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Jeff Koons im Interview:

Jeff Koons im Interview: "Je näher ich dem Tod komme, desto mehr werde ich Kohlenstoff feiern"

Er machte schon Luft zu Gold – und neuerdings auch Wasser. Er ist ein genialer Künstler und ein noch besserer Verkäufer. Eine Art Interview mit Jeff Koons.

Der Kellner huscht durch den Speisesaal des Hotels Royal, um die Brotstangen auf den Tellern zu platzieren. In wenigen Minuten beginnen die Feierlichkeiten zum Jubiläum von Evian, jenem Mineralwasser, das vor 200 Jahren erstmals hier, am Ufer des Genfersees in Évian-les-Bains abgefüllt wurde.

«200 Years Young» lautet das Geburtstagsmotto des Mineralwasserherstellers, der heute zum Lebensmittelkonzern Danone gehört. Sportstars aus aller Welt stehen für den jungen, gesunden Geist, der in diesem Wasser stecken soll: die französische Spitzengolferin Céline Boutier, US-Tennisstar Frances Tiafoe, seine britische Kollegin Emma Raducanu und die aktuelle Nummer zwei der Tennisweltrangliste Carlos Alcaraz haben sich für die Jubiläumskampagne von Evian fotografieren lassen. Doch wir sind hier wegen des Superstars einer anderen Disziplin: dem Künstler Jeff Koons.

Jeff Koons lässt auf sich warten. Persönliche Gründe, heisst es. Aus der Hotellobby dringt bereits das Gemurmel der Gäste, die sich zum Apéro einfinden. Schon glaubt man, das Interview würde ins gefeierte Wasser fallen, da erscheint Koons mit seinem gewohnt blendend weissen Lächeln. Samtblaues Jackett, schwarze Fliege, gestärktes Hemd. «Hi, I’m Jeff.» Sein stechender Blick und der überraschend schlaffe Händedruck halten sich die Waage.

annabelle: Jeff Koons, Ihr Name und Ihre weltberühmten «Balloon Dogs» zieren die limitierte Jubiläumsedition der Evian-Wasserflasche. Warum nehmen Sie in Ihrem Werk immer wieder Motive aus der Kindheit auf?
Jeff Koons: Als Kinder sind wir offen für alles. Wir können Blau lieben, einfach, weil es Blau ist. Und Pink, weil es Pink ist. Kinder nehmen ihre Empfindungen an und urteilen nicht. Das hat mich immer fasziniert. Alles im Leben ist da, um uns zu dienen. Es liegt nur an uns, offen dafür zu sein und keine Urteile zu fällen.

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"Ob jemand einen Stein betrachtet oder eine Skulptur von Michelangelo, spielt keine Rolle"

Aber ist das Urteilen nicht ein wesentlicher Bestandteil von Kunst?
Wenn wir urteilen, schaffen wir Hierarchien. Wir beginnen, Dinge von uns wegzustossen, anstatt von ihnen ermächtigt zu werden. Ob jemand einen Stein betrachtet oder eine Skulptur von Michelangelo, spielt keine Rolle. Entscheidend ist allein, ob wir uns dafür interessieren. Es gibt keine Hierarchie zwischen den beiden Objekten. Kunst entsteht in dem Moment, in dem man etwas als bedeutungsvoll erlebt.

Viele Ihrer Werke haben spiegelnde Oberflächen. Geht es Ihnen darum, die Betrachtenden selbst ins Zentrum zu stellen?
Kunst handelt von den Betrachtenden. Als Künstler versuche ich zu kommunizieren. Aber die Kunst liegt nicht in meiner Geste, sondern in der Person, die mit ihr interagiert. Der Wert von Kunst liegt in unserem eigenen Potenzial. Denken Sie an Vincent van Gogh.

Van Gogh?
Alle lieben van Gogh. Seine Farben, die Texturen seiner Bilder lösen Gefühle aus. Das ist das Wertvolle. Nicht der Pinselstrich oder die Technik. Es geht darum, welches Interesse wir in uns selbst entdecken – und welche Verbindung dadurch zu anderen entsteht.

Jeff Koons redet ohne Punkt und Komma. Nicht hastig, sondern samtig ruhig. Der Mann, der das Konservieren von Luft in seinen «Balloon Dogs» zur Kunstform erhob, gerät selbst nie ausser Atem. Doch ein Gespräch ist das nicht. Eher ein Mantra. Auffällig ist, dass Koons über Kunst spricht wie andere über Erlösung. Seine Sprache erinnert weniger an kunsthistorische Theorie als an Selbsthilfe-Seminare: Akzeptanz, Offenheit, Selbstermächtigung.

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"Man weiss nie ganz, ob Koons predigt oder verkauft – und ob es für ihn überhaupt einen Unterschied macht"

Alles soll den Menschen «empowern», nichts ausschliessen, nichts verletzen. Man weiss nie ganz, ob Koons predigt oder verkauft – und ob es für ihn überhaupt einen Unterschied macht. Immer wieder beschwört er die urteilsfreie Betrachtung, mit der sanften Beharrlichkeit eines Meditationslehrers. Als sollten seine Worte nicht überzeugen, sondern eindringen. Und man fragt sich, ob man einem Guru gegenübersitzt, einem Hypnotiseur – oder einfach einem aussergewöhnlich guten Verkäufer.

Tatsächlich begann Jeff Koons früh damit, Dinge zu verkaufen. Er wuchs in York, Pennsylvania, auf, wo sein Vater ein Möbelgeschäft führte und Schaufenster dekorierte. Der junge Koons lernte dort, wie man Objekte inszeniert, damit Menschen sie begehren. Später verkaufte er als Vertreter Geschenkpapier und arbeitete als Rohstoffbroker an der Wall Street, um seine Kunst zu finanzieren. Vielleicht erklärt das, weshalb in seinem Werk jene klassische Verachtung des Kommerzes fehlt, die den Kunstbetrieb prägt.

Jeff Koons hat die Mechanismen dieser Verführung nie verborgen. Er hat sie bis zur Obszönität aufgeblasen, poliert und ausgestellt. Im Innern seines Werkes ist Luft, die Oberf läche ist selbst zur Wahrheit geworden. Für Koons ist Verführung kein Verrat an der Kunst, sondern war stets Teil von ihr.

Sicher ist: Jeff Koons versteht es, Begehren zu erzeugen. Anders als viele Künstler:innen seiner Generation vermochte er der romantisierten Figur des verarmten Genies wenig abzugewinnen. Kunst und Markt erschienen ihm nicht als Gegensätze, sondern als zwei Formen derselben Choreografie: Begehren erzeugen, Vertrauen schaffen, Bedeutung herstellen. Der 71-jährige US-Amerikaner gilt heute als teuerster lebender Künstler der Welt. Für seine Werke werden zweistellige Millionensummen bezahlt – für Porzellanschwäne, Staubsauger hinter Plexiglas, Comicfiguren wie Hulk oder für seine überlebensgrossen Ballonhunde in spiegelnden Bonbonfarben. Die metergrosse Edelstahl-Skulptur «Rabbit» wurde 2019 für 91.1 Millionen Dollar versteigert.

"Der kapitalistische Traum. Und dabei wirkt der Mann auch noch ungebrochen glücklich"

Weltberühmt wurde Koons Ende der Achtzigerjahre mit der Serie «Made in Heaven». Die Fotografien und Glas- und Keramik-Skulpturen zeigen ihn beim Sex mit der ungarisch-italienischen Pornodarstellerin und Politikerin Ilona Staller, bekannt als Cicciolina, die er heiratete. Koons erklärte die Serie in Interviews als Auseinandersetzung mit der Scham und dem Versuch, das Spirituelle und Körperliche zu vereinen. Kritiker:innen sahen darin auch eine perfekt kalkulierte Provokation.

Koons lebt mit seiner Familie – er hat mit seiner ehemaligen Assistentin, der Künstlerin Justine Wheeler sechs Kinder, ausserdem einen Sohn aus der knapp einjährigen Ehe mit Staller und eine Tochter aus seiner College-Zeit – in New York, wo er auch arbeitet. In seinem Atelier beschäftigte er zu Spitzenzeiten über hundert Mitarbeitende: Maler: innen, Bildhauer:innen, technische Spezialist:innen arbeiten nach einem ausgeklügelten System. Der Herstellungsprozess seiner Werke wird dabei in kleinste Einheiten zerlegt, um jede subjektive Handschrift auszuschliessen. Kunst als perfektionierter Produktionsprozess. Der kapitalistische Traum. Und dabei wirkt der Mann auch noch ungebrochen glücklich.

Koons hat das Banale – Staubsauger, Luftballons, Porzellanfiguren und Comic-Helden – zur Hochkunst erhoben und dabei die Grenzen zwischen Kitsch und Kultur, High und Low, Luxus und Trash verwischt. Der US-amerikanische Maler und Regisseur Julian Schnabel sagte über ihn, er habe die Vorstellung davon verändert, was eine Skulptur sein könne. Lady Gaga nennt ihn einen «Helden» und liess sich von ihm das Cover ihres Albums Artpop gestalten.

Jeff Koons ist längst selbst zur Marke geworden. Die Liste seiner Kollaborationen ist lang: H&M, Louis Vuitton, Stella McCartney, Burton, Google, BMW – und nun Evian. Verkauft wird weniger ein Kunstwerk als ein Versprechen: Jugend, Leichtigkeit, kulturelles Prestige. Später an diesem Abend wird Koons in seiner Festrede die Werte preisen, die er mit Evian teilt: Vitalität, Optimismus und Lebensfreude. Als die meterlange rosarote Geburtstagstorte in den Saal gefahren wird, beobachtet man, wie zahlreiche Gäste am Zuckerguss kratzen und voller Erstaunen feststellen, dass die Torte echt ist.

Der berühmte Galerist David Zwirner, der viele Jahre eng mit Koons gearbeitet hat, attestierte dem «Ausnahmekünstler» in einem Interview mit «Das Magazin» eine «komplexe Persönlichkeitsstruktur», die man nicht unterschätzen sollte. Koons sei so wenig greifbar wie Quecksilber. «Er ist ein genialer Kommunikator und hat die Personality eines Entertainers», sagte er.

Die Begegnung mit ihm fühlt sich an wie der Blick in einen «Gazing Ball», eine dieser Spiegelkugeln, welche auf Holzstöcken steckend die Gärten des Schweizer Mittellandes und das Werk von Koons bevölkern: Da blickt einem ein verzerrtes Antlitz seiner selbst entgegen. Jede:r sieht in Koons etwas anderes – den genialen Marketingstrategen, den Revolutionär, den kunstgewordenen Manager.

"Ich möchte den Menschen von Wert sein"

Ob er sich manchmal missverstanden fühle? «Ich habe immer die Gelegenheit genutzt, zumindest den Kontext darzustellen, in dem ich meine Arbeit geschaffen habe. Und ich habe das immer gern getan. Das bedeutet nicht, dass andere Menschen es so sehen werden, weil alle ihr eigenes Verständnis, ihre eigene Erfahrung vervollständigen.»

Was irritiert, ist weniger seine Freundlichkeit als seine vollkommene Glätte. Koons wirkt nicht charmant im klassischen Sinn. Eher makellos höflich. Fast synthetisch. Als hätte jemand jede Form von Ironie, Zweifel oder Eitelkeit aus seiner Persönlichkeit herauspoliert. Doch bei aller Rätselhaftigkeit scheint eines klar: Ein Zyniker ist er nicht. Sonst wäre er ein verdammt guter Schauspieler.

«Wissen Sie», antwortet Koons auf die Frage, warum er auch mit 71 Jahren noch jeden Tag im Studio arbeitet, «ich liebe das Leben. Ich liebe Empfindungen, Gefühle. Ich liebe die Verdichtung von Informationen in Bildern und Formen. Und ich möchte den Menschen von Wert sein.»

Wie?
Die Kunst hat mein Leben verändert. Dank ihr konnte ich ein Leben führen, das sich immer grösser angefühlt hat. Aber alles kann eine solche Plattform sein – solange man lernt, sich um sich selbst zu kümmern. Dann kann man sich auch um andere kümmern.

Hat sich das im Laufe Ihres Lebens verändert? Früher provozierten Sie mit Ihrer Arbeit. Sind Sie altersmilde geworden?
Als junger Mensch macht man bestimmte Gesten aus Stimulation. Man will die chemischen Reaktionen im eigenen Körper spüren. Irgendwann möchte man aber nicht mehr nur sich selbst verwirklichen. Man möchte auch anderen helfen, zu wachsen. Ich wäre gern ein Vorbild – so wie Künstler Vorbilder für mich waren: Édouard Manet, Gustave Courbet, Marcel Duchamp oder Salvador Dalí.

Haben Sie Angst vor dem Tod, Herr Koons?
Nein. Der Tod ist Teil des Lebens. Ich hoffe, dass ich ihn umarmen kann, wenn er kommt. (Er denkt lange nach.) Je näher ich dem Tod komme, desto mehr werde ich Kohlenstoff feiern.

Kohlenstoff?
Ja. Weil wir Kohlenstoff sind. Wenn wir zerfallen, werden wir zu Kohlenstoff. Kohlenstoff ist überall im Universum.

Man sollte sich nie von Künstler:innen selbst Aufschluss über ihr Werk erhoffen – und doch ist die Begegnung mit Jeff Koons in ihrer ganzen Rätselhaftigkeit aufschlussreich. Dass ausgerechnet einer der teuersten Künstler der Welt unablässig gegen Wertungen argumentiert, gehört zu den grossen Paradoxen dieser Karriere. Denn kaum ein Werk ist stärker vom Markt abhängig als das von Koons. Seine Skulpturen existieren nicht trotz ihres Preises, sondern auch wegen ihm. Der Markt ist hier nicht bloss Vertriebssystem, sondern Teil der Bedeutung.

Vielleicht wirkt Koons heute auch deshalb so verstörend aktuell. Weil er eine Gegenwart verkörpert, in der Oberfläche längst Inhalt geworden ist, Sichtbarkeit mit Bedeutung gleichgesetzt und Optimismus selbst dort noch gehandelt wird, wo jede Gewissheit fehlt.

Seine Kunst zwingt zur Positionierung. Sie handelt nicht von Leere. Sondern von einer Realität, in der Leere längst zur Ware geworden ist. Von den Störgeräuschen dieser Welt befreit, je reiner desto besser. Grad so wie das stille Wasser von Evian.

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