Calisthenics: Warum immer mehr Frauen diesen Kraftsport ausprobieren
Athletische Übungen wie Handstand oder die Human Flag: Das Workout Calisthenics boomt – auch bei Frauen.
- Von: Leandra Nef
Zürich-Altstetten. Eine sanierungsbedürftige Lagerhalle, die man über eine Laderampe durch ein Garagentor betritt. Darin als Zwischennutzung: ein Boy’s Gym. Mit schwarzem Gummigranulatboden, auf dem die Schweisstropfen glitzern, die an den muskelbepackten Boys herunterrinnen. Und vor jedem Boy ein Stativ mit Handy.
Es hat mich Überwindung gekostet, hierherzukommen. Schliesslich ist das hier kein hübsch eingerichtetes Reformer-Pilates-Studio, auch kein herkömmliches Gym. Hier wird Calisthenics praktiziert. Auf dem Boden, an der Wand, an Klimmzugstangen. Wie hier im «Uego’s» (das Gym hat seinen Standort inzwischen an den Zürichberg verlegt) hat in den letzten Jahren so manch ein Calisthenics-Treff eröffnet; der Kraftsport gewinnt an Popularität.
"Heute steht Calisthenics für ein Training, das primär auf Eigengewichtsübungen setzt"
Dabei geht die Kalisthenie begrifflich auf die alten Griechen zurück. Abgeleitet von den altgriechischen Wörtern kállos für Schönheit und sthénos für Kraft, stand Kalosthenos bei den Spartanern als Sammelbegriff für verschiedene Sportarten. Heute steht Calisthenics für ein Training, das primär auf Eigengewichtsübungen setzt. Und ist nicht wie in der Antike vornehmlich der Noblesse vorbehalten, sondern gilt, eben weil man dafür ausser ein paar Stangen keine Hilfsmittel benötigt, auch als «Poor Man’s Sport».
Zwischen Schweiss und Selbstüberwindung
Alessio Del Pilato, Sportlehrer an einer Sekundar- sowie einer Berufsschule mit einem Master in Sportwissenschaft, hat sich im «Uego’s» mit dem Kin Calisthenics Club eingemietet, den er mit zwei Freunden gegründet hat. Besonders freut ihn, dass immer mehr Frauen ins Training kommen: «Wir versuchen bewusst, etwa mittels entsprechender Image-Videos, die Hemmschwelle für Frauen zu senken und diesen noch immer sehr männlich dominierten Sport – Dudes trainieren oben ohne im Park eines sozialen Brennpunkts – auch bei ihnen bekannter zu machen.»
Und tatsächlich: Nach und nach schwingen sich Frauen über die Laderampe. Zur Kerngruppe von Kin gehört etwa Kira Meier, studierte Gesundheitsmanagerin, ausgebildete Fitness- und Mobilitätstrainerin. Sie beobachtete einen Calisthenics-Coach dabei, wie er «ziemlich fancy Dinge übte» und wollte dasselbe können.
Auch ich habe diese Lagerhalle überhaupt erst betreten, weil ich am Bondi Beach in Australien einer Frau dabei zugesehen habe, wie sie die Human Flag übte – die menschliche Flagge, bei der der Körper an einer vertikalen Stange parallel zum Boden gehalten wird. Ziemlicher Flex. Die Vorstellung, eines Tages ähnlich Artistisches mit meinem Körper anstellen zu können, reizte mich.
"Warum entdecken immer mehr Frauen dieses Training für sich?"
Schluss mit dem Boy’s Club
Warum entdecken immer mehr Frauen dieses Training für sich? «Weil die Gesellschaft Frauen immer mehr zutraut. Weil Frauen so mutiger werden. Und verstehen: Wir können das auch. Wir sind stark», sagt Meier. Was nicht bedeute, dass es einfach wäre, die Calisthenics-Skills zu lernen. «Gerade der Front Lever» – bei dem der Körper an Ringen hängend horizontal in der Luft gehalten wird – fordere Frauen heraus: «Weil unser Schwerpunkt wegen unserer Proportionen anders liegt.»
Ausserdem arbeiten bei Eigengewichtsübungen vor allem die Arme, die Brust und der Oberkörper, Körperteile, die Frauen in der Tendenz seltener trainieren als ihre Beine oder das Gesäss, das beim Calisthenics weniger beansprucht wird – ja, gar ein Handicap sein kann: «Je grösser der Booty, desto schwieriger, in den Front Lever zu kommen», so Meier. Ausserdem verfügen Frauen im Schnitt über weniger Muskelfasern als Männer.
Anderes falle ihnen dagegen leichter, beruhigt Meier. Mit gestreckten Beinen in den Handstand zu kommen etwa: «Weil Frauen in Hüfte und Schultern oft mobiler sind.» Wie Martina, die wie ein zusammengefaltetes Klappmesser die Hände vor die Füsse platziert, bevor sie ihre Beine elegant in die Luft hebt, während ich selbst mit angewinkelten Beinen und viel Schwung scheitere, meine Gliedmassen an die Wand zu manövrieren.
Grundsätzlich gilt laut Meier: «Frauen schaffen jede Übung. Manchmal müssen sie etwas mehr Effort reinstecken.» Effort bedeutet auch: Essen. Den leiste ich gern. Seit ich intensiv trainiere, putze ich plötzlich alle meine Teller leer, meine Freund:innen erkennen mich kaum wieder. «Viele Frauen essen zu wenig. Nicht, weil sie Diät halten. Sondern weil sie schlicht nicht mehr Hunger haben.» Rund 500 Kalorien fehlten manchen von ihnen täglich, also eine ganze Mahlzeit. «Das Energiedefizit führt dazu, dass sie keine Power haben, keine Muskeln zulegen, keinen Fortschritt machen.»
Gegen die Schwerkraft und die Klischees
Auch wenn nach einer Handstand-Session kein von Schweiss durchtränkter Sport-BH am Brustkorb klebt: Die umgekehrte Vertikale gehört wie so manche Calisthenics-Übung zu den Isometric Holds, Positionen, die für längere Zeit statisch gehalten werden und den Körper stark ermüden.
Frauen hätten oft Angst davor, «bulky», massig zu werden, weiss Personaltrainerin Meier. «Sie wollen keine breiten Schultern, keinen breiten Rücken. Aber allein vom Handstandüben wird niemand breit.» Dafür sei Krafttraining nötig. Das, wenn man es nicht übertreibe, natürlich wichtig sei, nicht nur, um die Positionen halten zu können: Muskeln schützen Gelenke.
Kira Meier, Fitness- und Mobilitätstrainerin" Bei Calisthenics geht es vor allem um Body Awareness, ein positives Körpergefühl"
Ist Calisthenics also auch Körperkult? «In herkömmlichen Gyms liegt der Fokus viel eher darauf, gut auszusehen. Im Calisthenics wirkt das vielleicht auch so, weil sich viele beim Training filmen.» Die Stative. Meier etwa filmt sich bei fast jeder Übung, um ihre Form zu analysieren und zu korrigieren. «Aber eigentlich geht es bei Calisthenics vor allem um Body Awareness, ein positives Körpergefühl.»
Natürlich verwenden viele Athlet:innen ihre Videos auch dazu, auf Social Media Tipps zu teilen. Kira Meier etwa postet Wissenswertes zum Mobilitätstraining sowie ihre Fortschritte beim Handstand, um andere zu motivieren. Sie überlegt. «Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum immer mehr Frauen mit Calisthenics anfangen: Je mehr Frauen ‹You can do it› posten, desto mehr Frauen glauben an sich. Und erleben dann in den Classes: Das ist ein Sport, bei dem sich alle, Frauen wie Männer, gegenseitig ermutigen, motivieren, pushen. Eine Gemeinschaft, in der man sich wohlfühlt.» Der Name der Gruppe – Kin, das englische Wort für Sippe – kommt nicht von ungefähr.
So ist es denn auch die bewegliche Martina, die mir erklärt, wann genau ich beim Hochkicken in den Handstand meine Bauchmuskeln anspannen muss, damit es quasi von allein geht. Während Anouscha mich anspornt. Und ich tatsächlich zum allerersten Mal in den Handstand komme.
Vielleicht ist dieses Boy’s Gym mit dem glitzernden Gummigranulatboden eben doch auch: very much a Girl’s Gym.