Was KI mit unserem Gehirn macht – und warum sie unglücklich machen kann
Künstliche Intelligenz kann unseren Alltag erleichtern, doch je mehr wir ihr überlassen, desto weniger fordern wir unser Gehirn. Neurowissenschaftlerin Barbara Studer erklärt, wie KI unser Denken, Erinnerungsvermögen und Glück beeinflusst – und warum wir ihr nicht zu viel überlassen sollten.
- Von: Michelle de Oliveira
- Bild: Death to Stock
Barbara Studer, Sie sind Neurowissenschaftlerin und Gehirnexpertin. Nutzen Sie das elektronische Gehirn, also künstliche Intelligenz?
Barbara Studer: Ja, ich nutze KI für Dinge, die ich aufwendig oder mühsam finde: Recherche, Standpunkte sammeln, Informationen sortieren, grosse Textmengen zusammenfassen oder Konzepte erstellen.
Liefert die KI Ihnen Ideen?
Nein, diesen Task möchte ich nicht abgeben. Ideen zu entwickeln macht mir dafür zu viel Spass. Aber KI hilft mir beim Strukturieren. Ich nutze sie als Assistentin, um mir Dinge abzunehmen, die entweder überflüssig sind oder nur Zeit fressen.
"Man weiss aus Untersuchungen, dass man mit KI oft ineffizienter ist und dass es demotiviert, wenn man sie zu oft einsetzt"
Wie häufig ist das der Fall?
KI ist meine tägliche Sparringpartnerin. Ich habe mir aber angewöhnt, immer zuerst selbst zu überlegen und mich stets zu fragen: Ist es sinnvoll, KI jetzt ergänzend zu nutzen, oder mache ich es schneller selbst? Man weiss aus Untersuchungen, dass man mit KI oft ineffizienter ist und dass es demotiviert, wenn man sie zu oft einsetzt. Es gibt auch Situationen, in denen ich mich bewusst der Challenge stelle und keine KI nutze. Ich finde es erschreckend, wie viele von uns bei praktisch allem ein Tool befragen, von kleinen Alltagsfragen wie «Was koche ich heute?» bis hin zu grossen Lebensentscheidungen. Die Forschung zu diesem «kognitiven Offloading» zeigt bereits, dass eine starke Abhängigkeit von digitalen Hilfsmitteln das eigenständige, kritische Denken schwächen kann.
Was passiert mit unserem Gehirn, wenn wir KI nutzen?
Das Gehirn spart gerne Energie, und genau das ermöglicht uns die Nutzung von KI. Denkarbeit und Entscheidungen beanspruchen mentale Ressourcen, das ist beispielsweise im präfrontalen Kortex messbar. Dort zeigt sich eine Aktivierung, es wird Energie verbraucht und man ist danach mental etwas müder. Jede Entscheidung, die man auslagert, spart also genau diesen Energieaufwand, weil man bloss die fertige Antwort übernehmen und entsprechend handeln muss.
Warum will das Gehirn Energie sparen?
Früher war Energie ein knappes Gut. Nahrung zu beschaffen war aufwendig und nie garantiert, also musste der Körper sparsam mit Ressourcen umgehen. Diese Anlage sitzt noch heute tief in uns. Unser Gehirn spart nach wie vor instinktiv Energie. Dabei ist es gerade das bewusste Fordern und Trainieren des Gehirns, das uns langfristig stärkt.
"Wir werden zu vielseitigeren Menschen, wenn wir eigenständiger denken und Entscheidungen selbst treffen"
Was passiert, wenn wir das Gehirn mit KI zu sehr entlasten?
Man umgeht damit Entscheidungen, Diskussionen mit Mitmenschen und Denkprozesse, vermeidet also eine gewisse kognitive oder auch soziale Reibung. Aber genau in dieser Reibung lernen wir uns selbst und andere besser kennen und merken, was wir möchten und worin wir gut oder weniger gut sind. Wir werden zu vielseitigeren Menschen, wenn wir eigenständiger denken und Entscheidungen selbst treffen.
Wenn ich mir keine Entscheidung mehr selbst zutraue, mir die KI ständig als Backup hole und mich immer auf die Maschine verlasse – traue ich dann irgendwann meinen eigenen Fähigkeiten nicht mehr?
Das kann passieren. Damit kommen wir wieder zum Frontalkortex und seiner Neuroplastizität, also seiner Veränderbarkeit. Ein vertieftes Verarbeiten von Informationen führt zu einer besseren Vernetzung und zur Stärkung dieser neuronalen Strukturen. Wenn wir weniger vertieft und gründlich denken, verlieren wir vereinfacht gesagt Lern- und Hirnkapazität, das Denken fällt uns schwerer.
Leidet auch unser Erinnerungsvermögen, wenn wir jederzeit alles nachschauen können?
Ja, dazu gibt es zahlreiche Untersuchungen. Zu KI noch nicht so viele, aber zum bekannten Google-Effekt: Wenn Wissen jederzeit verfügbar ist, speichern wir es weniger gut ab. Das Erinnerungsvermögen wird dann stärker, wenn man Inhalte vertieft verarbeitet und wirklich versteht. Genau das machen wir mit KI meist nicht, im Gegenteil. Dadurch erinnern wir weniger und es kann sich eine sogenannte Kompetenzerosion einstellen.
Was bedeutet das?
Man verliert Fähigkeiten, wenn man bestimmte Dinge nicht mehr macht. Ein Beispiel dafür ist das GPS: Als es aufkam, gab es eine Erosion der Orientierungsfähigkeit. Wir sind so sehr an die Navigation gewöhnt, dass viele völlig verloren sind, wenn kein GPS zur Verfügung steht. Man kann diskutieren, ob das so schlimm ist, aber es zeigt, wie wir gewisse Dinge plötzlich verlernen. Dieses Abgeben kann auch psychologische Folgen haben.
" Ja, KI kann unser Glücksgefühl mindern – und auch das Gefühl, etwas Bedeutsames zu leisten"
Welche?
Es ist wichtig, dass wir im Alltag immer wieder die Möglichkeit haben, unsere eigenen Fähigkeiten einzusetzen. Jedes Mal, wenn ich eigene Ideen einbringen kann, wenn ich selbst etwas entscheide und sehe, dass ich etwas bewirkt habe, macht mich das selbstwirksamer. Und Selbstwirksamkeit, also der Glaube daran, durch eigenes Handeln etwas bewirken und schwierige Aufgaben schaffen zu können, ist eine der Grundlagen für das Selbstvertrauen sowie für die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln und motiviert zu bleiben.
Selbstwirksamkeit gilt auch als wichtiger Faktor beim Glücksempfinden.
Ja, KI kann unser Glücksgefühl mindern – und auch das Gefühl, etwas Bedeutsames zu leisten. Wenn ich eine Idee habe, gibt mir das Bedeutung, weil ich mich darüber freue. Wenn ich diesen Prozess abgebe, fällt das weg und das Gehirn erlebt weniger Sinnhaftigkeit. Hinzu kommt das Feedback, das man von anderen bekommt. Lobt jemand meine Idee, berührt mich das viel stärker, wenn ich sie selbst erarbeitet habe.
Was passiert sonst noch im Körper, wenn man sein Gehirn nutzt?
Beobachtet man das Gehirn beim intensiven Denken, zeigt sich ein messbarer Ausschlag positiver neuronaler Aktivierung genau in dem Moment, in dem es «Klick!» macht – dem Aha-Moment. Dieser Effekt ist ähnlich stark wie wenn man Geld oder Schokolade als Belohnung bekommt. Kreatives Denken belohnt uns buchstäblich, wir sind zum Denken und Lernen gemacht!
"Kreativität und Lernen stärken sogar das Immunsystem"
Geht dieser Effekt über das Gehirn hinaus?
Ja, das Belohnungssystem wirkt hormonell auf den gesamten Körper. Ein solcher Aha-Moment stärkt zum Beispiel auch die Herzgesundheit, weil unser ganzes System verbunden ist. Kreativität und Lernen stärken sogar das Immunsystem. Das ist wichtig zu verstehen, weil es direkt mit unserer Gesundheit zu tun hat. Wir denken immer mit dem ganzen Körper: Wenn wir gestresst sind, ist der ganze Körper gestresst, wenn wir glücklich sind, ist es genauso.
Wenn ich KI nutze, lerne ich eine neue Technik. Entstehen dadurch ebenfalls neue Verbindungen im Gehirn?
Mit allem, womit man sich auseinandersetzt, lernt man, das heisst, es entstehen neue synaptische Verbindungen. Aber es gilt auch: Eine Technik, die man einmal lernt und die einem danach die eigentliche Arbeit abnimmt, braucht nicht mehr viel Hirnschmalz. Der Lerneffekt hängt stark von der Nutzungsart ab. Reines Abfragen bringt wenig. KI als Denk- oder Lernpartner kann hingegen durchaus lernförderlich sein: erst selbst überlegen, dann KI zur Vertiefung nutzen.
Wie gelingt das?
Wir lernen am besten, wenn wir Feedback bekommen, Rückfragen gestellt werden und wir dadurch merken, was wir noch nicht verstanden haben. Man kann die KI als Lerncoach einsetzen und zum Beispiel einen komplizierten Sachverhalt mit eigenen Worten erklären und von KI beurteilen lassen oder sich zu einem bestimmten Thema abfragen lassen. Man kann eine Idee kritisch hinterfragen lassen und so verbessern. Wichtig ist aber, dass wir selbst die Führung im kreativen Prozess behalten, denn genau das entspricht der Funktionsweise unseres Gehirns. Das eigenständige Denken sollten wir uns unbedingt bewahren.
Wie kann man sein Gehirn darüber hinaus unterstützen?
Mit Aktivitäten, die einen persönlich stärken und Freude bereiten: Musik, Bewegung, Tanzen, aber auch Malen oder sich in irgendeiner Form kreativ ausdrücken. Das Gehirn profitiert speziell von Flow-Momenten, in denen man Zeit und Raum um sich herum vergisst. as gelingt manchmal mit technischen Hilfsmitteln, am besten aber immer wieder auch ohne sie, weil wir dann unsere eigenen Fähigkeiten einsetzen. Ganz wichtig ist auch das Zwischenmenschliche: Das Hirn ist hochsozial, es liebt direkten Kontakt und Berührung, das kann man online nicht kompensieren.
Sollten wir KI-freie Zeiten einplanen?
Ich würde medienfreie Zonen und Zeiten vorschlagen. Zonen wie Schlafzimmer oder Essbereich, wo keine Medien präsent sind. Und medienfreie Zeitfenster, die man fix einplant. Das kann man über den Tag verteilt machen, aber auch abends oder am Wochenende Handy, Computer und Tablet weglegen. Sich von äusserer Stimulation abzuschotten, tut sehr gut, denn das Hirn liebt es, selbstständig über Dinge nachzudenken, über Ideen «zu brüten». Also zum Beispiel spazieren gehen, ohne einen Podcast zu hören, oder im Zug sitzen, ohne sich ständig beim Scrollen berieseln zu lassen. Den eigenen Gedanken auch mal Raum lassen. Ich habe die besten Einfälle nicht am Schreibtisch, sondern zum Beispiel beim Laufen. Dann fängt das Hirn an, bestehendes Wissen neu zu verknüpfen und es entstehen die überraschendsten Ideen.
Zur Person
Barbara Studer ist Psychologin und Neurowissenschaftlerin und lehrt und forscht an der Universität Bern. Sie ist Mitgründerin der Hirncoach AG, die wissenschaftlich fundierte Programme für mentale Fitness und Gehirngesundheit entwickelt. 2025 erschien ihr Buch «Hirnpower».