Schwangerschaftsabbruch: Der Erbprinz und das Liechtensteiner Abtreibungsverbot
In Liechtenstein sind Abtreibungen verboten. Eine Initiative will das ändern. Doch bereits vor dem Startschuss kündigt der Erbprinz sein Veto an. Kommentar aus dem Innern der Initiative.
- Von: Gabriella Alvarez-Hummel
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Ich habe zwei Heimatländer und beide stechen auf ihrem Kontinent heraus, wenn es um Abtreibungen geht: Argentinien wurde im Jahr 2020 zur Vorreiterin für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Lateinamerika. Liechtenstein ist bis heute eines der letzten Länder Europas mit einem Abtreibungsverbot. Und wie es aussieht, wird es auch morgen und übermorgen so bleiben.
Am 16. Juni 2026 gab Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein bekannt, dass er sein Vetorecht einsetzen werde, sollte das Volk die aktuell geplante Initiative zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs annehmen. Manchen könnte das bekannt vorkommen: Vor 15 Jahren stimmte Liechtenstein zuletzt über die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ab.
Bereits damals drohte der Erbprinz vor der Abstimmung mit seinem Veto. Und obwohl es sich für viele nicht mehr lohnte, überhaupt abstimmen zu gehen, fiel das Resultat knapp aus, mit 52 % Nein-Stimmen.
2011 reloaded
Dass der Erbprinz seine bekannte katholisch-konservative Meinung kundtut – damit habe ich kein Problem. Dass der Erbprinz überhaupt ein Vetorecht auf die Verabschiedung neuer Gesetze besitzt, ist seit einer Abstimmung 2012 der Willen des Liechtensteiner Volkes.
Dass er jedoch nur wenige Tage vor dem Start der Unterschriftensammlung das Veto ankündigt, lässt eine gezielte Manipulation mutmassen, die darauf abzielt, das Volk vom Unterschreiben und später vom Abstimmen abzuhalten, um am Ende gar nicht erst auf das Vetorecht zurückgreifen zu müssen. 2011 reloaded.
Als Initiativkomitee war es uns immer ein Anliegen, den Diskurs auf Sachebene zu führen. Ich werde mich deshalb davor hüten, Zusammenhänge darzulegen zwischen dem Liechtensteiner Monarchen und anderen Männern auf der Weltbühne, die nichts zu befürchten haben, weil sie viel Macht und viel Geld besitzen. Uns ging und geht es weiterhin darum, die Bedingungen für Betroffene zu verbessern.
Ausgelagertes «Problem»
Aktuell lagert Liechtenstein das «Problem» nämlich ins Ausland aus. Die Regierungschefin und der Erbprinz sind beide der Meinung, es existierten keine Hürden für Liechtensteiner:innen, wenn sie im Ausland einen Schwangerschaftsabbruch in Anspruch nehmen wollen. Aus Liechtenstein könne man schliesslich innert 10 Minuten ins Ausland fahren. Als stünde hinter dem Rhein ein Kiosk mit Abtreibungspillen.
Ich will keine Unterstellungen machen, aber ich habe die Vermutung, dass weder die Regierungschefin noch der Erbprinz jemals mit Betroffenen gesprochen haben. Und weil ich als Journalistin lieber mit Menschen spreche als über sie, habe ich in den letzten Jahren ein gutes Dutzend Betroffene interviewt.
"Liechtensteiner:innen, die abtreiben wollen, sind komplett auf sich allein gestellt"
Tatsache ist: Liechtensteiner:innen, die abtreiben wollen, sind komplett auf sich allein gestellt. Ein Informationsverbot verhindert, dass sie sich umfassend über Abbrüche informieren können. Sie fürchten sich vor juristischen Konsequenzen. Sie fühlen sich stigmatisiert, eine logische Konsequenz, weil sie durch das Verbot tatsächlich stigmatisiert sind.
Zudem müssen sie den Abbruch im Ausland oft im Voraus bezahlen: Das sind 700 bis 2500 Franken, die sie auftreiben müssen, während sie unter Zeitdruck stehen. Im Ausland stossen sie auf weitere Hürden.
Denn auch in den Nachbarländern ist die Versorgungslage für Schwangerschaftsabbrüche mangelhaft: Im angrenzenden Vorarlberg gibt es nur eine einzige Klinik, die Abtreibungen durchführt, im grenznahen Kantonsspital Grabs werden gar keine Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Die meisten fahren nach St. Gallen oder Chur. Allein für diese Informationen müssen sich die Betroffenen oft erst stundenlang durchtelefonieren.
Abtreibungsverbote entsprechen zutiefst patriarchaler Logik
In seinem Interview nennt der Erbprinz hauptsächlich ein Argument dafür, weshalb er am Verbot festhalten will: Es diene dem sogenannten «Lebensschutz», wobei er sogar zugibt, dass Verbote keine Abtreibungen verhindern.
«Doctors for Choice Germany»-Gründungsvorsitzende Alicia Baier beschreibt in ihrem Buch «Das Patriarchat im Uterus», weshalb diese Idee des «Lebensschutzes» eine Illusion ist: «Abtreibungsverbote sind gesundheitsschädlich, schaden Kindern und sind als ‹Schutzinstrument für den Embryo› unwirksam. Wer trotzdem daran festhält, entlarvt sich selbst: Die stigmatisierende und gesundheitsschädigende Wirkung wird nicht nur hingenommen, sondern ist anscheinend sogar intendiert, um mit staatlicher Missbilligung diejenigen zu bestrafen, die nicht (noch einmal) Mutter werden wollen. Dieses Denken entspricht einer zutiefst patriarchalen Logik und sollte in keinem Fall Eingang in die Regulierung eines medizinischen Eingriffs finden.»
Keine Bestrafung mehr
Ich weiss, dass ich mir als Teil dieser Initiative und mit diesem Kommentar keine Freund:innen in Liechtenstein mache. Umso schlimmer, dass ich keinen Liechtensteiner Nachnamen habe, dass ich nicht «wie eine Liechtensteinerin aussehe».
Doch es war mein anderes Heimatland Argentinien, das mir überhaupt erst die Augen geöffnet hat für den unhaltbaren Zustand in Liechtenstein, wenn es um Abtreibungsrechte geht.
"Wir, die den Mund aufmachen können, müssen es tun, für all diejenigen, die es nicht können"
Und wenn ich etwas gelernt habe vom jahrzehntelangen Kampf um die Legalisierung von Abtreibungen in Argentinien, dann ist es das: Wir, die den Mund aufmachen können, müssen es tun, für all diejenigen, die es nicht können.
Auch deshalb werden wir die Initiative wie geplant weiterführen. Denn ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Liechtensteiner:innen kein Interesse daran hat, Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch – implizit oder explizit – zu bestrafen. Und das können wir nur an der Urne herausfinden. Ganz egal, was danach kommt.
Gabriella Alvarez-Hummel ist Journalistin, schreibt Cramp Mag, ein Newsletter-Magazin über Reproduktive Rechte und ist Teil des Initiativkomitees «Fristenlösung für Liechtenstein». Sie moderiert am 24. Juni in Zürich eine Lesung und Gespräch zum Thema Reproduktive Gerechtigkeit mit Sibel Schick und der im Text erwähnten Alicia Baier.