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Künstliche Befruchtung: Drei Fehlversuche – und die Frage, ob wir es noch einmal wagen

Künstliche Befruchtung: Drei Fehlversuche – und die Frage, ob wir es noch einmal wagen

Drei eingefrorene Embryonen, drei gescheiterte Versuche – und trotzdem ist der Kinderwunsch nicht ganz verschwunden. Eine persönliche Geschichte über künstliche Befruchtung, neue Gelassenheit und die schwierige Frage, ob man noch einmal anfangen soll.

Als wir vor etwa sechs Jahren begriffen haben, dass unsere Familienplanung komplizierter werden könnte, wurde öffentlich noch kaum über künstliche Befruchtung gesprochen. Ich fand einige Online-Foren, ein paar anonyme Instagram-Profile, vereinzelt Interviews mit Fachpersonen. Heute erzählen viele Paare ganz offen von dem, was sie mit der Fortpflanzungsmedizin erlebt haben – und auch ich habe in den vergangenen Jahren viel darüber geschrieben, wie sich diese Jahre der Unsicherheit für mich und meinen Freund angefühlt haben.

Wir landeten am Schluss bei einem der aufwendigsten (und teuersten) Verfahren. Intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz ICSI. Jenes Verfahren, für das möglichst viele Eizellen benötigt werden, die dann gezielt im Labor befruchtet werden. Im Sommer 2021 begann ich mit der Hormonstimulation. Der erste Versuch scheiterte. Ein halbes Jahr später wagten wir einen zweiten.

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"Es gibt wohl kaum ein Thema, bei dem meine Pläne so oft und so gründlich gescheitert sind wie beim Kinderwunsch"

Inzwischen ist unser Sohn bald vier Jahre alt – und im Alltag denken wir kaum über seine Entstehungsgeschichte nach. Wobei. So ganz stimmt das nicht. Vermutlich wäre bei uns alles ganz anders, wenn unser Sohn auf natürlichem Weg entstanden wäre.

Drei Embryonen, drei Versuche

Kurz vor seinem zweiten Geburtstag haben wir versucht, einen weiteren Embryo aufzutauen. Aus dem ICSI-Verfahren, aus dem er entstanden ist, haben sich noch weitere Eizellen befruchten und drei davon einfrieren lassen.

Wir hatten also ganz klassische Pläne: zweieinhalb Jahre Altersunterschied – und dann wollten wir es gut sein lassen. Jetzt, wo ich das schreibe, muss ich fast lachen. Es gibt wohl kaum ein Thema, bei dem meine Pläne so oft und so gründlich gescheitert sind wie beim Kinderwunsch. Wir hatten drei Embryonen, drei Versuche. Jeder ging schief.

Das war ziemlich unerwartet. Schliesslich haben Blastozysten (also befruchtete Eizellen, die sich im Labor fünf Tage lang weiterentwickeln) eine etwa fünfzigprozentige Chance, zu einem lebendigen Baby zu werden. Und Frauen, die wie ich schon einmal erfolgreich schwanger geworden sind, haben besonders gute Chancen, dass es noch einmal klappt. Dazu kam, dass ich noch relativ weit von der 40 entfernt war, dem Alter, ab dem es wirklich schwierig wird. Aber all diese Zahlen sind am Schluss nur Statistik – und man lernt im Kinderwunsch schnell, dass man nicht immer auf der Seite steht, die man sich gewünscht hat. Und dieses Mal hatten wir einfach Pech.

Das Faszinierende war nur, dass sich dieses Pech plötzlich ganz anders anfühlte. Vor meiner ersten Schwangerschaft war der Wunsch nach einem Kind so gross gewesen, dass mich jede Enttäuschung völlig aus der Bahn warf. Ich erinnere mich an dramatische Telefonate, an Tage, an denen ich zu verzweifelt war, um das Haus zu verlassen.

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"Ein Teil von mir war erleichtert über die Fehlversuche"

Jetzt, wo wir schon ein Kind hatten, fühlten sich die Fehlversuche zwar auch wie Rückschläge an – aber wenn ich ganz ehrlich bin, gab es auch immer einen Teil in mir, der erleichtert war.

Nach dem dritten Fehlversuch entschied ich dann, dass ich genug hatte. Genug von den ständigen Arztterminen und Operationen, genug vom Leben in einer Parallelwelt – wer so gezielt versucht, ein Kind zu bekommen, weiss stets, was der mögliche Geburtstermin sein könnte. Wurde mir also ein spannendes berufliches Projekt angeboten, wanderte meine Gedanken direkt zu der Schwangerschaftswoche, in der ich dann hypothetisch wäre. Währenddessen stand mein sehr reales, grossartiges Kind neben mir und wartete darauf, dass ich mein Telefon weglegen und mit ihm spielen würde.

Ich entschied also, «die IVF-Sache» abzuschliessen und mich auf das zu konzentrieren, was ich hatte. Das fühlte sich gut an. Gleichzeitig weiss ich, wie oft ich in diesen Wochen und Monaten diesen einen Satz sagte: «Wenn es natürlich klappen würde, würden wir uns unglaublich freuen.» Obwohl ich wusste, dass wir ähnlich gute Chancen hatten wie der berühmte Sechser im Lotto.

Ein Familienleben, das sich schnell verändert

Kaum war ich an diesem Punkt angelangt, erlebte ich etwas, das für mich inzwischen eine der zentralen Erfahrungen der Kinderwunschreise ist: ständige Veränderung. Mein Sohn wurde älter, selbstständiger – und eine Freundin erzählte mir, wie sehr sie darüber trauert, kein zweites Kind bekommen zu haben. Sie ist ein paar Jahre älter als ich, und gerade in den Wochen, in denen wir miteinander telefonierten, wurde diese Tatsache endgültig. Für sie war es zu spät. «Ich hasse jedes Projekt, wegen dessen ich kein zweites Kind bekommen habe», sagte sie mir – und erzählte davon, dass ihre Tochter nun zur Schule gehe und sie weniger brauche. Das Familienleben, auf das sie sich so gefreut habe, sei gefühlt ganz schnell vorbei gewesen.

"Zum Glück hat die Kinderwunsch-Industrie eine sehr lukrative Antwort auf Unsicherheit: einfrieren"

Ich schaute auf meine aktuellen Projekte bei der Arbeit, die mir allesamt viel bedeuten, und stellte mir die Frage, ob das wert wären. Plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher.

Zum Glück hat die Kinderwunsch-Industrie eine sehr lukrative Antwort auf Unsicherheit: einfrieren. Ganz ähnlich wie eine junge Frau, die sich auf ihre Karriere konzentrieren möchte und deshalb Eizellen im Social Freezing sichert, entschieden mein Freund und ich uns, nochmals Embryonen bei minus 196 Grad einzufrieren. Für den Fall, dass wir es uns irgendwann noch anders überlegen.

Das ist jetzt ein Jahr her. Ich bin inzwischen 38 Jahre alt – und mit meinem Leben recht zufrieden. Wenn wir Familien mit zwei oder mehr Kindern besuchen, sagen mein Freund und ich einander danach manchmal, dass wir gar nicht so neidisch sind. Der Lärm! Hast du gesehen, wie gereizt die sind? Hilfe.

Es ist schön, sich ganz auf unser Kind und seine Bedürfnisse konzentrieren zu können – und es ist ehrlich gesagt auch immer noch ganz schön intensiv mit ihm. Und trotzdem gibt es da diese Momente, in denen wir plötzlich ernst werden.

Zwischen Dringlichkeit und Gelassenheit

Erst kürzlich wurde es bei einem Spaziergang wieder sehr konkret. Wir fingen sogar an zu rechnen: Sollten wir es im August noch einmal probieren? Oder erst im Dezember? Und dann sagte mein Freund: «Wir würden doch heute nie mehr auf die Idee kommen, erneut eine künstliche Befruchtung zu beginnen.» Ich schaute ihn an und war verblüfft. Denn das fühlt sich neu an. Diese Dringlichkeit, die es braucht, um all diese Hormonbehandlungen über sich ergehen zu lassen (und noch mal viele tausend Franken in die Hand zu nehmen), die ist weg. Wir sind älter geworden und spüren immer mehr: Es ist okay, so wie es ist.

"Was passiert, wenn auch unsere letzten Versuche schiefgehen?"

Trotzdem frage ich mich: Wird sich auch dieses Gefühl wieder wandeln? Und was passiert, wenn auch unsere letzten Versuche schiefgehen? Fallen wir dann in ein Loch – oder können wir endlich abschliessen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur eins: Wir spielen immer noch Lotto.

Dieser Text ist erstmals im Tagesspiegel erschienen

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