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Newcomerin Sienna Spiro:

Newcomerin Sienna Spiro: "Ich habe Angst davor, dass nichts von Dauer ist"

Die 20-jährige Künstlerin Sienna Spiro veröffentlicht heute ihr Debütalbum "Visitor" und tritt damit am Montreux Jazz Festival auf. Wir haben mit ihr über Vergänglichkeit, zu persönliche Songs und Doomscrolling gesprochen.

annabelle: Sienna Spiro, Sie starten gerade richtig durch, heute erscheint Ihr Debütalbum «Visitor», bald beginnt Ihre Welttournee. Wann wurde Ihnen klar, dass Musik nicht nur etwas ist, das Sie sich anhören, sondern eine echte Leidenschaft?
Sienna Spiro: Ich habe immer schon gesungen. Und ich habe als Kind einen kleinen iPod bekommen, auf den mein Cousin ein paar Songs für mich heruntergeladen hat. Ich sass stundenlang einfach da und habe sie mir angehört. Und es war für mich so eine körperliche Reaktion, diese Musik zu hören und etwas zu finden, das mir naheging.

Erinnern Sie sich noch, welche Songs auf dem iPod waren?
Ja, ich weiss noch, dass da ein Frank-Sinatra-Song drauf war: «Under My Skin». Und ein Adele-Song: «Rolling in the Deep». Ausserdem «Somewhere Over the Rainbow». Diese Songs inspirieren mich bis heute.

Welche Einflüsse stecken in Ihrer Musik, die man nicht raushört, die aber eigentlich da sind?
Wahrscheinlich Hip-Hop. Ich bin ein riesiger Fan von Hip-Hop aus den Neunzigern und den Nullerjahren. Und ich lasse mich textlich stark inspirieren von den Bands von damals und von Künstlern wie Scarface oder Tupac. Zudem finde ich Inspiration in Filmen, die mich berühren. Und in den Menschen in meinem Leben.

Wie persönlich sind Ihre Songs?
Sehr persönlich. In ihnen geht es ausschliesslich um mein Leben. Und es gibt einen Song auf dem Album, «Pure», der vielleicht sogar ein bisschen zu persönlich ist. Ich habe ziemliche Angst davor, dass er veröffentlicht wird.

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"Wir Menschen haben geheime Gefühle, die wir eher für uns behalten. Ich habe meine jetzt in einem Song verarbeitet"

Was bereitet Ihnen daran Unbehagen?
Er ist einfach sehr ehrlich. Er handelt von meiner Familie. Wir Menschen haben geheime Gefühle, die wir eher für uns behalten. Ich habe meine jetzt in einem Song verarbeitet. Meine Mutter hatte letztes Jahr einen Gehirntumor. Ich hatte deswegen grosse Schuldgefühle, darüber schreibe ich. Und auch über Eifersucht auf meine jüngere Schwester – ich hasse es, dass ich so empfunden habe. Ich schätze, dieser Song ist einfach eine Reflexion darüber, dass man manchmal nicht weiss, was man tut. Darüber, in einem seltsamen, depressiven Zwischenstand festzustecken.

Wenn Sie so persönliche Songs singen, schlüpfen Sie dann in eine Art Künstlerinnen-Rolle, um sich von sich als Privatperson zu distanzieren?
Nein, Ich fühle mich auf der Bühne sehr wie ich selbst. Und mein Styling, die Art, wie ich meine Haare trage, mich schminke, hilft mir, mich selbstbewusster zu fühlen – noch mehr wie die Version von mir, die ich sein möchte.

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"Ich befinde mich in einer sehr verrückten, irgendwie surrealen Situation aktuell"

Ihre Songs sind auf eine ganz besondere Art melancholisch und romantisch, auf eine sehnsüchtige, suchende Weise. Wie schwer fällt es Ihnen, bedeutungsvolle Verbindungen oder sogar Liebe zu finden – gerade in diesen Zeiten?
Sehr schwer. Ich habe das Gefühl, dass niemand wirklich ganz präsent und bei der Sache ist. Alles geht immer viel zu schnell.

Wie finden Sie angesichts Ihres vollen Terminkalenders Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen in Ihrem Leben, Momente im Hier und Jetzt?
Das ist buchstäblich essenziell für mich. Ich finde, man kann keine gute Künstlerin sein, wenn man kein guter Mensch ist. Und das bedeutet für mich nicht zwingend, gute Taten zu vollbringen. Es bedeutet einfach, gut darin zu sein, Mensch zu sein und Beziehungen zu verstehen. Und ich befinde mich in einer sehr verrückten, surrealen Situation aktuell. Deshalb ist es umso wichtiger, echte Beziehungen und Lebenserfahrungen zu haben.

Wie schwer es ist, sich als Künstlerin abzuheben und Aufmerksamkeit zu erregen heutzutage?
Wir leben gerade in einer Zeit, in der wir sehr vielen Dingen ausgesetzt sind. Wir können auf unser Handy schauen und beim Scrollen innerhalb einer Minute etwa hundert verschiedene Dinge sehen. Ich hasse es, dass das zur Normalität geworden ist – auch wenn ich das natürlich auch mache. Ich weiss, es klingt ein bisschen klischeehaft, wenn ich sage: «Du musst einfach du selbst sein.» Aber das ist der einzige Weg. Ich habe keine Ahnung, was funktionieren wird, was jemand mögen wird. Also mache ich einfach Kunst, die mir entspricht. Damit kann ich abends in Ruhe schlafen gehen und wissen, was auch immer passiert, ich bin happy damit. So wie bei meinem Album. Ich liebe es sehr.

Was braucht es, damit Sie wissen: Ich bin mit dem Album fertig. Ein Song ist so, wie er ist, perfekt. Wie kommen Sie an diesen Punkt?
Eigentlich niemals. Ich könnte immer noch zurückgehen und Änderungen vornehmen. Es gibt für mich eher den Punkt, an dem ich einfach weiss: «Okay, ich gebe mich geschlagen.»

Sie standen mit Sam Smith auf der Bühne, haben sich mit Elton John unterhalten für seinen Podcast, sind bei Jimmy Fallon in der «Tonight Show» aufgetreten. Was war bisher der atemberaubendste Moment Ihrer Karriere?
So viele. Alle gerade erwähnten Momente waren «Kneif mich mal»-Momente. Und gerade habe ich etwas weiteres, sehr Besonderes machen dürfen: Ich habe in der Royal Albert Hall anlässlich David Attenboroughs 100. Geburtstag gesungen. Das war die grösste Ehre meines Lebens. Ich konnte es tatsächlich kaum glauben, es war wirklich rührend.

@siennaspiro

It was the honour of my life to sing for Sir David Attenborough’s 100th birthday. I feel so lucky to have been alive in his life time, the passion and dedication this man has given to the planet has been the most inspiring thing to witness. He has changed the way we see the world forever. Happy birthday David Thank you for everything 🌱

♬ original sound - SIENNA SPIRO

Welche Themen auf Ihrem neuen Album liegen Ihnen besonders am Herzen?
Nun, das ganze Album dreht sich um diese Angst vor der Vergänglichkeit und vor diesem Gefühl, nur temporär zu sein. Das ist eine grosse Angst von mir, dass meine Beziehungen zu Menschen nicht von Dauer sind – etwas, das ich schon seit meiner Kindheit, also den grössten Teil meines Lebens, empfinde. Und es ist meine Reise, zu lernen, etwas so zu lieben, wie es ist, und es dann loslassen zu können.

Hat der Erfolg Ihre Sichtweise auf Ihre eigene Musik verändert?
Ja. Ich würde sagen, ich fühle mich mehr in der Verantwortung, Dinge zu sagen, die authentisch sind und eine Bedeutung haben. Denn ich habe das Gefühl, dass jetzt mehr Leute hinschauen. Und ich habe auch höhere Ansprüche und möchte besser werden – eine bessere Musikerin und Sängerin sein.

Sienna Spiros Debutalbum «Visitor» erscheint am 3. Juli. Am 6. Juli spielt sie am Montreux Jazz Festival.

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