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Modelagentur-Inhaberinnen Ronja Furrer und Jenny Bachmann:

Modelagentur-Inhaberinnen Ronja Furrer und Jenny Bachmann: "Wir sind wie grosse Schwestern für unsere Models"

Die Schweizer Models und Unternehmerinnen Ronja Furrer und Jenny Bachmann casten neue Gesichter für ihre Agentur The Kinship. Ein Gespräch über Alterslimiten, Ausbildung, besorgte Angehörige – und die Karriere von Amanda, die seit dem ersten Casting der beiden modelt.

annabelle: Zwei Jahre nach Ihrem ersten Model-Casting veranstalten Sie ein zweites. Wer fehlt noch in Ihrer Kartei?
Furrer: High-Fashion-Models.
Bachmann: Und eine reifere Frau, 45 plus.

Bezüglich High-Fashion-Models: Die müssen mindestens 1.78 m gross sein, richtig?
Furrer: Ja, das ist eine gute Grösse für die Laufstege. Es gibt auch kleinere, Anna Ewers etwa, die ist 1.75 m. Aber dann muss wirklich alles andere zu einhundert Prozent stimmen. Grösser als 1.86 m sollte man übrigens auch nicht sein.

Gibt es auch beim Alter eine Obergrenze?
Bachmann: In letzter Zeit hören wir eher, dass den Brands die Models zu jung sind, zu jung aussehen. Sie suchen vermehrt nach Frauen, die aussehen, als hätten sie Lebenserfahrung.
Furrer: Auch bei den Chanel-Schauen laufen jetzt Frauen in ihren Fünfzigern und Sechzigern. Deine Karriere ist nicht wie früher mit 30 beendet. Ich bin 34. Meine Kund:innen verändern sich, aber ein Alterslimit spüre ich keines.

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"Es ist schön, dass unsere Models nicht demselben Druck ausgesetzt sind wie ich damals, als ich mit vierzehn begonnen habe"

Ronja Furrer

Inwiefern verändern sich Ihre Kund:innen?
Furrer: Ich mache jetzt Werbung für Anti-Aging-Crèmes. Wobei: Meine erste Anti-Aging-Kampagne für La Mer habe ich mit Mitte zwanzig geshootet. (lacht) Es ist schön, dass unsere Models nicht demselben Druck ausgesetzt sind wie ich damals, als ich mit vierzehn begonnen habe. Da hiess es: Entweder du machst jetzt Karriere oder du hast deinen Moment verpasst. Ich musste mich entscheiden: Beginne ich eine Lehre oder nicht?

Und?
Furrer: Ich habe keine gemacht. Jenny hat studiert.
Bachmann: Ich habe einen BWL-Master. Zwischen Gymi und Studium habe ich ein Jahr in Paris gearbeitet, danach ging ich studieren und habe noch einige Jahre nebenbei gemodelt.

Und doch suchen Sie Models ab 15? Das ist wahnsinnig jung.
Furrer: Wir nehmen sie jung unter Vertrag, damit andere Agenturen sie uns nicht wegschnappen können. Und damit wir Zeit haben, die New Faces aufzubauen, während sie die Schule abschliessen. Das ist uns wichtig. Wir können nicht garantieren, dass es mit dem Modeln klappt. Wenn du dann keinen Plan B hast, wird es schwierig.

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"Verlage wie Condé Nast arbeiten nur noch mit volljährigen Models"

Ronja Furrer

Minderjährige Models arbeiten also noch nicht?
Furrer: Einige Brands machen Ausnahmen für ihre Shows, aber die meisten – und auch Verlage wie Condé Nast (zu dem Magazine wie «Vogue» oder «Vanity Fair» gehören, Anm. der Red.) – arbeiten nur noch mit volljährigen Models.

Wie bauen Sie Ihre New Faces auf?
Furrer: Wir beginnen mit einem Test-Shooting.
Bachmann: Das ist ein Shooting, bei dem Model, Fotograf und wir Zeit investieren. Die Bilder werden nicht publiziert, sie sind einzig fürs Portfolio. Bei den meisten Agenturen zahlen die Models mehrere hundert Franken für ein Test-Shooting, wir finanzieren unseren das erste. Anhand der Bilder können wir das Potenzial des Models abschätzen, sehen, wie es sich vor der Kamera macht. Und das Model merkt, ob ihm der Job Spass macht. Die Bilder schicken wir an ausländische Agenturen.

Obwohl sie noch nicht arbeiten?
Furrer: Wir schicken regelmässig Bilder, weil die Agenturen und Casting-Direktoren sehen wollen, wie sich ein New Face entwickelt, bevor sie es unterschreiben.
Bachmann: Allenfalls kann man auch in den Schulferien schon mal nach Mailand oder Paris fahren, so habe ich das damals gemacht. Aber wenn ein Brand das Model dann für die Zeit nach den Ferien bucht, entsteht ein Konflikt, dem wir niemanden aussetzen möchten. Darum: Lieber zuerst die Ausbildung abschliessen und dann loslegen. Und in der Zwischenzeit auch in der Schweiz nicht zu viel shooten; wenn man ein Gesicht schon überall gesehen hat, ist es für ausländische Agenturen weniger interessant.

Viele Ihrer Models arbeiten im Ausland.
Bachmann: In der Schweiz kannst du höchstens nebenbei modeln, ein bisschen während des Studiums. Aber das ist hierzulande kein Vollzeitjob. Models, die davon leben und Karriere machen wollen, müssen ins Ausland. Unsere Aufgabe ist es, sie bei den passenden Agenturen zu platzieren.

"Paris ist körperlich die härteste Stadt"

Jenny Bachmann

Wie entscheiden Sie, welches Model Sie in welche Stadt schicken?
Furrer: Das kommt auf unser Ziel und das Ziel des Models an. Wenn es Shows laufen möchte, dann muss es nach Paris, Mailand, London oder New York, wobei New York etwas schwieriger ist wegen der Arbeitsgenehmigung. Um die zu erhalten, musst du dir zunächst ein Portfolio in Europa aufbauen.
Bachmann: Und dann gibt es natürlich schon so was wie einen Typ Model pro Stadt. In Paris sind die Models nach wie vor sehr dünn. Paris ist körperlich die härteste Stadt. Es gibt aber auch Models, die wollen möglichst kommerziell arbeiten, mit Werbung möglichst viel Geld verdienen. Die platzieren wir dann eher bei deutschen oder skandinavischen Agenturen. Gerade in Skandinavien müssen die Models gesund aussehen. Es kommt also auch darauf an, wofür man gebaut ist.

Bei Ihrem Casting vor zwei Jahren haben Sie unter anderem das damals 21-jährige Curvy Model Amanda Florentin unter Vertrag genommen. Sie hat Anfang Jahr mehrere Monate in Australien gemodelt. Wie läufts bei ihr?
Furrer: Sie fliegt jetzt gerade zurück nach Sydney! Wir hatten eigentlich nicht geplant, Amanda nach Australien zu schicken, aber nachdem IMG London sie unterschrieben hatte, nahm auch IMG Sydney sie unter Vertrag. Dort sind Curvy Models viel gefragter als in Europa. Sie arbeitet sehr gut kommerziell, macht viel Lingerie und Swimwear. Eben erst hat sie die globale Bikini-Kampagne für Mango geshootet.
Bachmann: In der Dominikanischen Republik! Sie kommt viel rum.
Furrer: Unser Ziel ist es, dass sie in den USA arbeitet (Furrer wohnt selbst in New York, Anm. der Red.), weil Plus-Size auch dort ein grosses Thema ist. Und dass sie die Shows macht. Dort reinzukommen ist für Plus-Size-Models jedoch schwieriger.

Mir scheint, es laufen seit Jahren dieselben fünf Plus-Size-Models über die Laufstege.
Furrer: Richtig.
Bachmann: Amanda wird zumindest schon konkret angefragt, von namhaften Häusern. Pro Saison schaffen es aber nur ein bis zwei neue Curvy Models auf die Laufstege.
Furrer: IMG London will sie für die Shows im September. Und währenddessen arbeiten wir im Hintergrund an ihrem US-Visum. Damit sie Ende Jahr hoffentlich nach Amerika kann.

"Was man als Model erlebt, ist einzigartig"

Jenny Bachmann

Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Tochter. Würden Sie wollen, dass sie modelt?
Furrer: Ich habe eine 12-jährige Halbschwester mit einem wirklich schönen Gesicht.
Bachmann: Ja! Sie ist mega! Ich hoffe, sie wächst ganz schnell. (lacht) Aber ja, Ronja, wie stehst du dazu?
Furrer (überlegt): Ich würde es wollen. Aber ich würde sie bei uns unterschreiben. Weil wir wirklich so etwas wie grosse Schwestern sind für unsere Models.
Bachmann: Ich hätte nur Angst, dass die Leute glauben, ich sei so eine Pageant Mom, die ihre Tochter unbedingt als Model nachziehen möchte. (lacht) Aber im Ernst: Was man als Model erlebt, ist einzigartig. Fünfzehn Jahre später wünsche ich mir manchmal, das alles nochmal durchleben zu dürfen. Mit 18 checkst du noch gar nicht, wie verrückt es ist, beruflich so viel herumzureisen.
Furrer (sichtlich erstaunt): Jenny! Es ist noch nicht zu spät! (lacht)
Bachmann: Momol. (lacht) Ich wechsle die Seite nicht nochmal.

Was sagen Sie Eltern, die sich Sorgen machen?
Furrer: Wir pflegen engen Kontakt zu den Eltern unserer minderjährigen Models. Ich glaube, es nimmt ihnen ein wenig die Angst, wenn wir unsere persönlichen Erfahrungen mit ihnen teilen.
Bachmann: Darum sollen die Models auch unbedingt ihre Eltern zum Casting mitbringen. Wir beantworten dort Fragen zur Branche, zum Job und sprechen auch übers Geld.

Ist die Angst der Eltern denn berechtigt?
Furrer: Nicht, wenn du auf professionellem Niveau arbeitest und dich von den falschen Leuten fernhältst. Mir wurden in zwanzig Jahren beispielsweise kein einziges Mal Drogen angeboten.
Bachmann: Gerade heute hatte ich ein Meeting mit einem potenziellen Model und ihrer Tante. Die Eltern halten die Modelbranche für zwielichtig, entsprechend gelöchert hat mich die Tante. Ich habe ihr erklärt, dass sich das wirklich geändert hat, dass heute alles viel transparenter ist, auch dank Social Media. Ausserdem arbeiten immer mehr Frauen in der Branche. Und es hilft natürlich, dass auch wir, die die Models betreuen, zwei Frauen sind.

"Modeln ist einer der wenigen Jobs, in denen Frauen mehr verdienen als Männer"

Ronja Furrer

Suchen Sie für The Kinship eigentlich auch Männermodels?
Furrer: Nein.
Bachmann: Der Männermarkt ist komplett anders, wir können dort nicht aus Erfahrung sprechen. Und er ist weniger lukrativ, sind wir ehrlich.
Furrer: Modeln ist einer der wenigen Jobs, in denen Frauen mehr verdienen als Männer.

Wie viel Kommission nehmen Sie für das Vermitteln Ihrer Models?
Bachmann: Wir nehmen die gesetzlich erlaubten zwölf Prozent, daran halten sich die wenigstens Agenturen. Ausserdem verrechnen wir dem Model eine Bearbeitungsgebühr. Dem Kunden schlagen wir zusätzlich eine Agency Commission auf die Rechnung. Wir verschicken die Rechnung per Mail und nehmen das Model ins CC. So muss es uns nicht blind vertrauen wie wir unseren Agenten damals.

Haben die Sie denn belogen?
Bachmann: Mir hat mal ein Fotograf am Set verraten, dass der Kunde viel mehr für mich zahlt, als ich verdiene. Sobald man das Gefühl hat, betrogen zu werden, ist es vorbei mit dem Vertrauen.

Das Casting von The Kinship findet am Samstag, 19. September, von 14 bis 17 Uhr in der Redaktion annabelle, Viaduktstrasse 91, 8005 Zürich statt. Industry Talk mit anschliessender Fragerunde von 15 bis 15:30 Uhr. Bei der Auswahl der Models hilft annabelle Fashion Director ad interim Mariella Ingrassia, den Industry Talk moderiert stv. Chefredaktorin Leandra Nef.

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