kurzen Moment ist der gebrochene Fingernagel das grösste Problem unserer Kundinnen», erzählt Anwar Mitri über die Frauen, die seinen Salon Visage im Südosten von Beirut aufsuchen.
Mitris Beauty-Salon ist einer von vielen im Land. Im Libanon ist man stolz auf die legendäre Schönheit seiner Frauen, der gesellschaftliche Druck, diesem Ideal zu entsprechen, ist gross und das Geschäft mit der Schönheit gehört zum Alltag. Genauso wie die Krise: Bankencrash und Währungszerfall, Korruption, die Detonation von rund 2750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut im August 2020 und die im März wieder entfachten Kämpfe mit Israel, der vierte Krieg in nur vier Jahrzehnten.
Unsere Autorin Karin A. Wenger hat sich für diese Ausgabe gefragt, was die Frauen in die Kosmetikstudios des krisengebeutelten Beiruts treibt – und vor Ort Antworten gefunden: «In den Schönheitssalons verbindet sich eine Art Alltag mit einer Gemeinschaft», schreibt sie, «es sind Orte, die zumindest Kontrolle über das Aussehen geben in einer Welt voller Kontrollverlust. Und auch etwas Würde.»
"Das Streben nach Schönheit ist immer auch Ausdruck von Selbstachtung"
Lackierte Nägel beenden keine Kriege, Mode stillt keinen Hunger und auch in Schönheit kann man bekanntlich sterben. Doch ich halte es für falsch, all das angesichts der Not dieser Welt als überflüssigen Luxus abzutun. Es geht dabei nicht um Oberflächlichkeit.
Das Streben nach Schönheit ist immer auch Ausdruck von Selbstachtung und der Fähigkeit, sich eine andere Welt vorstellen zu können. Totalitäre Systeme nehmen Menschen nicht nur die Freiheit. Sie rauben ihnen auch die Fantasie, die Kunst, die Schönheit. Den Stoff also, aus dem Hoffnung, Widerstand und Menschlichkeit gemacht sind.
Nach jenem Stoff, der uns «Augen und Welten» öffnet, sucht auch unser Coverstar, die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler. Im Interview in der neuen Ausgabe erzählt sie, wie sie ihn in Filmprojekten findet. Und in unserer Modestrecke verleiht sie mit den Looks der Saison all jenen Gefühlslagen Ausdruck, die diese verrückt gewordene Welt hervorruft.