Biohackerin Kayla Barnes-Lentz: "Wenn wir die Menopause hinauszögern, lässt sich die Lebensspanne von Frauen verlängern"
Unsere Ovarien als Taktgeber des Alterns: Wenn es nach Biohackerin Kayla Barnes-Lentz geht, soll weibliche Fruchtbarkeit nicht auf Reproduktion reduziert, sondern als zentraler Faktor für ein längeres, gesünderes Leben verstanden werden – deshalb hat sie das biologische Alter ihrer Eierstöcke bestimmen lassen.
- Von: Nadja Brenneisen
- Foto: iStock
In unserer kulturellen Vorstellung stehen Frauen in ihrer Blüte, wenn sie Mutter sind oder es zumindest werden könnten. Unsere Fruchtbarkeit wird mit Schönheit assoziiert, der Fähigkeit, Leben zu geben, mit Fülle und Gesundheit. In der Schweiz ist
etwa jedes fünfte bis sechste Paar von unfreiwilliger Kinderlosigkeit betroffen – möglicherweise begünstigt durch endokrine Disruptoren, Umweltbelastung und Lebensstil. Dass die eigene Fruchtbarkeit also etwas mit der Gesamtgesundheit zu tun hat, liegt auf der Hand. Verfechterinnen der sogenannten ovariellen Longevity sind sich deshalb sicher: Wer seine Fruchtbarkeit maximiert, der lebt besser und länger.
Eine dieser Verfechterinnen ist Kayla Barnes-Lentz. Sie ist das weibliche Pendant zu Bryan Johnson, der Millionen in seine Vermessung und den Kampf gegen den eigenen Tod investiert. Barnes-Lentz sprang 2017 auf den damals aufkommenden Longevity-Trend auf, hielt sich stoisch an Ernährungs-, Sport- und Treatment-Protokolle und vermass ihren Körper akribisch, um ihn maximal zu optimieren.
Zum damaligen Goldstandard der Metabolismus-Optimierung gehörte auch eine strikte Kalorienrestriktion. «Ich hielt mich exakt an dieses Protokoll, und anfangs lief alles grossartig. Doch schon nach ein paar Monaten stellte ich fest, dass die Kalorienrestriktion und die Intensität des Programms für mich als Frau nicht vorteilhaft waren», sagt Kayla Barnes-Lentz. Sie beobachtete, wie sich einige ihrer Laborwerte verschlechterten. Die Schilddrüse litt, der Zyklus wurde unbeständig.
Kayla Barnes-Lentz"Sobald eine Frau in die Menopause eintritt, steigt das Risiko der Gesamtsterblichkeit deutlich an"
So entstand die Vision, die ersten Longevity-Protokolle speziell für Frauen zu entwickeln. Die wissenschaftliche Basis war dünn, frauenspezifische Studien waren rar, und der Gender Health Gap zwang Barnes-Lentz und ihr Team, unkonventionelle Wege zu gehen. Statt auf langjährige klinische Studien zu warten, griffen sie auf anekdotische Evidenz zurück – und Barnes-Lentz selbst wurde zum lebendigen Versuchskaninchen. Je tiefer sie in die weibliche Longevity eintauchten, desto klarer rückte ein Organ ins Zentrum: das Ovar. Damit wird ein Organ, das medizinisch lange primär über Fortpflanzung definiert wurde, plötzlich zum Marker für systemisches Altern.
«Unsere Eierstöcke sind der Taktgeber unseres Alterns. Sobald eine Frau in die Menopause eintritt, steigt das Risiko der Gesamtsterblichkeit deutlich an – einschliesslich des Risikos für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alzheimer und mehr», sagt Barnes-Lentz. Das Ziel liegt für sie auf der Hand: «Wenn wir die Menopause hinauszögern können, können wir die gesunde Lebensspanne und die Langlebigkeit von Frauen verlängern.»
Schutzhormon Östrogen
Tatsächlich sind die Ovarien, also die Eierstöcke, mehr als nur Fortpflanzungsorgane. Sie wirken über Jahrzehnte im weiblichen Körper als Hormondrüsen und beeinflussen damit Prozesse im ganzen Körper. Mit dem Eintritt in die Menopause fällt nicht nur einfach die Menstruation weg, vor allem sinkt die Produktion wichtiger Hormone wie Östrogen und Progesteron. Das Abfallen dieser Hormone bedeutet oft nicht nur, dass der Schlaf schlechter oder man von Hitzewallungen geplagt wird, sondern eben auch, dass sich wichtige Schutzmechanismen im Körper verändern – oder ganz wegfallen. «Wir haben Östrogenrezeptoren im ganzen Körper, es wirkt nicht nur im Zusammenhang mit der Reproduktion. Wenn die Funktion der Eierstöcke nachlässt und die Hormonspiegel sinken, hat das massive Auswirkungen auf die körperliche und mentale Gesundheit von Frauen», so Barnes-Lentz.
Vor der Menopause haben Frauen im Durchschnitt ein geringeres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall als Männer gleichen Alters, da Östrogen über Jahrzehnte eine schützende Wirkung auf Gefässe und Stoffwechsel entfaltet. Östrogen unterstützt die Elastizität der Blutgefässe und wirkt regulierend auf Entzündungsprozesse. Sinkt der Spiegel in der Menopause, verliert der Körper einen zentralen Schutzfaktor. Gefässe werden steifer, der Blutdruck steigt häufiger, LDL nimmt zu, HDL eher ab. Auch die Fettverteilung verschiebt sich bei vielen Frauen in Richtung Bauchraum – mit metabolischen Folgen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind deshalb die häufigste Todesursache bei Frauen im höheren Alter.
Kayla Barnes-Lentz"Das Nachhinten-Schieben der Menopause ist der Longevity-Hebel schlechthin"
Im Gehirn wirkt Östrogen als neurobiologischer Schutzfaktor und macht Nervenzellen widerstandsfähiger gegen Stress. Chronische Entzündungen gelten als Treiber von Alterungsprozessen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer. Östrogen wirkt teilweise entzündungshemmend und reguliert die Immunzellen des Gehirns, was zu weniger neurodegenerativen Prozessen führt. Zudem unterstützt das Hormon die Synapsenbildung und ist deshalb auch zentral fürs Gedächtnis und Lernen, aber auch für die Plastizität unseres Gehirns. Wenn das Östrogen in der Menopause abrupt sinkt, fallen viele dieser vorteilhaften Funktionen weg.
Das Alter der Ovarien testen
Für Kayla Barnes-Lentz und immer mehr Frauen in der Longevity-Welt Grund genug, die Menopause hinauszuzögern. Für sie ist klar, dass das «Nachhinten-Schieben» der Menopause der Longevity-Hebel schlechthin ist. Zudem wird immer deutlicher, dass die Ovarien noch immer unverstanden sind: In ihnen wurden Gliazellen gefunden, die man sonst fast ausschliesslich als «Unterstützer» von Nervenzellen im Gehirn kennt. Welche Rolle sie in den Ovarien spielen, wissen wir bis heute nicht. Zudem hat man eine Verbindung mit dem sympathischen Nervensystem nachweisen können. Das ist bemerkenswert, weil es zeigt, dass die Eierstöcke keine passiven Hormonschleudern sind, sondern komplex vernetzte Organe, die neuronale und vegetative Signale empfangen und zu verarbeiten scheinen.
Kayla Barnes-Lentz hat nach eigenen Angaben im Januar 2026 ihre Ovarien auf ihr biologisches Alter testen lassen. Bislang standen der Medizin nur indirekte Marker zur Messung des Alters der Eierstöcke zur Verfügung. Das Anti-Müller-Hormon (AMH) beispielsweise oder der FSH-Spiegel. Das AMH gilt seit einigen Jahren als einer der bekanntesten Laborwerte, wenn es um die ovarielle Reserve geht. Produziert wird es von kleinen heranreifenden Follikeln in den Eierstöcken, und tatsächlich kann es eine ungefähre Vorstellung davon geben, wie viele Eizellanlagen aktuell noch aktiv sind.
Nadja Brenneisen"Der robusteste Hinweis auf den Zeitpunkt der Menopause war bislang ein anderer: Das Alter, in dem die Mutter in die Menopause gekommen ist"
Doch so verführerisch diese Zahl wirkt: Als eine Art «Menopause-Countdown» eignet sich das AMH nur bedingt. Denn der Wert schwankt stark von Frau zu Frau und ist kein direkter Marker dafür, wie schnell die Reserve tatsächlich schrumpft. Das AMH ist eher eine Bestandsaufnahme als eine verlässliche Langzeitprognose.
Der robusteste Hinweis auf den Zeitpunkt der Menopause war bislang ein anderer: die eigene Familiengeschichte. Das Alter, in dem die Mutter in die Menopause gekommen ist, gilt nach wie vor als einer der besten Prädiktoren. Denn die Geschwindigkeit, mit der Follikel verloren gehen, ist stark genetisch beeinflusst. Wer eine Mutter hat, die erst mit Anfang fünfzig in die Menopause eintrat, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, selbst in einem ähnlichen Zeitfenster zu landen – mit einigen Jahren Spielraum nach oben oder unten.
Immer mehr Unternehmen versuchen nun, das ovarielle Altern nicht mehr nur über die Hormone und Familiengeschichte, sondern über tiefere biologische Signaturen zu erfassen: über sogenannte epigenetische Marker, also Muster in der DNA-Methylierung, die anzeigen, wie stark ein Gewebe gealtert ist. Kayla Barnes-Lentz hat genau dies gemacht und Laborwerte, Hormonprofile und Entzündungsmarker mit einem neu entwickelten Biomarker kombiniert, der das ovarielle Gewebe funktionell einordnen soll. Solche Tests sind bislang jedoch noch nicht medizinisch validiert und bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Forschung und Biohacking.
Die Eierstöcke biologisch verjüngen
Barnes-Lentz selbst berichtete, dass ihr Test ein Resultat von «minus fünf Jahren» ergab – ihre Eierstöcke seien biologisch also rund fünf Jahre jünger als ihr chronologisches Alter. Für sie ist das ein bedeutender Befund, nicht zuletzt, weil er in ein Narrativ passt, das sie seit Jahren prägt: dass das ovarielle Altern nicht zwangsläufig im Gleichschritt mit dem restlichen Körper verlaufen muss. Die Vorstellung, einzelne Organe biologisch vom Rest des Körpers abzukoppeln, ist eine der radikaleren Ideen der Longevity-Bewegung.
Nadja Brenneisen"Bis eine wissenschaftlich belastbare Strategie zur Verzögerung der Menopause existiert, bleibt es bei Grundlagen wie Lebensstil und Stressreduktion"
Barnes-Lentz möchte ovarielle Gesundheit messbar machen, verfolgen und – im Sinne des Biohackings – optimieren. Sie selbst tut dies, indem sie sich strikt an die Protokolle hält, die sie allesamt online teilt. Gesunde Ernährung, ausreichend Protein, optimierter Schlaf, aber auch Supplemente und Longevity-Behandlungen wie hyperbare Sauerstofftherapie spielen dabei eine Rolle. «Für mich steht ovarielle Gesundheit an oberster Stelle meines Longevity-Protokolls. Wir alle haben individuelle Risiken – manche eher kardiovaskulär, andere metabolisch. Doch bei Frauen ist meiner Meinung nach die Gesundheit und Langlebigkeit der Eierstöcke ein zentraler Faktor, unabhängig davon, ob man Kinder möchte oder nicht», sagt Barnes-Lentz.
Doch welcher Hebel den Unterschied macht, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Gesichert ist, dass Rauchen den Ovarien schadet, genauso wie Stress. Und dass eine gesunde Ernährung zur Gesamtgesundheit beiträgt. Bis eine wissenschaftlich belastbare Strategie zur Verzögerung der Menopause existiert, bleibt es bei Grundlagen wie Lebensstil und Stressreduktion.
Die neue Perspektive auf die Eierstöcke ist trotzdem bahnbrechend. Die Ovarien altern wie alle anderen Organe im Körper auch – nach denselben Mechanismen: Telomerverkürzung, mitochondriale Dysfunktion, zelluläre Seneszenz, Erschöpfung der Stammzellen. Nur altern sie eben viel, viel schneller. Das macht die Eierstöcke zu einem Fenster in die Mechanik des Alterns selbst. Wer versteht, warum und wie sie altern, versteht womöglich auch, wie systemische Alterungsprozesse ineinandergreifen. Longevity-Denken lebt von Vergleichen mit Spezies, die anders altern als wir. Der Blick in die Natur relativiert dabei die vermeintliche Unvermeidbarkeit des menschlichen Zeitplans. Beim Grönlandwal etwa – einem der langlebigsten Säugetiere überhaupt – ovulieren Weibchen noch weit über ihren 100. Geburtstag hinaus. Ihre Eierstöcke verlieren ihre Funktion nicht abrupt in der Lebensmitte, sondern scheinen in ein insgesamt langsameres biologisches Altern eingebettet zu sein. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Ist die frühe Erschöpfung der weiblichen Fruchtbarkeit ein Naturgesetz – oder lediglich eine Besonderheit des Menschen?
Vielleicht liegt die Zukunft der Longevity-Forschung also nicht in der Verschiebung der Menopause um jeden Preis. Sondern im tieferen Verständnis eines Organs, das die Medizin lange fast ausschliesslich durch die Brille der Reproduktion betrachtet hat. Die Ovarien könnten sich als mehr als blosse Fortpflanzungsorgane erweisen – nämlich als Taktgeber, Messinstrument und möglicherweise Schlüssel zum Verständnis weiblicher Gesundheit im Alter.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Sanitas Health Forecast 2026.
Sanitas Health Forecast. Gewappnet für die Zukunft: Die Gesundheit der Zukunft – Edition 2026. Lachen: Wörterseh Verlag, 2026.
Frag mich, wie konnten die Frauen all die anderen Jahrzehnte sich damit abfinden und leben? Meine Frau schüttelt bei dem Beitrag selbst auch nur den Kopf und denkt sich- warum akzeptiert man nicht einfach das altern und die damit einhergehenden Veränderungen?
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