"Holen Sie ihm halt einfach einen runter": Sexismus in der Paartherapie
In einer Welt, in der die Grenzen und Bedürfnisse von Frauen systematisch übergangen werden, ist die Paartherapie nicht immer ein Safe Space. Zwei Paartherapeutinnen berichten, wie patriarchale Rollenbilder auch in der Therapie fortbestehen.
- Von: Friederike Trudzinski
- Bild: Unsplash
Johanna Fröhlich Zapata kennt sie alle: Die Geschichte der erschöpften Ehefrau, der nahegelegt wird, sich einfach mal zum Sex zu zwingen – die Lust käme schliesslich beim Essen. Die der jungen Mutter, der eingeredet wird, mit der 50:50-Aufteilung der Care-Arbeit schade sie ihrem Baby. Oder die der Frau, die sich aufreibt zwischen Beruf, Kindern, Wäsche und Kochen, und der dann geraten wird, ihren Mann einfach ein bisschen besser «durch den Haushalt zu schleusen».
Fröhlich Zapata ist Paartherapeutin mit feministischem Ansatz. Und manchmal kann sie es selbst kaum glauben, dass Therapeut:innen auch heute noch raten, «sich zu lustlosen Handjobs zu überwinden, wenn Mental Load die eigene Libido erstickt hat».
Sie berichtet von Frauen, die verstört von der herkömmlichen Paartherapie bei ihr landen. Von Frauen, die erleben, dass die Paartherapie kein Safe Space ist. Statt die Beziehungsdynamik ernst zu nehmen, wurde ihnen eingeredet, sie selbst seien das Problem.
Durchströmt von patriarchalem Denken
Natürlich sei es die Intention der Therapeut:innen, ihren Patient:innen zu helfen, so Fröhlich Zapata. «Aber sie sind eben auch durchströmt von patriarchalem Denken.» Anders gesagt: Wir alle sind mit Rollen- und Beziehungsmustern aufgewachsen, die wir unbewusst verinnerlicht haben. Das gelte auch für Therapeut:innen. Aber bei ihnen hat es besonders gravierende Folgen.
Schliesslich, sagt Johanna Fröhlich Zapata, zeigen Menschen sich in der Therapie besonders verwundbar und beeinflussbar. Die Autorität der Therapieperson werde selten hinterfragt. Gerade Frauen, die bereits als Kind lernen, «lieb, brav, interessiert, aber nicht zu laut, nicht zu kritisch» zu sein, seien hier besonders anfällig.
In ihrer Praxis habe sie immer wieder mit Patientinnen zu tun, denen in vorangegangenen Therapien Überzeugungen und Ängste eingeredet worden seien, die sie vorher nicht hatten.
Auch die Paar- und Sexualtherapeutin Julia Henchen hat sich mit dem Thema Sexismus in der Therapie beschäftigt. In ihrem neuen Buch «Lust Macht Begehren» beschreibt sie, wie das Patriarchat unsere Beziehungen und unser Begehren prägt.
"Die Erzählung ist: Der Mann hat Bedürfnisse und mit der Frau, die sie nicht erfüllen will, stimmt was nicht"
Auf ihrem Instagram-Account reflektiert sie die falschen Vorstellungen ihrer eigenen Disziplin: etwa, dass Männer Sex brauchen. Und Frauen ihn geben oder – frech – verweigern können. Die Erzählung ist also: Der Mann hat Bedürfnisse und mit der Frau, die sie nicht erfüllen will, stimmt was nicht.
Henchens Analyse: «Wenn Therapeut:innen patriarchale Machtverhältnisse nicht erkennen und sie wie Beziehungskonflikte behandeln, ohne die gesellschaftlichen Strukturen mitzudenken, in denen sie überhaupt entstehen, dann wird aus struktureller Ungleichheit plötzlich ein individuelles Problem. Mental Load wird zum Perfektionismus. Care-Arbeit zum Mutterinstinkt und ungleich verteilte Verantwortung zu einem Kommunikationsproblem.»
Viele Konflikte sind Systemkonflikte
Dabei sind viele Konflikte eben genau das: Systemkonflikte. Ungerecht verteilte Arbeit, der Gender Pay Gap und die daraus entstehenden Machtdynamiken sind Folge patriarchaler Strukturen.
Auch in Fröhlich Zapatas Beratung wird deshalb ganz konkret über Hausarbeit gesprochen, statt das hartnäckige Streitthema zu psychologisieren. Nicht: «Wie fühlen Sie sich, wenn Ihr Mann den Abwasch vergessen hat?», sondern physische Listen, in denen die Belastung alltäglicher Aufgaben sichtbar gemacht – und verteilt wird. «Ich sehe das ja immer wieder, dass da eine völlig ausgebrannte Frau vor mir sitzt und ein Mann, der sagt: Ich weiss gar nicht, was das Problem ist.»
Klar, es ist wichtig, dass unbezahlte Arbeit gesehen und besser verteilt wird, aber besteht beim feministischen Ansatz nicht auch die Gefahr, dass das Pendel in die andere Richtung schwingt? Dass die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Männer übergangen werden? Vielleicht noch garniert mit dem Pauschalvorwurf egoistischer Nutzniesser eines ungerechten Systems zu sein?
"Wenn Macht, Ressourcen und Verantwortung ungleich verteilt sind, bringt es nichts, so zu tun, als wären das einfach zwei gleichwertige Perspektiven"
Neutral sei sie tatsächlich nicht, gibt Julia Henchen zu. «Warum? Weil ich Neutralität nicht automatisch für professionell halte. Wenn Macht, Ressourcen und Verantwortung ungleich verteilt sind, bringt es halt nichts, so zu tun, als wären das einfach zwei gleichwertige Perspektiven.»
Das bedeutet auch, dass die Lösung eines Konflikts nicht immer im Kompromiss liegt. «Wenn die Ausgangslage schon ungleich ist, kann ‹Trefft euch doch irgendwo dazwischen› einfach bedeuten: Die Person, die bisher mehr getragen hat, trägt jetzt ein bisschen weniger.»
Keine Männerhasserin
Trotzdem ist sie überzeugt, dass auch Männer gewinnen können. «Ich interessiere mich genauso dafür, wo Männer unter klassischen Männerrollen leiden: funktionieren müssen, wenig Zugang zu Verletzlichkeit haben, Nähe fast nur über Sex herstellen dürfen oder das Gefühl haben, immer ‹stark› sein zu müssen.»
Den Vorwurf, eine Männerhasserin zu sein, weist sie entschieden von sich: «Ich habe wahrscheinlich mit mehr Männern über ihre Verletzlichkeit, ihre Ängste, ihre Scham und ihre Beziehungen gesprochen, als die meisten Männer es jemals tun werden.»
Das bedeute aber nicht, jedes Verhalten zu entschuldigen. Sie ernst zu nehmen, bedeute eben auch, ihnen ihre Verantwortung klarzumachen. «Die Männer, die bei mir in der Therapie sitzen, sind mir wichtig. Nicht, obwohl ich feministisch arbeite, sondern weil ich es tue.»
Fröhlich Zapata hebt einen Aspekt hervor, den man leicht vergisst, wenn man Männer und Frauen als Gegenspieler:innen betrachtet: die Tatsache, dass Menschen beider Geschlechter vom Patriarchat geprägt wurden.
Das Gewächshaus des Patriarchats
«Wir haben ja von früh auf gelernt, uns als Mädchen, als Frau, als Junge oder Mann zu verhalten. Wir sind sozusagen im Gewächshaus des Patriarchats gross geworden. Immer wieder wurden wir in unserer Identität, unserer Wahrnehmung und unserem Verhalten gestutzt, um besser in die Geschlechtererwartungen hineinzupassen. Da kommen wir gar nicht raus. Mich beschäftigt denn auch nicht die Frage, ob ein Konflikt strukturell oder individuell ist, sondern wie das Individuelle vom Strukturellen gerahmt ist, ohne dass wir es merken.»
Vieles werde in diesem Kontext erst verständlich und lösbar. Zumal patriarchale Prägung auch Männer in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit einhegt. In der Therapie würden sie oft erst ihr Verhältnis zum eigenen Vater reflektieren und versäumte Momente mit dem eigenen Nachwuchs betrauern. «An diesem Punkt kann das Paar wieder zusammenfinden. Nicht der Partner oder die Partnerin ist der Gegner – sondern das Patriarchat.»
hallo zusammen
dieser artikel hat bei mir wieder offene wunden aufgetan.
ich lebte in eine toxischen beziehung (verheiratet, gewollt ohne kinder). mein mann und ich besuchten 12 jahre lang eine paartherapeutin, nicht wegen sexueller probleme, sondernn weil er mich je länger je mehr kritisierte, nichts mehr konnte ich ihm recht machen, es ging soweit, dass er mich anschrie, ich begreife nichts, ich werde nie auch nur etwas begreifen. er behauptete ich sei psychisch krank und müsse sofort eine einzeltherapie machen, ja, ich müsse in eine klinik! ich hätte adhs, ich höre nicht mehr gut, ich spreche zu laut. telefonier nicht so lange mit deiner freundin. sag das nicht, sag jenes nicht. häng jetzt endlich auf. wenn ich mich gegen die erniedrigungen, anschuldigungen und beleidigungen verbal wehrte, gabs immer lauten krach. ich sagte, er solle doch in einen andern raum gehen, das haus sei gross genug (villa mit acht zimmern). er blieb hartnäckig in meiner nähe und fuhr fort mit seinen tiraden und giftpfeilen gegen mich. wir verloren ein jahrzehntelang befreundetes paar, sie hielten es nicht mehr aus. bei einer einladung beendete die gastgeberin den abend vorzeitig, es war ihr auch zu viel. bemi kochen kritisierte er mich vor allen gässten und hörte nicht auf, bis ein gast ihn zurechtwies mit den worten: es reicht jetzt. usw. usf. es war die hölle. zur entlastung der therapeutin (chefärztin einer psychiatrischen klinik, eigene psychiatrisch/psychologische praxis und dozentin für student:innen an der uni): einmal sagte sie zu meinem mann: jetzt hören sie ihrer frau mal zu, sie hat ihnen vorhin auch eine halbe stunde zugehört. oder: herr x, jetzt kommen sie nicht immer mit diesem alten zeug, das hatten wir besprochen. anstatt dass sie ihm eine einzeltherapie vorschlug oder verschrieb, damit er seine aggressionen in den griff bekommen würde, verschrieb sie mir starke psychopharmaka. innert eines jahres legte ich 22 kg an gewicht zu! vorher wog ich 50 kg und war gesund. nachher betrug mein gewicht 72 kg! ich musste alle kleider neu kaufen von 36 auf grösse 42. die alten hatte ich an freundinnen verschenkt oder im flohmarkt und secondhand verkauft. ich sah aus wie ein aufgeblasener frosch. eines tages wurde es mir zuviel und ich setzte die medikamente abrupt ab, ohne jemandem etwas zu sagen. keiner merkte eine veränderung, ich auch nicht. als ich die ärztin dann später informierte, meinte sie knapp: na ja, wenn sie die medis nicht mehr brauchen, dann setzen sie sie eben ab. auch mit medis empfand ich die verbalen attacken meines mannes als sehr schlimm. wäre ich psychisch nicht so stark gewesen, wäre ich tatsächlich in einer psychi gelandet und wer weiss, wann ich wieder rausgekommen wäre und wie und in welche situation.
ich informierte freunde und verwandte, dass ich ausziehen würde und auch die paartherapeutin. es kam viel anerkennende empathie rüber. sie meldete sich nicht.
als mein mann vor meinem auszug erkrankte, informierte ich sie auch darüber, wieder keine reaktion. immerhin waren wir 12 ! jahre bei ihr in paartherapie. und so eine person ist befugt, jungen studenten beizubringen, wie sie therapiesitzungen zu gestalten haben!
vor drei jahren hatte der albtraum ein ende, ich zog aus. seither geht es mir gott sei dank sehr gut. ich bin glücklich und dankbar und unternehme viel, reisen, kultur, sport und habe ein gutes und grosses soziales netz mit lieben und interessanten freund:innen.
was ich durchgemacht habe wünsche ich nicht mal meinem übelsten feind.
ich danke für ihre aufmerksamkeit.
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Danke dafür, dass hier diese Strukturen offen angesporchen werden. Ich kann dem nur zustimmen. Gilt nicht nur für die Paar- sondern auch für die Familientherapie.
Wie häufig habe ich Sätze gehört die «ihrem Mann geht es schlecht. Was tun Sie?» Und als ich davon die Nase voll hatte und meine Sichtweise auf die gleiche Situation schilderte. «Ja, so kann man das auch sehen. Aber egal (sic!). Was tun Sie?»
Oder nach der Trennung: «Die Schulferien hälftig aufteilen? Soviel Urlaub habe ich nicht.» Ja nee, ernsthaft. Ich auch nicht! Und vor allem nicht für mehr als die Hälfte der Ferien. Wie wäre es denn einfach, du würdest in 50% der Fälle die Verantwortung für gelangweilte Kinder übernehmen. Auch aus dem Homeoffice!
Und nun frage ich mich: fordere ich diese Hälfte jedesmal ein. Oder spare ich mir die Energie. Die Kinder sind jetzt so groß: organisiere ich es doch einfach mit denen.
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