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Die Hitze macht mir Angst. Übertreibe ich?

Die Hitze macht mir Angst. Übertreibe ich?

Immer mehr Hitzetage, tropische Nächte und Warnungen vor den Folgen der Klimakrise: Was macht das mit uns? Unsere Autorin fragt sich, ob ihre Angst vor der Hitze übertrieben ist – oder ob sie genau das spürt, was viele inzwischen empfinden.

Angenommen, man ist ein eher ängstlicher Mensch. Dann ist dieser Sommer eine grosse Herausforderung. Eigentlich mag ich ihn, den Sommer: im See baden, kaltes Bier trinken, wenig Kleidung, Fussball, lange Tage, Abendspaziergänge, zirpende Grillen, quakende Frösche. Salz auf unserer Haut. Ich mag Sommer, aber ich mag keine Naturkatastrophen.

Und da lag ich nun. Auf meinem Bett, am hellichten Tag, in der abgedunkelten Wohnung. Ich lag da mit einem kalten, nassen Tuch um den Oberkörper. In BH und Unterhose. Die Anzeige meines Turmventilators zeigte 31 Grad, draussen waren es 38. Samstag, später Nachmittag, 27. Juni.

 

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"In meinem Kopf sang es: '36 Grad und es wird noch heisser ...'"

Ich hatte einen Ohrwurm, der nicht zu meiner Stimmung passte: In meinem Kopf sang es: «36 Grad und es wird noch heisser ...», ein Lied der Band 2Raumwohnung. Was mit einer fröhlichen Melodie daherkommt, machte mich aber grad gar nicht fröhlich.

Am Morgen des gleichen Tages war ich im Landesmuseum. Das war gut, kühl. Die Ausstellung interessierte mich nicht so, ich war wegen der Temperatur da. Später ging ich ins Kino. Ich war auf der Flucht vor der Sonne. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem runden Raum und wollte mich in eine Ecke setzen. Zum Glück fand ich die Ecken. Ich schaute einen isländischen Film – und das war herrlich. Ein toller Film («The Love That Remains»), Bilder einer kühlen Landschaft und vor allem: tatsächlich eine angenehme Temperatur im Kino. Ich hätte einziehen können. Aber der Film war nach zwei Stunden fertig – und ich musste raus. In den Ofen.

Passiert das gerade wirklich?

Ich bin eine Spaziergängerin, ganz wie Robert Walser. Manchmal vielleicht auch etwas verträumt im Kopf, vielleicht spazierte ich darum bei ungefähr 100 Grad nachhause. Es ist eine Strecke von schätzungsweise 14 Minuten. Nicht weit, aber: an praller Sonne und mit viel Beton um mich. Was ich da erlebt habe – und ich weiss, ich übertreibe gern, vielleicht auch jetzt – aber was ich da erlebt habe, war die Hölle. Die Sonne brannte auf der Haut, das Atmen fiel schwer, ich wusste ganz ehrlich nicht, ob ich es nachhause schaffe. Obwohl ich leicht bekleidet war, mit einem Käppli auf dem Kopf und einem Wasserfläschli in der Hand und manchmal am Mund.

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"Und da dachte ich, darniederliegend: Es kann sein, dass ich diesen Sommer nicht überlebe. Ich hatte einen richtigen Memento-mori-Moment"

Und dann kam ich nachhause, zog mich aus und legte das kalte, nasse Tuch um meinen Körper und legte mich ins Bett und dachte an den doofen Song und war erschöpft und gleichzeitig aufgekratzt: Passiert das jetzt gerade wirklich? Hier, in der gemässigten Schweiz? Das war grad gar nicht gemässigt, das war brutal.

Und da dachte ich, darniederliegend: Es kann sein, dass ich diesen Sommer nicht überlebe. Diese Möglichkeit besteht immer, aber jetzt fühlte ich das wirklich so. Und ich spürte, wie mein Herz mehr arbeiten musste als üblich. Spürte ich das wirklich oder bildete ich mir das ein? Ich hatte einen richtigen Memento-mori-Moment. Es war nicht nur schlimm. Ich dachte: Ein gutes Leben muss ja gar nicht 90 Jahre dauern, 46 sind auch okay.

Denn meine Wohnung (31 Grad) ist nicht gemacht für das. Mein Job (Spitex – und ich bin mit den ÖV unterwegs) ist nicht gemacht für das. Mein Körper – ich habe eh schon einen tiefen Blutdruck, durch die Hitze vergrössern sich die Blutgefässe und der Druck wird folglich noch tiefer – ist nicht gemacht für das. Meine Angst ist nicht gemacht für das.

"Oder hat Bundesrat Rösti recht, der meint, man dürfe nicht übertreiben? Sollen wir nicht übertreiben?"

Ängste zu haben, sich Sorgen zu machen – und dann bekommt diese Angst plötzlich recht. So fühlt sich das an. Ich habe das Gefühl, meine Sorgen sind berechtigt. Oder hat Bundesrat Rösti recht, der meint, man dürfe nicht übertreiben? Sollen wir nicht übertreiben?

Es wird wieder heiss. Es ist schon heiss. 36 Grad und es wird noch heisser. Stichworte wie Übersterblichkeit, Trockenheit, Dürre, Waldbrände schiessen mir durch den Kopf. Menschen sterben tatsächlich aufgrund der Hitze. Die «NZZ am Sonntag» schreibt, es sei meist nicht der offensichtliche «Hitzeschlag», sondern die Menschen sterben im Schlaf, es sei ein leiser Tod. Das Herz höre einfach auf zu schlagen. Nicht die Nachmittagshitze, so die NZZ, sei das eigentlich Gefährliche, sondern, dass es nachts nicht mehr runterkühle, dass der Körper nicht mehr zur Ruhe komme. Und dann eben schon.

Einen kühlen Kopf bewahren

Das Letzte, was ich will, ist: Ängste schüren. Nein, ruhig bleiben ist jetzt angesagt, denn sich aufzuregen oder in Panik zu verfallen, erhitzt noch mehr. Einen kühlen Kopf bewahren, das ist jetzt das Mittel der Wahl.

Aber ich will auch nicht mehr hören: «Endlich richtig Sommer!» Und: «Ah, ich geniesse das!» Das hier ist eine Auswirkung der Klimakrise. Hat auch nichts mit dem Böögg zu tun. Das hier ist das vielleicht grösste Versagen der Menschheit. Dass wir unseren Raum zerstört haben.

"Ich will nicht mehr hören: 'Endlich richtig Sommer!'"

Apropos Raum: Nicht alle arbeiten in einem klimatisierten Büro. Es gibt Menschen, die stehen an der prallen Sonne und bauen neue Strassen oder Häuser. Es gibt Menschen, die backen für mich auch bei diesen Temperaturen Pizza. Geniessen ist das falsche Wort. Mich regt es auf, aber aufregen echauffiert mich.

Hitze macht Angst, Angst macht Hitze

Hitze verstärkt Angst. Und Angst verstärkt Hitze. Ist das nur bei mir so? Kürzlich lief ich kurz vor Sonnenuntergang nachhause, es war noch drückend heiss. Ein Mann, hübsch gekleidet, lief unruhig die Strasse hin- und her. Vielleicht tue ich ihm unrecht, aber er machte einen verwirrten Eindruck, und ich dachte: Was, wenn die Hitze uns alle durchdrehen lässt? Wenn die schwitzende Haut immer dünner und dünner wird? Hitze ist Stress für den Körper, und Stress kitzelt nicht die schönen Charaktereigenschaften aus Menschen heraus.

Was also hilft? Wie bewahrt man trotz Gluthitze einen kühlen Kopf und ein ruhiges Gemüt? Nasse Tücher helfen tatsächlich. Isländische Filme auch. Und vielleicht der Versuch, zwischen Angst und Verdrängung einen Platz zu finden.

Am Abend des 27. Juni sass ich mit einem Freund im Park. Eigentlich wollten wir Prosecco trinken und Chips essen. Ich trank Wasser. Als ich nachhause kam, war das Tuch auf der Stuhllehne längst trocken. Kühl war es trotzdem nirgends. Nicht draussen. Nicht drinnen. In meinem Kopf sang es weiter: «36 Grad und es wird noch heisser.»

Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht übertreibe ich nicht.

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6 Comments
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Gabriele Heise

Mit diesem Beitrag bin ich so dabei ! Man wartet und liebt eigentlich den Sommer aber bei dieser unerträglichen Hitze muss man seine Gedanken schon ganz schön zusammen halten. Die Auswirkungen und damit das soziale Gefüge geht schon etwas verloren, nur späte Abends draußen sitzen ist für Viele dann dockeine Option mehr.

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Leonie

Danke für diesen Text.

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Katja

Tja. Der Text ist 100% von einer Zürcherin geschrieben. Das kommt davon, wenn man in einer Betonwüste lebt und jeder alte Baum gefällt wird, weil man den Platz braucht, weil er im Weg ist usw. In den Städten ist es nachweislich 2-3 Grad wärmer. Seit Jahren, aber niemand tut was dagegen. Im Gegenteil, die Bäume werden jetzt auch nicht mehr gewässert. Also wundert euch nicht, hört auf zu jammern. Pflanzt grosse Bäume und erfreut euch daran, was ihr abgestimmt habt. Denn es wird nur noch schlimmer.
Wir haben hier Bäume, Wald, See und Bergbahnen, die uns in ein angenehmeres Klima bringen und PV-Anlagen auf den Dächern, die gerade lcokerst so viel Strom produzieren, dass es easy für die Klimaanlage reicht.

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Lisa

Die Tatsache, dass Städte aufgrund ihrer Dichte, Betonkonstruktion und viel weniger bzw. fehlender Begrünung heisser sind und somit die Hitzewellen im Sommer für die in den Städten lebenden Personen noch belastender sind sollte man nicht gleichsetzen mit einer Pauschalen Beschuldigung der Zürcher/innen.. Es gibt Habdlubgsbedarf und ich hoffe Politik wie Gesellschaft wird sich dem immer mehr bewusst. Und ich hoffe, dir wird bewusst, dass politische Entscheide – wenn sie per Abstimmung gefällt werden – eine Mehrheit brauchen – es gibt also durchaus solche, die für mehr Begrünung, Klimaorientierte Entscheide stimmen, aber solange es genügend Personen gibt, für die es nicht Priorität hat, wird es schwierig. Das gleiche gilt auch für die nationale, und auch internationale Ebene. Klimakrise ist übrigens ein transnationales/globales Problem, just to remind..

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Tara

Vielen Dank, genau so fühle ich mich auch! In einer Dachwohnung in Luzern.

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Martina Lu

Du sprichts mir aus dem Herzen. Genauso geht es mir auch. Ich lag an diesem Tag auch zuhause (bin gar nicht raus) und dachte wenn das so weiter geht dann war’s das. Mir macht das sehr Angst und wenn das so weiter geht werden viele im Alter wahrscheinlich nicht an Herz/Kreislauf/Krebs sterben sondern durch Hitze, passiert ja jetzt schon! Und jedes Jahr werden neue «Hitzerekorde» gebrochen, einfach nur schrecklich was wir der Welt und den Menschen antun. Wir alle und unsere untätige Politik. Es ist Zeit auf die Strasse zu gehen!

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