Wie kann man Gewalt an Schulen bekämpfen?
Gewalt an Schulen beginnt oft lange vor dem ersten Schlag. Eine Schulleiterin zeigt, wie Prävention im Alltag gelingt – und wo sie an Grenzen stösst.
- Von: Sarah Lau
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Es ist kurz vor acht, als Julia Maier mit einem Ruck ihr E-Bike in den Veloständer des Schulhauses Römerstrasse schiebt. Den Helm lässt sie am Lenker hängen, die leichte Daunenjacke bleibt im Velokorb liegen. Ob sie keine Angst vor Diebstahl hat? «Ach nein, ich vertraue», sagte sie und lächelt.
Knapp ein Jahr ist es her, seit Maier (47) die Stelle als eine der vier Co-Schulleiter:innen der Einheit Rychenberg in Winterthur angenommen hat. Damit ist sie nun für zwei Primarschulen zuständig: das Schulhaus Römerstrasse und das 600 Meter entfernte Schulhaus Talacker mit rund dreissig Lehrer:innen und rund 170 Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren
Schreckensmeldungen
In den Medien verdichten sich bereits seit ein paar Jahren Berichte über Gewalt im Klassenzimmer von der Romandie bis nach Schaffhausen: Eine Befragung an Waadtländer Schulen ergab etwa, dass seit Schuljahresbeginn 2024 in einem Drittel der Häuser mindestens eine Waffe, meist Messer, konfisziert wurde.
In Basel und Schaffhausen ist von Evakuierungen nach Bombendrohungen zu lesen, im Luzerner Stadtteil Reussbühl wurden Amok- und Todesdrohungen ausgesprochen. Im Kanton Aargau berichten Eltern, dass ihre Kinder regelmässig bespuckt, getreten und beschimpft wurden, und in Ausserrhoden musste eine Primarschule temporär schliessen, nachdem ein Elternteil Kinder und eine Lehrperson bedroht hatte, und an verschiedenen Schulen in Chur ist von Mobbing und Sexting (dem digitalen Austausch sexueller Inhalte) die Rede.
Untersuchung des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, 2023"Zwei von drei Lehrer:innen geben an, Gewalt in der Schule erlebt zu haben"
Das Thema brennt nicht zuletzt, seitdem 2023 die Untersuchung des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) zu Formen und Häufigkeit von Gewalt gegen Lehrpersonen in der Deutschschweiz veröffentlicht wurde. Zwei von drei Lehrer:innen gaben damals an, in der Schule schon mal psychische oder physische Gewalt erlebt zu haben. Rund die Hälfte der 6700 Befragten sprach von Beleidigungen und Beschimpfungen, ein Viertel von Bedrohungen und Einschüchterungsversuchen, 15 Prozent erlebten gar körperliche Angriffe.
Dass es Handlungsbedarf gibt, ist unbestritten. Aber auch, dass aus einzelnen drastischen Fällen keine generelle Verrohung einer ganzen Generation abgeleitet werden darf, denn: Die überwältigende Anzahl der Kinder und Jugendlichen ist unauffällig. Es gilt einen Umgang zu finden mit denen, die es nicht sind.
Wie also sieht der ganz normale Alltag an Schweizer Schulen und konkret dem Schulhaus Römerstrasse aus? 1886 erbaut, führen ein paar Steinstufen den rosa gestrichenen Bau empor. Kaum zieht Julia Maier die schwere Eingangstür auf, ergiesst sich ein Stimmengewirr, ein wildes Durcheinander, genau wie im engen Garderobenbereich, in dem bunte Jacken, Finken und Rucksäcke zwischen Bänken und Boden verstreut liegen. Die Kinder kennen ihre Schulleiterin: «Hallo Frau Maier, guck mal, ich hab einen Käfer auf der Hand», kräht es von links, während ein anderes Kind auf sie zuläuft und kurzerhand die Arme um ihre Hüfte schlingt.
Krisenmanagement
Maier reagiert konstant freundlich. «Ich versuche, hier jede:n beim Namen zu kennen und alle Kinder zu grüssen. Gerade bei denen, deren Akten auf meinem Tisch landen, ist es wertvoll, bereits vorher eine Beziehung aufgebaut zu haben. Hier soll niemand Angst vor mir haben. Sie sollen wissen: Mit mir kann man reden.» Bevor sie in die Teeküche im dritten Stock geht, schaut Julia Maier in jedes Zimmer des Backsteinbaus, um auch das Kollegium zu begrüssen. Guten Morgen, wie geht es, was steht an. Maier fragt nicht nur, sie wartet auch die Antworten ab.
Vor dem Antritt ihrer Leitungsstelle hat Maier 17 Jahre selbst unterrichtet, vom Kindergarten bis zur Unter- und Mittelstufe. Mal als Klassenlehrperson, mal als Fachlehrerin. Selbst dreifache Mutter und seit über zwanzig Jahren in Winterthur beheimatet, arbeitet sie siebzig Prozent. In Vollzeit ist auch in ihren Teams fast keine:r angestellt, «dafür entscheidet sich in dem Beruf niemand mehr». Durch die integrative Schule bleiben deutlich mehr Kinder mit besonderem Förderbedarf in der Regelklasse, viele frühere Kleinklassen oder separative Zwischenlösungen sind abgebaut worden.
Julia Maier, Schulleiterin"Es gibt immer mehr Kinder, die nicht in der Gruppe klarkommen. Und das sehen wir immer früher"
Gleichzeitig verlangt der Lehrplan 21 einen stärker kompetenzorientierten Unterricht: Lehrpersonen sollen nicht nur Stoff vermitteln, sondern Lernstände beobachten, unterschiedliche Niveaus bedienen, Förderziele dokumentieren und mit Heilpädagog:innen, Lehrpersonen für Deutsch als Zweitsprache, Therapeut:innen, Eltern und Schulleitung koordinieren.
Ein Mehr an Bedürfnissen, bürokratischem Aufwand, aber auch ein steigendes Krisenmanagement. Denn, so Maier: «Es gibt immer mehr Kinder, die nicht in der Gruppe klarkommen. Und das sehen wir immer früher, also ab Chindsgi und der Primarschule.»
Seit ihrem Amtsantritt hat Julia Maier Fensterheber abmontieren lassen, um einen suizidalen Schüler am Herausspringen zu hindern. Hat zerkratzte Arme von Lehrerinnen begutachtet und externe Vermittelnde in die Klassen geholt, um die Ruhe wiederherzustellen. Dazu kommen immer wieder Elterngespräche, die schwerste Traumatisierungen offenbarten. «Es gibt Phasen, da drehen sich siebzig bis achtzig Prozent meines Jobs um Gewalt», sagt Maier. Und: «Das habe ich nicht erwartet.»
Julia Maier, Schulleiterin"Jedes Kind, das Gewalt ausübt, steckt in einer Notlage"
Fragt man nach den Ursachen, ist Maier überzeugt: «Jedes Kind, das Gewalt ausübt, steckt in einer Notlage. Und hat oft selbst Gewalt erfahren. Gerade hatte ich einen Zweitklässler bei mir sitzen, der in der Pause einem anderen wiederholt mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat. Mit der Faust! Als ich fragte, was los sei, sagte er: ‹Da ist diese Wut, diese ganze Wut, und die will raus.›» Julia Maier versprach dem Kind: «Ich werde dir helfen, einen anderen Weg zu finden.»
Eine Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften an 33 Schulen im Schuljahr 2023/2024 kommt zum Ergebnis, dass 69 Prozent der befragten Minderjährigen mindestens eine Form von Gewalterfahrung berichten.
Besonders häufig mit 42 Prozent ist psychische Misshandlung; Vernachlässigung, miterlebte Paargewalt und körperliche Misshandlung liegen je bei 32 bis 36 Prozent. Ein Viertel (26 Prozent) gibt an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben, meist durch Gleichaltrige oder andere ausserfamiliäre Personen.
Diese Zahlen belegen keinen direkten Zusammenhang zwischen erlittener und ausgeübter Gewalt. Sie zeigen aber, dass ein erheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen mit traumatisierenden Erfahrungen konfrontiert ist und diese mit in die Schule bringt.
Kriminologe Manuel Eisner, Professor an der Universität Cambridge"Die Ursachen von Gewalt sind multifaktoriell"
Der Kriminologe Manuel Eisner, Professor an der Universität Cambridge, forscht seit rund vierzig Jahren zu den Ursachen von Gewalt. Als er im Mai auf der 16. Kinder- und Jugendgewalttagung in Zürich zentrale Einsichten aus seiner Forschung teilt, ist es vor allem ein Satz, der hängenbleibt: «Die Ursachen von Gewalt sind multifaktoriell.»
Wer verstehen will, warum ein Kind Gewalt anwendet, muss immer auch Vorgeschichte und Umfeld des Kindes betrachten – denn das entscheidet mit, welche Eskalationen möglich werden und wo Schutz greift. Wichtig: Nicht jedes Kind, das Gewalt erlebt, wird später selbst Gewalt ausüben.
Lehrpersonen als Schutzfaktor
In der Zürcher Längsschnittstudie Z-Proso, an der Eisner mitgewirkt hat, zeigt sich, dass gerade Beziehungen zu Lehrpersonen für Kinder ein entscheidender Schutzfaktor sein können. Jugendliche, die mit zehn Jahren selbst von einer besseren Beziehung zu ihrer Lehrperson erzählten, gaben später, mit 13, 15 und 17 Jahren, weniger delinquentes Verhalten an; mit 17 berichteten sie auch weniger Gewaltverhalten.
Entscheidend war dabei nicht nur, ob Erwachsene die Beziehung als gut einschätzten, sondern ob die Kinder selbst sich unterstützt und verstanden fühlten.
Sechsjähriger zu seiner Schulleiterin"Fick dich, du Bitch. Du kannst mir gar nichts sagen!"
«Fick dich, du Bitch, du kannst mir gar nichts sagen!» Das sei die schlimmste Beleidigung gewesen, die ihr je ein Mensch an den Kopf geworfen habe, sagt Maier. Dass diese von einem 6-Jährigen kommen würde, den Maier aufgefordert hatte, aufzuräumen und in die Klasse zurückzugehen, das habe sie im ersten Moment aus der Bahn geworfen.
«Mein Nervensystem war völlig durcheinander und ich wusste: Ich muss durchatmen, bevor ich reagiere.» Erst danach holte sie den Jungen zum Gespräch und schaffte es, nicht nur den Aggressor zu sehen, sondern einen 6-Jährigen, der gelernt hat, dass ihm Provokationen Aufmerksamkeit verschaffen. Und darüber hinwegtäuschen sollen, wie überfordert er ist. Dass er Mühe mit den Buchstaben hat, beim Rechnen hinterherhinkt und beim Stillsitzen das Gefühl bekommt, durchzudrehen. Der daheim niemanden hat, der mit ihm lernt. Und der beim Fussballspielen immer wieder wegen Ausrastern vom Platz fliegt.
Die Unauffälligen
Maier holte den Jungen, den wir Tim nennen wollen, zu sich und wartete, bis sie Blickkontakt hatte: «Das war nicht okay. Aber du sollst wissen: ich bin auf deiner Seite. Und da bleibe ich auch. Egal, was du zu mir gesagt hast.» Der Junge verstand das zunächst nicht.
Maier erklärte es ihm. Wir zwei sind Freunde. Verletzen Freunde einander? Nein. «Das hat er verstanden. Seitdem vertraut er mir.» Was für ein wichtiges Werkzeug gewaltfreie Kommunikation im Rahmen von Prävention spielen würde, hat Maier erkannt und vor vier Jahren eine Zusatzausbildung an der Flow-Akademie in Wiesendangen angefangen.
Der Ansatz versteht Kommunikation nicht nur als Austausch von Worten, sondern als etwas Dynamisches: Sie soll Beziehung herstellen und selbst bei kritischen Themen dafür sorgen, dass sich Widerstand in Kooperation wandelt.
Dass es Tim inzwischen «spürbar besser geht und er leichter dem Unterricht folgen kann, ist auch auf seine ADS-Diagnose und die entsprechende Behandlung zurückzuführen, das Kollegium aber bleibt wachsam: man habe auch schon Fälle gehabt, dass Kinder von entsprechenden Medikamenten depressiv geworden sind, und halte hier nichts von vorschnellen Diagnosen, die über tieferliegende psychische Probleme hinwegtäuschen sollen.
Immer noch gibt es Tage, an denen Tim andere Kinder schlägt, den Unterricht stört und bei einem Nein explodiert. Tims Fall zeigt, wie komplex die möglichen Antworten ausfallen können, mit denen Schule auf ein auffälliges Kind reagiert.
Simone Hunziker, Präsidentin des Schweizer Instituts für Gewaltfragen"Schule kann nicht alles auffangen, was zuhause nicht erlernt wird"
Maier lanciert Gespräche, nicht nur mit den Eltern von Tim, sondern auch mit den besorgten Erziehungsberechtigten von Tims Mitschüler:innen. Ist gewährleistet, dass die Kinder die Lernziele trotz der Störungen erreichen? Gehen die unauffälligen Kinder unter, wenn Lehrpersonen dermassen von einem Mitschüler beansprucht werden?
«Berechtigte Fragen, die wir uns Tag für Tag beantworten müssen», sagt Maier. Manchmal bedarf es dazu auch externer Unterstützung. Etwa wenn die Dynamik in einer Klasse aus dem Ruder gelaufen ist, drei, vier Kinder nicht mehr zu bändigen sind und kein Unterricht mehr zustande kommt.
Nun hält Maier wenig von vielen Betreuungspersonen in einer Klasse. Gerade, weil es mittlerweile in jeder ein bis zwei Kinder mit Neurodivergenzen gebe. Für diese ohnehin sensibel auf Reize reagierenden Schüler:innen sei es nicht hilfreich, wenn neben Heilpädagog:innen, Betreuungspersonen aus dem Hort und Sozialarbeitenden noch mehr Menschen in der Klasse sitzen.
«Externe Hilfe bringt nur dann etwas, wenn sie nicht nur kurzfristig entlastet, etwa durch eine regulierende Eins-zu-eins-Betreuung, sondern hilft, das System zu verstehen, und uns neue Perspektiven aufzeigt: Was braucht die Klasse? Welche Strukturen und Interventionen helfen, was liegt bei den Eltern, was bei uns?»
Die zuletzt gebuchte Klassenbegleitung kostet bis zu den Sommerferien 20 000 Franken. Dafür muss Maier das Budget überschreiten und die Bewilligung ihrer Vorgesetzten einholen. Trotzdem ist sie überzeugt von der Entscheidung. «Das eine ist das Wohl der Kinder. Zum anderen muss ich auf die Gesundheit meiner Kolleg:innen achten – wenn die Lehrer: innen ausfallen, ist für alle fertig.»
Überforderung und mangelnde Grenzen
Krisenintervention ist Simone Hunzikers Fachgebiet. Die ausgebildete Primarlehrerin und systemische Supervisorin arbeitet seit über zehn Jahren mit Schulleitungen, Teams und Eltern zu Themen wie Gewalt, Schulabsentismus und festgefahrene Konflikte. Darüber hinaus organisiert sie als Präsidentin des Schweizer Instituts für Gewaltfragen (SIfG) fachübergreifende Symposien zu Gewaltprävention.
Hunziker erzählt, dass es auch in ihrer Wahrnehmung immer häufiger schon im Kindergartenalter eskaliert. Sie erzählt von Eltern, die die Polizei zur Hilfe rufen, weil ihr 5-Jähriger mit einer Schere auf sie losging. Von Kindern, die aus Protest ins Klassenzimmer urinieren oder andere ins Gesicht beissen. Die Worte Überforderung und mangelnde Grenzen fallen.
Schule kann nicht alles auffangen, was zuhause nicht erlernt wird, ist Hunziker sicher. Und arbeitet mit Eltern daran, sichtbar zu machen, was in ihrer Verantwortung liegt: Kinder müssen bestimmte Grundvoraussetzungen mitbringen, um überhaupt in eine Gemeinschaft eintreten zu können: ausgeschlafen sein, gegessen haben, passende Kleidung tragen, warten können, Frust erleben, Grenzen kennen. Das sind keine Nebensächlichkeiten, sondern die Grundlage, die schulisches Lernen überhaupt erst möglich macht. Und die nicht selten fehlen.
Simone Hunziker, Präsidentin des Schweizer Instituts für Gewaltfragen"Als grösstes Tabuthema sehe ich Kinder an, die Eltern schlagen"
Zudem falle ihr gerade bei den Kleinen auf, dass es mehr und mehr Kinder gebe, die «wie kleine Satelliten unterwegs sind, keinen Blickkontakt mehr halten können». Um soziale und emotionale Fähigkeiten zu erlernen, müssen sich Kinder im Blick der Eltern gespiegelt erleben – der aber ist immer häufiger hinter einem Handy verborgen, sagt Hunziker.
«Gesichter lesen zu können, heisst auch, sich in andere hineinversetzen zu können. Und nur wer die Folgen seines Handelns erspürt, kann sich auch in einer Gemeinschaft regulieren.» Als grösstes Tabuthema sieht Hunziker Kinder, die ihre Eltern schlagen. Man müsse dringend anfangen, darüber zu sprechen, statt jedes Hauen zu verharmlosen, sich zu schämen.
«Wenn Kinder noch klein sind, haben sie im Vergleich zu Teenagern weniger Kraft. Dann tun Schläge nicht nur weniger weh, Kinder sind auch lernfähiger, Muster können aufgebrochen werden. Auch das gehört zu Präventionsarbeit.»
Für Hunziker ist entscheidend, die Kinder nicht vorschnell zu etikettieren. Ein Kind, das Gewalt anwendet, sei nicht einfach «ein gewalttätiges Kind». Es sei ein Kind mit gewalttätigem Verhalten. Das ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Es entscheidet darüber, ob man ein Kind auf sein Verhalten reduziert – oder ob man fragt, was dieses Verhalten ausdrückt.
«Vielleicht hat ihm niemand klar gesagt, dass dieses Verhalten eine Grenze überschreitet. Vielleicht hat es keine andere Strategie, um Frust, Überforderung, Angst oder Kontrollverlust zu regulieren. Vielleicht erlebt es selbst Gewalt, ist die Not so gross, dass sie sich nur noch körperlich zeigt», sagt Hunziker.
"Wie erklärt man der Mutter, warum eine Abklärung durch den schulpsychologischen Dienst nötig ist? "
Heute Nachmittag steht ein Gespräch mit Tims Mutter an. Bevor sie kommt, sitzen Schulleitung, Schulsozialarbeit und Lehrerin zusammen und feilen an jedem Satz. Was darf Tim selbst hören? Wie sagt man ihm, dass er fachlich weit hinter den anderen steht, ohne ihn kleinzumachen?
Wie erklärt man der Mutter, warum eine Abklärung durch den schulpsychologischen Dienst nötig ist? Wie sichert man, dass regelmässig die richtigen Medikamente verabreicht werden, kein Unterricht verpasst wird – und klärt, ob irgendwann nicht doch eine Familienbegleitung nötig wäre?
Es ist ein Gespräch über ein Kind, das viel sprengt – aber auch über eine Schule, die enorm viel zusammenhält, damit dieses Kind bleiben kann. Nüchtern betrachtet, werde Tim niemals die für eine Versetzung nötigen Schulziele erreichen. Dennoch plädiert die Lehrerin dafür, den Jungen weiterkommen zu lassen, damit er nicht völlig aus der Bahn geworfen wird. Massnahmen also, die nicht als Disziplinierung gedacht sind, sondern als Beziehungs- und Stabilisierungssystem. Und hinter denen das ganze Team steht. «Für alle gut so?», fragt Maier. Für alle gut so.
Dass Schulleitung, Schulsozialarbeit und Lehrerin das Gespräch gemeinsam vorbereiten, ist Teil der Arbeitsweise der Schuleinheit Rychenberg, die als erste öffentliche Schule im deutschsprachigen Raum umfassend Soziokratie eingeführt hat: Zuständigkeiten sind klar geregelt, Entscheidungen werden transparent getroffen und von den Beteiligten gemeinsam getragen.
Flexibilität ist gefragt
Dass Tim immer noch in seiner Klasse ist, liegt nicht nur an seiner Lehrerin, der Schulsozialarbeit oder der Schulleitung. Es liegt auch an Michael Lötscher, Leiter der schulergänzenden Betreuung. «Bei uns zeigt er ganz andere Seiten seiner Persönlichkeit», sagt Lötscher. «Er baut geniale Papierf lieger und kann super den jüngeren Kindern erklären.» Eine Chance für Tim und sein Umfeld, ihn als etwas anderes zu sehen als den ewigen Querulanten.
Früher, sagt Lötscher, hätten Schule und Betreuung oft nebeneinander gearbeitet. Die Kinder waren vormittags im Unterricht, mittags und nachmittags im Hort. Inzwischen wird die Betreuung gerade bei schwierigen Fällen stärker einbezogen. «Kinder sind die Warnlampen unseres Systems, nicht das Problem als solches. Sie zeigen uns auf, wo eine Klasse, eine Familie, eine Schule oder ein Hilfesystem an Grenzen kommt», sagt er.
Als Tim im Unterricht nicht mehr klarkommt und nur noch eskaliert, steht ein Time-out im Raum, eine Woche Abstand vom Unterricht. Zum Schutz der Lehrpersonen, die kurz vor Weihnachten nicht mehr können, und um allen Kindern eine Verschnaufpause zu gönnen.
Die altbekannte Lösung wäre eine Suspendierung gewesen. Doch trotz aller Schwierigkeiten will hier niemand, dass Tim den Kontakt zur Schule verliert und daheimbleiben muss. Unter anderem weil nicht mit Gewissheit beantwortet werden kann, wie sein Alltag daheim aussehen würde.
Michael Lötscher, Leiter schulergänzende Betreuung"Kinder sind die Warnlampen unseres Systems, nicht das Problem als solches"
Also suchen Julia Maier und Lötscher gemeinsam nach einer Lösung. Die Betreuung ändert ihre Zeiten, und Mitarbeitende, die eigentlich später im Hort eingesetzt wären, kommen nun morgens in die Klasse oder stehen auf Abruf bereit. Die Stunden gehören eigentlich zur Betreuung, werden aber nun dort eingesetzt, wo der Unterricht sie am dringendsten braucht, was unorthodox ist und eine überdurchschnittliche Flexibilität aller Beteiligten erfordert.
Tim hat so stabile Bezugspersonen, die ihn im Bedarfsfall beruhigen, Kontakt halten, schauen, dass er lernt, Ausbrüche, aber auch seine Sprache zu regulieren. «Banane statt Bitch löst vielleicht nicht das eigentliche Problem», sagt Lötscher, «deeskaliert aber und ist ein Weg, ein Kind im Affekt weiter zu erreichen.»
Es funktioniert: Der Junge merkt selbst, dass er Teil bleiben möchte seiner Klasse, dass er selbst über das Gelingen mitentscheidet, und es entsteht in den Gesprächen der Eindruck, dass sich alle über jeden einzelnen kleinen Schritt von Tims Rückführung freuen. Manchmal ist es eben nicht ein Dorf, sondern eine ganze Schuleinheit, die ein Kind miterzieht.
Julia Maier, Schulleiterin"Es geht nicht darum, Eltern anzuklagen, sondern gemeinsam Verantwortung für ein Kind zu übernehmen"
Ob das Gespräch gelingt, weiss die Schulleiterin im Vorfeld nicht. Aber sie ist es, die wenige Minuten vor Gesprächsbeginn zur grossen Schulhaustür geht und Tims Mutter lächelnd willkommen heisst und für einen freundlichen Auftakt sorgt. «Wenn das Vertrauen zwischen Schule und Eltern reisst, wird es auch immer schwieriger, ein Kind zu erreichen.»
Gar nicht so einfach, wenn ein Drittel gar nicht erst zum Elternabend erscheint. Wenn es Probleme in einer Klasse gibt, erklärt Maier den Elternabend zur Pf lichtveranstaltung. Wer nicht kommt, wird noch einmal separat eingeladen. «Die Eltern unserer Kinder müssen spüren, dass es nicht darum geht, sie anzuklagen», sagt sie. «Es geht darum, gemeinsam Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Wenn Eltern merken, unser Kind ist etwas wert, verändert das das Gespräch grundlegend.»
Also versucht Maier mit ihrem Team zu zeigen, dass die Schule das Kind kennt: nicht nur seine Ausraster, sondern auch seine Stärken, seine Not, seine Fortschritte. Denn nur dann besteht die Chance, dass Eltern nicht sofort dichtmachen, wenn die Schule ein Problem anspricht.
Hinter der Wut steht oft Scham
Manche Eltern reagieren dennoch mit Abwehr. Eine Mutter sagte Maier am Telefon einmal, sie müsse ihr Kind verwechselt haben, daheim schlage und spucke es nie. Später wollte sie kein Gespräch mehr, die Schuld lag aus ihrer Sicht ausschliesslich bei der Schule.
«Wenn ich mit einem Elternteil nicht weiterkomme, schaue ich, ob ich über den anderen Zugang finde», sagt sie. In diesem Fall lief der Kontakt besser über den Vater. Nicht Wut sei oft der eigentliche Kern der Angriffe, sondern Scham, ist sich Maier sicher.
Die Angst, als Mutter oder Vater versagt zu haben. Wer sein Kind schützt, schützt in solchen Momenten oft auch sich selbst vor dem Blick von aussen und dem Eingeständnis, dass etwas nicht perfekt ist. Eine Haltung, die sich quer durch die verschiedenen sozialen Schichten zieht.
«Bei vielen Familien steht heute das Kind mit all seinen Bedürfnissen im Zentrum. Und immer mehr Eltern erwarten, dass wir in der Schule genau das berücksichtigen. Wenn man aber zwanzig Erstklässler: innen hat, ist es nicht nur schlicht unmöglich, immer auf jedes individuelle Bedürfnis einzugehen – ich halte es auch für enorm wichtig, dass Schule ein Ort bleibt, an dem ein Mensch lernt, in einer Gruppe auszukommen. Auch mal Bedürfnisse zurück- und einen Rückschlag wegzustecken.»
Das auszuhalten, ist aber für viele Erziehungsberechtigte nicht nur schwierig, sondern schlicht inakzeptabel. Ein Beispiel: Eltern, die um individuelle Schulzeiten bitten, damit ihr Kleines ausgeschlafen ist. «Ich sage nicht, dass wir Kinder abhärten müssen. Aber wenn ich zu spät schlafen gegangen bin und mich entsprechend müde durch den Tag quäle, ist auch das eine Erfahrung.»
Sie erlebe immer wieder, dass Eltern schon zu Kindergartenzeiten nicht mehr gegen ihren Nachwuchs ankommen. «Generell heisst Grenzen setzen aber auch, seinem Kind etwas zuzutrauen. Etwa, dass es Frust, Scheitern und Scham aushalten kann. Wer Kindern alle schwierigen Momente erspart, verwehrt ihnen auch die Erkenntnis, dass sie diese überstehen können.»
"Abschieben ist keine Lösung"
Wer daheim nicht lernt, dass das Leben in einer Gemeinschaft Rücksicht erfordert, Schlagen keine Konflikte löst und Schreien nicht die angemessene Reaktion auf ein Nein ist, wird in der Schule anecken – und im Extremfall den Unterricht einer ganzen Klasse torpedieren.
Die Rufe nach Auslagerung von auffälligen Kindern auf die Sonderschule sind nicht zu überhören, ähnlich wie die, die das Ende der integrativen Schule fordern. Auch Maier spricht vom Erreichen der Belastbarkeitsgrenze, dennoch hält sie an dem Modell fest und ist überzeugt: «Wir können hier etwas erreichen.» Abschieben sei keine Lösung. «Mal abgesehen davon, dass ein Sonderschulplatz die Stadt 86'400 Franken pro Jahr kostet, der an einer Regelschule 17'860.»
Inwieweit Design und Architektur ebenfalls zur Gewaltprävention beitragen können, soll bei einem Besuch in Maiers zweitem Schulhaus Talacker angeschaut werden. Hier hospitiert sie heute bei einer Mathematikstunde. Obwohl die Türen zu den Räumen offenstehen und hier und da Kinder auf dem roten Linoleumboden im grossen Entrée zeichnen und lesen, herrscht eine beeindruckende Ruhe. Statt schrillem Pausenklingeln ertönt ein windspielartiges Geräusch, die Gänge sind grosszügig und luftig gestaltet, die Klassenzimmer in reduzierten, hellen Farben gehalten.
Hier hat es keine festen Klassen, alle Zimmer sind identisch eingerichtet, mit einer Pultaufstellung, die nichts von Frontalunterricht wissen will. Klassenübergreifende Lerngemeinschaften heissen «Heimaten», Piano inklusive. Auch hier kennen die Kinder ihre Leitung und es dauert nicht lange, da stehen die ersten Mädchen da und wollen zeigen, was sie gerade im Matheunterricht errechnet haben.
Deeeskalierendes Design
Heile Welt? «Nein. Auch hier haben wir querversetzte Kinder, die ihre Schule nach Angriffen auf das Lehrpersonal verlassen mussten, hin zu welchen, die gar nicht mehr sprechen wollen, weil sich daheim die Eltern dermassen bekriegen, dass die Kleinen ständig in Angst leben, etwas Falsches zu sagen», so Maier. Aber: Die Umgebung wirkt entspannend und sorgt für Ordnung. Hier steht kein Thek neben der Garderobe, liegen keine Jacken verstreut auf dem Boden.
Während des Lernens kommen die Kinder immer mal wieder in Bewegung, etwa wenn mathematische Körper mit Knete nachgebaut werden und es im Zimmer verschiedene Stationen gibt. Eine durchschnittliche Klassenzimmerfläche von fünf Quadratmetern pro Kind erlaubt Entfaltung.
Alles purer Luxus? «Nein. Es geht darum, wie viel oder wenig Stress ein Schulhaus produziert und damit eine wichtige Voraussetzung dafür schafft, dass Konf likte weniger schnell eskalieren. Das funktioniert wirklich.» Lärm, Enge, schlechte Luft, Hitze, grelles Licht oder fehlende Rückzugsorte sind keine Nebensächlichkeiten. Sie beeinflussen, wie gut Kinder sich konzentrieren, regulieren und beruhigen können, hinzu kommen Mobbing begünstigende oder unterbindende räumliche Gegebenheiten. Alles wissenschaftlich belegt und hier im Haus berücksichtigt.
Julia Maier, Schulleiterin"Gefährdungsmeldung bei der KESB? So etwas raubt mir den Schlaf"
Diese Woche steht bei Julia Maier noch ein Telefonat mit der Schulsozialarbeiterin an. Es besteht die Frage, ob eine Gefährdungsmeldung bei der Kesb eingereicht werden muss. «So etwas raubt mir den Schlaf», sagt Maier. «Eine Meldung kann Schutz ermöglichen.
Sie kann aber auch dazu führen, dass Eltern dichtmachen, den Kontakt abbrechen oder das Kind noch stärker unter Druck gerät, verprügelt wird, missbraucht – die Verantwortung ist gross.» Gerade Familien, die mit Behörden schlechte Erfahrungen gemacht haben, gelte es nicht völlig zu verschrecken, ebenso wie die Kinder, deren Offenbarungen zwangsläufig gegen die eigenen Eltern eingesetzt werden.
«Ich versuche immer, die Familie im Boot zu behalten», sagt Maier und so steht für sie fest, die Eltern vorab persönlich über den Schritt zu informieren. Ob ihr vor dem Gespräch graut? «Nein, ich bin klar», sagt die dreifache Mutter. «Ich will die Eltern keineswegs blossstellen. Im Gegenteil, ich will versuchen, der Familie einen Raum zu schaffen, in dem sie von Schwierigkeiten erzählen dürfen und wir gemeinsam schauen können, was es an Unterstützung gibt, und mich dafür einsetzen, dass das Kind in der Familie bleiben kann. Ich glaube fest daran, dass jede Mutter, jeder Vater das Beste für ihren Sohn, ihre Tochter wollen. Nur geht das manchmal nicht auf.»
Transkulturelle Perspektive
Die Frage nach der Herkunft lässt sich aus der Debatte um Gewalt an Schulen nicht ausklammern. Während in Sekundarschulen Wert- und Normkonflikte häufiger offen zutage treten – etwa bei Fragen von Geschlechterrollen, Sexualität, Homophobie, Misogynie oder Vorstellungen von Ehre und Respekt – spielt diese Dimension im Kosmos Primarschule eine weniger zentrale Rolle. Maier bemerkt dennoch, dass viele der besonders belasteten Kinder an ihrer Schule einen Migrationshintergrund haben.
"Ausgrenzungserfahrungen verstärken das Ohnmachtsgefühl"
Dabei definiert sie Migration nicht als kulturelle Ursache von Gewalt, sondern verweist darauf, dass die betroffenen Familien grösstenteils aus Regionen kommen, in denen Krieg geherrscht habe oder noch herrscht. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Fana Asefaw, die zu Trauma, Migration und transkultureller Psychiatrie arbeitet, formuliert es in einem Vortrag über minderjährige Geflüchtete in der Schweiz so: Entscheidend ist nicht die Herkunft eines Kindes, sondern die Frage, welchen Belastungen es ausgesetzt ist und welche Ressourcen ihm zur Verfügung stehen.
Eine traumatisierte, depressive Mutter oder ein sozial isolierter, arbeitsloser Vater sind nicht automatisch eine Ursache für Gewalt. Aber elterliche Überforderung kann die emotionale Verfügbarkeit reduzieren. Wer die Sprache eines Landes nicht versteht, hat es schwer, Zugang zu einer Gesellschaft zu finden. Nicht nur zu Hilfsangeboten, sondern auch zum anstehenden Schulfest. Ausgrenzungserfahrungen aber verstärken das Ohnmachtsgefühl.
Wenn das eigene Kind dann noch Probleme in der Schule hat, kann auch dieses vermeintliche Versagen Frust und Schamgefühle seiner Eltern erhöhen. Und auf allen Ebenen zu einem Mehr an Gewalt führen. Denn chronischer Stress beeinflusst die Affektregulation. Entscheidend sei es, im Dialog zwischen Schule und Eltern die transkulturelle Perspektive zu berücksichtigen.
Manchmal, sagt Maier, finde sie trotz aller Vorbereitung keinen Draht zu den Eltern, dann prasseln Vorwürfe und es kommt nicht zu einem konstruktiven Austausch. Die Lage ist knifflig. Etwa, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich Sprache, Religion, regionale Prägung, politische Erfahrung und Diaspora-Netzwerke zum Beispiel innerhalb eritreischer Familien sein können. Maier arbeitet regelmässig mit Dolmetscher:innen. Da reicht es nicht, einfach «Eritreisch» anzufordern. Vorab müsse geklärt werden, welche Sprache tatsächlich gebraucht wird und ob die Familie der dolmetschenden Person vertrauen kann.
Die Frage der Chancengleichheit
Gerade in kleinen Diaspora-Communitys können politische Loyalitäten, regionale Zugehörigkeiten oder Angst vor Weitergabe von Informationen beeinf lussen, ob Eltern oder Jugendliche offen sprechen. Nicht immer sei das umsetzbar. Dann gibt es nur eine zur Verfügung stehende Dolmetscher:in, und die kommt auf gut Glück mit. Manchmal geht das auf, manchmal nicht.
Trotzdem hält Maier das Schweizer Bildungssystem hoch, auch die für sie durchaus bestehende Chancengleichheit – «die muss allerdings auch genutzt werden wollen». Dass es dazu bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien ungeachtet der Nationalität ein Mehr an Schützenhilfe braucht, ist auch ihr klar. Sie ist sicher: «Wir können an der Schule etwas bewirken und entscheidende Weichen stellen.
Dirk Baier, Prof. für Kriminologie an der Universität Zürich"Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen ist unauffällig"
Je früher, desto besser. «Man kann Kindern zeigen, wie man Konflikte nicht aggressiv löst. Je älter Menschen werden, desto schwieriger wird das», sagt Dirk Baier, Professor für Kriminologie an der Universität Zürich und Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW.
Wie früh, zeigt ein Blick in die Zahlen. So hat laut Polizeistatistik 2025 die polizeilich registrierte schwere Gewalt seit 2009 bei den 10- bis 14-Jährigen um 112.7 Prozent zugenommen. Auf den ersten Blick ist man versucht, in Panik auszubrechen: Zu schwerer Gewalt zählen unter anderem versuchte und vollendete Tötungsdelikte, schwere Körperverletzung, Vergewaltigung und schwerer Raub.
Warum gerade bei den Jüngeren schwere Gewalt stärker sichtbar wird, lässt sich nicht auf einen einzigen Grund zurückführen. Baier spricht von einer Vorverlagerung, als mögliche Erklärung nennt er unter anderem Social Media. Digitale Räume beschleunigen Konflikte, verbreiten Gewaltbilder und machen Nachahmung leichter. Was Baier aber auch sagt: «Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen ist unauffällig.» Absolut sprechen wir von 0.03 Prozent dieser Altersgruppe, drei von 10 000 Kindern.
Wann wirds kriminell?
Wo die Schule an rechtliche Grenzen kommt, beginnt die Arbeit von Roger Peter. Er leitet die Abteilung Jugendpolizei der Stadtpolizei Winterthur. Wenn der Verdacht besteht, dass auf einem Handy Gewaltvideos oder Pornografie kursieren, wenn Drogen, Waffen oder Drohungen im Spiel sind, darf eine Schulleitung nicht einfach Taschen leeren oder Geräte durchsuchen. Dann braucht es die Polizei.
Auch Peter betont bei einem Treffen im Konferenzraum der Stadtpolizei Winterthur die Wichtigkeit von Früherkennung. Nicht um jedes Kind sofort zu kriminalisieren, sondern um zu unterscheiden, ob etwas ein einmaliger Vorfall ist – oder der Beginn einer Entwicklung.
«Es beginnt ja nie direkt mit einem Messerangriff», sagt Peter. «Vorher hat es vielleicht einen Ladendiebstahl gegeben, eine Schulhofprügelei, dann später vielleicht Drogen, bis sich die Delikte mehren und schwerer werden.» Genau deshalb versteht Peter die Arbeit der Jugendpolizei nicht nur repressiv.
Seine Leute stellen sich auch schon den Primarschüler:innen vor und kommen nicht nur zum Verkehrsunterricht vorbei. Übrigens oft in Zivil statt in Uniform. «Vor allem sprechen wir über Mobbing, Cybermobbing und Gewaltvideos und erklären, wann aus einem vermeintlichen Spass eine Straftat wird und wo sie Hilfe finden.»
Roger Peter, Leiter Abteilung Jugendpolizei der Stadtpolizei Winterthur"Nicht jede Dummheit muss vor die Jugendanwaltschaft"
Auch Schulleitungen können die Jugendpolizei anrufen, «wenn es brennt», ohne dass sofort ein Strafverfahren ausgelöst wird. «Wir haben in der Stadt einen guten Draht zueinander und tauschen uns auch mal am runden Tisch mit den Schulleitungen aus.»
Peter zieht ein Heft zur Hand und blättert die eng beschriebenen Seiten rasch durch: «Alles Gespräche und Vorfälle rund um Jugendliche, die wir festhalten, ohne dass daraus ein Polizeirapport entsteht. Vieles kann direkt geklärt werden und nicht jede Dummheit muss vor die Jugendanwaltschaft.»
Aber Peter sagt auch klar: «Wenn eine kriminelle Handlung vorliegt, ein Kind bedroht oder ein heimlich unter der Dusche aufgenommenes Video in den Chat gestellt wurde: Unbedingt Anzeige erstatten. Übrigens auch, wenn die eigenen Kinder Eltern schlagen. Grenzen sind wichtig.»
Härtere Jugendstrafen? Bitte nicht
Nach besonders drastischen Einzelfällen werden schnell härtere Jugendstrafen, eine Verschärfung des Asylrechts oder eine Senkung des Strafmündigkeitsalters gefordert. Doch die Gewaltforschung legt eine andere Schlussfolgerung nahe. Manuel Eisner nennt als Faktoren, die Jugendlichen beim Ausstieg aus Gewalt helfen, ausdrücklich weniger bleibende Stigmata, die auch durch polizeiliche Festnahmen und schulische Disziplinarmassnahmen entstehen.
Natürlich kann Strafe im Einzelfall eine erforderliche Grenze markieren; als Grundlogik der Prävention kann sie aber genau jene Bindungen beschädigen, die Jugendliche brauchen, um wieder herauszufinden.
Dass der Grundsatz der gewaltfreien Erziehung seit dem 1. Juli 2026 ausdrücklich im Zivilgesetzbuch verankert ist, schafft keine völlig neue Strafbarkeit – Gewalt gegen Kinder war bereits zuvor verboten. Neu ist die Klarheit: Körperliche Bestrafungen, Erniedrigungen oder regelmässiges Beschimpfen gelten explizit nicht als Erziehung, sondern als Gewalt.
"Jugendarbeit darf nicht mehr vorschnell als Geld für 'Problemjungs' abgewertet werden"
Die neue Bestimmung verpflichtet die Kantone nicht nur zu einem symbolischen Bekenntnis, sondern auch dazu, Eltern und Kindern bei Erziehungsschwierigkeiten Zugang zu konkreter Hilfe zu sichern: etwa Erziehungsberatung, Elternkurse, Familienbegleitung. Aber auch: zu Schulsozialarbeit und schulpsychologischen Abklärungen.
Ziel ist nicht, jede Überforderung zu kriminalisieren, sondern früher einzugreifen. Ohne eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz: schwierig. Jugendarbeit darf nicht mehr vorschnell als Geld für «Problemjungs» abgewertet werden. Zum anderen gilt es, Lehrende mit neuen Augen zu betrachten: In der LCH-Berufszufriedenheitsstudie von 2024 geben Lehrer:innen an, sehr wenig öffentliche Anerkennung zu erhalten.
Die gestreifte Bluse ist inzwischen leicht zerknittert und die ungeschminkten Augen schauen etwas müder, als Maier an diesem Nachmittag ihren letzten Termin beendet. Was sie sich am meisten wünscht? «In der Volksschule haben wir die ganze Bandbreite an Eltern und Kindern, ich hoffe, dass der enorme Spagat gelingt», sagt sie. Und nippt an ihrer Tasse. «Bleib gelassen» steht auf dem kleinen violetten Etikett des Teebeutels.